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Mr. Capitol Records: Ken Nelson

Vor 115 Jahren am 19. Januar 1911 wurde Capitol Records A&R-Legende Ken Nelson geboren. Ohne ihn würde die Countrymusikgeschichte heute zweifellos anders aussehen.

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Ken Nelson Ken Nelson. Bildrechte: Capitol Records

Jean Shepards Liedtitel „The Root Of All Evil (Is A Man)“, einer B-Seite von 1961, könnte man auch als Überschrift nutzen, jedoch nur, wenn man Evil für unsere Geschichte durch Fun oder Joy ersetzt.

Ken Nelson ist beileibe keine Randfigur der Countrymusikgeschichte. Aber wirklich bekannt ist er auch nicht. Das liegt daran, dass Ken Nelson kein Countrymusiker war. Eines ist jedoch sicher, ohne ihn würden wir einige der von uns verehrten Legenden der Countrymusik womöglich gar nicht kennen.

Geboren in Minnesota, wuchs Nelson in Chicago in einem Waisenhaus auf. Als Jugendlicher fing er professionell zu singen an und trat im Radio auf – später dann auch als Ansager und Moderator. Schnell hatte er es bei seinem Sender in Chicago mit Countrymusik zu tun, da er der Verantwortliche für eine Hillbilly Radio Show wurde. So machte er es zu seiner Aufgabe, immer wieder im Süd-Osten und Mittleren Westen der USA auf die Suche nach neuen Talenten zu gehen.

Nach seiner Soldatenzeit im Zweiten Weltkrieg bekam er 1951 über einen Freund und früheren Kollegen den Chefposten als A&R-Mann der Countrymusik Abteilung von Hollywoods Capitol Records angeboten. Unter A&R versteht man in Plattenfirmen Artists & Repertoire. Diese Menschen entscheiden, wer z.B. einen Plattenvertrag bekommt und sie treffen u.a. auch strategische Entscheidungen, was die Vermarktung von Künstlern angeht. Genauso suchen sie immerzu nach neuen Trends. Alles dies tat Ken Nelson. Und er tat es hervorragend.

Was Nelson außerdem tat, er produzierte seine Capitol-Künstler selbst. Dabei entwickelte er weniger einen eigenen Sound, vielmehr ließ er seine Musiker einfach machen und gab ihnen so das gute Gefühl, dass er ihnen vertraute. Als Nelson bei Capitol anfing, waren ein paar spätere Stars dort bereits länger unter Vertrag, u.a. Hank Thompson. Seinen ersten großen Hit „The Wild Side of Life“ hatte Thompson indes erst 1952 mit Ken Nelson. Nelson blieb Thompsons Produzent und nahm später 1961 mit ihm gemeinsam auch das allererste Country-Livealbum auf. Auch mit Merle Travis, der ebenfalls schon bei Capitol war, nahm er zahlreiche Platten auf.

Als Rockabilly auf der Bildfläche erschien, nahm Nelson die junge Wanda Jackson unter Vertrag und ebenso Gene Vincent als Capitols Elvis, dessen „Be-Bop-A-Lula“ er produzierte.

Ken Nelson hatte einen großen Anteil am Erfolg des Bakerfield Sound. Mit Bakersfield hatte Nelson buchstäblich direkt vor der Haustür eine Goldmine. Doch selbst ihm war nicht immer sofort klar, was ein Erfolg werden würde, was sich gut am Beispiel von Buck Owens illustrieren lässt: Nelson arbeitete mit Owens schon lange als geschätztem Session-Gitarrist zusammen, jedoch ohne ihm jemals einen Vertrag anzubieten, weil er annahm, Owens würde als Solokünstler nur andere kopieren. Über lange Zeit wurde Nelson von Owens Musiker-Freunden bekniet, ihn zu signen, aber Nelson blieb hart. Erst als Owens schon ein Angebot von Columbia erhalten hatte, griff Nelson 1959 zu. Mit allein 21 Nummer-Eins-Hits wurde Buck Owens – übrigens mit einem völlig eigenständigen Sound – Nelsons Hit-Garant.

