Beiträge von Tobias Brockly
Dass man bekannte Popsongs in brillante Countryversionen umwandeln kann, haben Bands wie Texas Lightning oder The Twang ja schon unter Beweis gestellt. Dass es aber auch möglich ist, legendäre Countryhits als waschechte Punksongs zu spielen, das ist neu. Me First And The Gimme Gimmes, eine amerikanische Punkrock-Coverband, demonstrieren das anhand von zwölf allseits bekannten Countrysongs auf ihrer CD “Love Their Country”. Diese Band liebt also ihr Land und auch die landestypische Musik. Das sollte man wissen und sich während des Hörens immer wieder in Erinnerung rufen. Ansonsten besteht nämlich die Gefahr, dass man sich als Countryfan leicht auf die Füße getreten fühlt.
Los geht’s mit Garth Brooks’ “Much Too Young (To Feel This Damn Old)”, das sie während der ersten Strophe sogar nahezu originalgetreu nachspielen. Da sonnt man sich gerade noch in wohlig vertrauten Countryklängen, wenn plötzlich gegen Ende des Refrains das böse Wort mit “F” den Startschuss für das Punkrock-Feuerwerk gibt. Und von dort an stehen 25 Minuten Vollgas auf dem Programm – länger dauert die CD nämlich nicht. Gnadenlos “verpunken” sie Klassiker wie Willie Nelsons “On The Road Again”, Dolly Partons “Jolene” oder John Denvers “Annie’s Song”, dem die harten Punkgitarren überraschend gut zu Gesicht stehen. Grandios ist auch ihre Überarbeitung von Hank Williams’ “I’m So Lonesome I Could Cry”, inklusive schottisch anmutendem Dudelsack. Der Song erinnert dadurch etwas an die Version von “Auld Lang Syne”, der altbekannten Neujahrshymne, die vor einigen Jahren mal Die Toten Hosen im Rahmen ihres “Die Roten Rosen”-Projekts auf den Markt gebracht haben.
Mit “Goodbye Earl” von den Dixie Chicks geht es dann auch einem Song frischeren Datums an den Countrykragen. Wobei, sind wir mal ehrlich, hatte “Goodbye Earl” nicht eigentlich schon immer eine leichte Punkattitüde? Na also! Me First And The Gimme Gimmes haben sie nun ans längst überfällige Tageslicht gebracht. Und was ist mit Kris Kristoffersons “Sunday Morning Coming Down”? Ist dieser Text nicht eigentlich auch die ideale Grundlage für einen Punksong?
Was war das für eine Aufregung, als bekannt wurde, dass Alan Jackson – erstmals in seiner inzwischen 16-jährigen Musikkarriere – ein Album ohne seinen Erfolgsproduzenten Keith Stegall aufnehmen wird. Und als es dann auch noch hieß, dass keine Geringere als Bluegrass-Königin Alison Krauss die Regler im Studio verschieben wird, da hatte man eigentlich mit allem gerechnet, nur nicht mit einer Mischung aus Blues, Soul und dezenten Countryeinflüssen, inklusive einem nahezu 100%igem Balladenanteil. Mutig, Mister Jackson! Wirklich sehr, sehr mutig! Und daher auch an dieser Stelle schon mal einen gezogenen Stetson für diesen gewagten Schritt in eine neue Richtung.
Dass sich da eine gewaltige Kursänderung anbahnen würde, ließ sich ja bereits durch die Vorabsingle “Like Red On A Rose” erahnen. Nun ist es aber – wenn man schon so ein musikalisches Experiment macht – auch immer von Vorteil, das Wohl und den Geschmack der eigenen, oft langjährigen Fans im Auge zu behalten. Darauf scheint Alan Jackson bei dieser CD allerdings nur geringfügigen Wert gelegt zu haben.
