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Del Reeves oder der Mann mit den Doodle-Oo-Doo-Doos

Diesen Sommer wäre die Honky Tonk Legende 90 Jahre alt geworden.

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Del Reeves Del Reeves. Photo-Credit by Del Reeves, Promo

Kaum sind die ersten Takte zu hören, wird sicher mancher denken: Moment, das kommt mir bekannt vor! Doodle-Oo-Doo-Doo? Ja, genau. Gemeint ist aber nicht das Jodel-Diplom von Loriot, sondern der Song von Truck Stop. Die Anfang der 1970er Jahre in Hamburg gegründete Band machte zunächst rein englischsprachige Alben, bis das vierte nicht sehr erfolgreich war und es zur Krise kam. Irgendetwas musste man ändern, also beschloss man, es auf Deutsch zu versuchen. Erste Single in heimischer Sprache war 1977 Die Frau mit dem Gurt. Der Song sorgte für etwas mehr Resonanz, aber der große Durchbruch kam dann wenig später erst mit „Ich möcht so gern Dave Dudley hör’n“. So viel zu dem, was man deutsche Countrymusik-Geschichte nennt, denn „Die Frau mit dem Gurt“ war nur die deutschsprachige Adaption von Del Reeves‚ US-Hit Girl On The Billboard von 1965.

Das Stück erzählt nonchalant die Geschichte eines Truckers, der tagtäglich auf seiner Route an einer riesigen Reklametafel vorbeifährt. Die darauf abgebildete Schöne erweckt seine Aufmerksamkeit, da diese nicht nur toll aussieht, sondern zudem nur mit einem Handtuch bekleidet ist. Selbst vom Fahren abgelenkt, fällt dem Protagonisten auf, dass es in der Nähe der Werbung oft zu Unfällen kommt. Scheint seine Sehnsucht, mehr von den Reizen der Frau zu erhaschen, zunächst nur rein in seinem sexuellen Begehren motiviert zu sein, verliebt er sich im Laufe des Songs in die Frau und fährt schließlich des Nachts zu dem Maler des Billboards, um zu erfahren, wer denn nun dieses Mädchen sei, das ihm dermaßen den Kopf verdreht. Ein Schock für den liebestollen Kraftfahrer, als der genervte Gebrauchskünstler ihn aufklärt: Die Schöne ist nur ausgedacht und er solle sich verdammt nochmal verziehen.

An dieser Stelle ist der Song recht modern, weil er nicht nur erstaunlich provokant eine Lücke für einen hier implizierten Fluch des geweckten Künstlers lässt, sondern diesen auch quasi überbeept – passenderweise mit einem an eine Hupe erinnernden Sound. Was sonst. Der Song endet dann damit, dass der Erzähler nochmals ausführt, wie ihm dieses Erlebnis das Herz gebrochen habe.

In Truck Stops Version des Songs geht die Geschichte etwas anders. Hier stehen neben der tollen – nur mit dem Gurt bekleideten Frau – der Sicherheitsaspekt und die schützende Funktion des Anschnallgurts im Vordergrund. Was heute ziemlich sexistisch wirkt, wurde 1977 aber sogar dazu benutzt, in einer Kampagne die Einführung der Gurtpflicht musikalisch zu unterstützen. So ändern sich die Zeiten.

„Girl On The Billboard“ wurde von Steelgitarrist Walter Haynes geschrieben: Als dieser eines Tages in Nashville im Stau stand, fiel ihm eine riesige Coca Cola Reklametafel ins Auge, darauf ein hübsches Mädchen in einem Badeoutfit. Noch vor Ort schrieb er fast den ganzen Text auf dem Armaturenbrett. Später füllte Songschreiber Frank Mills noch ein paar Lücken. Als das Stück so erfolgreich wurde – es war für 20 Wochen in den Countrycharts, zwei Wochen sogar Nummer 1 und schaffte es sogar in die Billboard Top 100 – nahmen die Macher gleich noch einen Answer-Song namens „I’m The Girl On The Billboard“ mit der Sängerin Joyce Paul auf.

Das an Hooks nicht gerade arme „Girl On The Billboard“ besticht durch seinen schnellen wortgewandten Sprechgesang, der in seiner Rhythmik ein wenig an das im gleichen Jahr erschienene Subterranean „Homesick Blues“ von Bob Dylan erinnert. Von ihrer Entstehungsgeschichte her haben beide Songs aber nichts miteinander zu tun. Inhaltlich war Reeves Song natürlich schon damals etwas schlüpfrig und provokant, aber dem verdankt er sicherlich zu einem Teil auch seinen Erfolg. Musikalisch sticht das Gitarrenlick hervor, das aber erst durch die vermeintliche Wiederholung als gesungenes Doodle-Oo-Doo seine ganze Wirkung entfaltet. Einmal gehört, nie mehr vergessen. So geht Popmusik.

