Wie John Prines Sohn oder der Singer & Songwriter Chris Acker
Im Mai kommt der Musiker aus New Orleans zum allerersten Mal nach Deutschland.
Chris Acker. Collage (Country.de) // Photo Credit: © (Gar Hole Records)
Ein spitzzüngiges Stück wie „Western Family“ über das Leben im Mittleren Westen von Chris Ackers erstem Album „Re-Runs“ von 2017 macht bereits deutlich, wofür der Amerikaner bis heute steht: eingängige Indie-Country-Hymnen mit DIY-Charme, gewürzt mit jeder Menge Humor.
Chris Ackerentstammt der Independent Country Szene von New Orleans. Keine Angst, auch Jazz wird immer noch in der Metropole am Mississippi gespielt, aber nach ihrer verheerenden Zerstörung 2005 durch den Hurrikan Katrina schuf der Wiederaufbau der Stadt perfekte Bedingungen für eine Countrymusik-Szene abseits des Mainstreams. Umherziehende Musiker aus den ganzen USA wurden hier in den folgenden Jahren sesshaft, weil sie sowohl perfekte Bedingungen für ihre Kunst als auch für ein günstiges Leben fanden. Durch den großen Leerstand waren Mieten und Lebenshaltungskosten äußerst niedrig und angenehmerweise konnten die Musiker hier während des harten US-Winters, wenn das Touren so gut wie unmöglich ist, in den Straßen der Altstadt für Touristen spielen. Dadurch fand ein bunter Haufen von Künstlern zusammen, der sich auch permanent musikalisch befruchtete.
Unter anderem entstammen die Deslondes mit Sam Doors und Riley Downing, Pat Reedy, Esther Rose oder Todd Day Wait dieser Szene. Luke Bell und Charley Crockett suchten dort auch eine Zeitlang ihr Glück. Für mich ist New Orleans das kreative Epizentrum einer lebendigen Countrymusik-Alternative zum Plastik-Pop, den man in den USA heutzutage gemeinhin Countrymusik nennt.
Sein hervorragendes zweites Album „Good Kid“ hatte Chris Acker ausgerechnet im März 2020 veröffentlicht. Es war wohl der Pandemie geschuldet, dass er dafür nicht mehr Aufmerksamkeit erhielt. Auch wenn das Album das ein oder andere traurige Stück enthält, entfacht es beim Hörer durchgängig gute Laune, was sicher nicht zuletzt dem lakonischen Witz Ackers geschuldet ist. Wer macht schon Country Songs über PEZ-Spender.
Auf „Good Kid“ macht besonders auch das Pedal-Steel-Spiel von Nikolai Shveitser viel Spaß. Nikolai, den mancher vielleicht von seinen Tourneen mit Todd Day Wait kennt, war seinerzeit Chris‘ Mitbewohner und auch Chris hat früher regelmäßig mit Todd auf der Straße oder bei anderen Gelegenheiten gespielt, wie auch zahlreiche Internetvideos belegen. Nikolai hat sich das Pedal-Steel-Spiel erst vor wenigen Jahren selbst beigebracht und baute sich sein erstes Instrument in Eigenregie, da er kein Geld für ein klassisches Instrument hatte. Das nenne ich Einsatz.
Chris Acker kam erstmals Anfang 2014 nach New Orleans, lebt seit 2015 dauerhaft in der Stadt und wie er sagt, liebt er sein unstetes Leben dort. Aufgewachsen ist er im Nordwesten in Seattle im Bundesstaat Washington. Als Kind hörte er auf langen Autofahrten zur Verwandtschaft in Idaho mit der Familie jedes John Prine Album. Und da haben wir schon seinen größten Einfluss: Good Kid.
So war dann auch der John Prine Song „Clocks And Spoons“ die allererste Aufnahme, die Acker zusammen mit Sam Gelband bereits 2014 völlig independent in New Orleans unter dem Namen „Kissin‘ Cousins“ herausbrachte.
Inzwischen erwachsen geworden, hat Chris Acker es geschafft, sich als Singer-Songwriter aus Prines Schatten zu befreien und einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Aber natürlich kommen einem bei einigen von Chris‘ Songs immer noch dessen große Vorbilder in den Sinn, was jemand in einem Kommentar auf YouTube trefflich folgendermaßen auf den Punkt brachte: „It‘s like Kristofferson and Prine had a baby, and then Cohen adopted and raised him.“
2021 brachte Chris bei Nick Shoulders‘ kleinem Indie-Label Gar Hole Records sein drittes Album „Odd, Ordinary, & Otherwise“ heraus. Diese Platte wirkt noch persönlicher als der Vorgänger und mehr wie ein Singer-Songwriter-Album. Vielleicht veröffentlichte Chris deshalb dieses Album unter seinem eigenen Namen und nicht mehr mit dem Band-Zusatz, obwohl seine Band die Growing Boys ihn auch hier wieder begleitet.
Ein Grund könnte in der Entstehungsgeschichte des Albums liegen, denn die Songs auf „Odd, Ordinary, & Otherwise“ sind zum einen natürlich stark von der monatelangen Isolation während der Pandemie beeinflusst, zum anderen spiegeln sie seinen Platz in der Straßenmusik und Dancehall-Kultur von New Orleans aus der Vor-Corona-Zeit wieder. Die 13 Titel bieten neben tanzbaren Country-Schiebern auch sehr leise, introvertierte Nummern wie das hervorragende letzte Stück – ironisch „TitleTrack“ genannt.
Chris Ackers eloquenter Country-Folk präsentiert stets poppige Songs voller wahrer Geschichten, gespickt mit einer humorvollen Sprache, von furchtloser Ehrlichkeit getrieben. Und so war Ackers kreative Antwort auf die Sorgen und Ängste, die 2020 dominiert haben, eine voller Leben.
Auf seinem aktuellen vierten Album „Famous Lunch“, erschienen Ende 2024, stellt sich Acker neuen Herausforderungen. Er wollte sich nicht wiederholen, sich neu ausdrücken und andere Wege beschreiten, ohne seinen inzwischen herausgebildeten Stil aufzugeben. Das war anstrengend.
Die Themen und Wendungen der neuen Songs sind bisweilen jetzt noch absurder: Chris stellte sich z.B. der Aufgabe, ein Stück zu schreiben, das klingt wie Song der Eagles, in dem diese immer wieder „shit“ sagen. Herausgekommen ist ein lieblich klingender Song, der durchaus gleichzeitig ernsthaft und derb ist. Letztlich ein typischer Acker Song.
Das durchgängig im Studio live eingespielte Album klingt lebendig, stimmig und ein wenig rau. Ganz passend für Ackers Songs, die immer dem Leben entnommen sind: mal intim, mal schreiend komisch.
Deutschland-Tour 2026
Im Mai 2026 kommt der unterhaltsame Meister der eloquenten Menschen-Beobachtung gemeinsam mit Rachel Baiman und Northcote auf der „Western AF Euro Tour“ zum allerersten Mal nach Europa und auch nach Deutschland: Los geht es am 8. in Hamburg, weiter am 12. in Berlin, am 13. in Dresden und am 14. in Burghausen.
Vielleicht wird Chris Acker dann ja bereits das ein oder andere Stück seines für 2027 geplanten fünften Albums zum Besten geben. Im Studio war er jedenfalls schon und 2026 sollen noch die ersten Singles erscheinen. Man darf gespannt sein!