Country Music aus Deutschland ist ja immer so eine Sache, bei der die Meinungen auseinander gehen. Bei Will Handsome aus Würzburg dürfte man sich allerdings einig sein. Zumindest was die Authentizität betrifft, denn selten gab es so urwüchsigen und originalgetreuen Country mit deutschem Gütesiegel wie hier. Da werden Songs von Hank Williams, Johnny Cash oder Merle Travis quasi 1:1 nachgespielt – ohne, dass die Songs nennenswert an Qualität verlieren. Und das muss man erstmal so hinbekommen. Sicherlich ist eine Legende wie Hank Williams stimmlich betrachtet unerreichbar, aber Sänger und Kopf der Band Dennis Schütze, seines Zeichens absoluter Vollblutmusiker, kommt mit seinen Interpretationen von “Ramblin’ Man”, “Weary Blues From Waitin’” und dem komplizierten “Long Gone Lonesome Blues” schon ziemlich nah ans Original heran. Das ist Countrynostalgie auf allerhöchstem Niveau. Auch die Versionen von Johnny Cashs “Cry, Cry, Cry” oder diverser Songs des großen Merle Travis zeugen von ungeheuerem Respekt vor den Originalen. Längst vergessene Klassiker werden von Will Handsome wieder zum Leben erweckt. Man verneigt sich hier vor einer Ära, in der Country und klassischer Rock’n'Roll mit all ihren Unterkategorien friedlich nebeneinander existieren konnten, ohne dass sich jemand daran gestört hat. Wichtig war halt nur, was hinten raus kam: also der Song.
Mit dem dreiteiligen Instrumental “Amazing Steel” bietet dieses Album eine echte Besonderheit: reiner Steel-Guitar-Sound in seiner klarsten Schönheit. Wow! Wo findet man etwas Derartiges heutzutage sonst noch? Und auch die Eigenkomposition sowie gleichzeitig Finalsong der CD “Papa’s Waltz” demonstriert, dass hier jemand mit ganz viel Liebe zur Musik am Werk war. Wieder ein reines Instrumental, diesmal allerdings mit akustischer Piano-Begleitung statt Steel-Guitar.
“This little San Antonio band cooks!”, sagt John Beland, Ex-Mitglied der legendären Flying Burrito Brothers und Produzent des Debütalbums von 10 City Run. Und der gute Mann hat Recht, aber so was von! Mit einer explosiven Mischung aus Truck-Driving-Country und würzigen TexMex-Klängen präsentieren sich die Newcomer auf ihrer gerade mal knapp 35minütigen CD. Ein bisschen kurz zwar, aber dafür immerhin ein durchgehend starkes Album ohne Durststrecken, in das man sich schnell einfindet und das auch zum Ende hin qualitativ nicht abfällt.
Ebenso ausgewogen wie die musikalischen Zutaten ist auch die Verteilung von Eigenkompositionen und Coverversionen. Und so sehr man vielleicht auch genervt die Augen verdrehen mag, wenn man entdeckt, dass sich der unverwüstliche Klopfer “Stay All Night, Stay A Little Longer” auf dem Album befindet, umso mehr ist man dann positiv überrascht, wenn man hört, was 10 City Run daraus gemacht haben. Eine erfrischende und dem 21. Jahrhundert angemessene Überarbeitung nämlich. Glänzen kann die Band auch bei Warren Zevons “Carmelita” und bei Doug Sahms “Juan Mendoza”. Zwei Tex Mex-Perlen sondergleichen, bei denen einen das South-of-the-Border-Feeling unweigerlich in seinen Bann zieht. Die Bezeichnung Coverversion wird den beiden Songs allerdings nicht im Geringsten gerecht. Während “Carmelita” mit einem Akkordeon unterlegt wurde, hat die Band bei “Juan Mendoza” kurzerhand den Text geändert. Da heißt es jetzt: “Terrorism’s in the news / George W’s got the blues, who cares?”, wogegen es in der Originalversion noch um Richard Nixon und die Watergate-Affäre geht. Zeiten ändern sich …
“White Trash With Money” ist für Toby Keith ein Album der Veränderungen – und das im wahrsten Sinne des Wortes! Nach der Trennung von seinem alten Label Dreamworks Nashville und der Gründung seines eigenen Labels Show Dog Nashville – allerdings weiterhin im Vertrieb von Universal – findet er auf diesem Album auch endlich wieder zu seinen alten Stärken zurück, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist und die man auf seinen letzten Veröffentlichungen leider schmerzlich vermisst hat. Soll heißen: Zeitgemäße Countrysongs mit brillianten Texten und Arrangements. Liegt das vielleicht an der neuen Produzentin Lari White? Anscheinend ja, denn James Stroud, mit dem er zuvor jahrelang zusammengearbeitet hat, hätte sich wohl niemals zu pompösen Verzierungen in Form von Streichern hinreißen lassen. Selbst die im Countrysektor sonst so unverzichtbaren Fiddles suchte man auf Toby Keiths Alben bislang vergeblich. Einzig und alleine sein Songwriting-Partner Scotty Emerick ist aus alten Dreamworks-Tagen zurückgeblieben und hat gemeinsam mit Toby nur die besten Zutaten aus vergangenen Erfolgen zusammengetragen und sie in neuen Songs verpackt.
