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Hargus „Pig“ Robbins: Country Instrumentalist of the Century

Die Nashville A-Team-Legende starb Anfang des Jahres im Alter von 84 Jahren.

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Hargus Pig Robbins Hargus "Pig" Robbins. Bildrechte: Elektra - Foto: Jim Shea

George Jones‘ erster Nummer-Eins-Hit White Lightning, aufgenommen 1959 in Owen Bradleys Studio in Nashville, ist eine in mehrfacher Hinsicht bedeutsame Nummer. Bedeutsam, weil dieser Song nicht nur als Initialzündung für George Jones sagenhafte Karriere steht, sondern auch, weil „White Lightning“ die allererste Aufnahmesession von Pianist und Nashville-Legende Hargus Pig Robbins war. Was für eine Koinzidenz!

George Jones – White Lightning

Bereits im Alter von drei Jahren verlor Hargus Melvin Robbins durch einen Unfall beim Hantieren mit einem Messer des Vaters ein Auge. Damit nicht genug, kurz danach verlor er tragischerweise auch das zweite Auge. Diesmal durch eine Infektion. Zu seinem ungewöhnlichen Spitznamen Pig kam der junge Hargus, geboren 1938 in Spring City, Tennessee, bereits in der Schule. Er schlich sich gerne auf die Feuerleiter raus und spielte dort. Dabei saute er sich dermaßen ein, dass einmal eine Aufsicht sagte, er sei dreckig wie ein Schwein. Der Spitzname war geboren und blieb hängen. Wie Robbins immer betonte, störte dieser ihn jedoch nicht.

Auf der Tennessee School for the Blind begann er auch im Alter von sieben Jahren mit dem Klavierspiel. Später als junger Erwachsener spielte er dann in Nashvilles Clubs und fand schließlich seinen Weg in besagte George Jones Session. Nach der Session und dem Hiterfolg des Songs nahmen die Anfragen zu, was sich nochmals verstärkte, als Floyd Cramer, der erste Pianist des Nashville A-Teams, 1960 durch seinen eigenen Charterfolg mit „Last Date“ selbst zum erfolgreichen Solokünstler avancierte und nun oft für Gastspiele und Tourneen unterwegs war.

Im Folgenden spielte Robbins über 60 Jahre lang jährlich viele hundert Sessions. Ähnlich wie Nashville A-Team-Bassist Bob Moore – Moore verstarb im September 2021, hat Pig Robbins durch sein geniales und kreatives Klavierspiel bei unzähligen Aufnahmen die Countrymusik maßgeblich geprägt. Eigentlich müsste man fragen, mit wem bzw. für wen er nicht gespielt hat.

Pig Robbins spielte sowohl auf Dolly Partons „Jolene“ als auch auf vielen anderen ihrer Hits wie „Coat of Many Colors“. Er steuerte das Intro für Charlie Richs „Behind Closed Doors“ bei und saß genauso bei Loretta Lynns „Coal Miner’s Daugther“ oder „You’re Looking At Country“ am Klavier. Auf Roger Millers Hits und George Jones‘ „She Thinks I Still Care“ und „He Stopped Loving Her Today“ hört man ihn. Kenny Rogers „The Gambler“ und Tammy Wynettes „D-I-V-O-R-C-E“ veredelte er ebenso.

Robbins arbeitete für Ernest Tubb, Waylon Jennings, Willie Nelson, Connie Smith, Bobby Bare, Patti Page, Johnny Cash, David Allen Coe, Merle Haggard und Conway Twitty. Selbst auf Platten von Pianisten wie Jerry Lee Lewis und Ray Charles ist er zu hören. Für Tanya Tucker, Alan Jackson, Marty Stuart und auch jemanden wie Sturgill Simpson war Pig Robbins die erste Adresse, wenn es um überzeugendes Tastenspiel ging. Das galt auch für die Indieband „Ween“ Mitte der 90er, als diese ein Oldschool-Country-Album aufnehmen wollte, denn Pig Robbins hatte sich da auch schon längst in Rock und Pop einen Namen gemacht. Das hatte damit begonnen, dass er 1966 mit anderen A-Team-Größen zur Studioband von Bob Dylans Blonde On Blonde gehörte und dort u.a. mit den Kollegen etwas angetüdert, aber beherzt „Everybody must get stoned!“ grölte. Danach arbeitete er mit Peter, Paul & Mary, Joan Baez, Doug Sahm, den Everly Brothers, Tom Jones und Neil Young, mit dem er auch tourte.

Pig Robbins machte auch mehrere Soloplatten, bei denen ebenfalls der Humor nicht zu kurz kam: 1978 gewann er den Grammy als Best Country Instrumental Performance mit einem Album, das er zuvor Country Instrumentalist of the Year genannt hatte.

Pig Robbins verfügte über ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis. Meist brauchte er einen Song nur einmal zu hören, um ihn zu kennen. Notieren brauchte er nichts. Und wenn es mal etwas komplizierter wurde, da ein Stück mehrere Tonart-, Tempi- oder Akkordwechsel hatte, wussten seine Mitmusiker, wen sie fragen konnten, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Er wies ihnen den Weg. Robbins arbeitete stets nach dem Motto, der Künstler ist der Star, und die Studiomusiker sind nur dazu da, ihn zu unterstützen.

In Robert Altmans Musiksatire Nashville von 1975 taucht in ein paar Szenen in einer kleinen Nebenrolle der Komponist der Filmmusik auf. Richard Baskin spielt einen jungen, langhaarigen Sessionmusiker mit Namen Frog. Einmal ist ein alternder Countrysänger mit dessen Arbeit so gar nicht zufrieden und poltert: „When I ask for Pig, I want Pig! Now get me Pig!“ Sein A-Team-Kollege Charlie McCoy sagte über Pig Robbins, als dieser 2009 in die Country Music Hall of Fame aufgenommen wurde: „He’s the best session player I’ve ever worked with. When he’s on a session, everybody else plays better.“

Patsy Cline – I Fall to Pieces

Im November 1960 spielte das Nashville A-Team die Aufnahmesession für Patsy Clines „I Fall to Pieces“. Durch seinen Hit „Last Date“ verhindert, konnte Studiopianist Floyd Cramer nicht dabei sein. Pig Robbins nahm seinen Platz ein. Erst Anfang des Jahres hat er ihn für immer verlassen.

Hargus Pig Robbins starb am 30. Januar 2022. Er wurde 84 Jahre alt. R.I.P. Pig.

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Über Oliver Kanehl (34 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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