Northeim Goes Country 2005
15. September 2005 | Von Frank Rickal | Kategorie: Konzertberichte
“A Perfekt Weekend” – um einen Titel von Michael Peterson zu zitieren umschreibt “Northeim goes Country” recht genau. Man könnte auch fragen: Wo waren sie denn, die seit Jahren nach einem solchen Festival rufen? Eine perfekt organisierte Veranstaltung. Hierfür gebührt dem OK der Stadt Northeim größter Respekt und Anerkennung. Bereits weit im Vorfeld wurden ausreichende und immer wieder aktualisierte Informationen für Presse und Musikinteressierte zur Verfügung gestellt.
Für Musikinteressierte wurde auch diesen Festival aus der Taufe gehoben. Warum genau diese leider verstärkt ausblieben muß relativiert gesehen werden. Mir würden auf Anhieb drei Gründe einfallen, die das Tagespublikum aus der näheren Region davon abgehalten hat, eine Veranstaltung dieser Größenordnung zu besuchen. Dies sind einfach Fakten immer wieder bei Veranstaltungen vorkommen und müssen deshalb als gegeben akzeptiert werden müssen.
Vorweg die angespannte wirtschaftliche Lage, das Fußballspiel aber auch das herrliche Wetter. Nach dem verregneten Sommer hat sich der ein oder andere, aus verständlichen Gründen, kuzfristig doch lieber für einem Badeausflug entschieden. Für den Musikfreund aus entfernteren Regionen mag der hohe Benzinpreis eine Rolle gespielt haben. Den Fakten gegenüber stehen die zahlreichen phantasievollen Ausreden des “Countryfans” für Ihr Nichterscheinen!
Die Besucherzahlen waren leider nicht so hoch wie man es sich grundsätzlich erhofft hatte. Dies lag mit Sicherheit nicht an der Auswahl der Gruppen. Es wurde Unterhaltung auf hohem Niveau geboten, daß nicht alle Stillrichtungen jedem gefallen ist normal. Dies wird ja auch beim Besuch von der FAN FAIR oder Gstaad in Kauf genommen, wo ein Künstler weniger zusagt als der andere.
Für die erste Veranstaltung war es ein Schritt in die richtige Richtung. Über die Auswahl der Bands und deren Startzeiten hat jeder seine eigene persönliche Theorie. Nur es muß halt einen Zeitplan geben, bei dem eine Formation den Anfang macht und die andere den Schluß. Beide Aufgaben sind nicht immer dankbar, wurden aber von Kathleen Leinemann als Opener am Freitag und Larry Schuba als Schlußakt am Sonntag hervorragend und professionell gemeistert.
Markus Zosel und seine Band hat durch tolle Eigenkompositionen sein komplettes Programm gestalten und überzeugt. Energiegeladen und mit Frauenpower ging es dann in den Abend. Silverwood konnten mit einem mitreißenden Programm überzeugen und Alicia Boncol setzte noch einen drauf.
Auch wenn K.C.Williams am Samstag als Opener bei brütender Hitze eine undankbare Aufgabe hatte, so überzeugte er mit Spielfreude und der Auswahl seines Repertoire. Ihm merkte man die Freude an seiner Arbeit richtig an.
Bei der nächsten Formation viel auf, daß viele im Publikum nicht so recht wußten was auf sie zukommt. Night Run hat die Zuhörer aber sehr schnell in ihren Bann gezogen. Die Betonung lag hier auf Zuhören und dies hat das Publikum sehr schnell bemerkt und die hochwertigen Spielweise immer wieder mit stetig steigendem Applaus bedacht. Die Geschichten die Frontman Ali immer wieder zum Besten gab, mögen den ein oder anderen Musikfreund der dies so nicht kannte irritiert haben, aber sie sind das Salz in der Suppe. (Wer mehr von dieser Musik erleben möchte, sollte einmal die Veranstaltungen von Bühl, Neusüdende oder Kötz besuchen.)
Virginie Schaeffer hatte es nach dieser klasse Darbietung der Bluegrassformation Night Run sehr schwer, lieferte aber musikalisch eine saubere und professionelle Darbietung. The Twang konnte ich an diesem Abend zum erstemal live erleben. Sie sind auf ihre Art einzigartig und gewinnen das Publikum sehr schnell für sich. Ob Hayseed Dixie wissen, daß es The Twang und Ihre Ideen gibt, sei dahingestellt, in Deutschland wurden sie mit Sicherheit kopiert. Es ist aber in der Geschichte der Musik immer wieder vorgekommen, daß die Wegbereiter einer Idee leider den großen Erfolg an Nachahmer abtreten mußten. Slow Horses knüpfte nahtlos an die mitreißende Vorstellung von The Twang an. Das Publikum hatte seine Freude und wurde von Slow Horses auf den Hauptakt Michael Peterson eingestimmt.