Die erste Singleauskopplung “Get Drunk And Be Somebody” steht da geradezu symbolisch für einen Neuanfang. Satte Bläserarrangements in einem Countrysong? Ja, das geht, wie Toby in diesem Song unter Beweis stellt. Ansonsten ist der Song einfach purer Honky Tonk. Klar, es geht mal wieder um den lieben Freund Alkohol. Wobei die These, dass man erst etwas trinken muss, um jemand zu sein, schon etwas fragwürdig ist. Aber so sind sie halt, die Amerikaner. Wie so oft sollte man wohl den Text nicht allzu ernst nehmen, bei einer Spaßnummer, wie dieser.
Die vergangenen Jahre waren für Pinmonkey alles andere als eine Erfolgswelle. Nach dem Weggang von Rick Schell folgte der Ausstieg von Chad Jeffers im Sommer 2005, der sich seitdem voll und ganz der Tourband von Keith Urban widmet. Zu guter Letzt standen sie auch noch ohne Plattenfirma da, was die Veröffentlichung dieses Albums erneut verzögerte. Back Porch Records (deutscher Vertrieb bei MP-Media) hatte schließlich ein Einsehen und gab der Band – inzwischen mit Mike Crouch am Schlagzeug – ein neues Zuhause.
“Big Shiny Cars” verbreitet im Gegensatz zum Vorgänger eine weitaus entspanntere Atmosphäre, was eventuell damit zu begründen ist, dass Pinmonkey bei ihrem neuen Label endlich die nötige kreative Freiheit gegeben wurde, die sie anscheinend auch dringend brauchen, um ein vollends überzeugendes Album abzuliefern. Die erste Singleauskopplung “That Train Don’t Run” hat alles, was ein Radiohit benötigt und besticht durch Michael Reynolds’ gewohnt sanfte Leadstimme. Sommer- und Cabriofeeling ist garantiert, wie auch beim zweiten Song des Albums, eine Neuaufnahme des Dolly Parton-Klassikers “Down” von 1975. Etwas unerwartet kommt dann “Coldest Fire In Town”, eine klassisch traditionelle Countryballade, an dritter Stelle. Nach den ersten beiden flotten und ziemlich modern arrangierten Songs wirkt dieser Titel schon fast muffig und ist letztendlich der einzige winzigkleine Minuspunkt des Albums. Mit einer anderen Reihenfolge der Songs wäre der Übergang vielleicht nicht so radikal ausgefallen. So zum Beispiel nach dem vom Bluegrass geprägten “Shady Grove”, wo “Coldest Fire In Town” sicherlich einen besseren Eindruck hinterlassen hätte. Erneut ist es die Stimme von Michael Reynolds, die diesem Song das nötige Flair verleiht und damit beweist, dass Bluegrass nicht gleichzeitig auch spießig klingen muss.
“Warum nicht einfach mal einen Song über einen Dollar schreiben?”, muss sich Jamey Johnson gedacht haben, ohne dabei zu ahnen, dass das Ergebnis sein erster Hit werden würde. “The Dollar”, gleichzeitig auch der Titelsong seines Debütalbums, erinnert sowohl musikalisch als auch thematisch durch seine Vater-Sohn-Geschichte an “Love Without End, Amen” von George Strait. Und doch hat Jameys Song einen ganz eigenen Charakter. Seine Stimme besticht durch einen saftigen Southern-Twang und ist somit wohl eine der markantesten Erscheinungen der letzten Jahre.
Der zweite Song des Albums, “Flying Silver Eagle”, schreit geradezu danach die nächste Singleauskopplung zu werden. Die Story des Songs ist absolut außergewöhnlich, denn wer kommt bitte schön schon auf die Idee, einen Ehering einschmelzen zu lassen, um ihn dann in Form eines fliegenden Adlers als Schlüsselanhänger zu nutzen?! Tja, außer Jamey Johnson wohl niemand. Neben brillianten Countrysongs wie der Ballade “She’s All Lady” bietet das Album noch eine ordentliche Portion Südstaatenrock. Der Titel “Redneck Side of Me” ist da schon fast programmatisch und auch “Rebelicious” bildet da keine Ausnahme. Saftige Fiddles und ein knackiges Banjo machen diesen Song zu einem der Highlights der CD. Ebenfalls südstaatenrockig kommt die Ballade “Back to Caroline” daher. Selbst Johnny van Zant, seines Zeichens Leadsänger der Southern Rock-Band Lynyrd Skynyrd, hätte diesen Song nicht glaubwürdiger hinbekommen können.
