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Jerry Chesnut

[7. Mai 2012 | Kommentare deaktiviert | Von | Kategorie: Was ist aus ihnen geworden?]

Der Mann weiß, wovon er redet. Weit mehr als 200 seiner Songs haben den Weg auf den Tonträger eines bekannten Interpreten gefunden. Fast ein halbes Jahrhundert ist er eine gefragte Hausnummer unter den Songschreibern in Nashville – und nicht nur dort. Billboard zeichnete ihn schon 1972 als Songschreiber des Jahres aus und in die Hall of Fame der Songwriter wurde er auch längst aufgenommen: Jerry Chesnut.

Es ist bereits viele Jahre her als er sagte: “Ich habe Country- und Pop-Hits geschrieben und kann es beurteilen. Einen guten Country-Song zu schreiben ist viel schwerer. Ein guter Country-Song muss in jeder Zeile eine Aussage enthalten, die Zeilen müssen sich zu einer Geschichte zusammen fügen.”

Jerry ChesnutOft hat Chesnut bewiesen wie gut er diese Kunst beherrscht und auch im fortgeschrittenen Alter von 80 Jahren heute legt er, symbolisch gesehen, den Griffel nicht aus der Hand. Mit ziemlicher Gelassenheit sieht er auf seine Karriere zurück.

Geboren in Loyall im Harlan County, Kentucky am 7. Mai 1931 gibt er als Motivation für das Songschreiben an, unter allen Umständen aus seiner Heimat wegkommen zu wollen. Dass ihm das aber mit dem Schreiben von Songs tatsächlich gelingen würde, hätte er selbst nie für möglich gehalten. Musik allerdings faszinierte ihn als junger Bursche bereits, in ihr sah er auch eine Möglichkeit, sein Vorhaben realisieren zu können – ein Star als Sänger wollte er werden.

Dazu passt auch diese Aussage Chesnuts: “Einem jungen Bassisten, der mich um Rat fragte, habe ich einmal gesagt: Erstens spiel deinen Bass, denn das liebst du. Zweitens, wenn du Kühe gern hast, werde Farmer oder Rancher. Drittens: lass dich nicht beirren, tue das, was du liebst und gern hast. Nur so wirst du das Ziel erreichen.”

Harlan County ist ein Bergbaugebiet und damit eine Gegend, in der Menschen nicht auf Rosen gebettet sind. Chesnut’s Vater war Metzger und versorgte die Bergleute – ihm nacheifern wollte sein Sohn nicht. Da faszinierte ihn die Gitarre des älteren Bruders schon eher. Wann immer es ihm gelang, klaute er das Instrument für einige Stunden solange der Bruder in der Schule war. Dieses Interesse blieb nicht verborgen und fand in der Familie Unterstützung, ohne dass man jedoch eine berufliche Zukunft darin vermutete.

Zunächst landete Jerry Chesnut bei der Air Force, war in Korea im Einsatz und ging nach der Entlassung nach St. Augustine, Florida, wo er für die Eisenbahn arbeitete. Mit Erfolg denn nach 5 Jahren war er Vormann für rund 200 Arbeiter. Warum er den gut bezahlten Job mit weiteren Aufstiegsmöglichkeiten aufgab, erfahren wir in einem seiner Songs: “Ich hatte einen Boss namens Oney. Den konnte ich nicht ab, also ging ich!” Ein rüder Zeitgenosse muss dieser Oney dann wohl gewesen sein. Johnny Cash hatte bekanntlich einen Hit mit diesem Song, in dem ein Arbeiter seinen Groll gegenüber seinem Peiniger zum Ausdruck bringt. 29 Jahre hat Oney ihn unter Druck gesetzt und immer mehr aus dem Arbeiter herausholen wollen. Beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben werden meist fromme Reden gehalten und eine goldene Uhr verschenkt. Doch diesmal soll es anders kommen, da will er diesem Oney zum Abschied zeigen, wer der Boss ist. Immerhin hat Oney’s Schikane dazu geführt, dass die Muskeln des Arbeiters stark wurden während Oney selbst verweichlichte. Genau das wird Oney nun beim Abschied zu spüren bekommen. Johnny Cash war genau der richtige Sänger für diesen Song.

