“…back to the bad old days…” – Jackson Taylor & The Sinners

9. März 2010 | Von Bettina Granegger | Kategorie: Konzertberichte

Untermeitingen, Four Corners, am 6. März 2010. Dieses Konzert hat es gebraucht! Wie einen Sturm, der die Atmosphäre endlich frei bläst von verfestigten Gewohnheiten und die Kanäle reinigt! Was wir in Deutschland an amerikanischer Country Music konsumieren, hat seinen Ursprung zum überwiegenden Teil in der Nashville-Maschinerie. Und wir lieben es, weil wir es eben kennen und es uns vertraut ist. Unter dem ganzen Material ist sicher ein großer Anteil an wirklich guter und ihren Wurzeln noch naher Country Music.

Doch uns wird auch jede Menge Schrott angeboten, auf dessen Verpackung zwar Country steht, das Produkt jedoch aus inhaltsleerem Pop-Rock-Schlager-was-auch-immer besteht. Und dann kommt da ein wilder Typ namens Jackson Taylor aus Austin, Texas, ignoriert sämtliche Regeln und schreibt einen Text darüber, dass er auf das alles sch …

Jackson TaylorSeine Musik ist dreckiger, böser Honky Tonk, von Genialität in gleichem Maß. Ein Stil, der bei uns bisher rar war, wenn nicht sogar gänzlich nicht existierte. Das Warten darauf war jedoch schon lange latent vorhanden und wurde nun rau, derb und authentisch in einer großartigen, unvergesslichen Live-Show vermittelt.

Die Musik an sich bringt Jackson Taylor auf seinen bisher drei Alben in weitaus ruhigerem Muster. Wer sich jedoch mit den Inhalten und dem Künstler selbst auch nur ein wenig beschäftigt hat, bevor er sich sein Ticket besorgte, konnte hauchfein ahnen, dass dies nichts mit den bisher gekannten Acts im Four Corners zu tun haben würde.

Die fränkische Formation Cripple Creek Band eröffnete den Abend und gleichzeitig ihre Tour 2010 mit Cover- und eigenen Songs, auch neuen, die in Kürze auf ihrer nächsten CD erscheinen werden. CCB decken durch Rock mit wesentlichen Country-Anteilen einen wichtigen Sektor ab. Bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, die gewählte Richtung stetig beizubehalten. Ihre Lautstärke hatten einige dennoch als heftig empfunden. Dabei glich sie eher einem sanften Wattehammer im Vergleich zu dem, was folgen sollte.

Durch die schneebedingt verspätete Anreise von Jackson Taylor und seiner Band vom vorangegangenen Gig in Österreich kommend, musste auf einen Soundcheck verzichtet werden, was sicher auch zum anfänglichen Entsetzen im Publikum beitrug, als der Start-Song “Long Legs & Long Necks” das Tinnitus-Risiko kurzfristig prozentual enorm steigerte. Hier begann die innere und nach außen offensichtliche Spaltung der Gäste. Wer bereit war, sich darauf einzulassen wurde jedoch mittels der Musik auf eine außergewöhnliche Spur gelenkt.

Die Whiskey-Flasche gehört als Accessoire dazu wie die Gitarre. Dies entspricht dem unglücklichen Naturell eines Texas Outlaws. Jenes hat Jackson Taylor für sich gewählt und lebt es ohne Kompromisse.

Ganz sicher ist es jedoch möglich, einen Text wie in “Back On The Bottle” auch glaubhaft zu vermitteln, ohne mit einer solchen verhaftet zu sein und den Inhalt mit den Leuten in der ersten Reihe und den Musikern zu teilen. Dale Watson, den er neben Lefty Frizzell, Merle Haggard, Hank Williams, Waylon Jennings und anderen als seinen Helden und als “the best singer in the world” beschreibt, hatte ihn bei der Albumversion des Liedes gesanglich unterstützt. Auf seinen Tonträgern kommt Taylor ihm da musikalisch auch recht nahe. Ihre Selbstdarstellung betreffend trennen die beiden Welten. Ein gereifter und dennoch seine Botschaft lebender Dale Watson verlässt auch nach 20 Tequilas die Bühne würdig wie ein Gentleman und ohne drohenden Kontrollverlust.