Fast könnte man den Eindruck bekommen, als habe sich Josh Turner für sein zweites Album “absichern” wollen. Während der “Long Black Train” eigentlich immer noch ganz gut funktioniert und auf dem besten Wege ist, sich zu einem Longtime-Countryhit zu entwickeln, muss Josh jetzt mit dem Nachfolger beweisen, dass es sich bei ihm nicht um eines der zahlreichen One-Hit-Wonder handelt. Damit von vornherein für reichlich Gesprächsstoff gesorgt ist, hat er sich wohl so namhafte Unterstützung wie die von John Anderson und Ralph Stanley ins Studio bestellt. Eine gute Taktik, die aber eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Es sind die Songs und Turners fast schon beängstigend tief brummende Stimme, die die Qualität dieses Albums ausmachen, und nicht die berühmten Kollegen.
Bereits der erste Song zeigt, dass Josh Turner nicht den geringsten Wert auf aktuelle musikalische Trends legt. Davon hält er mindestens genauso wenig, wie die Dixie Chicks von George W. Bush und umgekehrt. “Would You Go With Me?” fragt er da, unterlegt mit knackigem Bluegrass und stampfendem Beat. Diese Frage beantwortet man nur zu gerne mit einem kräftigen “Yes, I would!”, denn auch das was dann noch folgt, ist absolut exquisit. So auch das bluesige “Loretta Lynn’s Lincoln” mit einer kuriosen Story über – natürlich – den Lincoln der “Coal Miner’s Daughter”. Die arg vernachlässigten Fans von John Anderson können sich über seinen stimmlichen Beitrag zu “White Noise”, einer Hymne auf die gute alte Zeit, in der die Musik noch auf Vinyl gepresst wurde, freuen. Der Song ist zwar eine Gemeinschaftskomposition von Josh und John, klingt aber wie ein echter Anderson. Oder vielleicht ist es auch einfach nur Andersons Fähigkeit, jeden Song durch seinen ganz eigenen Gesangsstil für sich zu vereinnahmen. Es scheint jedenfalls so, als würde sich Josh Turner ein wenig davon beeinflussen lassen. Denn sein Gesang ist stilistisch durchaus ähnlich, nur eben halt ungefähr 12 Oktaven tiefer angesiedelt.
Manchmal sind die Marketingstrategien der Plattenfirmen wirklich unergründlich. “Modern Day Drifter”, das aktuelle Album von Dierks Bentley, erschien bereits im Mai 2005 in den USA. Am 27. Januar 2006 wird es nun auch endlich bei uns in Deutschland veröffentlicht. Echte Fans und eigentlich auch alle anderen, die sich für die CD interessieren, dürften sie sich schon längst über einen der zahlreichen CD-Importdienste zugelegt haben. Anscheinend hält die EMI allerdings so große Stücke auf dieses Album, dass man nun versucht, ähnlich wie im Herbst 2004 schon bei Keith Urbans “Golden Road”, den deutschen Markt damit in Beschlag zu nehmen. Was also bei Keith Urban schon nicht 100%ig funktionierte, versucht man jetzt noch mal bei Dierks Bentley. Ob er größere Chancen hat? Vermutlich nicht …
Aber lassen wir diese fragwürdige Thematik einfach mal kurz beiseite und konzentrieren uns auf’s Wesentliche – nämlich die Musik. Und in diesem Punkt bietet “Modern Day Drifter” wirklich eine ganze Menge. Bereits der Opener “Lot Of Leavin’ Left To Do” knallt mit Banjo und Steelguitar ordentlich rein und erinnert, vielleicht nicht ganz zufällig, an diverse Hits von Keith Urban. Trotzdem wirkt der Song eigenständig und schafft es einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Bentleys sonore Stimme ist vermutlich der Grund dafür, wie sich auch auf “Come A Little Closer” (der Song war kürzlich erst Nummer 1 der Billboard Country Single Charts) zeigt.
