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On The Road Again: Eine Reise zu den Wurzeln der Countrymusik (Teil 1)

Von Charlotte über Shelby nach Cherokee

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Thomas Waldherr Thomas Waldherr. Bildrechte: Promo

„Wissen sie welches der größte Markt für Countrymusik in den USA ist? New York City!“ Wow, diese Reise fängt ja schon prima an. Unsere Chauffeurin vom Bus-Shuttle des Hotels, die uns zur Autovermietung am Flughafen bringt, ist schier aus dem Häuschen, als wir ihr erklären, dass wir eine Musikreise durch den Süden machen. Eine schöne Fachsimpelei entsteht, und vollends gepunktet habe ich bei ihr, als ich erzähle, dass wir Merle Haggard sehen werden, Bob Dylan mein großer Hero ist und dann auch noch den Namen von Rosanne Cashs Mann – John Leventhal, kenne. Ein toller Auftakt.

Wir sind am Abend zuvor in Charlotte, North Carolina mit einem US-Airways Nonstop-Flug gekommen und werden zehn Tage auf dem Weg zu den Wurzeln der Countrymusik unterwegs sein. Unsere Route führt uns zuerst nach Cherokee, North Carolina, wo wir Merle Haggard im Konzert erleben, dann weiter nach Bristol, Tennessee/Virginia, dem „Birthplace Of Country Music“. Dann geht es nach Nashville, wo ein Abend in der Grand Ole Opry eingeplant ist und die neue Country Hall Of Fame-Ausstellung über „Dylan, Cash & The Nashville Cats“ sowie das neue Johnny Cash Museum locken. Dann steht Montgomery, Alabama, auf dem Plan, wo wir auf den Spuren von Hank Williams wandeln wollen, aber auch das Rosa L. Parks Museum zum Busboykott, dem Auftakt der Bürgerrechtsbewegung, besuchen werden. Über Atlanta, Georgia, wird es wieder zurück nach Charlotte gehen.

Der Süden der USA ist ein Landstrich, der so viel schöne Musik – Blues, Country, Bluegrass, Jazz – ebenso hervorgebracht hat wie schrecklichen Rassismus und dumpfe Gewalt. Die Ereignisse kürzlich in Charleston, South Carolina und die Diskussion um die Konföderiertenflagge haben es wieder einmal deutlich gemacht. Uns war das schon vor dem Antritt der Reise bewusst. Dies ist nicht unsere erste Reise in den Süden.

Earl Scruggs-Center in Shelby, North Carolina

Wir sind froh, so langsam aus dem Großraum Charlotte raus zu sein, da sehen wir plötzlich das Schild am Rande der Interstate: „Earl Scruggs Center, rechts ab“. Irgendwie ging uns das bei der Planung durch die Lappen. Aber so viel Zeit muss sein. Der große Banjospieler, der einer der ersten Countrystars war, der sich auf die junge Rock- und Folkgeneration in den 60ern eingelassen hat. Da müssen wir hin.

Shelby ist ein hübsches Örtchen, das gleich zwei Stars der Countrymusik hervorgebracht hat. Don Gibson und eben Earl Scruggs. Die Ausstellung in dem schönen großen Haus, das früher mal ein Gerichtsgebäude gewesen ist, ist didaktisch und methodisch sehr gut gemacht, da wird uns auf dieser Reise noch ganz anderes begegnen.

Scruggs stieg beim großen Bill Monroe ins Musikbusiness ein und prägte durch sein „Drei-Finger-Banjo-Picking“ dessen Band-Sound sowie die Entwicklung des Banjospiels maßgeblich, eher er sich 1949 mit Lester Flatt, ebenfalls Mitglied der Bluegrass Boys, zum Duo zusammen tat. Gut zwanzig Jahre lang hatten die beiden großen Erfolg: Tourneen, Grand Ole Opry, Fernsehen. Aber als die 60er Jahre die USA auch kulturell nachhaltig verändern sollten, trennten sich ihre Wege. Während Scruggs- wohl auch unter dem Einfluss seiner Söhne – sich den neuen Folk- und Rockmusikern wie Bob Dylan zuwandte, konnte Flatt mit dem „Hippie-Zeugs“ nichts anfangen. 1970 erschien ihre letzte gemeinsame LP „Changing Times“. Fortan spielte Scruggs mit seinen Söhnen und befreundeten Musikerkollegen. 2012 starb er im Alter von 88 Jahren.

