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Guy Clark ist tot

Guy Clark: Geboren am 6. November 1941 in Monahans, Texas. Gestorben am 17. Mai 2016 in Nashville, Tennessee.

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Guy Clark Guy Clark - Bildrechte: NashvillePortraits.com

„Come on, Jack, that son of a bitch is coming“. Eine Textzeile aus dem Guy Clark-Song „Desperadoes Waiting For A Train“, einem Song, der vermutlich vielen Country-Freunden gerade im Ohr spielt ob dieser Nachricht. Ich kam mir vor, als würde ein Regal mit Songs aus der Feder dieses texanischen Poeten über mir einstürzen oder tausend Radiostationen gleichzeitig unterschiedliche Songs von ihm spielen.

Wissen Sie, liebe Leser, was ich gerade eigentlich mache? Ich bereite die Rezension der am Freitag erscheinenden Highwaymen-Box vor. Darauf enthalten ist natürlich auch der o.g. Song von Guy Clark, „Desperadoes Waiting For A Train“. Erst im letzten Jahr stimmte mein Kollege Hermann Lammers Meyer diesen Song bei der Trauerfeier für unseren Freund Ulli Möhring an, und wir alle sangen mit, mit Tränen in den Augen. Und nun? Nun singen wir ihn für den Mann, der ihn geschrieben und der Welt geschenkt hat.

Gibt es einen größeren Songwriter als Guy Clark? Nein nein, ich verfalle nicht in Superlative, keine Angst! Ich möchte nur in der Lage sein zu beschreiben, was da heute passiert ist. Ja, dereinst werden wir alle gehen müssen, von Gott heimgerufen werden, diese Welt verlassen. Sie kennen diese Formulierungen nur zu gut. Den Besten oder den Größten gibt es in dieser Klasse nicht, und das braucht es auch nicht. Er war einer der Größten, und das ist seit langem alles Andere als ein Geheimnis. Guy Clark war nicht irgendein exzellenter Songwriter, nein, dieser Mann war eine Ikone, eine Leitfigur, und er war ein Genie!

Und er war ein Poet, der zusammen mit Townes Van Zandt fast im Alleingang massivst die Country Music der 1970er und 1980er Jahre beeinflusste. Die Karrieren von Jerry Jeff Walker, Rodney Crowell, Emmylou Harris, Rosanne Cash, Vince Gill, Lyle Lovett, Radney Foster, Kevin Welch und nicht zuletzt Steve Earle wurden von seinen Songs befeuert, von seinem Einfluß angetrieben, und die Generationen vor ihm wie Johnny Cash, Waylon Jennings, Willie Nelson, Bobby Bare und viele Andere füllten ihre Songkataloge mit seinen Songs. Von „Texas 1947“ über „Rita Ballou“ und „L.A. Freeway“ bis zu „Let Him Roll“, „The Last Gunfighter Ballad“, „Anyhow I Love You“ oder dem oben erwähnten „Desperadoes Waiting For A Train“, die Liste seiner Songs nur von den ersten beiden Alben ist ähnlich beeindruckend wie bei Kris Kristofferson.

„Heartbroke“, „She’s Crazy For Leaving“, „New Cut Road“ oder auch „Voilà, An American Dream“ waren alle Hits, zum Teil auch Nummer-Eins-Hits. Und wenn keiner der von ihm geschriebenen Songs jemals ein Hit gewesen wäre, so wäre Clark doch kein bischen kleiner und unbedeutender gewesen. Seine Frau Susanna Clark, Songwriterin und Malerin, die 2012 verstarb, und sein Freund Townes Van Zandt, der schon lange nicht mehr unter uns weilt, waren seine Inspirationen. Ich kann jedem nur empfehlen, sich den Film „Heartworn Highways“ zuzulegen (auf DVD erhältlich), um sich ein umfassendes Bild des Einflusses dieses Mannes machen zu können.

Als ich mich in den späten 1970er Jahren endgültig der Country Music zuwandte, gab es kein Vorbeikommen an Guy Clark. Er wird oft und gern in einem Atemzug mit Billy Joe Shaver genannt, obwohl die Karrieren dieser beiden texanischen Legenden sich kaum bis gar nicht berührten. Guy Clark und sein Freund, Songwriterkollege und Zeitgenosse Townes Van Zandt haben mehrere Generationen von Songwritern beeinflusst. Als ich vor drei Jahren Emmylou Harris und Rodney Crowell in Hamburg im Rahmen ihrer „Old Yellow Moon“ Tour sah, da war vorher schon klar, dass Guy Clark und Townes Van Zandt virtuell auch dort sein würden.

Ein Blick in die sozialen Netzwerke beschert mir ein gerade mal sechs Wochen altes Déjà-vu. Diesmal sind es aber weniger die Fans und Musiker, sondern eher die Songwriter, die mit einer unglaublichen Wucht den Verlust dieses Mentors betrauern. Guy Clark starb heute im Alter von 74 Jahren in Nashville. Wir verneigen uns vor einem der größten Songwriter überhaupt, in tiefer Dankbarkeit für eine Flut an unbeschreiblich guten Songs. Zwei der unglaublichsten Alben der letzten 30 Jahre, nämlich „Guitar Town“ von Steve Earle und „Diamonds And Dirt“ von Rodney Crowell, waren Resultat seines direkten Einflusses.

Seit Stunden hat Guy Clarks Songkatalog mein Kopfradio gekapert. Einer meiner liebsten Songs ist das von ihm und Rodney Crowell verfasste „Stuff That Works“, das ebenso wie „Black Diamond Strings“ vom Album „Dublin Blues“ stammt. Guy Clarks Songs sind durchweg „stuff that works“, also „Dinge, die funktionieren“, die man nicht an die Wand hängt, weil man sie einfach nicht aus der Hand legt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft ich dieses Album gehört habe. Müsste ich Ihnen ein Album empfehlen, dann müsste ich Ihnen ernsthaft zum Kauf aller Alben von Guy Clark raten, denn wenn Sie auch nur eines nicht haben, haben Sie vielleicht das Beste verpasst.

Heute morgen fuhr sein Zug ab, und er musste einsteigen. „Come on Jack, that son of a bitch is comin‘!“ Schließen wir die Augen, träumen wir uns in die in diesem Song beschriebene Küche hinein und singen wir noch eine Strophe dieses alten Songs … like desperadoes waiting for a train. Danke für die Songs, die Musik, den Einfluß und die Weisheiten! Möge Guy Charles Clark in Frieden ruhen!

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Über Bernd Wolf (138 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Johnny Cash, Singer & Songwriter. Rezensionen und Biografien.