Gary Allan hat wohl die schlimmste Zeit seines Lebens durchgemacht. Im Herbst 2004 beging seine Frau nach dreijähriger Ehe Selbstmord. Diesen schmerzlichen Verlust hat er in den Songs seines aktuellen Albums verarbeitet. “Es war wie eine Therapie für mich.”, sagt Gary über die Arbeit zu dieser Platte. Immerhin 4 der insgesamt 12 Titel hat er selbst geschrieben. Doch auch durch die restlichen Songs zieht sich dieses Thema wie ein roter Faden. Klassische Lovesongs findet man hier nicht – und das ist auch gut so! Für wen in der Welt sollte er diese Lieder zum jetzigen Zeitpunkt bitte auch singen …?
Der rumpelnde, von Jim Lauderdale geschriebene Opener und Titelsong “Tough all over” zeigt dann auch gleich wo’s lang geht mit der Zeile “I wish you were still here and I say it sadly”. Da steckt man sofort drin, in Garys Gefühlswelt und das ändert sich auch nicht wesentlich während den folgenden 11 Stücken. Die erste Singleauskopplung “Best I Ever Had” macht da keine Ausnahme: “So you sailed away, into a grey sky morning”, singt er da. Und auch Song Nummer drei des Albums, “I Just Got Back From Hell”, knüpft dort an. “I can’t say I’m doing great, but I think I’m doing well” – okay okay, Gary. Jetzt aber mal wieder etwas optimistischer, ja?
Was für ein turbulentes Jahr für Kenny Chesney! Im Februar erschien sein Album “Be As You Are”, den Sommer versüßte er uns gemeinsam mit Schauspielerin Reneé Zellweger und einem kurzen Ausflug ins Ehebusiness, und jetzt, im November 2005 präsentiert er uns schon wieder ein neues Album.
Eigentlich hätte man befürchten müssen, dass bei diesem Tempo die Qualität der Musik doch etwas auf der Strecke bleibt. Gerade beim Herrn Chesney, der doch laut eigener Aussage das entspannte Leben in der Karibik so sehr genießt. Und genau das, nämlich die Karibik in akustischer Form, lässt er, wie zuvor schon auf den Vorgängeralben, auch wieder auf “The Road And The Radio” einfließen.
Wenn Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson gemeinsam ein Album aufnehmen, dann kann das eigentlich nur ein Hochgenuss werden. Das wusste man schon 1995, als das Album erstmals veröffentlich wurde, und das weiß man auch noch heute, zehn Jahre nach Entstehung des Albums. Johnny Cash und Waylon Jennings sind inzwischen verstorben, wodurch dieses Album nochmals eine völlig neue Bedeutung bekommt. In der Reihe der Highwaymen-Alben ist es zwar das dritte, aber eigentlich das erste und einzige, was man wirklich als Album bezeichnen kann. Die beiden Vorgänger “Highwayman” (1985) und “Highwayman 2″ (1990) waren dagegen eher eine Ansammlung einzelner Songs und keine Alben mit durchgehendem Faden. Hinzu kommt noch, dass diese beiden Alben nur dank moderner Studiotechnik und des damaligen Produzenten Chips Moman zustande gekommen sind. Denn wer ernsthaft glaubt, die vier Burschen hätten sich 1985 und 1990 gemeinsam im Aufnahmestudio vor ein Mikro gestellt, der liegt derart falsch, wie man nur falsch liegen kann. Erst 1994 begaben sich die vier Einzelgänger zwecks gemeinsamer Aufnahmesessions zu “The Road goes On Forever” ins Studio.
Das Album beginnt mit dem rockigen “The Devil’s Right Hand” aus der Feder von Steve Earle. Einen besseren Auftakt könnte es für das Album gar nicht geben, außer vielleicht “Live Forever”, welches aber erst durch das Ableben von Waylon und Johnny eine tiefere Bedeutung bekommen hat. Wie bei so vielen Songs der Highwaymen, vor allem auch auf den älteren Alben, wurden hier die Strophen brüderlich aufgeteilt, so dass jeder mal ein paar Zeilen ins Mikro singen darf.
Merle Haggard ist einer der letzten Countrysänger seiner Generation, die auch im hohen Alter immer noch regelmäßig mit Neuveröffentlichungen auf den Markt kommen. Umso erfreulicher, wenn sich eine solche Countrylegende wieder auf’s Neue ins Studio begibt, um die Nachwelt mit feinster Country Music zu versorgen.
