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Elizabeth Cook – „Great Television“: Großes Kino für die Ohren

„Great Television“ ihr neues, von Shooter Jennings produziertes Studioalbum.

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Elizabeth Cook meldet sich mit „Great Television“ eindrucksvoll zurück. Produziert von Shooter Jennings, verbindet das Album Country, Americana und Rock ’n’ Roll mit starken Geschichten, historischen Stoffen und einer gehörigen Portion Eigenwilligkeit.

Elizabeth Cook – Great Television Elizabeth Cook – Great Television. Collage (Country.de) // Cover © Agent Love Records (Thirty Tigers)

Sechs Jahre nach „Aftermath“ meldet sich Elizabeth Cook mit einem Album zurück, das seinen Titel mit einem Augenzwinkern trägt. „Great Television“ ist vieles – Country, Americana, Rock ’n’ Roll, Geschichtsstunde und persönliche Bestandsaufnahme. Produziert von Shooter Jennings, zeigt Cook einmal mehr, warum sie seit Jahren zu den spannendsten Außenseiterinnen Nashvilles gehört.

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Elizabeth Cook war nie eine Künstlerin, die sich besonders darum gekümmert hätte, in welche Schublade man sie steckt. Zu Country für den Rock, zu unangepasst für den Mainstream-Country und bisweilen zu rockig für Traditionalisten – irgendwie hat sie sich zwischen all diesen Welten eingerichtet. Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

Auf „Great Television“, ihrem ersten regulären Studioalbum seit „Aftermath“ aus dem Jahr 2020, macht sie daraus endgültig ein Prinzip. Produziert wurde das Album von Shooter Jennings, und diese Verbindung erweist sich als Glücksfall. Jennings versucht nicht, Cook auf Hochglanz zu polieren. Stattdessen lässt er die Songs atmen, gibt Gitarren Raum, erlaubt Ecken und Kanten und schafft eine Produktion, die bisweilen rau und rockig wird, ohne Cooks Country-Wurzeln zu verdecken. Elf Songs sind es geworden. Und erstaunlich viele davon haben tatsächlich etwas zu erzählen.

Geschichten hinter den Schlagzeilen

Schon der Opener „Sunset Promenade“ gibt die Richtung vor. Persönliches und gesellschaftliche Beobachtung liegen auf „Great Television“ oft erstaunlich dicht beieinander. Der Albumtitel selbst entstammt der Zeile „hurricanes are great television“ – eine bitter-ironische Beobachtung darüber, wie Katastrophen, Schicksale und menschliches Leid zu medialen Ereignissen werden können. Cook belässt es aber nicht bei einer allgemeinen Medienkritik. Immer wieder sucht sie nach den Menschen hinter den Geschichten.

Besonders eindrucksvoll gelingt das bei „Girls Of Atomic City“. Cook richtet den Blick auf Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in Oak Ridge, Tennessee, am Manhattan Project arbeiteten, häufig ohne überhaupt zu wissen, woran sie beteiligt waren. Aus historischem Stoff wird bei Cook kein trockener Geschichtsunterricht, sondern ein Song über Menschen, deren Anteil an großen Ereignissen leicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet.

Noch schwerer wiegt „Thiokol Tripwire“. Cook beschäftigt sich darin mit der Explosion einer Munitionsfabrik im US-Bundesstaat Georgia im Jahr 1971, bei der zahlreiche Arbeiterinnen ums Leben kamen. Gerade solche Stücke zeigen, was „Great Television“ von einem gewöhnlichen Singer-Songwriter-Album unterscheidet: Cook schaut dorthin, wo andere weitergehen – und sie erzählt, ohne den moralischen Zeigefinger permanent vor sich herzutragen.

Wenn Evan Felker und Wynonna vorbeischauen

Mit „Razorwire Wall“ bekommt Cook Unterstützung von Evan Felker, Frontmann der großartigen Band Turnpike Troubadours. Zwei markante Stimmen treffen hier aufeinander, ohne dass daraus ein kalkuliertes Duett zweier Stars wird. Felker fügt sich vielmehr in Cooks Welt ein – und genau deshalb funktioniert die Zusammenarbeit.

Noch prominenter ist Wynonna Judd auf „The Easy Kind“ vertreten. Der Song gehört zu den emotionalen Mittelpunkten des Albums. Cook beschäftigt sich mit öffentlicher Wahrnehmung, Verletzlichkeit und Frauen, über die Medien und Öffentlichkeit irgendwann glaubten, ein Urteil fällen zu dürfen. Namen wie Whitney Houston, Britney Spears, Courtney Love und die verstorbene Country-Sängerin Mindy McCready tauchen dabei auf. Der Song ist einer dieser Momente, in denen „Great Television“ seinen Titel plötzlich noch einmal anders erklärt. Wer schaut eigentlich wem zu? Was bleibt letzten Endes vom Menschen übrig, wenn aus seinem Leben Unterhaltung geworden ist?

