Beiträge (News, Specials, Porträts) zum Künstler: Tom T. Hall
Eine in jeder Beziehung ungewöhnliche Nummer 1, die Dave Dudley mit diesem Novelty-Song im Jahr 1970 landete. Und jetzt raten Sie mal, wie viele dieser Spitzenpositionen der “King of Diesel”, der Mann, der die Truck-Songs beherrschte wie kein Anderer, belegen konnte? Nur diese eine, nur mit diesem “Pool Shark”.
Wer Dudley nur oberflächlich kannte, der hätte ihm einfühlsame Balladen oder Novelty-Songs nicht so recht zugetraut, doch hat der Hüne aus Wisconsin genau mit dieser Art von Songs seine besten Aufnahmen abgeliefert.
Man mag sich mitunter durchaus fragen, was dazu geführt hat, dass bestimmte Lieder so erfolgreich wurden und zeitlos geblieben sind. Wie bei diesem Song über die Elternpflegschaft des Örtchens Harper Valley. Die Melodie kann es kaum gewesen sein, so attraktiv ist die nämlich nicht. Also muß es wohl der Text sein, der das gewisse Etwas hat.
Was Tom T. Hall aufgrund eigener Erlebnisse festhielt und am Ort Harper Valley festmachte, paßt im Grunde überall hin. Angeprangert werden Verlogenheit, Scheinheiligkeit, Vorurteile. Hall stellt eine junge Witwe in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Sie hält sich nicht an die gesellschaftlichen Spielregeln der Spießbürger. Über ihre Tochter läßt ihr die Elternpflegschaft (PTA bedeutet Parents Teachers Association) ausrichten, sie kleide sich unmoralisch, sie trinke und gebe sich mit Männern ab. Bei dem Lebenswandel könne die Tochter nie und nimmer richtig erzogen werden.
Als vor einigen Jahren die Nachricht die Runde machte, Tom T. Hall habe sich aufs Altenteil zurück gezogen und wolle das Leben als Pensionär genießen, konnte ich das nicht recht glauben. Dazu hatte ich diesen ungewöhnlichen Künstler als viel zu ideenreichen und aktiven Menschen kennen gelernt. Dass ausgerechnet er daheim auf dem Sofa sitzen und Bücher lesen sollte oder er seinen Blumengarten pflegen würde – völlig undenkbar.
Schon bald relativierte sich dann die Nachricht auch. Tom T. Hall zog sich aus dem stressigen aktuellen Music Business zurück, er wollte nicht mehr auf Tournee gehen, sich nicht mehr dem Konkurrenzkampf um Hits stellen, es ganz einfach ruhiger angehen lassen. Er hat Wort gehalten. Und die Zeit dazu genutzt, das zu tun, woran er Freude hat. Also schreibt er weiter Lieder und Bücher, nimmt gelegentlich auch noch selbst Songs auf und gibt ansonsten jungen Musikern – vor allem der Bluegrass Music – die Chance, ihr Talent zu beweisen. Höchst erstaunlich und vor allem erfreulich, was da so in den Hall eigenen Studios entsteht, fernab allen Kommerzes.
Dies ist nicht nur ein erfolgreiches Lied sondern eines der besonderen Art. Von jener Sorte, die Tom T. Hall trefflich beherrscht. Man kann seine Art des Liederschreibens als in Songs verpackten Journalismus beschreiben. In diesem Fall hat das Lied, wie so oft bei Hall, einen sehr realistischen Hintergrund, denn es beschreibt einen Mann und sein Tun, der maßgeblich dafür verantwortlich zeichnet, dass es den Songschreiber und Sänger Tom T. Hall gibt.
Als Kind lernte er ihn kennen. Delany spielte Lieder und sang mit Vorliebe aktuelle Hits. Aber er brachte sie auf seine ganz eigene Art. Mit anderen Arrangements, verändertem Tempo, er machte sie einfach zu seinen eigenen Titeln. Daran mußte sich der junge Hall erst gewöhnen, fand das aber ungemein interessant. So interessant, dass er sich sagte, wenn jemand wie Delany solche Musik machen kann, dann sollte ich es auch können. Und auch selbst neue Lieder schreiben. Das, so betonte Hall stets, sei der eigentlich Anlass für ihn gewesen, Musiker zu werden.
Songs von Tom T. Hall sind fast immer besonders. Denn wie kaum ein anderer Autor versteht es der Mann aus Kentucky direkt aus dem Leben zu schreiben und dabei oft ganz banale Dinge auf seine humorige bisweilen auch satirische Weise festzuhalten. Dabei hält der der Gesellschaft auch schon mal den Spiegel vor die Nase. Hall geht mit offenen Augen durch’s Leben und findet Ideen für Songs wo immer er auch hinschaut.
Auch dieses Lied trägt deutliche biographische Züge, denn es geht auf eine Begebenheit zurück, die seinerzeit nicht gerade amüsant war. Entstanden ist es aber aufgrund eines Auftrages. Denn Kollege Stonewall Jackson arbeitete an einem Album, dass das Thema “Prison” (Gefängnis) verarbeitete. Da er noch Songs suchte, fragte er bei Tom T. Hall an, ob der etwas Passendes habe oder noch schreiben könne. Für Hall eine Herausforderung. Daheim sprach er Ehefrau Dixie darauf an. Man muss wissen, dass Dixie und Tom T. Hall seit vielen Jahren ein perfekt eingespieltes Autorenteam sind. Was unlängst dadurch noch einmal deutlich gemacht wurde, dass Mr. Hall das grandiose Album “Tom T. Sings Miss Dixie & Tom T. Hall” auf seinem eigenen Label veröffentlichte.
Er hat einmal gesagt, einen Song kann man über nahezu alles schreiben, man muss nur die Idee dazu haben, diese in die richtigen Worte kleiden und eine passende Melodie dazu finden. Tom T. Hall setzte dies in die Tat um. Jahrelang war er einer der erfolgreichsten Songschreiber und Sänger. Man nannte ihn auch den “singenden Reporter”, weil er sein Umfeld genau beobachtete, den Leuten aufs Maul schaute und darüber Lieder schrieb.
Mir erzählte Hall einmal, dass er sich einfach in einen Bus setzt und durch die Gegend fährt, um die Menschen dabei zu beobachten. Keiner schrieb authentischere Songs wie Hall, keiner war näher am geschehen. Hier hat er sich hingesetzt und ganz einfach und scheinbar wahllos Dinge aufgeschrieben, die er mag. Eine spezielle Art, seiner Lebensgefährtin zu sagen, dass er sie liebt, denn sie ist das Einzige, was sich im Lied wiederholt. Ein Psychologe habe ihm gesagt, man könne das Gefühl, unglücklich zu sein, dadurch überwinden, dass man alle Dinge aufschreibt, die einen stören. Er habe den Gedanken aufgegriffen und das festgehalten, was ihm wichtig ist.



