Harper Valley PTA: Tom T. Hall
27. April 2005 | Von Manfred Vogel | Kategorie: Storys zum SongMan mag sich mitunter durchaus fragen, was dazu geführt hat, dass bestimmte Lieder so erfolgreich wurden und zeitlos geblieben sind. Wie bei diesem Lied über die Elternpflegschaft des Örtchens Harper Valley. Die Melodie kann es kaum gewesen sein, so attraktiv ist die nämlich nicht. Also muss es wohl der Text sein, der das gewisse Etwas hat.
Was Tom T. Hall aufgrund eigener Erlebnisse festhielt und am Ort Harper Valley festmachte, passt im Grunde überall hin. Angeprangert werden Verlogenheit, Scheinheiligkeit, Vorurteile. Hall stellt eine junge Witwe in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Sie hält sich nicht an die gesellschaftlichen Spielregeln der Spießbürger. Über ihre Tochter läßt ihr die Elternpflegschaft (PTA bedeutet Parents Teachers Association) ausrichten, sie kleide sich unmoralisch, sie trinke und gebe sich mit Männern ab. Bei dem Lebenswandel könne die Tochter nie und nimmer richtig erzogen werden. Besagte Mrs. Johnson geht daraufhin in ihrer herausfordernden Kleidung zum Meeting der Pflegschaft und reißt den ehrwürdigen Heuchlern” die Maske vom Gesicht. Sie macht öffentlich, dass Bobby Taylor sie schon sieben mal um ein Rendezvous gebeten hat, dass seine Frau dem Alkohol zuspricht, wenn er weg ist. Herr Baker muss sich die Frage gefallen lassen, warum seine Sekretärin denn die Stadt so schnell haben verlassen müssen. Und sollte man der Witwe Jones nicht raten, ihre Vorhänge ganz runter zu lassen? Sie stellt fest, dass der Harper nicht anwesend ist, weil er am Vorabend zu lange in der Bar ausharrte, wieder mal! Shirley Thompson’s Alkoholfahne kann jeder im Raum wahrnehmen.
Bleibt die feststellende Frage: Wer seid ihr Unschuldsengel, dass ihr mir Vorwürfe macht? Wer gibt euch das Recht, meine Qualitäten als Mutter in Frage zu stellen? Angesichts der Verhältnisse im Jahr 1967 als Hall den Song schrieb, sind dies deutliche Worte, ziemlich starker Tobak sogar. Manch einer mag sich irgendwo im Lied wiedererkannt haben. Sicher ist es Hall gelungen, zum Nachdenken anzuregen. Mit Jeannie C. Riley fand sich genau die damals völlig unbekannte Sängerin, die zu diesem Lied passte. Was Hall ihr in den Mund legte, hätte manch einer vermutlich selbst gern gesagt. Aber mit der Zivilcourage ist es so eine Sache …
Die Umstände mögen sich geändert haben, über einen Minirock regt sich in der heutigen Zeit niemand mehr auf, das Geschehen wiederholt sich in vergleichbarer Weise aber auch heute noch, jeden Tag. Denn Harper Valley ist überall.
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Dieser Artikel wurde am 27. April 2005 von Manfred Vogel veröffentlicht. Manfred Vogel gehört zur Stammbesetzung von Country.de - Online Magazin und ist seit über 40 Jahren als Fach-Journalist und Kenner in Sachen Country Music gefragt.
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