Country Night Gstaad 2011: Die Künstler – genial, hochwertig und divenhaft
Unter diesem Eindruck startete die 23. Auflage der Country Night Gstaad am Freitag. Mit den Sister Morales hatte der Veranstalter Marcel Bach wieder einmal eine Formation aus dem TexMex-Bereich ins Berner Oberland geholt. Die beiden Schwestern Lisa und Roberta wurden von einer siebenköpfigen Band begleitet. Bei den englischen Texten waren die Schwestern Gitarrenlastig.
Richtig aufgeblüht und in ihrem Element waren sie als die TexMex-Richtung eingeschlagen wurde. Hier kam die Formation richtig in Fahrt. Ob die Solis am Akkordeon, Gitarre oder Trompete, der Funke sprang über. Die Tanzeinlage vom Akkordeonspieler Roberto Rodriguez wurde begeistert mit Applaus honoriert. Stimmlich kamen die Schwestern kraftvoll und harmonisch rüber. Die Künstler bekamen bei ihren Solis immer wieder Szenenapplaus.
Bei den TexMex-Klassiker “La Palomita” oder “La Mucura” sprang der Funke vollends über und die Gäste riss es von den Stühlen. Als dann noch der Roberto Roriguez ins Publikum zum Tanzen ging war die Begeisterung groß. Verträumt und in der Musik aufgehend konnte man die Tanzeinlagen von ihm auch auf der Bühne weiterhin genießen. Nach der Zugabe wurde die Band mit stehenden Ovationen verabschiedet. Die Welle der Begeisterung bei den TexMex-Titel zog sich durch die gesamte Show. Die englischen Titel und vor allem der Rocktitel wurden vom Publikum nicht gut angenommen.
Die große Unbekannte in Sachen Show war Laura Bell Bundy. Sie verfügt nicht nur über erstklassiges Können, sonder besitzt auch eine gehörige Portion Selbstironie. Wenn man als Zuhörer, die ersten beiden Songs ohne Vorurteil passieren lies, wurde man von Laura Bell Bundy auf eine musikalische und choreografische Reise mitgenommen, die ihren Höhepunkt in stehenden Ovationen fand. Beim dritten Song schlug sie die Countryrichtung ein. Ihr merkte man den Spaß und Freude an ihrer Arbeit richtig an.

Soviel Bewegung und Energie hat man in Gstaad auf der Bühne noch nicht erlebt. Ob bei den Choreografien, angelehnt an “The Supremes”, den Motownsound, oder bei “Midnight Hour” und ihrem Besuch im Publikum – Laura Bell Bundy zog das Publikum in ihren Bann. Gekonnte Rhythmuswechsel und Tempowechsel verband sie Titel wie “Song Of The South” mit “Any Man Of Mine”, ohne diese zu kopieren lies sie diese Songs ineinander verschelzen. Ob die Titel wie “9 To 5″ explosiv, oder getragen einfühlsam, wie “That were Angels for” vorgetragen wurden, ihre Musicalausbildung kam deutlich zu tragen.
Die beiden Großleinwände trugen dazu bei, dass man die herrliche Mimik und Gestik von Laura Bell Bundy genau verfolgen konnte. Wie harmonisch aufeinander eingestellt die Band ist konnte man bei der Tanzeinlage merken. Angedeutet im Intro der Queen-Klassiker “Another One Bit The Dust” untermalt mit “Jet t’aime” wechselt sie die Schuhe, nur um dann zu “Everybody Needs Somebody To Love” bei der Stepptanzeinlage zu explodieren. Sichere Körperbeherschung und auch Synchronität mit den beiden Background zeichnete die Show aus. Das Zelt stand zwischendurch Kopf. Spätestens bei der Tina Turner-Einlage zu “Proud Mary” gab es kein Halten mehr. Auch wenn sie Tina Turner perfekt in Körpersprache kopierte, ging die Laura Bell Buny-Dynamik nicht verloren. Diese Dynamik zog sich von Anfang bis Ende durch ihre Show. Marcel Bach hat ja schon in der Vergangenheit immer wieder eine gute Nase bewiesen und unbekanntere Künstler ins Berner Oberland geholt, mit Laura Bell Bundy ist ihm ein richtiger Genisteich gelungen. Diese Art der Darbietung war eine Premiere bei der Country Night.