Auf “Chicago Wind” klingt “The Hag” wie zu seinen besten Zeiten damals in den 60ern, ohne dabei den Anschluss ans Heute zu verlieren. Zeitgemäße Texte, die sich mit der aktuellen politischen Lage Amerikas befassen, präsentiert er in teilweise sehr sarkastischen Uptempo-Nummern wie “Where’s All The Freedom” und “America First” – (Let’s get out of Iraq, get back on the track and let’s rebuild America first). Dezente Balladen gibt es beispielsweise mit Roger Millers “Leavin’s Not the Only Way To Go”, “What I’ve Been Meaning To Say” und dem sommerlich relaxten “Mexico”, bei dem man sich im wahrsten Sinne des Wortes für drei Minuten im sonnigen Mexiko aufhalten darf – wenn auch nur in akustischer Form, aber immerhin! Hier in Deutschland ist man ja dankbar für jeden warmen Sonnensstrahl, der durch die Lautsprecherboxen ans Ohr dringt. Wunderbar auch der Song “Honky Tonk Man”, der im schnulzigen Dreivierteltakt gehalten ist und so einen Hauch Nostalgie vermittelt. Ganz großes Countrykino, was der gute Merle hier bietet!
Anfang der 1990er Jahre stand Clint Black auf einer Stufe mit Garth Brooks. Doch dieser Zustand war nur von kurzer Dauer. Garth Brooks entwickelte sich zum Megastar und die Verkaufszahlen von Clint Black gingen von Album zu Album immer mehr zurück. Nach zehn Alben trennte sich seine Plattenfirma RCA Records von ihm und versetzte seiner Karriere erstmal eine Zwangspause. 2004 erschien dann mit “Spend My Time” sein erstes Album für Equity Records. Mal abgesehen vom gleichnamigen Titelsong enthielt das Album allerdings nur wenig, wofür es sich gelohnt hätte seine Zeit zu spenden. Ganz anders verhält es sich da auf “Drinkin’ Songs & Other Logic”. Ein potenzieller Hit reiht sich an den nächsten und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glatt meinen, es handle sich hierbei um ein Greatest Hits-Album.
Zugegeben, Clint Black erfindet die Country Music auf diesem Album nicht neu. Ganz im Gegenteil. Er macht einen großen Rundumschlag und bedient sich einmal bei allen countrytypischen Songmustern, die sich im Laufe der Jahrzehnte so angesammelt haben. Dies macht er allerdings so großartig und dezent, dass man ihm gar nicht böse sein kann. Da gibt es beispielsweise jede Menge Honky Tonk-Titel, wie den Titelsong, “Heartaches”, “A Big One” und “Longnecks and Rednecks” genauso wie die beiden wunderschönen Balladen “Go It Alone” und “Back Home in Heaven”. Die erste Singleauskopplung “Rainbow In The Rain” bietet radiofreundliches Countryflair, welches selbst George Strait oder Alan Jackson nicht besser hinbekommen hätte. Echte Westernatmosphäre kommt auf bei “Code Of The West”, übrigens die zweite Singleauskopplung des Albums. Das kurze Intro klingt verdächtig nach “The Good, The Bad and The Ugly” und nimmt zugleich jeden Zweifel, dass es sich hier vielleicht doch nicht um einen Westernsong handeln könnte.
Wie klingt eigentlich Texas? Oder anders gefragt: Wie klingt Texas eigentlich heute? Die Antwort: Texas klingt so wie das neue Album von Cory Morrow. Ähnlich wie Kevin Fowler ist er auch schon einige Jahre musikalisch aktiv, hat sich aber bislang doch eher in texanischen Gefilden rumgetrieben. Jetzt, mit neuer und größerer Plattenfirma im Rücken, geht er zum Großangriff über und wird vielleicht schon bald kein allzu Unbekannter mehr sein.
Der Album-Opener “Heart of fire” passt zu Texas wie die Karibik zu Kenny Chesney. Ein galoppierender Rhythmus, eine einprägsame Gitarren-Linie, dazu ein autobiographischer Text, dargeboten mit einer kratzigen Stimme, und schon ist das “Texas-Highway-Szenario” perfekt. Ein bisschen glatter wird’s dann bei “The beat of your heart”. Wenn die Leute vom Radio mitspielen würden, dann wäre das ein satter Erfolg und das sicherlich nicht nur in Amerika. Eine gleichzeitig eingängige und doch unaufdringliche Melodie, gewürzt mit ein bis zwei Lebensweisheiten (“Take it while it comes, cause it won’t last long, hazitate and the moment’s gone.”) und fertig ist ein grandioser Song!
