Feelin‘ Haggard – Merle Haggard und seine Musik
Teil 3 - Kern River.
Merle Haggard - Bildrechte: Künstler, Promo
Vor zehn Jahren starb an seinem eigenen Geburtstag einer der größten Songschreiber der populären Musik. Country.de-Autor Oliver Kanehl erzählt Merle Haggards Geschichte anhand ausgewählter Songs in drei Teilen.
Bakersfield liegt im kalifornischen Kern County, der nach dem gleichnamigen Fluss benannt ist. Kern River von 1985 ist einer der besten Songs, die Merle Haggard jemals schrieb. Ein melancholischer und tiefsinniger Song, der wie jeder wirklich große Song mehrere Erzählebenen hat und auf jeden Fall wenigstens auf seiner Metaebene autobiografisch gefärbt ist. Verständlich, dass dieser Song seinem Schöpfer auch besonders am Herzen lag.
Ein Song wie „Kern River“ war aber Mitte der 80er wohl etwas zu düster für Haggards Labelboss Rick Blackburn, Verantwortlicher in einer Country Music Industry, die sich seinerzeit sukzessive ihrer verdienten Stars entledigte, da diese nicht mehr genügend Platten verkauften. Haggard erzählte dazu folgende Geschichte, die sich im Büro der Plattenfirma abgespielt haben soll. Blackburn sagte zu ihm:
„I’d like to tell you one more time. I don’t like Kern River.“
„That’s about the third time you’ve told me that“, entgegnete Haggard.
„It’s more like five times“ schoss Blackburn zurück.
Da platzte Haggard der Kragen: „Well, I’m about five times short of telling you to go to hell. Who do you think you are? You’re the son of a bitch that sat at that desk over there and fired Johnny Cash. Let it go down in history that you’re the dumbest son of a bitch I’ve ever met.“
Punkt für Haggard.
Nach dem Scheitern seiner dritten Ehe nahm Haggard in den 1980ern für einige Jahre harte Drogen, vor allem Kokain, und trank. Haggard hatte komplett den Boden unter den Füßen verloren. Die Dämonen der Vergangenheit hatten ihn eingeholt. „Why Can’t I Cry“ vom 1985er Album „Out Among The Stars“ macht wie viele andere seiner Songs explizit deutlich, dass Merle Haggard sein ganzes Leben immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hatte. Wie Dwight Yoakam einmal über Haggard sagte, war Traurigkeit um ihn, selbst, wenn er lachte.
Erst während der Ehe mit seiner fünften Frau Teresa ging es noch einmal im Großen und Ganzen wieder aufwärts, nachdem er Anfang der 1990er sogar ausgerechnet am Tag der Geburt von Sohn Ben Insolvenz anmelden musste. Ab der Jahrtausendwende wurde sein musikalischer Output wieder zusehends anerkannt und er arbeitete wie Jahre zuvor schon erneut mit anderen Künstlern wie z.B. Willie Nelson zusammen. Aber seine Gesundheit war nun angegriffen. 1997 hatte er eine Herzoperation und 2008 wurde Lungenkrebs bei ihm diagnostiziert, den er aber, nachdem ihm ein Stück der Lunge entfernt worden war, besiegen konnte.
2004 erschien, nachdem er längst von größeren Labels wie Epic und Curb fallengelassen worden war, ganz independent auf Haggards eigenem Label „Hag“ sein Album „Haggard – Like Never Before“. Auf diesem Album befindet sich die von Haggard gemeinsam mit seinem Keyboarder Doug Colosio geschriebenen Nummer Haggard (Like I’ve Never Been Before), von der wiederum Bonnie ‚Prince‘ Billy Jahre später auf seinem Tributealbum für Haggard „Best Troubador“ eine berührende Version aufgenommen hat.
Meines Erachtens hat Merle Haggard nie zuvor mit der Doppeldeutigkeit seines Namens in einem Song gespielt, obwohl sie doch gerade in Bezug auf seine von dunklen Gedanken und Depression handelnden Texten so naheliegend war. Denn das englische Adjektiv „haggard“ kann u.a. mit verstört, ausgezehrt und sorgenvoll übersetzt werden.
