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Erinnerungen an Del Reeves

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Das Jahr 2007 begann für die Country Music mit einer schlechten Nachricht. Del Reeves, schon länger ernsthaft erkrankt gewesen, hatte den Kampf gegen den Tod am Neujahrstag verloren. Mit ihm ging ein weiterer Großer der 1960er und 1970er Jahre von uns. Ein Künstler, der mit einer ganz unverkennbaren Art zu singen Furore gemacht hatte. Einer der talentiertesten Entertainer der Country-Szene war er gewesen, denn seine Welt war die Bühne.

Wie oft habe ich ihn dort genossen, wenn er seine Hits vortrug, das Publikum mit Witzeleien aus der Reserve lockte und seine unnachahmlichen Parodien auf berühmte Kollegen vom Stapel ließ. Er hatte die gute Laune immer im Gepäck. Nahezu alle 2 Jahre war er in US Clubs bei uns unterwegs – für mich bedeutete es ein Muß, ihn irgendwo zu erleben. Auch in der Grand Ole Opry, deren Mitglied er seit 1966 war, konnte ich miterleben, wie beliebt Del Reeves auch ohne Plattenvertrag und aktuelle Hits geblieben war. Er verstand es wie kaum ein Anderer, ein Publikum mitzureißen, seine Möglichkeiten schienen grenzenlos. Wo er auf der Bühne stand, blieb kein Auge trocken, da ging die Post ab.

Del ReevesSparta im nördlichen Teil North Carolinas gelegen – heute ein verschlafenes Nest mit rund 1500 Einwohnern, von dem Niemand Notiz nimmt. Fährt man dorthin, weist ein Willkommensschild darauf hin, dies sei der Geburtsort von Del Reeves. Der 14. Juli 1933 war ein heißer Tag, ihn suchte er sich aus, um als jüngstes von 11 Kindern in ein ungewisses Leben geboren zu werden.

Nach dem kurz zuvor gewählten Präsidenten gaben die Eltern dem neuen Erdenbürger die Vornamen Franklin Delano, aus denen Del werden sollte. Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise, vielen Leuten ging es richtig dreckig – in Sparta ohnehin nichts Neues.

Del Reeves sagte mir dazu: „Wir hatten alle nichts, wir saßen alle im selben Boot. Deshalb war es eine schöne Zeit, ich habe nichts vermissen müssen, wie die Anderen auch nicht mehr hatten. Hinter dem Haus war eine Windmühle, die einen Generator antrieb. Wir waren sogar die Ersten, die elektrisches Licht hatten und wenn der Wind günstig stand, konnten wir samstags sogar die Grand Ole Opry im Radio hören!“

Del Reeves lernte also in jungen Jahren, mit Wenig auszukommen und damit zufrieden zu sein: „Ich hatte in meiner Kindheit Vorteile gegenüber Anderen“, sinnierte er. „Da ja Alle arm waren, wusste ich gar nicht, wie dreckig es uns eigentlich ging. Deshalb hatte ich eine wirklich schöne und glückliche Kindheit.“ Folglich vergaß er später als Country-Star auch nicht, was es für manchen Besucher seiner Show bedeutete, sich eine Eintrittskarte zu leisten. Auf die Frage, warum er sich ausgerechnet in der Turnhalle einer Schule in einem winzigen Ort in Missuori so reingeschafft hätte, sagte er „Diese Leute gehören zu den Ärmsten im Land. Sie bezahlen den gleichen Preis wie die feinen Leute gestern, haben es sich aber vom Munde abgespart. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, ihnen mehr als Gegenleistung zu geben.“ Um dem Teufelskreis der Armut zu entfliehen, sah Del Reeves nur zwei Möglichkeiten: Sport oder Musik. Seine sportlichen Talente brachten ihm ein Stipendium der Appalachian State University in Boone. N.C. ein. „Ich hatte vor, Lehrer für Sport und Geschichte zu werden. Trainer, das war so meine Idealvorstellung von einem Job. Aber die Einberufung zum Militär durchkreuzte meine Pläne.“