Elizabeth Cook kann auch anders

Zum Glück ist das Album keine 40-minütige gesellschaftspolitische Abhandlung. Cook weiß sehr genau, wann sie die Schwere abschütteln muss. „Dyin’“ bringt beispielsweise eine andere Energie ins Spiel, während „Sunset Promenade“ und andere Stücke zeigen, wie selbstverständlich Cook die Genres Country, Southern Rock und Americana ineinanderfließen lassen kann.

Eine der interessantesten Ideen wartet mit „19th Nervous Breakdown“. Ausgerechnet den Rolling-Stones-Klassiker nimmt sich Cook vor und betrachtet ihn aus einer weiblichen Perspektive. Das ist keine Coverversion nach dem Motto „Den Song wollte ich schon immer einmal singen“, sondern eine Neuinterpretation, die inhaltlich zum übrigen Album passt. Und genau das ist wichtig: Auf „Great Television“ wirkt wenig zufällig. Selbst dort, wo sich die musikalischen Stimmungen verändern, bleibt das Album gedanklich zusammen.

Shooter Jennings lässt Elizabeth Cook sie selbst sein

Shooter Jennings hat in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass gute Produktion nicht bedeutet, jedem Künstler einen wiedererkennbaren Produzentenstempel aufzudrücken. Auch hier hält er sich dort zurück, wo Zurückhaltung gefragt ist, und dreht auf, wenn Cook es braucht.

Die mit ihrer Liveband eingespielten Aufnahmen besitzen eine Direktheit, die dem Album ausgesprochen guttut. „Great Television“ klingt nicht nach einem am Computer zusammengesetzten Nashville-Produkt, man hört Musiker miteinander spielen.

Die Stimme steht über allem. Elizabeth Cook besitzt keinen Gesang, der nach technischer Perfektion strebt, das muss er auch nicht. Ihre Stimme kann spitz, verletzlich, trotzig, ironisch und im nächsten Moment erstaunlich warm sein. Sie erzählt nicht nur Geschichten – man glaubt ihr, dass diese Geschichten etwas mit ihr machen. Das lässt sich nicht produzieren bzw. planen.

Kein Album für nebenbei

Vielleicht ist genau das zugleich die kleine Hürde von „Great Television“. Wer ein Album sucht, das beim Autofahren einfach angenehm durchläuft und nach einmaligem Hören seine größten Refrains preisgibt, dürfte hier nicht jeden Zugang sofort finden. Manche Songs verlangen Aufmerksamkeit. Einige Hintergründe erschließen sich erst richtig, wenn man weiß, worüber Cook eigentlich singt.

Aber muss das ein Nachteil sein? Wir finden: nein. Denn „Great Television“ belohnt genau diese Aufmerksamkeit. Nach dem zweiten oder dritten Durchlauf entdeckt man Dinge, die beim ersten Hören kaum auffallen. Texte gewinnen an Bedeutung, musikalische Details treten hervor und vermeintlich unscheinbare Songs beginnen sich festzusetzen. Das ist in Zeiten schnell konsumierter Streaming-Singles fast schon ein Statement.

Fazit

Elizabeth Cook bleibt auf „Great Television“ genau die eigenwillige Erzählerin, die sie immer war. Shooter Jennings gibt ihr dafür den passenden musikalischen Raum: Country, Americana und Rock ’n’ Roll treffen auf Geschichten über Menschen, Schicksale und ein Amerika jenseits der Hochglanzfassade. Nicht jeder Song drängt sich sofort auf – doch gerade das macht den Reiz dieses Albums aus. „Great Television“ will gehört und nicht nur abgespielt werden.

Vielleicht ist der Titel am Ende also doch etwas irreführend, denn „Great Television“ ist kein großes Fernsehen, es ist verdammt gutes Storytelling.

Anspieltipps: „Sunset Promenade“, „Razorwire Wall“, „The Easy Kind“, „Girls of Atomic City“, „Thiokol Tripwire“

Elizabeth Cook – Great Television: Das 2026er Album

Elizabeth Cook – Great Television

Künstlerin: Elizabeth Cook
Album: Great Television
Label: Agent Love Records (Thirty Tigers)
Veröffentlichung: 14. August 2026
Formate: CD, Vinyl, Stream & Download
Genre: Country, Southern Rock, Americana
Tracks: 11
Bewertung: ⭐⭐⭐⭐☆ (4 von 5 Sternen)

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„Great Television“ – Trackliste

01. Sunset Promenade
02. Girls of Atomic City
03. Thiokol Tripwire
04. Okeechobee Mud
05. Razorwire Wall
06. The Easy Kind
07. Caldonia & The Love Convoy
08. In Your Veins
09. 19th Nervous Breakdown
10. Feverfew
11. Lightly

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Über Dirk Neuhaus (1943 Artikel)
Seit 26 Jahren Redakteur bei Country.de - Fachgebiet: Traditional Country, Bluegrass. Rezensionen, News, Specials.