Dieser kam und hat alle in seinen Bahn gezogen.
Das anwesende Publikum war begeistert. Michael Peterson liefert das gleiche Programm ab wie im Jahr zuvor in Gstaad. Das heißt, die Fans bekamen auch die humorvollen Einlagen von Gstaad, hier machte er dies nur am Freitag, zu sehen. Das viele Countryfans nach Gstaad gejammert haben den Auftritt von Michael Peterson verpaßt zu haben, dann aber nicht den Weg nach Northeim finden, bleibt deren Geheimnis. Das Publikum vor Ort hatte ihr Kommen nicht bereut. Allein seine Demonstration wie eine Gitarrenseite gewechselt wird war die Reise wert. An den Tagen in Nordheim hat sich Michael Peterson, genauso wie in Gstaad, für jeden Fan, der Ihn ansprach Zeit und Muse genommen. Ein Künstler zum Anfassen. Er lief tielweise durchs Publikum ohne erkannt zu werden. Auch wenn er nicht zu aktuellen Topgarnitur von Nashville gehört, so hat Michael Peterson seinen festen Platz als Star in der Musikgeschichte von Nashville und jetzt von Northeim. Wer es diesmal verpaßt hat sollte in Zukunft nachholen, ein Abend mit Michael Peterson ist jede Reises wert – schon wegen seinen leisen Tönen.
Der Sonntag wurde stilistisch sehr unterschiedlich gehalten. Für jede war aber auch hier etwas dabei. Auch wenn einige Stimmen aufkommen die meinen es sei kaum Country. Hierzu sei gesagt, das auch die Gospelmusik in der Countrygeschichte eine feste Größe ist.
Die Christian- / Gospelmusik ist eine feste Größe in der Countrygeschichte und hat z. B. mit den Oak Ridge Boys, Ricky Skaggs, Paul Overstreet oder diverse Bluegrassformationen namhafte Vertreter. Von den aktuellen Künstlern haben Josh Turner oder Toby Keith (auch wenn man es ihm heute nicht mehr zutraut) früher Christin Country gemacht. Sawyer Brown hat erst mit “Mission Temple Fireworks Stand” eine tolle Gospelnummer aufgenommen. Die Darbietung von Sister T. & S.P.A. Gospel Unit konnte am Sonntagmittag gar nicht besser platziert und dargeboten sein können.
Wie schon am Vortag war eine etwas leisere Darbietung der Musik ein Schmankerl für die Zuhörer. Wiglaf Droste & und sein Spardosenterzett konnte durch Witz, spitze Satire und Spielfreude die Musikfreunde begeistern. Allein seine Interpretation von “Blowing In The Wind” war schlicht weg genial. Wiglaf Droste ist auch nicht amerikafeindlich wie in diversen Foren zu lesen ist, sondern einfach kritisch und hat gut recherchiert. Wenn Grarth Brooks in einem Interview solche Äußerungen von sich gibt, muß er damit rechnen, daß er diese später um die Ohren gehauen bekommt. Wiglaf Droste hat sehr eindrucksvoll dem gegenüber Johnny Cash gestellt. Hier kann wohl kaum von Amerikafeindlichkeit die Rede sein. Konstruktive Kritik sei in unserem Lande herzlich willkommen und auch angebracht. Dafür leben wir hier in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit. Garth Brooks kam sogar später selbst die Erleuchtung, daß seine Äußerungen etwas daneben lagen und hat sich dafür entschuldigt.
Das Chartplatzierungen kein Garant für Zuschauer ist zeigte der Auftritt von BossHoss. Die Waldbühne hatte sich kaum zusätzlich gefühlt. Einige wenige sind aber doch nur wegen The BossHoss gekommen und sorgten für gute Stimmung.
Die leider viel zu wenigen Fans hatten dann auch noch ihre Freude am “Berliner Bär”. Auch wenn er wieder einmal den Schlußakt auf einer Veranstaltung spielte, so unterhält Larry Schuba doch wenige Fans genauso wie Tausende. Hut ab vor dieser Leistung. Es ist bestimmt nicht aufbauend wenn man mitbekommt das so langsam sich die weitangereisten, aus verständlichen Gründen, auf den Heimweg machten oder schon langsam die Stände abgebaut werden. Dies sollte für die Zukunft vielleicht unterbunden werden.
Das Festival steckt gerade in den Kinderschuhen. Ist aber auf dem richtigen Wege. Noch einige Anmerkungen zum Schluß. Es wurde nicht von Aushilfsmoderatoren durchs Programm geführt, Harald März versteht sein Fach genauso wie Martin Jones. Ein Dankeschön daß er eingesprungen ist. Er hat die zugedachte Aufgabe von Michael Hermann übernommen. Dieser hatte sehr kurzfristig abgesagt.
