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Willie Nelson in Selbstperfektion am 19. Juni in Stuttgart

[22. Juni 2010 | Keine Kommentare | Von | Kategorie: Konzertberichte]

Die denkmalgeschützte Freilichtbühne Killesberg ist ein perfekter Rahmen für die Outlaw-Legende. Ein bisschen wie er selbst – gezeichnet von diversen Lebensphasen, rauh und schlicht, bedeutend und persönlich. Ebenso wie Willie Nelsons durchlöcherte Gitarre, die die Spuren der Jahre trägt, der man kaum zutrauen mag, dass ihr noch ein brauchbarer Ton zu entlocken ist und die dennoch fasziniert, sobald sie von ihm zum Leben erweckt wird.

Die Präsentation des Amerikaners ist durchweg gleichwertig wunderbar. Minimalisiert auf ihn selbst als zentralen Mittelpunkt, gänzlich auf seine Stimme und Person ausgelegt. Umrahmt von einer ungewöhnlichen Bandbesetzung. Ein Steinway Flügel, honky-tonk-stilistisch bearbeitet von Nelsons Schwester Bobbie. Snare Drum, ein bisschen Percussion, Mundharmonika. Einfachstes Handwerk, mehr ist auch nicht nötig. Keine zeitraubende Vorgruppe, keine nervtötende Animation eines Stadion-Ansagers, keine überflüssige Werbung. Wohltuend.

Willie NelsonWillie Nelson kommt über den kurzen Fußweg zur Bühne direkt aus seinem Tourbus, in dem er später auch wieder verschwindet. Im direkten Gegenübertreten ist ihm sein Alter von 77 Jahre anzusehen, seine Bewegungen jedoch sind gezielt und sein Handeln bewusst. Er lächelt einem Kind zu, das vom Arm seiner Mutter aus vor der Bühne Fotos von ihm macht und in diesem Augenblick spürt man die Güte dieses Mannes, die alle Unsicherheiten verschwinden lässt.

Vielleicht verhandelt er in dem Moment im Innern mit seiner Geschichte und der Gegebenheit, dass hier mehrere Generationen aus nur einem einzigen Grund zusammen kommen – wegen ihm. Für einige ist es die erste Begegnung, für andere hellen sich Erinnerungen auf, die an Farbe zurück gewinnen.

Es folgen eineinhalb Stunden ununterbrochener Darbietung seiner größten Hits, ohne Werteprozess und ohne größere Erklärung. Alle Zustände sind einbezogen, sein Programm lässt keinerlei Verwirrung aufkommen. Während von vorherigen Auftritten von ihm oft von musikalischen Experimenten die Rede war, symbolisiert er bei diesem Konzert ganz klar die Country Music, lässt vielleicht ein bisschen Folk zu. Eine erkennbare Zielklarheit, begonnen mit “Whiskey River”, dann “On The Road Again”, “Help Me Make It Through The Night” oder “Beer For My Horses”. Gefühle durch Klänge in unglaublicher Intensität, völlig losgelöst von Vorgaben.

Die Reaktionen des Publikums darauf sind schwer einzuordnen. Das Stadion, das bestuhlt 3500 Plätze umfasst, ist gefühlsmäßig höchstens zu drei Viertel ausverkauft. Angesichts der Ticketpreise für die zwar in atmosphärischer Umgebung gelegenen, dennoch nicht wirklich komfortablen Sitzplätze, sollte man meinen, dass alle hier auch einem Grund gefolgt sind. Zum Ende ist Hingabe spürbar, die Menschen stehen auf und verneigen sich vor dem Künstler. Dazwischen jedoch ist die Wahrnehmung oft eher zurückhaltend. Wenn Willie Nelson “Mamas…” vorgibt, wagen es doch ein paar, ganz verhalten “… don’t let your babies grow up to be cowboys” zu singen. Doch nur vorsichtig, damit’s keiner merkt. Lieber zeigt man seine Begeisterung dezent und verharrt bei “You Were Always On My Mind” in ehrfürchtiger Stille. Möglicherweise eine Eigenart des deutschen Publikums, das jedoch, wenn auch in ungewöhnlicher Weise, seine Würdigung ausdrückt.

Nach jahrzehntelanger Bühnenerfahrung dürfte Willie Nelson die persönlichen Kontrollinstanzen nicht mehr brauchen, um zu spüren, welche Gefühle er auszulösen in der Lage ist. Erlebtes und Erfahrenes formen hier ein unbewusstes Wissen, das er jedoch immer wieder neu erforscht und erweitert. Wünschen wir uns, dass er hierfür noch lange die genügende Kraft finden wird und weiter Herr seines Tuns bleibt.

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