Roger Miller (Biografie)
15. Mai 2006 | Von Manfred Vogel | Kategorie: BiografienIrgendwie denkt man bei Roger Miller immer wieder an “Max und Moritz” oder auch an “Tom Sawyer & Huckleberry Finn”. Nicht nur, weil er für sein Broadway Musical “Big River”, in dem es um Mark Twain geht, höchste Anerkennung erhielt. Denn Miller blieb zeitlebens ein Lausbub, ein Mann, der es faustdick hinter den Ohren sitzen hatte und sich nie für einen Schabernack zu schade war. Kaum zu glauben, dass ein einziger Mensch so viele Facetten zu bieten hat, sowohl als Person wie auch als Künstler. Er war ein begnadeter Songschreiber, erfolgreicher Sänger, umwerfender Komiker, passabler Schauspieler und vorzüglicher Entertainer. Was ist das für ein Mann, der solche Sachen schreibt wie “Man kann in einer Büffelherde nicht Rollschuhlaufen” oder auch “Mein Onkel hatte mich gern aber sie starb”.
Okay, Roger Miller hatte seine Blütezeit in den 1960er Jahren, einer der Superstars und Trendsetter wurde er dennoch nicht. Dafür bleibt er als eine Ulknudel als ein unberechenbarer Hans Dampf in bester Erinnerung. Ein bemerkenswerter Mensch, der in seinem abenteuerlichen Leben manche Höhen und Tiefen durchgemacht hat. Sensationell, welch völlig verschiedene Lieder er zu schreiben imstande war. Man denkt an solche Wortspielereien wie “Dang Me”, “Do Wacka Do” oder “Chug-A-Lug”, denen so tiefgehende, gefühlsbetonte Songs gegenüber stehen wie “The Last Word In Lonesome Is Me”, “When Two Worlds Collide” , “Lock Stock And Teardrops” und “One Dyin’ And A Buryin’” Er selbst sah seine Musik so: “Das ist eine Mischung von Vielem. Ich hörte als Kind Bing Crosby und Bob Wills und alles, was dazwischen lag. Ich bin ein Sammelbecken für Pop, Jazz, Western Swing, Bluegrass und Comedy. Das ist der Nährboden, aus dem ich schöpfe.”
Erinnerungen an seine Heimat Fort Worth in Texas, wo er am 2. Januar 1936 geboren wurde, hatte Miller keine. Er wuchs in Erick, Oklahoma auf, einem winzigen Nest, über das Miller auf seine typische Art meinte: “Erick ist so klein, die Ortsschilder stehen Rücken an Rücken. Die Bevölkerung beträgt 1500 inclusive Gartengerät und Traktoren. Es gab 37 Schüler, 36 Indianer und mich. Dad war Großgrundbesitzer, ihm gehörte das meiste unfruchtbare Land der Gegend. Den Krieg gegen die Armut verloren wir, wir gerieten sogar in Kriegsgefangenschaft!” Nach acht Schuljahren in Erick schlug Roger Miller sich mit solch großartigen Tätigkeiten durch wie Kühehüten, ihnen die Hörner beschneiden und bei Rodeos den Brahma-Bullen zu reiten. Und er lernte, die Gitarre zu spielen. Wenn er etwas ausgiebig mitbekommen hat, dann die Armut und sich nach ihr zu richten. Ich vergleiche seinen Verstand mit einem Schwamm, soviel sog er in sich auf. Sarkasmus und Humor waren besonders ausgeprägt, was sich später in seinen Songs nieder schlug. Sätze wie dieser waren typisch für den Burschen, der mit “King Of The Road” einen Welthit schrieb und sang: “Wenn du arm bist, malst du dir aus, was du machst, wenn du einmal Geld hast. Jetzt, wo ich Geld habe, kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich unbedingt damit tun wollte!” Er sollte das auch beweisen, denn mit Geld konnte er nicht sonderlich sorgsam umgehen.
Die Chance auf eine bessere Perspektive bot die Army. Miller meldete sich und kam nach Korea. Man steckte ihn in eine Spezialeinheit, wo er in einer Hillbille Band spielen konnte. Gleichzeitig hatte er so Gelegenheit, seine selbst geschriebenen Songs einem Publikum vorzustellen. Immer mehr festigte sich der Gedanke, es als Sänger und Songschreiber schaffen zu können. In der Band spielte er unterdessen auch Drums und Fiddle. Irgendwann 1957 tauchte Miller in Nashville auf, wo er die in Erick trainierte Ausdauer brauchte. Denn er bot seine Songs an wie Sauerbier. Er erinnerte sich: “In Nashville Songs zu verkaufen ist so wie einem Eskimo einen Kühlschrank schmackhaft zu machen!” In dem ebenfalls noch unbekannten Bill Anderson fand er einen Freund mit gleichen Ambitionen. Beide sollten es auch schaffen. Gemeinsam schrieben sie u.a. den Jim Reeves Klassiker “When Two Worlds Collide”. Die Freude war riesig als Ray Price Anderson’s “City Life” aufnahm und auf der Rückseite der Single Miller’s “Invitation To The Blues” erschien. Damit aber änderte sich an der misslichen Situation zunächst nichts.