Von Florida aus machte sich Chesnut auf nach Nashville. Man schrieb 1958, kein günstiger Zeitpunkt für einen wie ihn, denn der Rock’n Roll erlebte seine Blütezeit und machte die Country Music nahezu platt. Chesnut erinnert sich: “Selbst Faron Young, Webb Pierce oder ein Buck Owens in Kalifornien versuchten sich mit Rock’n’Roll. Wie sollte ich es da mit Country Music schaffen?” Wer es nicht versucht, kann nichts erreichen. Chesnut erkannte sehr bald, dass er seinen Plan als Sänger ad acta legen konnte. “Alle Leute fragten nach Songs. Webb (Pierce) riet mir: Country Music braucht keine neuen Stars, davon gibt es genug. Wir brauchen Jemanden, der den Stars die richtigen Songs schreibt. Das klang gut in meinen Ohren. Also begann ich, Lieder zu schreiben”, blickt er zurück. Und fährt fort: “Das war zunächst alles kein brauchbares Zeug aber ich bot die Songs an, immer wieder. Bis 1967 allerdings tat sich wenig.” Den Unterhalt verdiente er sich mit körperlich schwerer Arbeit bis ihm der Arzt riet, eine Weile auszusetzen und sich therapieren zu lassen. Dabei hatte er reichlich Zeit Radio zu hören. Er versuchte, das zu schreiben, was er dort hörte.

Tatsächlich wurden seine Songs allmählich besser, kleine Erfolgserlebnisse ermutigten ihn. Monument Records wurde eine wichtige Station, denn dort bekam er professionelle Unterstützung (u.a. lernte er die noch unbekannte Dolly Parton bei deren ersten Aufnahmen kennen). Del Reeves sollte es sein, der den ersten Chesnut-Hit landete. Zwar interessierte sich Reeves zunächst für einen anderen Chesnut Song doch überredete der ihn, auch “A Dime At A Time” (1967 eine Nr. 12) aufzunehmen. Den anderen Song nahm Jerry Lee Lewis auf, der 1968 sogar Platz 4 erreichte mit “Another Place Another Time”. Als dann auch noch andere seiner “Kinder” gut liefen, war Jerry Chesnut angekommen.

Das Business meldete sich, mit Del Reeves und Bob Montgomery startete Chesnut den Musikverlag Passkey Music. Damit war er auf einen Zug aufgesprungen, der für viele in eine Sackgasse führte, weshalb er bald wieder ausstieg. Einerseits fand er kaum noch Zeit, Lieder zu schreiben, weil zu viel andere Arbeit anfiel. Zum anderen “schleicht sich ein ungesunder Trend ein. Wenn alle ihren eigenen Verlag oder ihr Label haben, suchst du nicht mehr nach dem besten Song für einen Sänger sondern schaust im eigenen Haus nach, damit die Kohle in der Familie bleibt. Das mag zwar eine Weile funktionieren, geht aber auf Dauer meist in die Hose”, weiß Chesnut. Und noch eine Besonderheit der Country Music hatte sich verändert. Chesnut: “Wenn du als Country-Sänger einen richtigen Hit hattest, kauften die Fans nahezu alles, was danach veröffentlicht wurde. In der Pop Music war das schon immer anders. Wenn er neuer Star nach einem Hit keinen guten Song bringt, kaufen die Kids den auch nicht. Das verführte Country-Produzenten dazu, Songs zu produzieren, an denen sie zumindest die Rechte teilweise hatten. So etwas macht einen Künstler kaputt, denn der muss darauf bedacht sein, immer den besten Song für sich zu bekommen – egal, wer ihn geschrieben hat.”

Country Music ist wohl die Musik, die sich am drastischsten und vor allem stetig verändert. Immer wieder gerät sie in eine Phase, in der er zu viele neue Namen gibt, die sich viel zu wenig voneinander unterscheiden. Der Sound verkommt zu einem Einheits-Brei. Sänger können sich zu wenig profilieren. Seit Country Music Big Business geworden ist, hat auch die Politik immer mehr Einzug gehalten, die versucht, dem Publikum das aufzudrängen, was ihm zu gefallen hat. Gott sei Dank gelingt dies nur bis zu einem gewissen Punkt.