Schon zu seinen Lebzeiten gab es Tribute-Alben für Merle Haggard wie Johnny Paychecks „Mr. Hag Told My Story“. Und auch Bonnie Prince Billys tolles Album sollte eigentlich auch noch vor Haggards Tod erscheinen, um ihm die verdiente Wertschätzung als Songwriter zukommen zu lassen. Als Haggard dann aber während der Aufnahmen starb, wäre es fast gar nicht mehr fertiggestellt worden. Das wäre sehr schade gewesen, da Billy es schafft, der Huldigung von Haggards Werk eine ganz eigene Note abzugewinnen. Auch begnügt er sich nicht mit Haggards eigenen Kompositionen, sondern covert ebenso Songs, die auch Haggard nur interpretiert hat, wie z.B. das großartige „No Time To Cry“ von Iris DeMent.
Haggard war ein begnadeter Imitator anderer Country-Größen. Es gibt tolle Aufnahmen alter amerikanischer Fernsehshows auf YouTube, wo Haggard alle in Erstaunen versetzt, wenn er z.B. Marty Robbins‘ Songs besser singt als der anwesende Robbins selbst.
Haggard imitierte immer nur die, die er liebte. Diese Liebe für einzelne Heroen führte dann auch dazu, dass auch er verschiedene Tribute-Alben für seine Helden aufnahm und ebenso hat er einige Songs geschrieben, die Verehrung und Respekt für einzelne Freunde und Vorbilder ausdrücken.
Kurz nach seinem Tod taten es ihm Dale Watson & Ray Benson gleich und zollten wiederrum Merle Haggard Tribut, indem beide den Grundton vieler oft düsterer und melancholischer Haggard-Songs sehr gut trafen, wie z.B. in „Feelin‘ Haggard“.
Merle Haggards größte Helden waren immer Jimmie Rodgers, Lefty Frizzell, Hank Williams und Bob Wills gewesen. Mit ihrer Musik konnte er sich bis ins hohe Alter mit kindlicher Begeisterung identifizierten. So ist es auch kein Wunder, dass etwas vom musikalischen Vermächtnis dieses Mount Rushmore der Country-Musik selbst noch in der allerletzten Aufnahme von Merle Haggard durchscheint.
Seinen letzten Song nahm Haggard gute zwei Monate vor seinem Tod auf. Das Stück macht unmissverständlich deutlich, dass sein Autor wusste, dass er sehr bald sterben würde, denn schließlich handelt der ganze Song davon. Haggard, der gerne flog, wählte als Bild für sein Sterben eine bevorstehende Flugreise. Das andere starke Motiv in diesem Song ist wieder der Kern River, der dem Stück als „Kern River Blues“ auch seinen Namen gab. Nun schwach und krank gelingt Haggard selbst bei seinem letzten Song noch echte Meisterschaft, indem er gekonnt Abschiedsschmerz, Verbundenheit zur Heimat, seinen Hang zur Nostalgie und sogar Systemkritik unterbringt. Und so ist dieser Song das starke Schlusswort eines langen Songwriter-Lebens.
Ganz nebenbei erzählt Haggard scheinbar auch die Geschichte des Kern River. Einst floss dieser wild und ungestüm, nun sei er verschwunden genau wie die Honky Tonk Kultur Bakersfields. Die Schuld von Politikern. Zugleich beschreibt das Motiv des Flusses auch seinen eigenen Lebensweg: Einst war er stark und wild, nun nur noch kraftlos und bald dahin.
Von der Musik orientiert sich „Kern River Blues“ an den von Haggard so geliebten Blues-Songs von Jimmie Rodgers. Akzente setzen, die von Haggard immer mal wieder verwendeten Mariachi-Bläser und am Ende kurz vorm Ausklingen des Songs ertönt wie eine letzte Träne noch – nur kurz von der Steelguitar angedeutet – das Riff von Hank Williams‘ „Lovesick Blues“, wenn der Sänger wirklich gehen und vieles, was er einst geliebt, zurücklassen muss.
„I’m leaving town forever. Kiss an old boxcar goodbye. I dug my blues down in the river. But the old Kern River is dry.„