Roger Miller wusste sich zu helfen. In den Bands von Minnie Pearl, Ray Price und Faron Young spielte er entweder Fiddle oder saß an den Drums. Faron Young verfplichtete das Talent für seinen Musikkverlag – Miller bedankte sich mit Songs wie “If You Don’t Want My Love”, “Hey Little Star”, “Lock Stock And Teardrops”, “Billy Bayou”, “Half A Mind” und “In The Summertime”. Aber auch Skuriles wie “My Ears Should Burn When Fools Are Talked About” (Meine Ohren sollten brennen, wenn von Narren die Rede ist).
Nach ersten Platten in den späten 1950er Jahren verbuchte Roger Miller bei RCA zu Beginn der 1960er erste Achtungserfolge. Bis dahin hatte er eine ganze Palette von Jobs verrichtet, um irgendwie zu überleben. Noch heute wird so Manches in diesem Zusammenhang kolportiert, dessen Wahrheitsgehalt angezweifelt werden darf, dennoch die verzweifelte wirtschaftliche Situation beschreibt, in der sich Roger Miller und manch anderer späterer Star befand. Er kehrte Nashville sogar den Rücken, ging nach Hollywood, um sich als Schauspieler zu versuchen. Erneu eine Sackgasse – also zurück nach Nashville. Diesmal stimmte die Spur. Er bekam einen Vertrag bei Smash Records und stand 1964 mit “Dang Me” auf Platz 1! Danach erreichte “Chug-A-Lug” Platz 3, ehe er sein Superding auspackte das zu einem der Klassiker der Unterhaltungsmusik wurde: “King Of The Road”. Fälschlicherweise oft im Trucker-Milieu angesiedelt handelt es vielmehr vom Vagabundenleben eines Burschen, dessen Taschen dauernd leer sind, der aber für seine Verhältnisse gut über die Runden kommt. Über diesen Song sagte Miller einmal: “Ich habe sechs Wochen am King geschrieben. Ich fuhr von Iowa nach Chicago als ich irgendwo unterwegs ein Schild sah, auf dem stand “Wohnwagen zu verkaufen oder zu vermieten” (Trailor for sale or rent), das blieb mir im Kopf hängen. Erst später in Boise, Idaho habe ich etwas damit anfangen können, mußte aber schwer daran arbeiten. Nach der ersten Strophe ging nichts mehr. Da habe ich mir eine kleine Hobo-Figur gekauft, ihn vor mich hingestellt und ihn solange angestarrt bis der restliche Teil des Songs gefunden war.”
Bis heute ist “Kong Of The Road” eines der meistgespielten Lieder geblieben und wird immer wieder aufgenommen. Mit so einem Knüller im Gepäck ließ es sich wesentlich besser leben. Roger Miller war endlich ein Star, dem weitere Hits gelangen wie “Engine Engine #9″, “England Swings” , “Husbands And Wives” oder “Walking In he Sunshine”. Andy Williams machte aus Miller’s “In he Summertime” einen 2 Millionen Kracher. Del Shannon landete mit “The Swiss Maid” ebenfalls einen Pop-Hit. Einige Jahre blieb Roger Miller wahnsinnig erfolgreich. Er erhielt diverse Grammys und hatte seine eigene Fernsehshow bei NBC. In den 70er Jahren blieb er zwar ständig in den Charts aber ein Top Ten Hit war nicht mehr darunter. Doch blieb er gut im Geschäft, nicht zuletzt durch seine Songs, die bis in die Gegenwart immer wieder neu aufgenommen werden. Genau das ist eben die Kunst, Lieder zu schreiben, die nicht einer Mode zuzurechnen sondern zeitlos sind und Generationen überdauern.
Als ein Mann, der gewohnt war, die Dinge so zu nehmen wie sie sind, fand er sich damit ab, dass seine Zeit als Sänger vermutlich vorbei war und wandte sich anderen Seiten des Business zu. Wie dem bereits erwähnten Musical. Es gab nun auch Phasen in seinem Leben, in denen die Familie mehr zu ihrem, Recht kam. Zeitweise waren die Millers nach Santa Fe, New Mexico umgesiedelt und man hörte längere Zeit nichts mehr von ihnen. Nach eigenem Bekunden führte er ein durchaus glückliches und zufriedenes Leben, zu dem er nicht unbedingt das Rampenlicht eines Sängers brauchte. Ein Leben, das im Oktober 1992 nach nur 56 Jahren endete als er im kalifornischen Century City einer schweren Krankheit erlag. Er war in 3. Ehe mit Ehefrau Mary verheiratet und hatte 7 Kinder.
Mir sind neben seiner Musik insbesondere prägnante Sätze von Roger Miller in Erinnerung geblieben. So erklärte er die Zeitlosigkeit seiner Songs so: “Ich habe früh erkannt, dass Kinder zuerst meine Songs mochten. Ich dachte, wenn so was geschieht, wird meine Musik dauerhaft sein. Kinder sind langlebiger als Erwachsene. Ich bin selbst immer noch ein wenig Kind, ich glaube, dass Songs so sein sollten, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene Freude daran haben.” Über Songs allgemein philosophierte er: “Sie sind wie ein Handschlag. Man hält sie raus und schaut, ob Jemand danach greift.” Trends interessierten ihn nicht, die sieht er eher als eine Falle: “Ich gehe lieber meinen eigenen Weg und lass die Anderen mir folgen!”
| Trackliste:
01. Dang Me |
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Dieser Artikel wurde am 15. Mai 2006 von Manfred Vogel veröffentlicht. Manfred Vogel gehört zur Stammbesetzung von Country.de - Online Magazin und ist seit über 40 Jahren als Fach-Journalist und Kenner in Sachen Country Music gefragt.
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