Was sich im Vorfeld bereits angedeutet hat, nahm dann mit Dailey & Vincent seinen Lauf. Die Formation kann man getrost als Abräumer der diesjährigen Country Night bezeichnen. Jeder Einzelne der Band ein Meister seines Faches. Warum die Formation in den letzten Monaten mit Preisen überhäuft wurden, davon konnte sich im laufe des Abends jeder im Publikum überzeugen. Jamie Dailey kommuniziert spielerisch und mit einer riesigen Portion Schalk im Nacken mit dem Publikum. Grandios seine kleinen Nuancen und Slapstikeinlagen bei der jeweiligen Anmoderationen. Auch die kleinen, liebenswerte Frotzeleinen mit seinem kongenialen Partnern Darrin Vincent, einfach herrlich.

Die flotten Stücke wurden gekonnt ergänzt durch Gospel, A-Capellaeinlagen oder langsame Songs. Als sie den Song “Country Roads” anstimmten griff langsam der Virus des mitsingens auf das begeisterte Publikum über. Am Ende wurde das Publikum von Dailey & Vincent begleitet. Auch wenn der Song von manch einem “verteufelt” wird. Er bleibt was er ist – eins der schönsten Musikstücke und durch Dailey & Vinent wurde dies eindrucksvoll unterstichen.
Auch Songs wie z.B. “Starway To Heaven” von Led Zeppelin “Sweet Home Alabama” von Lynard Skynyrd oder das totgedudelte “Chattahoochee” von Alan Jackson sind tolle Songs, aber auch sie teilen das Schicksal von “Country Roads”. Zu oft gehört und vor allem von vielen Bands schlecht interpretiert, hängt ihnen ein Negativimmage an.
Hier holte Dailey & Vincet zum Ritterschlag für “Country Roads” aus. Das Publikum dankte es mit stehenden Ovationen. Alleine dreimal stand das Zelt bei Dailey & Vincet. Sogar mitten in dem Song “Please Come Back To Me” wurde das Publikum von den Sitzen gerissen. Es ist auch nicht nur die musikalische Darbietung die Dailey & Vincet so einzigartig macht. Alleine die Bandvortellung der einzelnen Mitglieder lohnt sich für den Besucher. Wenn man schon früher bei Paul Brandt oder Ray Benson (Asleep At The Wheel) begeistert war wenn er mit tiefer Stimme ins Mikrofon sang, so konnte man bei Christian Davis eine Überraschung erleben. Es geht nämlich noch tiefer. Dies deutete er währen des Konzertes immer wieder an, nur um dann bei der Version des Tennessee Ernie Ford Klassikers “Sixteen Tons” in stimmliche Tiefen abzutauchen, bei denen der normale Zuhörer gar nicht wusste dass es diese gibt. Eine hochwertige, stimmliche Leistung in der Tiefen der Noten. Das Pendant hierzu ist Jamie Dailey. Wo er sich stimmlich bewegt, vor allem in welche Höhen, erzeugt bei manchen Zuschauer erfreutes Erstaunen. Quittiert wurde dies alles mit stehender Ovationen und minutenlangem Applaus zur Zugabe. Mit einer Akapellaeinlage verabschiedete sich dann Dailey & Vincent vom Publikum.
Bei Trace Adkins, dem Headliner des Abends wusste man, nach den Darbietungen der anderen Künstler, dass sich wieder die Stilrichtung ändert. Man kann auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, aber Trace Adkins lieferte am Abend von allen die schwächste Show ab. Durchgehen rockig, laut und eintöniger Schlagzeugsound bestimmten seine Darbietung. Zwischendurch konnte man auch leichte Zweifel bekommen, ob das stellenweise Gebrumme ins Mikrofon an diesem Freitagabend noch als Gesang bezeichnet werden kann. So eine eigene Art von “Sprechgesang” trifft die Sache schon eher.

Als er seinen ersten Hit “Every Light In The House” anstimmte, keimte Hoffnung auf, dass er jetzt die Stilrichtung einschlagen würde, die Ihn bekannt gemacht hatte. Das Publikum bedankte sich nach der Nummer mit dem meisten Applaus dieser Show. Den Wink mit dem Zaunpfahl hat Trace Adkins aber nicht aufgenommen, sonder blieb dann seiner anfangs eingeschlagen Richtung treu. Er hat so schöne Songs aus der Anfangszeit seiner Karriere. Gespielt hat er sie leider nicht. Bei einer Europapremier kann man dies aber erwarten. Alleine für einen Tempowechsel und für den Draht zum Publikum wäre dies wünschenswert gewesen.
