Michael Peterson in der Four Corners Music Hall
Der Konsum von Country Music beinhaltet oftmals mehrere Symptome ihrer Entäußerung. Dass man einem amerikanischen Top-Star besser keine europäische Band zur Seite stellt, die nicht haargenau auf dessen Musik eingespielt ist, ist das Fazit der jüngsten Tour von Michael Peterson.
Wie man trotz nicht idealster Bedingungen als Gesamtziel dennoch eine in sich stimmige und meisterliche Konzertnacht konstruiert, zeigte das Zusammenspiel aller Bands mit dem Konzept und den Ansprüchen des Four Corners. Der Veranstalter war sich seiner Vorarbeit wie immer sicher und konnte dem Abend mit gleich zwei Opening Acts ruhig und gelassen entgegen sehen. Beide hatte man dort schon ein- oder mehrmals gehört, beide waren sich ihres Tuns im Klaren.
Texas Heat aus dem Raum Leverkusen / Köln mit Frontmann Bernd Wolf hatten ihre einstündige Show bewusst auf die reine Offenbarung ihrer besonderen Merkmale reduziert. Die klare Absicht, ihre eigenen Songs einem dafür aufnahmebereiten Publikum zu präsentieren, stieß bei diesem auf Bereitschaft, das Angebot anzunehmen. Man hatte sich ein Ticket für hochwertigste Country Music gekauft und bereits in der ersten Stufe wurde das, was man dafür bekam, der Grundintention gerecht.
In der nächsten Phase griffen Dan Coates und Gabor Bardfalvi diese so sorgfältig vorbereitete Stimmung auf und lenkten sie stetig und leichtgradig auf den exakten Weg, ohne sich dabei auch nur einmal zu verlaufen. Was immer folgen sollte, war noch nicht von Relevanz. Auch ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand, dass jede dieser beiden Bands die möglicherweise geeignetere Begleitung für Michael Peterson gewesen wäre. Dieser setzte im Gegensatz zu einigen der früher vor ihm im Four Corners aufgetretenen US-Künstler nicht auf den gigantisch-dynamischen Start. Er zog es vor, erst einmal allein mit seiner Gitarre “No More Looking Over My Shoulder” darzubieten und hatte mit der Sekunde jeden einzelnen Zuhörer auf diese leise Weise direkt bei sich. Ein Mann von beeindruckender Gestalt. Mit feierlichem Ernst auf der einen Seite, strahlender Offenheit auf der anderen. “If you like my music, remember my name is Michael Peterson. If you don’t like it, remember my name is Kenny Chesney”, scherzte er. Klare Ansage. Einige können es nachvollziehen.
Die Next Stop Band aus Italien, die ihn bei der aktuellen Europa-Tour begleitete, besteht seit 2003 und ordnet sich selbst im Bereich Country-Rock mit Irish Rock-Einflüssen ein. Dass Bandgründer Anchise Bolchi ein außergewöhnlicher Fiddler ist, stellte er auch im Four Corners unter Beweis. Welche Motivation hinter seinem Steel Guitar-Spiel steckte, war dagegen fraglich. Überhaupt fehlte es der gesamten Band an der notwendigen Lebhaftigkeit, um Michael Petersons Musik adäquat präsentieren zu können. Ihr Spiel war eher grob und eigenständig und einfach nicht passend zum kraftvollen, lebendigen Stil des Sängers. Dazu kam die eigenwillige optischen Präsentation. Man hat gelernt, eine Menge merkwürdiger Darstellungen zu akzeptieren und dass eine anstrengende Tour ihre physischen Spuren hinterlässt, mag verständlich sein. Ein gewollt oberlässiger Gammel-Look passt vielleicht auch im Rahmen der sonstigen Konzerte der Band, für mein Empfinden jedoch nicht zum Bild eines gepflegt-bodenständigen Nashville-Stars.
Dass Michael Peterson ein überaus gebildeter und tiefgründiger Mensch ist, spiegelt sich auch in seinen Songs sowie in seinen persönlichen Schilderungen im Interview unmittelbar vor dem Auftritt wieder. Bunt und voller Leben erzählte er von seinen Reiseeindrücken in Europa. Begeistert war er vor allem von Barcelona, aber auch von Plätzen in Deutschland. Er liebe die Jahrtausende alte, noch immer präsente Geschichte hier, während die USA gerade mal auf ein paar hundert Jahre zurück blicken könnten. Er nehme die Schönheiten hier wahr und finde darin immer wieder neue Wege des inneren Wachstums. Seinen beiden Töchtern scheint er seine Leidenschaft mitgegeben zu haben. Die jüngere studiere zu Hause Musik und Kunst, die ältere lebe derzeit in Indien, wo sie sich ihrem Geschichtsstudium widme, berichtete er stolz. Die Familie sei überhaupt sein Kraftpool, ebenso wie Freunde, die sich jedoch weitgehend außerhalb des Musikgeschäfts bewegten. Wohl nötig, um auch Zeit füreinander zu finden, meinte der Sänger, denn Musiker seien zu viel unterwegs.
Ein guter Country-Song beginne für ihn mit einer simplen Melodie. Dazu komme ein einfach zu verstehender Text, jedoch mit tiefer Bedeutung. Für einige verzichtete er später gegen Ende des Abends dann auch mehr und mehr auf die Unterstützung der Next Stop Band, gab sie wohltuend pur im Alleingang wieder.
Dass die Harmonie zwischen einem US-Künstler und einer europäischen Begleitband in diesem Fall nicht stimmte, ist sicher dennoch kein Beweis für die Regel. Wenn man versucht, alle Faktoren gesamt und logisch zu ordnen, war es letztlich alles andere als nur ein billiger Sieg, sondern ein weiteres meisterliches Konzert an einem Ort, dem die Macht über den Bereich Live-Country Music in Deutschland mittlerweile ohnehin nicht mehr abgesprochen werden kann.
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