Das Doodle-Oo-Doo hatte Reeves bei der Aufnahme improvisiert. Es blieb kleben und wurde sein Markenzeichen. Mir fallen allein mindestens fünf seiner Songs ein, in denen er es einsetzt. Schön prominent und selbstironisch natürlich bei „I’ve Used Up All My Doodle Do Do Do’s“ und auch gleich bei einem seiner Nachfolgehits zu „Girl On The Billboard“, dem mit seiner Frau Ellen verfassten „This Must Be The Bottom“, in dem auf geniale Weise auch der Bo Diddley Beat vorm Refrain Akzente setzt.

Del Reeves wurde 1932 als Franklin Delano Reeves als jüngstes von elf Kindern in Sparta, North Carolina geboren. Der damalige demokratische Präsidentschaftskandidat und spätere Präsident Franklin D. Roosevelt gab vielen Amerikanern in den Jahren der Depression so viel Hoffnung, dass sie sogar ihre Söhne nach ihm benannten, denn auch Reeves Familie war sehr arm. Doch wie er später einmal sagte, fiel ihm das als Kind nicht auf, da alle in seiner Umgebung arm waren. Früh lernte Reeves Gitarre spielen. Er benutzte einfach die Instrumente der Brüder, während diese im Zweiten Weltkrieg in Übersee ihren Dienst taten. Bereits mit 12 war der junge Del im Lokalradio ein Star. Nach kurzer Zeit auf dem College wurde er einberufen und ging in den 1950ern zur Air Force nach Sacramento, Kalifornien. 1956 heiratete er und bekam ein Jahr später bei Capitol einen ersten Plattenvertrag. Hier machte er bis 1958 ein paar Rockabilly-Aufnahmen und heuerte dann für die nächsten Jahre bei der Chester Smith Show bei einem lokalen Fernsehsender in Sacramento an. 1961 unterschrieb er bei Decca einen neuen Vertrag und hatte mit Be Quiet Mind einen ersten kleinen Hit.

Von Songschreiber Hank Cochran ermutigt, zog er im folgenden Jahr nach Nashville und nahm für Reprise und Columbia auf, bis er schließlich bei United Artists Records landete und dort für 14 Jahre blieb. Wenn es nach dem Management ging, sollte er George Jones ersetzen, der das Label gerade verlassen hatte. Reeves tat, was er konnte.

Seine erste und einzige Nummer 1 – „Girl On The Billboard“, war der erste Song, der bei seiner ersten Session für United Artists aufgenommen wurde. Zuvor hatte er nur vier kleinere Hits gehabt. Der Weg zum Erfolg war lang gewesen und wenn man alle Plattenfirmen, auch die ganz kleinen mit einbezieht, war United Artists nun Reeves‘ zehntes Label.

In Nashville begann Reeves – zum Teil mit seiner Frau, auch Songs für andere Künstler zu schreiben. Unter anderem nahmen Little Jimmy Dickens, Carl Smith, Rose Maddox, Roy Drusky und Wanda Jackson Stücke von ihm auf. 1966 wurde Reeves Mitglied der Grand Ole Opry und bekam dort seinen Nickname The Doodle-Oo-Doo-Doo Kid verpasst. Er blieb dort für mehr als 30 Jahre.

1967 nahm Reeves eine Duettplatte mit dem jungen Bobby Goldsboro auf und hatte ein Jahr später einen Hit mit „Good Time Charlie’s“ und der Erstaufnahme des später oft gecoverten Honky Tonk Klassikers „A Dime At A Time“.

Durch seinen Erfolg mit „Girl On The Billboard“ war Del Reeves dafür prädestiniert, weitere Trucking-Songs aufzunehmen. Der bekannteste war der immer noch coole Top-5-Erfolg „Looking At The World Through A Windshield“ von 1968, der auch gleich einem Album voller Lastwagensongs seinen Namen gab. 1973 brachte er mit „Trucker’s Paradise“ ein weiteres Album dieses Subgenres heraus.

Von 1969 bis Anfang der 1970er unterhielt Del Reeves das Publikum in seiner eigenen Fernsehshow, dem Del Reeves‘ Country Carnival. Dort hatte er Countrygrößen wie Tom T. Hall, Mel Tillis und Skeeter Davis zu Gast und zeigte auch immer wieder sein komisches Talent mit Imitationen anderer Künstler. Auch versuchte er sich als Schauspieler: u.a. im Burt Reynolds Western Sam Whiskey.

Ende der 1970er wechselte Reeves die Seiten und wurde Manager in der Plattenindustrie. Hier spielte er eine nicht unbedeutende Rolle zu Beginn der Karriere von 90er Jahre Country Mainstreamstar Billy Ray Cyrus. Später trafen sich die zwei allerdings vor Gericht wieder. Beigelegt wurde ihr Streit dann außergerichtlich.

Bis in die 1980er ging Reeves vereinzelt ins Studio und trat regelmäßig auf. 2002 stand er zuletzt auf der Bühne der Grand Ole Opry. Insgesamt nahm Reeves über 30 Alben auf. Ganze 55 seiner Aufnahmen kamen in die Charts.

Del Reeves starb nach längerer Krankheit am 1. Januar 2007 in Centerville, Tennessee. Er wurde 73 Jahre alt. Am 14. Juli 2022 wäre Del Reeves 90 Jahre alt geworden.

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Über Oliver Kanehl (37 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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