Am Freitag verließen die Gäste in Scharen das Zelt. Für die divenhaften Launen und die Selbstverliebtheit des Künstler kann der Veranstalter nichts, hier muss sich Trace Adkins schon selber an die Nase fassen. Auf der Pressekonferenz klärte sich dann auch so einiges. Laut seiner Aussage gibt es die Songs fürs Radio, die auf CD und dann die vom Konzert. Wer ihn also richtig verstehen wolle sollte seine Konzerte besuchen. Ihm sei es aber auch egal was das Publikum und Presse denk, er zieht sein Ding durch. Am Freitag hat er es noch durchgezogen, am Samstag war aber eine Korrektur zu vermerken, warum auch immer …
Am Samstag machte er seine Sache etwas besser. Er hatte das Repertoire leicht geändert, so dass hier die Eintönigkeit etwas unterbrochen wurde. Auch stimmlich war er besser zu verstehen. Am Samstag gelang es ihm auch einen besseren Draht zum Publikum aufzubauen. Am Ende kam dann auch Trace Adkins in den Genuss von stehenden Ovationen – auch wenn er mit seiner Darbietung der schwächste Akt am Wochenende blieb.

Auch die anderen Künstler legten noch eine Schippe drauf. Sister Morales hatte feinfühlig und sensibel am Freitag bemerkt, dass das Publikum bei den spanischen Titel begeistert mittanzte. Für den Samstag wurden die englischen Songs aus dem Programm genommen. Aber die Welt ist manchmal nicht gerecht. Die Stammfahrer der Country Night kennen das Phänomen von Freitag und Samstagspublikum. Die beiden Schwestern leider nicht. Sie konnten ja nicht ahnen, dass das Publikum am Samstag etwas “bewegungsfaul” sein würde. Als am Freitag das Zelt bereits tobte, saßen am Samstag die Gästen noch ziemlich ruhig auf ihren Sitzen. Sehr spät wurde die Begeisterung durch intensives und rhythmische Mitklatschen gezeigt. An den Sister Morales lag dies nicht. Ihre Show war gegenüber dem Freitag noch besser. Kleiner Wermutstropfen: Roberto Rodriguez tanzte am Samstag nicht im Publikum. Immer wieder hörenswert die Solis mit denen die Stücke gekonnt und erstklassig in die Länge gezogen wurden.
Laura Bell Bundy zog die selbe Show auf wie Freitag. Nur dass hier noch gegenüber dem Freitag die Backgroudsängerin rappte. Der Unterhaltungswert von Laura Bell Bundy war großartig. Selten war ein Showakt so kurzweilig. Auch an diesem Abend wurde Laura Bell Bundy mit stehende Ovationen verabschiedet.
Dailey & Vincent hatten es am Freitag schon angekündigt. Die Playliste wurde fast komplett geändert. Dies sollte sich für das Publikum aber in keinster Weise nachteilig auswirken. Die Show vom Freitag wurde noch durch begeisterten Gospel ergänzt. Seit dem “Golden Gate Quartet” oder den “Blind Boys Of Alabama” hat keine Formation diesen Standard erreicht. Dailey & Vincent stehen mit diesen legendären Gruppen im Genre Gospel jetzt schon auf einer Stufe.
Am Samstag jährten sich die schrecklichen Ereignisse rund um die Twin-Towers zum zehnten Mal. Donald Beyer, US Botschafter in Bern, hielt eine angenehm kurze Ansprache der eine Gedenkminute an die Opfer folgte. Alan Jackson hatte damals den gefühlvollen, ohne großen Patos auskommenden Titel “Where Were You (When The World Stopped Turning)” aus diesem Anlass geschrieben und gesungen. Dailey & Vincent haben den Song auf ihre ureigene Art interpretiert, so dass wirklich jedem nicht nur die Bilder wieder in den Kopf stiegen sondern auch jeder wusste wo er damals war. Mit der Art und Weise, den Opfern dieses Terroranschlages zu Gedenken hat der Veranstalter Marcel Bach großartiges Fingerspitzengefühl bewiesen. Auch wenn sich niemand der Ergriffenheit entziehen konnte, die Show musste weiter gehen und das tat sie auch, ohne Einbruch zu erleiden. Eine wirklich unvergessliche Darbietung von Dailey & Vincent und deren Musiker.
Ein immer wieder kehrendes Problem ist der Sound. In den vorderen Reihen und diversen Bereichen oft klasse ausgesteuert, so fällt die Qualität nach hinten und seitlich doch stark ab. Die Lautstärke entwickelt sich langsam doch zu einem sehr unangenehmen Faktor. Bei den Stimmen wurde dies immer besonders deutlich. Man hätte sich eine geringe Lautstärke gewünscht. Den Gesangsdarbietungen hätte es gut getan. Von diesem Manko waren aber alle Künstler am Abend betroffen. Ob hier aber, zur Lösung des Problems, das bereitstellen von Ohrenstöpsel das richtige Mittel ist, darf angezweifelt werden. In früheren Jahren hatte man das Problem mit der Lautstärke nicht.