Eine Seniorengruppe machte extra ihren Sonntagsausflug um Heinrich “Doc Wolf” oder die Gospeldarbietung zu sehen. Sie waren begeistert und freuten sich.
Die anderen fahren wegen dem ein oder anderen Künstler zur Veranstaltung, so hat jeder sein Beweggründe. Eine Veranstaltung zu kritisieren wenn man nicht vor Ort war sollte aber unterlassen werden. Die Organisation war hervorragend und die Qualität der Künstler ebenso. Auch stimmte das Preis / Leistungsverhältnis. Das nicht jedem alles gefällt, ist normal und nur legitim. Auch ich habe meine persönlichen Favoriten, die ich aber hier nicht nennen werde, da alle Künstler einen sauberen Job abgeliefert haben. Über Geschmack läßt sich streiten, nicht aber über die qualitative Darbietung und diese hat in Northeim gestimmt. Hiervon konnte sich jeder überzeugen der vor Ort war.
Ein Lineup lauter Superstars wie z.B. Brad Paisley oder Martina McBride, wie als heilbringend gefordert wird um Zuschauer zu locken ist, auch nicht der Stein der Weisen. Hier sei an Veranstaltungen wie Stuttgart oder Böblingen erinnert. Ob Highway 101, Collin Raye, Confederate Railroad, Run C & W, Charlie Daniels, Travis Tritt (um nur einige zu nennen) haben die Hallen auch nicht gefüllt, obwohl sie damals auf dem Zenit Ihrer Karriere standen. Vor allem wer soll das bezahlen?
Auch hier waren sie nicht da, die immer nach Events mit US-Künstlern rufen.
Die Künstler in Northeim haben alle ihre Geld bekommen, eine Tatsache die für die Musiker ebenso wichtig ist wie die Zuverlässigkeit des Veranstalters. Aller Anfang ist schwer, aber Northeim hat den richtigen Weg eingeschlagen, dies wird die Zukunft zeigen. Hervorragend organisiert und mit vielen abwechslungsreichen Facetten die Country zu bieten hat. Kleinere Ungereihmtheiten, die sich während der Veranstaltung herausstellten werden mit Sicherheit nachgebessert.
Wenn es jetzt noch der sogenannte Countryfan es schafft sich zu organisieren, vielleicht mit Fahrgemeinschaften, dann kann er vor Ort einen schönen Abend mit seiner Musik erleben. Die Spritkosten werden dadurch erträglicher, der Sprit in Zukunft aber nicht mehr billiger. Auch wenn die Besucherzahlen nicht ganz den Erwartungen entsprochen haben, es läßt sich aber darauf aufbauen. Man muß auch gar nicht ins Ausland nach Gstaad schauen, die ebenso mit geringer Zuschauerresonanz anfingen. Die Berliner Messe ist ebenso ein passendes Beispiel wie Kötz, Neusüdende oder Bühl. Sie fingen vor Jahren klein an und haben aber mit Qualität, Leistung und guter Organisation überzeugt.
Der Stadt Northeim mit Bürgermeister Irnfried Rabe und Harald März mit seinem Organisationsteam und Country.de mit Team ein herzliches Dankeschön für den Mut Ihre Visionen umzusetzen. Nicht vergessen zu erwähnen möchte ich die Freundlichkeit im Service und den unauffälligen aber immer aufmerksamen und ebenso freundlichen Sicherheitsdienst vor Ort. Auch die Techniker an den Mischpulten haben eine saubere Arbeit abgeliefert.
Das Motto der Veranstaltung “Toleranz-Respekt-Freundschaft” wurde eins zu eins umgesetzt. Vielleicht kommen ja dann auch diejenige, die seit Jahren immer nach einem Festival rufen und immer alles besser wissen. “Northeim goes Country wird auch im nächsten Jahr für den Musikfreund ein Reise wert sein.”
Anmerkung: Dieser Artikel wurde Country.de bereits letzte Woche, also kurz nach dem Event “Northeim Goes Country” zur Verfügung gestellt, jedoch wir konnten (Personalbedingt) diesen erst heute “online” setzen. Vielen Dank für Ihr Verständnis und ebenso an Frank Rickal der uns diesen Artikel bereitstellte. Übrigens, Frank moderiert seit 21 Jahren, bei Radio Ostallgäu eine Country-Sendung und kennt sich bestens aus in der Szene!
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Dieser Artikel wurde am 15. September 2005 von Frank Rickal veröffentlicht. Frank Rickal ist freier Fach-Journalist und gehört zur Stammbesetzung von Country.de - Online Magazin. Ausserdem ist er Moderator bei "RSA - der Allgäusender".
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