Feelin‘ Haggard – Merle Haggard und seine Musik
Teil 1 - Workin' Man Blues
Merle Haggard - Bildrechte: Künstler, Promo
Vor zehn Jahren starb an seinem eigenen Geburtstag einer der größten Songschreiber der populären Musik. Country.de-Autor Oliver Kanehl erzählt Merle Haggards Geschichte anhand ausgewählter Songs in drei Teilen.
Dass Merle Haggard der Arbeiterschicht entstammte, hat er nie verleugnet oder abgelegt. Haggard sah sich berufen, Stimme derer zu sein, die eigentlich keine Stimme haben. Wenn man sich jedoch auf sein Gesamtwerk einlässt, dann wird durch die unzähligen Songs mit ihren Geschichten und artikulierten Wünschen, Leidenschaften, Hoffnungen und Ängsten nur ein Mensch sichtbar: Merle Haggard.
Der 6. April ist nicht nur der Todestag von Tammy Wynette, nein er ist auch der Tag, an dem Merle Haggard in Oildale – ganz in der Nähe von Bakersfield in Kalifornien – 1937 das Licht der Welt erblickte. Und ein 6. April war es wiederum auch, an dem er schließlich 79 Jahre später 2016 diese Welt wieder verließ. Er starb begleitet von seiner Familie in seinem Tourbus, der vor seinem Haus parkte. Hierhin hatte er sich für seine letzten Tage zurückgezogen.
Haggard wurde in eine Familie von Dustbowl-Flüchtlingen hineingeboren. Der junge Merle lebte mit den Seinen in einem umgebauten Boxcar, einem ehemaligen Eisenbahn-Kühlwaggon, ein ärmliches Leben, das aber im Vergleich zu dem vieler anderer Flüchtlinge aus dem ländlichen Oklahoma – in Kalifornien verächtlich Okies geschimpft – luxuriös war, denn diese mussten oft in riesigen Zeltstädten ein noch desolateres Dasein fristen.
Nachdem Haggards Vater, als Merle erst neun Jahre alt war, kurz nach einem Schlaganfall gestorben war, kam er als Jugendlicher immer mehr vom rechten Weg ab, rannte von zu Hause fort, fuhr auf Güterwagen bis nach Texas, stahl, kam in eine Besserungsanstalt, und dann nach einem völlig missglückten Raubüberfall ins lokale Gefängnis, aus dem er wiederum ausbrach, um danach schließlich für zwei Jahre und neun Monate im berüchtigten San Quentin einzusitzen, wo er dann irgendwann Johnny Cash das erste Mal bei einer von dessen Gefängnisshows sah.
Genau jener Johnny Cash sagte viel später einmal zu Haggard, als dieser längst selbst ein Star war: „Hag, you’re the guy people think I am.“
Denn Haggard hatte schon mit Anfang zwanzig so manches hinter sich, was ihn für sein weiteres Leben prägen sollte.
Früh fiel auf, dass Haggard musikalisch äußerst begabt war: Als Lefty Frizzell einmal in Bakersfield spielte, sagte ein Freund Merles zu dem Country-Star, dass der junge Haggard genauso gut sei wie er. Frizzell wollte hören, was Merle zu bieten habe und reichte ihm seine berühmte Gitarre mit dem Namensschriftzug auf dem Schlagbrett. Beeindruckt davon, was er gesehen und gehört hatte, insistierte Frizzell darauf beim Veranstalter, dass er erst wieder auf die Bühne gehen würde, wenn dieser Junge vorher ein paar Stücke gespielt hätte.
Schöne Geschichte am Rande: Jene Gitarre, mit der Haggard das erste Mal überhaupt auf einer Bühne stand, gelangte viele Jahre später auf Vermittlung Marty Stuarts in Haggards Besitz.
Als Haggard 1960 auf Bewährung freikam, wandte er sich bald voll und ganz der Musik zu, spielte zunächst in der Bakersfield-Szene, wurde dann von Wynn Stewart angeheuert und schließlich selbst Bandleader. Wie er dann zu seinem Capitol Records Deal kam, kann im Artikel über Ken Nelson nachgelesen werden.
Im Lauf seiner ersten Jahre scharte Haggard eine fantastische Gruppe von Musikern um sich und schuf mit diesen einen unverwechselbaren Sound. U.a. gehörten Steelgitarrist Ralph Mooney und Gitarrist Roy Nichols live- und im Studio zu seiner Band, die ihr ganzes Können z.B. beim Intro des großartigen „Drink Up And Be Somebody“ von Haggards 1967er Album „I’m a Lonesome Fugitive“ zeigen. Außerdem veredelten im Studio auch immer wieder Telecaster-Meister James Burton und Glen Campbell einzelne Tracks wie z.B. im Intro von Haggards Klassiker „Mama Tried“ zu hören.
Auf Haggards ersten Alben findet man neben typischen Honky Tonk Nummern und Covern auch viele Songs, die autobiografisch anmuten und seine Gefängnis-Vergangenheit thematisieren, aber tatsächlich sind sie nicht alle von ihm geschrieben, wie z.B. das Titelstück von „I’m A Lonesome Fugitive“. Dieser Song wurde Haggard sogar angeboten, als den Songschreibern noch gar nicht klar war, wie sehr die Lyrics zu Haggards eigener Biografie passten.
Als Haggard das erste Mal in Johnny Cashs Fernsehshow auftrat, bemerkte Cash zu Haggard, er sei sich sicher, sie hätten sich schon einmal irgendwo getroffen. Haggard erwiderte, dass sei am 1. Januar 1959 in San Quentin gewesen. Verdutzt entgegnete Cash, er könne sich gar nicht daran erinnern, dass Merle damals auch dort gespielt habe. Habe er auch nicht, er habe im Publikum gesessen.
Haggard war nicht von Anfang an offen mit seiner Vergangenheit umgegangen. In dieser Zeit begann er aber offener darüber zu sprechen und bald war es allgemein bekannt, dass Haggard ein ehemaliger Sträfling war. Erst als sein belastendes Geheimnis keines mehr war, war er bereit, seine Vergangenheit auch deutlicher in seinen Songs zu verarbeiten.
Haggard entwickelte schon früh einen einzigartigen Stil und traute sich dabei, Dinge so auszudrücken, wie sie vor ihm noch niemand in der Countrymusik ausgedrückt hatte: Einfach anders, mit diesem gewissen Haggard-Twist wie z.B. in „Today I Started Loving You Again“.