Eine herzliche Geste des Veranstalters war die Verabschiedung der Künstler. Hier wurde jedem ein kleines Geschenk oder Blumen von Kindern überreicht.
Routiniert und gewohnt sicher leitete Jürg Hofer als Moderator durch den Abend. Die Country Night Gstaad findet auf Grund eines Schweizer Feiertages nächstes Jahr vom 21.09. bis 23.09.2012 statt.
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Danke für den Bericht. Absolut treffend geschrieben. Ziemlich genauso habe ich das Wochenende (wir haben uns auch beide Abende ins Konzertzelt begeben – für uns ein Muss) auch erlebt. Als Fan von Trace Adkins und unter dem Aspekt, dass wir 1. Reihe saßen, habe ich aber Traces Auftritt etwas mehr abgewinnen können (oder vielleicht auch wollen).
Sisters Morales waren ja nicht schlecht, aber ich kann mich leider nicht mit dieser “Musikantenstadelstimmung und Klatscherei” weder identifizieren noch anfreunden. Das find ich etwas peinlich. Laura Bell Bundy – total vielseitig talentiert. Ihre “Countrysongs” (welche sie fürs neue Album ankündigte – kann’s kaum erwarten mehr zu hören) find ich absolut super. Und auch bei der endlich wieder öffentlichen Autogrammstunde war sie umwerfend nett, lustig und tierisch gut drauf (besonders als ich ihr sagte, dass ich Euneeda Biscuit vermisst habe – sie konnt’s gar nicht fassen, dass jemand Euneeda erwähnt). Das Highlight waren wirklich Dailey & Vincent und ganz besonders Christian Davis mit seiner Version von Josh Turners “Long Black Train” – diese Stimme = Gänsehaut pur.
Schön ist auch immer wieder alte Bekannte und gute Freunde zu treffen. Die Reise hat sich wieder gelohnt und wir wissen heute schon, dass wir nächstes Jahr wieder dort sind.
Ein sehr gelungener Bericht, danke dafür!
Allerdings sehe auch ich es so wie meine Schwester (Dörthe). Die Sisters mögen ja für den Großteil toll gewesen sein, aber es ist so gar nicht meine Musikrichtung und was ich auch nicht verstehen kann, ich glaube mich soweit aus dem Fenster lehnen zu können und zu sagen, dass vielleicht hochgegriffen 1/5 des Publikums spanisch versteht, ich verstehe es jedenfalls nicht und ich möchte aber schon das verstehen, was da gesungen wird. Allein deswegen schon waren die Sisters für mich am zweiten Abend noch weniger interessant, als am ersten Abend.
Zu Laura Bell Bundy möchte ich sagen ich habe viel erwartet und noch viel mehr geboten bekommen. Einfach grandios die Frau. Auch diese Euneeda Bicuit geschichte hab ich hautnah miterleben können, Laura war ganz aus dem Häuschen und hat es sofort ihrem Begleiter gesagt, dass diese Frau eben nach Euneeda gefragt hat.
Dailey & Vincent haben allen die Show gestohlen. Aber auch ihnen wurde die Show gestohlen von ihrem eigenen Bandmitglied, Christian Davis war der heimliche Star des Festivals.
Trace Adkins, ja ja das leidige Problem mit der Technik, ich denke, wenn man die Lautstärke besser in den Griff bekommen hätte, wäre auch ein Trace Adkins viel besser angekommen. Womit wir wieder beim Thema Texte verstehen wären. Gut dem, der die Texte kennt.
Alles in Allem ein total gelungenes Festival, womit ich absolut nicht gerechnet hatte. Dieses Jahr war ich echt schon drauf und dran mein Ticket zu verkaufen, aber je näher der termin rückte umso sicher war ich mir, ich werde mir Gstaad auf keinen Fall entgehen lassen.
Treffend geschriebener Bericht! Danke!
Für mich waren von Anfang an Dailey & Vincent das absolute Highlight der diesjährigen Country Night.
Christian Davis` Simme hat mich zwar beeindruckt aber nicht vom Hocker gerissen. DAS war mir dann fast schon zu tief.
Laura Bell Bundy hat meine Erwartungen weit übertroffen und die Sisters waren für mich so wie erwartet.
Bei Trace Adkins waren es nicht nur die Soundprobleme am ersten Abend. Es war schon mehrfach so, dass der Headliner einen schweren Stand hatte, weil die Interpreten vor ihm das Zelt auf den Kopf gestellt hatten. Ich denke da z.B. an Randy Travis vor fünf Jahren, der im Anschluß an Rhonda Vincent auch nicht mehr so richtig zur Geltung kam.
Ich kann mich Dörthe und Maike nur anschließen. Rundum ein tolles Wochenende mit einem tollen Festival.
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