Auch alle anderen Bakersfield-Sound-Größen hatte Ken Nelson unter Vertrag. Wynn Stewart nahm er unter Vertrag, als dieser ihm am Telefon vorsang. Früh hatte er auch Tommy Collins, Ferlin Husky und Jean Shepard gesignt. Ferlin Husky baute er später zum Crooner auf und hatte mit ihm 1957 mit Gone den allerersten Nashville Sound Hit überhaupt. Und natürlich war dann da auch noch Merle Haggard.

Haggard wurde von Ken Nelson entdeckt, als er Cousin Herb Henson bei dessen Show in Bakersfield als Gitarrist unterstützte. Erstaunlicherweise lehnte Haggard Nelsons Vertragsangebot erst einmal ab. Grund war, dass Haggard bereits bei Tally Records, einem kleinen Label in Bakersfield, gebunden war. Nelson kaufte Haggard umgehend aus seinem Vertrag heraus und übernahm die bisherigen Aufnahmen. 1963 veröffentlichte Haggard dann seine erste Single für Capitol. Mehr als drei Dutzend Nummer-Eins-Hits folgten über die Jahre.

1965 hatte Ken Nelson die Idee, ein Album mit Trucking-Songs aufzunehmen. Haggard war nicht interessiert. Den Job bekam dann Haggards und Owens‘ Buddy, der Session-Gitarrist und Songwriter Red Simpson. Das Album „Roll Truck Roll“ wurde ein durchschlagender Erfolg. In den Linernotes auf der Rückseite der Platte steht:

„Ever since he climbed into a Trailer cabin and started the steering for destinations everywhere, Red has been singing and composing ’songs of the road‘.”

In Wirklichkeit hatte Red Simpson noch nie in einem Lastwagen gesessen.

Auch am Erfolg der legendären Louvin Brothers hatte Nelson entscheidenden Anteil, da er sie, nachdem er sie unter Vertrag genommen hatte, 1955 bei der Grand Ole Opry unterbrachte und sie unter seiner Obhut auch erstmals Musik mit weltlichen Texten aufnahmen. Nelson entdeckte und produzierte neue Talente wie Faron Young und Roy Clark und holte z.B. Rose Maddox von den legendären Maddox Brothers and Rose zum Label.

Auch in der Popmusiksparte mischte Nelson hin und wieder mit, da es natürlich hier auch Überschneidungen gab. So sorgte er z.B. dafür, dass Glen Campbell nicht aufgrund mangelnden Erfolgs vom Label fallen gelassen wurde und er es mit einem neuen Produzenten noch einmal versuchen durfte. Wenig später nahm Campbell dann den Welthit „Gentle On My Mind“ auf.
Ähnlich wenig bekannt ist, dass die Beach Boys durch Nelsons Vermittlung ihre Heimat bei Capitol Records fanden. Sie waren dann eine der erfolgreichsten Popgruppen der Sechziger Jahre überhaupt.

Ken Nelson produzierte nach Schätzungen mehr als 100 Nummer-Eins-Hits. 1971 trat Ken Nelson als Kopf der A&R-Abteilung im Bereich Countrymusik zurück. Auch nach seiner Zeit bei Capitol produzierte Nelson unter anderem noch Merle Haggard, bis er 1976 endgültig in den Ruhestand ging. 2001 wurde Nelson feierlich in die Country Music Hall of Fame aufgenommen.

Für Buck Owens war Ken Nelson einer der schlausten Köpfe in der Musikindustrie überhaupt: „He found artists who wrote their own songs, had their own bands and knew what they wanted to do. Then he sat back … and let them do it.”

Als 93-Jähriger schrieb Nelson noch seine Autobiografie mit dem lakonischen Titel „My First 90 Years Plus 3“. Ken Nelson starb am 6. Januar 2008 im Alter von 96 Jahren.

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Über Oliver Kanehl (71 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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