Jerry Chesnut hat es verstanden, alle Trends zu überdauern und auch nach Jahrzehnten noch ein gefragter Autor zu sein. Vielleicht weil er einige wenige Prinzipien immer beherzigte. Wobei auch ein Chesnut seine Tiefen hatte, Phasen, in denen es nicht mehr nach einer Zukunft für ihn aussah. Eines seiner Rezepte verrät er aber doch: “Fast alle meiner Hits habe ich vor 8 Uhr morgens geschrieben wenn die Luft rein und ruhig war. Wenn die Luft noch voller Songs hängt. Ich habe auch nach 8 Uhr viele Songs geschrieben aber keiner davon wurde wirklich ein Hit. Ich schreibe alles auf, was interessant ist ohne mir Gedanken zu machen, ob ich es brauchen kann. Irgendwann sortiere ich und habe am Ende immer den einen oder anderen Song. Kreativität ist wie ein Rennpferd. Wenn man es anbindet oder einpfercht kann es nicht rennen. Hätte ich meine kreativen Momente eingeengt, wäre vermutlich nie einer der Hits entstanden.” Und erzwingen kann man schon gar nichts. Chesnut: “Wenn ich einige Zeilen aufgeschrieben habe und stagniere, ist Sense. Dann arbeite ich später daran weiter”. Felice Bryant, eine der erfolgreichsten Autorinnen, habe ihm geraten, in solch einer Situation Angeln oder Golf spielen zu gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Man solle immer daran denken, die 2. Strophe eines Liedes müsse besser sein als die 1. Als Beispiel nennt er den Faron Young-Klassiker und dessen größten Hit “It’s Four In The Morning”. “Die ersten zwei Verse schrieb ich gegen 4 Uhr morgens, dann kam nichts mehr. Als ich später mit seinem Traktor unterwegs war, fielen mir die Worte von selbst ein. Ich fuhr schnurstracks nach Hause und schrieb den Song fertig.”

Zu den Bewunderern von Chesnuts Kunst gehörte auch Elvis Presley, der fünf seiner Songs aufnahm. Was Chesnut an Presley besonders gefiel, verrät er gern: “Er hat nie ein Wort oder die Melodie verändert. Viele andere meinen, sie müssten einem Lied noch ihren eigenen Schliff geben. Wenn Elvis der Song gefiel, nahm er ihn so auf, wie er geschrieben wurde.” Der “King” soll sogar vor mancher Session gesagt haben, man solle doch mal bei Chesnut anrufen und hören, was er an Songs habe.

Was für Jerry Chesnut mal als etwas begann, an dem er einfach nur Spaß hatte, ist längst zu einer Passion geworden. Die übt man nicht aus, um Geld damit zu verdienen und Hits zu haben sondern des täglichen Spaßes wegen. Ein Zitat von Willie Nelson gefällt Jerry Chesnut besonders gut: “Willie hat mal gesagt, Gott hat dafür gesorgt, dass die Luft voller Musik und voller Songs ist. Nur wenigen Menschen aber hat er die Fähigkeiten mit auf den Weg gegeben, diese Musik aus der Luft zu greifen, sie festzuhalten und anderen Menschen zugänglich zu machen.”

Dem Vernehmen nach soll Jerry Chesnut immer noch mal morgens um 3 Uhr wach werden – kein schlechtes Zeichen für einen Menschen, der in den frühesten Morgenstunden am kreativsten ist. Damit man sich ein besseres Bild davon machen kann, welche Bedeutung Jerry Chesnut als Songschreiber hat, hier einige seiner bekanntesten Lieder, soweit nicht bereits vorher erwähnt:

“A Good Year For The Roses” (am bekanntesten mit George Jones)
“Looking At The World Through A Windshield” (Del Reeves)
“T-r-o-u-b-l-e” (u.a. Elvis Presley, Travis Tritt)
“They Don’t Make Em Like My Daddy” (Loretta Lynn)
“The Wonders You Perform” (Tammy Wynette)
“Don’t She Look Good” (Bill Anderson)
“Holding On To Nothing” (Porter Wagoner & Dolly Parton)
“Woman Without Love” (u.a. Elvis Presley, Brook Benton)
“It’s Midnight” (u.a. Elvis Presley)
“Landmark Tavern” (Del Reeves & Penny DeHaven)
“On The Back Row” (u.a. George Jones)
“Weakness In A Man” (u.a. Brook Benton)

Die Anzahl der Künstler, die einen oder mehrere Songs von Jerry Chesnut aufgenommen haben, ist gar nicht zu ermitteln.

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