Rosanne Cash in Worpswede – ein grandioser Tourauftakt
Die charismatische Sängerin zu Gast in Norddeutschland: Großartiger Konzertabend!
Rosanne Cash eröffnete ihre Europatournee in der ausverkauften Music Hall Worpswede. Collage (Country.de) // Photo Credit © Sebastian Timm
Zwölf Jahre war Rosanne Cash nicht mehr im Nordwesten Deutschlands. Über ihr Konzert im Schlachthof in Bremen im Mai 2014 hatten wir ausführlich berichtet. Nun führte sie ihr Weg in eine wirklich kultige Location, die Music Hall in Worpswede, ein Ort, der sich völlig zurecht “Künstlerdorf” nennt, im Teufelsmoor gelegen, unweit von Bremen.
Von Bremen Zwei präsentiert, war dies das einzige Konzert in Deutschland auf dieser kurzen Europatournee, die in Worpswede ihren Startschuss erfuhr. So betrat der Musikjournalist Harald Mönkedieck, Moderator bei Bremen Zwei, kurz nach 20:00 Uhr die Bühne und kündigte den Act des Abends an. In Begleitung ihres Ehemannes, Produzenten und Gitarristen John Leventhal kam dann unter riesigem Applaus Rosanne Cash auf die Bühne und begrüßte ihr Publikum in der seit Monaten ausverkauften Music Hall.
Ein musikalischer Abend voller Nähe und Spielfreude
Mit „Modern Blue“ und “The Sunken Lands“, zwei Songs von ihrem großartigen Album „The River And The Thread“, eröffnete sie den Abend. Ich möchte aber hier keine Setliste runterbeten, sondern eher den Versuch unternehmen, etwas von der Atmosphäre in Worte zu fassen. Rosanne, die im September noch einige Konzerte in den USA aus gesundheitlichen Gründen hatte absagen müssen, wirkte fit und hatte „Bock zu spielen“, wie das unter Musikern gerne mal flapsig heisst. Sie stellte ihre Gitarre immer mal weg und konzentrierte sich ganz auf ihren Gesang, so, wie man das von ihr gewohnt ist. Das kann sie auch, denn ihr Mann und Gitarrist John Leventhal klingt mitunter wie mehr als „nur“ eine Gitarre.
Ich bewundere John Leventhal seit vielen Jahren. Seine Kreativität und seine Spielfreude sind und waren immer schon aussergewöhnlich. Und die Beiden sind natürlich musikalisch und emotional ganz dicht beieinander, und das sieht und spürt man, und es befeuert ein solches Konzert noch zusätzlich und macht es immer wieder und vielleicht mehr denn je zu einem Erlebnis.

John Leventhal in Worpswede. Photo Credit © Sebastian Timm
Die Beiden springen durch diverse Alben, eigene Favoriten, und der Name von Rosannes berühmtem Vater fällt nicht, und ich finde das ganz wunderbar, weil es klar aufzeigt, dass sie eine großartige, eigenständige Künstlerin ist, eine exzellente Songwriterin noch dazu. Nur ein Mal sagt sie „Dad“, bevor sie Kostproben aus ihrem Album „The List“ präsentiert.
„Ist Bruce Springsteen hier?“, fragt sie grinsend, und verweist dann darauf, dass ihr Mann John den Boss vertreten wird. Applaus brandet auf, und John Leventhal merkt mit einem Lachen an, „Hoffentlich habt Ihr nicht zu früh geklatscht!“ Nein, keinesfalls! John Leventhal dehnt Intros zu Songs aus, verlängert Solopassagen und verwöhnt das Publikum mit seinen virtuosen Exkursionen in diversen Tunings (Stimmungen), zwischen denen er immer wieder wechselt, schnell und zielsicher. Das Publikum bedankt sich mitunter mit Szenenapplaus während des jeweiligen Songs.
Rosanne Cash gibt erste Einblicke in ihr neues Album „Ships“
Schon früh im Konzert erzählt Rosanne davon, dass sie gerade ein neues Album aufgenommen hat, das unter dem Titel „Ships“ Ende März des kommenden Jahres erscheinen soll und kündigt an, einige Songs dieses Albums heute erstmals live zu präsentieren. Drei Songs sollten es schließlich werden, und der Applaus ist sehr groß. Die drei vorgestellten Songs erzeugen jetzt schon große Vorfreude auf das Album.