Jackson TaylorDie ersten zwei Drittel bzw. Stunden seiner Show waren wie ein einheitliches, umfassendes und sich selbst regulierendes System mit wunderbarer Intensität. Durchaus auch mit sanften Stücken wie Hank Williams Jr.’s “The Blues Man” oder seinen eigenen “Sunset” und “Easy Lovin’ Stranger”. Hier wäre es Zeit gewesen, das Spiel zu beenden. Man kann verlieren, aber man darf sich nicht selbst besiegen. Genau dem kamen Jackson Taylor und seine vier Musiker zum Ende der Nacht hin allerdings gefährlich nahe.

Waren wir vielleicht Teil der größten anzunehmenden Peinlichkeit, die das Four Corners je gesehen hat? Möglicherweise war es aber auch die heißeste, berauschendste und über alle Maße genial inszenierteste Darstellung in der Geschichte der Music Hall. Dies sei dem persönlichen Empfinden jedes einzelnen überlassen.

Da es immer mindestens zwei Sichtweisen gibt, entscheide ich mich für eine dritte. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Deutschland schlichtweg (noch) nicht reif für eine “hard dirty Country show” dieser Art sind. Dafür kann aber der Künstler nichts. Wir sind überfordert damit, wenn er in jedem zweiten Satz das F-Wort benutzt, sich exzessiv dem Alkohol hin gibt und die Securities am Schluss nicht mehr die Band, sondern das Publikum vor fliegenden Whiskey-Flaschen und Mikrofonständern beschützen müssen. Ich denke, es ist diese schlichte Hilflosigkeit und kurzfristige Hoffnungslosigkeit, die dann aus dem Gefühl mangelnder Befriedigung heraus manche dazu hinreißt, den Musikern eine Minderwertigkeit zu bescheinigen.

Man könnte statt dessen charakteristische Eigenheiten hinter die künstlerische Wertigkeit stellen und im Fall von Jackson Taylor & The Sinners zu der letztlichen Einstellung gelangen, dass es eine Band ist, deren Namen niemals in den Billboard Charts auftauchen wird, die statt dessen durch dunkle Bars tourt und damit glücklich ist. Wir sollten uns darüber klar werden: Wenn wir echte amerikanische Country Music, ganz gleich welcher Schattierung, bei uns hören wollen, wäre es hilfreich, in der Lage zu sein, sich dieser auch zu öffnen.

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2 Kommentare
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  1. Hi!

    Ich kann mir das Konzert ohne da gewesen zu sein echt nach diesem Bericht Leibhaftig vorstellen. Schade, da habe ich eigentlich was verpasst! Grins.

    Ich meine aber auch, dass jeder seine Chance im Showbiz haben sollte, egal welche Art von Musik er macht. Nur auf das werfen diverser Dinge, möchte ich das verzichtet wird. Aber man steckt ja nicht im Künstler und man sollte dann in Deckung gehen. :-))

    So keep it country.

  2. Hi Bettina!

    Selten so eine sehr gute und sehr treffende Kritik eines Konzerts gelesen, fabelhaft, hast es genau getroffen, danke für diese tollen Worte!!!!

    Es war eben KEIN Mainstream welche uns Jackson Taylor und seine Mannen an diesem Abend geboten haben, es war, wie du schon richtig schriebst, eine Honky Tonk Show vom Allerfeinsten, ein Konzertabend der anderen Klasse, nämlich der Extraklasse, weit entfernt, von diesem glattgebügelten “Nashville – Urbans und Co.”.

    Es muss ja nicht immer so ablaufen wie an diesem Abend, aber ich empfand es als absolut erfrischend und endlich mal anders, irgendwie authentischer und ja, auch ehrlicher.

    Mir ist ein Musiker tausend mal lieber, der auf der Bühne säuft und trotzdem eine super Show abliefert, als einer der das hinter der Bühne tut, um sein verlogenes “Saubermann-Image” nicht zu gefährden!!!

    Countrywayne

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