Künftig sollte dann die Musik die Oberhand gewinnen. Wenn Del Reeves seine Clownereien, verpackt in fetzige Musik, unter die Leute bringen konnte, fühlte er sich in seinem Element. Ich habe ihn oft gesehen, immer lief er wie ein hoch gezüchteter Rennwagen auf Hochtouren. Es gab viel zu tun für die Lachmuskeln. Wie verrückt er sein konnte, bewies er mit seiner Hochzeit. Del Reeves dazu: „Das war in Modesto, Kalifornien. Ein Veranstalter bot mir 25 Cents von jeder Eintrittkarte, wenn ich in der Show mitten auf der Bühne heiraten würde. Ich sagte o.k., wen soll ich heiraten?“ Ganz so einfach war es sicher nicht. Seine Ellen, geborene Schiell aus Michigan, kannte er damals immerhin schon ein paar Tage. Die Ehe hat all die Jahre gehalten, drei Töchter gingen zwischen 1957 und 1966 aus ihr hervor.

Den ersten Plattenvertrag bekam Reeves noch während der Militärzeit bei Capitol. Nach der Entlassung blieb er in Kalifornien und erarbeitete sich einen Ruf als Sänger und Songschreiber. 1962 holte ihn sein Freund, der bekannte Songschreiber Hank Cochran nach Nashville. Drei Jahre später schaffte Reeves den Durchbruch mit dem immer noch populären „Girl On The Billboard“ (Dieser Song sollte gut 10 Jahre späte in Deutschland den Durchbruch für Truck Stop bringen, denn mit ihrer deutschen Fassung starteten sie ihre glänzende Karriere als Erfolgsgruppe). Zahlreiche weitere Hits folgten für Del Reeves, darunter 22 Top 10 und 7 Nummer-Eins-Songs.

Zur Erinnerung an diese Hits eine kleine Auswahl, die auch zeigt, welch unnachahmliche Songs er im Repertoire hatte: „Belles Of Southern Belle“ – „I Would Love To See You Again“ – „Looking At The World Thru A Windshield“ – Women Do Funny Things To Me“ – „Gettin´ And Food For Your Chicken“ – „Be Queit Mind“ – „Landmark Tavern“ (Duett mit Penny DeHaven) – „There Wouldn´t Be A Lonely Heart In Town“ – „Working Like A Devil For The Lord“.

In einer eigenen TV-Show kam er jahrelang in die amerikanischen Wohnstuben und gelegentlich konnte man Del Reeves auch in Kinofilmen sehen. Höhepunkt eines jeden seiner Konzerte waren umwerfend komische optische und akustische Parodien auf Kollegen wie Walter Brennan, Roy Acuff, Jimmy Dickens, Jerry Lee Lewis oder Johnny Cash. Denkwürdig in Erinnerung bleibt mir ein Auftritt in der Grand Ole Opry als er vor rasendem Publikum zu zwei Zugaben gezwungen wurde und damit das strenge Protokoll sprengte. Derart überziehen darf normalerweise nur der Star, der den Abschluss des Abends bestreitet wie es viele Jahre Marty Robbins vorbehalten war. Hier wie da liebte man Del Reeves‘ flotte Songs und vergaß darüber, dass er sehr einfühlsame Balladen überzeugend schrieb und sang. „Gott hat mir die Gabe gegeben, komisch zu sein und schnelle Lieder zu singen. Darauf wurde ich festgelegt und dagegen kann ich nichts machen“, resignierte er ohne Groll. Um anzuhängen: „Aber ich singe Balladen ebenso gern, Lieder wie „As Plain As The Tears On my Face“ oder „The Only Girl I Can’t Forget“!“

Der Zahn der Zeit hatte auch an Del Reeves‘ Karriere genagt. Seine große Plattenzeit war seit geraumer Zeit vorbei, inaktiv wurde er deswegen nicht. Seine glänzenden Entertainer-Qualitäten blieben weiter gefragt. Er blieb ein ungemein beliebter Kollege in Nashville, der immer zu einem Scherz aufgelegt war. Über die zunehmend mehr zur Verfügung stehende Zeit freuten sich insbesondere seine Familie und die Pferde. Denn Del Reeves führte ein unauffälliges Leben auf dem Land, wo er in bescheidenem Umfang Rinder und Pferde züchtete. Bis ihn die Gesundheit immer stärker daran hinderte. Wie gerne würde ich diesen vitalen Künstler noch einmal erleben, mit der Zigarre im Mund in einer Jerry Lee Lewis-Parodie mit Händen und Füßen auf ein Klavier hämmern.