Beiträge (News, Specials, Porträts) zum Künstler: Mary Chapin Carpenter
In den Charts spielt sie inzwischen keine Rolle mehr – das ist schade. Vermutlich, weil sie ganz bewusst ihren eigenen musikalischen Weg gesucht, gefunden hat und ihn konsequent geht – das ist gut so. Wenn im Radio schon mal ein Country-Song gespielt wird, dann ist Mary Chapin Carpenter immer noch oft genug erste Wahl. Heute wie gestern ist sie eine beeindruckende Persönlichkeit, die sich nicht scheut, für das einzustehen, was ihr wichtig ist.
Ich erinnere mich lebhaft an ein Gespräch mit ihr, das ich vor gut 20 Jahren mit ihr hatte. Vor mir saß eine aparte, junge Sängerin, eine moderne, selbstbewusste Frau. Langes Blondhaar umrahmte ein offenes Gesicht, aus dem mich wache Augen interessiert anschauten. Ohne mit ihr gesprochen zu haben, spürte ich, sie war anders als die meisten Country-Sängerinnen, das war kein “Nashville-Gesicht”.
Mary Chapin Carpenter macht dort weiter, wo sie mit ihren vorherigen Alben aufgehört hat. Mit bärenstarken, aussagekräftigen Songs, ebenso eindringlich wie überzeugend interpretiert. Wer darauf hofft, dass sie zu ihren kommerziell erfolgreichen Zeiten mit dem Super-Album “Come On Come On”) zurückkehrt, lässt besser die Finger davon. Ich meine, mit ihren bereits 3. Album für Zoe (Rounder Records)erreicht sie den bisherigen Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Kommerzielle Gedanken lässt sie bereits seit einigen Jahren nur noch unterschwellig in ihre Arbeit einfließen.
Da sie sich selbst in erster Linie als Songschreiber sieht, verarbeitet sie genau die Themen in ihren Liedern, die ihr am Herzen liegen. Dabei wird sie erstaunlich politisch und sozialkritisch. Drei Jahre hat es gedauert bis dieses Album fertig war. Alle zwölf Songs hat sie selbst geschrieben. Bei ist wird deutlich, dass dieses Genre Kunst ist. Es lohnt sich nicht nur auf die Inhalte zu achten sondern auch auf die Wahl der Worte, darauf, wie mit wenigen Worten komplexe Inhalte vermittelt werden können. Auf den Punkt, schnörkellos, treffend.
Mary Chapin Carpenter hat in diesem Jahr ein Weihnachstalbum veröffentlicht, doch liegt ihr nicht nur das Schreiben einiger Christma-Songs, sondern auch andere Feiertage haben es der Songwriterin angetan. Ein Titel war schnell gefunden, so hieß der Song der Einfachheit halber “Thanksgiving Song”.
Die Sängerin: “Es kam mir die Idee beim Schreiben anderer Songs. Der Herbst hat so was Wunderbares. Die Dunkelheit und das daraus resultierende wiederkommende Licht. Da sprudelte es nur so aus mir heraus.” Einen Veröffentlichungstermin gibt’s noch nicht. Aber in diesem Jahr wird’s wohl nichts mehr, den Thanksgiving (vergleichbar mit unserem Erntedank) ist am 27. November 2008.
Heute vor genau 50 Jahren erblickte Mary Chapin Carpenter, die in Japan, Tokio und Washington D.C. aufwuchs, das Licht der Welt. Bevor es Mitte der 1990er Jahre mit ihrer Karriere steil bergauf ging, tourte sie mit Judy Collins und Woody Guthrie als Folkkünstlerin durch die Lande und machte sich langsam aber sicher einen Namen.
Sie wurde im Jahr 1986 vom Produzenten und Gitarristen John Jennings entdeckt. Ein Jahr später nahm Mary in Nashville ihr Albumdebüt “Hometown Girl” auf. Bis Heute gilt sie als eine der ausdruckstärksten Sängerinnen, vergleichbar mit Nanci Griffiths oder K.D. Lang. Sie vereint gekonnt Country, Folk und Pop. Mit dieser Mischung verkaufte sie weltweit mehr als 10 Millionen Alben. Sie ist auch eine sehr angesehene und gute Kinderbuchautorin. In den Neunzigern schrieb sie das Buch “Dreamland”, welches zu einem Verkaufsschlager wurde.
Dem Nashville-Establishment gegenüber war sie immer mißtrauisch und folgerichtig entfernte sie sich mehr und mehr von den dortigen Praktiken. Mary Chapin Carpenter entschloss sich irgendwann, sich nicht mehr dem Druck auszusetzen, für die Charts produzieren zu müssen, sondern sie selbst zu sein. Sehr zur Freude von Liebhabern qualitativ hoher akustischer Musik. Kaum eine Künstlerin im Country / Folk-Bereich versteht es, so inhaltlich ausdrucksstarke Lieder zu schreiben und sie so kompetent zu singen. Mal ist sie politisch und nimmt Stellung, mal beschäftigt sie sich mit einer Naturkatastrophe wie dem Hurricane Katrina.
Melancholie ist eine ihrer besonderen Stärken, sie schafft es immer wieder, verborgene oder verdrängte Ecken in der Seele des Zuhörers aufzuspüren. In manchen Momenten erinnert sie mich an den Kris Kristofferson der letzten Jahre, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Hier wie da kommen auch die anrührenden, poetischen Momente. Und immer wieder die tröstende, Mut machende Botschaft rüber, dass viele Menschen Pech im Leben haben und dennoch nicht untergehen, wenn sie an sich glauben und ihr Schicksal in die Hand nehmen.