Drei Dinge nehmen uns für dieses Museum ein: Die Ausstellung ist didaktisch und methodisch gut aufgebaut: Sie stellt Sruggs Musik in den Zusammenhang ländlicher Volksmusik im Süden und sein Instrument, das Banjo, in den Mittelpunkt. Die Wechselwirkung mit der neuen Musikergeneration rund Bob Dylan wird ausführlich gewürdigt und die Ausstellung ist einfach optisch hervorragend präsentiert. Einziges Manko: Auch wenn sie am Ende im Streit geschieden sind: Lester Flatt hätte schon mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

Cherokee – Reservat und touristisches Folklorevergnügen

Nach vier Stunden Fahrt sind wir im Indianerland der Cherokee-Nation. Hier allerdings ist der edle Wilde schon lange gezähmt. Veräußert seine Traditionen in Form von Folklore und Andenkenkitsch für die vorwiegend weißen Touristen, die den Ort bevölkern. In der bewaldeten Berglandschaft wird gewandert, auf den Straßen rollen die Harley-Davidsons unter den Hintern braver Familienväter, die den Wochenend-Easy Rider geben und in den Bächen fischen die Väter mit ihren Söhnen. Ein Abenteuerland wie man es aus amerikanischen Familienserien kennt.

Inmitten des Orts thront Harrah’s Cherokee, ein riesiger Hotelkomplex mit Spielcasino und Event-Center. An diesem Abend spielt hier der „Country-Poet of the Workingman“, Mr. Merle Haggard“. Und diese „Workingmen“ und -women und die, die sich so fühlen und auch die, die dafür gehalten werden wollen, bevölkern an diesem Abend die 3000 Personen fassende Konzerthalle. Wo man hinschaut Karohemden, Baseballkappen, Jeans und Cowboystiefel, aber auch viele Leibchen mit patriotischen Statements bedruckt. „America – love it or leave it!“ heißt es barschauf einem Haggard-Shirt im Devotionalienstand. Als wenn es darum ginge. Gerade wer sein Land und dessen Menschen liebt, der muss auch die Zustände dort kritisieren dürfen. Aber vielleicht geht es bei diesem Spruch auch gar nicht darum und er ist eine völlig inhaltsleere Parole, eine reine Attitüde. Also letzendlich ein Spruch der ziemlich doof und überflüssig ist.

Merle Haggard erntet Standing Ovations

Nach einem geschwätzigen Einheizer, darf dann erstmal gegen 19.30 Uhr Haggards Sohn Noel auf die Bühne. Klingt stimmlich sehr nach dem Vater, nur leider fehlt etwas die musikalische Abwechslung. Ein schmachtender Honky Tonk-Song nach dem anderen trägt nicht unbedingt zum Hörgenuss bei. Doch nach einer halben Stunde kommt das Original. Jetzt flippen alle völlig aus. Frenetische Beifallstürme mit stehenden Ovationen, eher er überhaupt eine Note gespielt, einen Ton gesungen hat. Sie lieben und verehren ihn. Und auch wir sind so froh, ihn einmal leibhaftig im Konzert erleben zu dürfen. Große Momente!

Er wirkt trotz seiner 78 Jahre alles andere als greisenhaft. Macht einen stabilen Eindruck und ist gut bei Stimme. Und er stürmt durch fast alle großen Hits: „I Think I’ll Just Stay Here And Drink“, „Silver Wings“, „Mama Tried“, „Tonight The Bottle Let Me Down“, „Pancho And Lefty“, „Sing Me Back Home“, „I Started Loving You Again“, „Workin‘ Man Blues“ und natürlich „Okie From Muskogee“. Einmal greift er zur Fiddle und duelliert sich mit seinem etatmäßigen Bandgeiger. Ein großartiges Konzert, das aber nach etwas über einer Stunde schon vorbei ist. Es ist kurz nach 21.00 Uhr. Aber keiner, wir eingeschlossen, sind ihm deswegen gram. Im Gegenteil überall nur frohe Gesichter, ihn gesehen und gehört zu haben und bei einem Drink an der Bar tauschen wir uns über das Gehörte aus. Morgen geht es weiter nach Bristol, dem Birthplace Of Country Music.

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Über Thomas Waldherr (681 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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