Musikalische Erinnerungen und eine besondere Verbindung
Das Album „The Wheel“ von 1995, damals noch auf Columbia Records (Rosanne sagt „Sony“, so ist es heute auch richtig), hat sie 30 Jahre später auf ihrem eigenen Label Rumble Strip Records wiederveröffentlicht. Es war damals der Beginn der Zusammenarbeit, der Liebe und der Ehe der Beiden, zu einem Zeitpunkt, so sagt es Rosanne, „als unsere Leben auseinanderfielen“. Zwei Songs hat sie im Gepäck, darunter den Titelsong.

Rosanne Cash in Worpswede. Photo Credit © Sebastian Timm
Nochmal zu John Leventhal: Auch er bekommt Gelegenheit, Songs von seinen beiden Soloalben „Rumble Strip“ von 2024 und dem kürzlich erschienen Album „National Drift“ vorzustellen. Er verweist auf den Gitarristen Ali Farka Touré, den er sehr verehrt, und dessen Einfluss auf ihn er mit dem der Stanley Brothers kombiniert hat bei dem Song „That’s All I Know About Arkansas“, und Rosanne fügt hinzu, dass sie für diesen Song den Text schreiben durfte. Und immer wieder wird die gegenseitige Zuneigung der Beiden, die Bewunderung füreinander und die Harmonie offenbar.
Große Songs, bewegende Momente und ein emotionaler Abschied
Ganz besondere Momente – auch die gab es. „Blue Moon With Heartache“, ein Nr. 1 Hit von ihrem Album „Seven Year Ache“, beeindruckt mich deutlich tiefer als früher. „Deportee“, ein alter Standard von Woody Guthrie und gerade sicherlich auch ein Statement innerhalb der Americana-Szene, bringt John Leventhal an den Flügel, und wenn es eine Botschaft gewesen sein sollte, dann hat das Publikum sie verstanden und feiert die Künstler dafür.
„A Feather’s Not A Bird“, ein weiterer Song von „The River And The Thread“, ist ein weiteres Highlight des Abends. Ich bin tief beeindruckt von einer Künstlerin, deren Musik mich seit 1980 begleitet. Und dann kündigt sich (leider) das Ende an, mit dem Song, der mich seit damals so fasziniert, „Seven Year Ache“. Rosanne und John applaudieren dem Publikum, während sie von diesem gefeiert werden. Natürlich gibt es eine Zugabe, eben den dritten Song vom kommenden Album. „Muss ich dafür gestimmt sein?“ fragt Rosanne ihren Mann. „Solltest Du“, antwortet er grinsend. Die tiefe E-Saite von Rosannes Gibson ist wohl massiv verstimmt, und Rosanne hält sich die Hand vor das Gesicht und sagt, „Und alles wird im Radio übertragen!“ Dann fragt sie John, „Kannst Du das verdammte Ding stimmen?“ Jetzt grinse ich. Nach diesem Song kündigt sie an, „Wir verlassen Euch mit einem Bob Dylan Song“, und, erneut mit John Leventhal am Flügel, singt sie „Farewell Angelina“, ein weiteres, ein letztes Statement.
Tief beeindruckt und bewegt verlasse ich die Music Hall und verweile noch einen Moment vor der Tür, bevor ich mich auf den Heimweg mache und auf eine baldige Rückkehr des Ehepaars Leventhal hoffe. Wer in der Nähe wohnt: Utrecht, Eindhoven und Antwerpen stehen noch auf dem Tourneeplan, und das Konzert in Worpswede hat Radio Bremen aufgezeichnet. In modernen Zeiten, mit der ARD Mediathek, lässt sich sicher irgendwann demnächst der Mitschnitt ganz oder in Teilen finden. Am Abend nach dem Konzert jedenfalls gab es einen kurzen Rückblick, im Radio auf Bremen Zwei. Danke, Rosanne Cash und John Leventhal! Die Songs klingen nach, und die Emotionen klingen nicht ab. So darf es gerne immer sein!