The Twang sind neben Texas Lightning und The BossHoss eine der Bands, die sich des Countryfizierens verschrieben haben. Schade nur, dass diese Band bislang von größeren Charterfolgen – wie Texas Lightning und The BossHoss sie in diesem Jahr feiern konnten – verschont geblieben ist. Schließlich sind The Twang doch so etwas wie die Könige des Countryfizierens und haben mit “Countryfication” (2003) und “Let there be Twang” (2004) bereits zwei erstklassige Longplayer vorgelegt. Anstelle eines neuen Studioalbums haben sich die Jungs dieses Jahr für ein Live-Album entschieden, das allerdings nicht im regulären Handel, sondern nur über die Homepage der Band oder aber direkt bei Liveauftritten erhältlich ist.
Und was bieten sie uns auf diesem im edlen Digipack gekleideten Live-Album? Selbstverständlich viele großartige Countryfizierungen der ersten beiden Alben, wie z.B. Simon & Garfunkel’s “The Boxer”, dessen Intro extrem an Johnny Cash’s “I walk the line” erinnert und vermutlich als Huldigung des Man in Black verstanden werden kann. Skurril, aber genial, ist die vertwangte Version vom Stevie Wonder-Klassiker “I just called to say I love you”. Und wenn die verrückten Braunschweiger dann aus dem unkaputtbaren Fetenklopfer “YMCA” einen waschechten Tearjerker machen, dann lassen sogar harte Cowboys gerne mal eine Träne in ihr Bier kullern. Für Fans ganz besonders interessant sind die hier enthaltenen Versionen von “Ghostbusters”, dem Beastie Boys-Kracher “Fight for your right (to party)” und Pink Floyd’s “Another brick in the wall”, da diese drei Songs bisher auf noch keinem Album der Band erschienen sind.
Wirft man einen Blick in die aktuellen Countrycharts, dann findet man viel, aber nur wenig, das den Namen Country wirklich verdient. Um die wahre, unverfälschte Country Music zu finden, muss man sich als musikinteressierter Mensch also schon ein bisschen mehr einfallen lassen, als sich einfach nur an den Charts zu orientieren. Und wenn man dann lange genug gesucht hat, dann stößt man irgendwann auf so jemanden wie Kevin Fowler, einen Künstler, der schon seit Ende der 90er Jahre in den texanischen Honky Tonks sein Unwesen treibt.
Sein Song “100% Texan”, von seinem Debütalbum “Beer, Bait And Ammo” (2000), hat sich inzwischen zu einer Art Nationalhymne aller Texaner entwickelt. 2004 erschien mit “Loose, Loud & Crazy” sein drittes Studioalbum, von dem ich überzeugt bin, dass es selbst ein Jahr nach Veröffentlichung noch nicht die Beachtung bekommen hat, die es eigentlich verdient hätte.
Rodney Hayden ist “too country” für Nashville – das muss man erstmal sacken lassen. Als er sich vor ein paar Jahren mit der Unterstützung von George Strait-Produzent Tony Brown aufmachte um in Nashville den Weg einer großen Karriere einzuschlagen, bekam er dieses vernichtende Urteil zu hören. Die goldenen Tore Nashvilles blieben für ihn also verschlossen. Und womit? Mit Recht!
Ganz ehrlich – Rodney Hayden würde sich vermutlich überhaupt nicht wohlfühlen unter all den Hochglanzblondinen, die momentan die Charts in Beschlag genommen haben. Da ist es schon ganz gut so, dass er dieses Theater nicht mitmachen muss. Wenngleich es in Anbetracht seines relativ mickrigen Bekanntheitsgrads jedoch sehr schade ist, denn eigentlich hätte jemand mit seinem Talent ein Millionenpublikum verdient und nicht nur die qualmigen, in irgendwelchen texanischen Vororten gelegenen Honky Tonks. Seiner Musik kann das allerdings nur gut tun. Schließlich muss er bei der Songauswahl gar nicht erst die Charttauglichkeit der Stücke im Auge behalten, sondern kann einfach das aufnehmen, wonach ihm gerade der Sinn steht. Und er ist hörbar glücklich damit, wie der Titelsong des Albums verrät: “I’m living the good life, I’m happy to say, watching the sun sink low and my cares fade away …”


