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Brad Paisley öffnet seine Tacklebox – alte Songs, neue Aufnahmen und jede Menge Countrymusik

Es ist eine dieser Ideen, bei denen man sich fragt, warum eigentlich noch niemand früher darauf gekommen ist.

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Brad Paisley öffnet sein Songarchiv: Mit „Tacklebox“ veröffentlicht er alte Ideen, vollendete Songs und neue Aufnahmen – ohne feste Albumstruktur und offenbar ohne geplantes Ende. Country.de hört genauer hin und erzählt die Geschichten hinter den bisherigen Titeln.

Brad Paisley: Tacklebox Brad Paisley: Tacklebox. Collage (Country.de) / / Photo Credit: © (Conner Petersen)

Brad Paisley hat in mehr als drei Jahrzehnten als Songwriter unzählige Songs geschrieben. Manche wurden Hits, andere landeten auf Alben, einige wurden von anderen Künstlern aufgenommen – und viele verschwanden in Schubladen, auf alten Bändern oder später auf Festplatten. Nun hat Paisley beschlossen, diese Schubladen zu öffnen.

„Tacklebox“ nennt er sein neues Projekt. Der Name ist ein typisches Paisley-Wortspiel. Eine Tacklebox ist eigentlich die Kiste eines Anglers, in der Köder, Haken und allerlei Zubehör liegen. Für Paisley ist sie nun eine Kiste voller „Hooks“ – musikalischer und textlicher Ideen, die irgendwann einmal geschrieben wurden und nie ihren Weg zu den Hörern fanden.

Doch „Tacklebox“ ist kein neues Album. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Es gibt keine festgelegte Trackliste, kein angekündigtes Veröffentlichungsdatum und offenbar auch keinen Punkt, an dem Paisley den Deckel seiner musikalischen Angelkiste wieder schließen möchte. Er selbst bezeichnet das Projekt als möglicherweise „never-ending“ – als eine Playlist ohne Ende, die den Fans beinahe direkten Zugang zu seinem Songarchiv geben soll.

Seit Mai 2026 wächst diese Sammlung. Und je länger man zuhört, desto deutlicher wird: Hier blickt Brad Paisley nicht einfach nostalgisch zurück. Er erinnert daran, was ihn einmal zu einem der wichtigsten Künstler seiner Generation gemacht hat.

Was ist Brad Paisleys „Tacklebox“?

Start: Mai 2026

Konzept: Eine fortlaufend wachsende Sammlung einzelner Songs ohne klassische Albumstruktur und bislang ohne angekündigtes Ende.

Die Songs: Paisley holt ältere, bislang unveröffentlichte Ideen und Songs aus seinem Archiv, vollendet sie oder nimmt sie neu auf. Gleichzeitig finden auch neue Stücke ihren Platz in der „Tacklebox“.

Der Sound: Traditioneller Country mit deutlichen Wurzeln in den 1980er- und 1990er-Jahren – jener Ära, die Brad Paisley selbst musikalisch geprägt hat.

Die Idee: Statt auf ein abgeschlossenes Album hinzuarbeiten, veröffentlicht Paisley die Songs nach und nach. Die „Tacklebox“ soll weiter wachsen und könnte nach seinen eigenen Aussagen zu einer Art Playlist ohne Ende werden.

Besonderheit: Für Teile des Projekts kehrte Paisley ins The Castle in Franklin, Tennessee, zurück – ein Studio, das bereits mit seiner frühen Karriere verbunden ist.

Zurück in die Zeit, als Songs noch liegen bleiben konnten

Die Geschichte von „Tacklebox“ beginnt lange vor der ersten Veröffentlichung. Ein Teil des Materials stammt aus Paisleys Archiv und reicht bis in die 1990er Jahre zurück. Andere Songs entstanden später, wurden aber bewusst von jener Countrymusik geprägt, mit der Paisley selbst groß wurde: Alan Jackson, Brooks & Dunn und Alabama auf der einen, George Strait und Garth Brooks auf der anderen Seite.

Brad Paisley: Tacklebox

Brad Paisley: Tacklebox. Cover, Grafik © (Universal Music)


Für die Aufnahmen kehrte Paisley unter anderem ins The Castle in Franklin, Tennessee, zurück – jenes Studio, in dem bereits Teile seiner frühen Karriere entstanden. Das passt. Denn wer die bisherigen Songs aus der „Tacklebox“ hört, erlebt keinen Künstler, der versucht, im Jahr 2026 jünger zu klingen. Man hört einen Brad Paisley, der wieder sehr genau weiß, was Brad Paisley eigentlich ausmacht.

Telecaster, Steel Guitar, Fiddle, Wortspiele und Geschichten aus dem Alltag. Große Gefühle, die manchmal hinter einem kleinen Witz versteckt werden. Und vor allem: Songs!

„Fallin’“ – Liebe wie in den 90ern

Der erste Griff in die Tacklebox führte zu „Fallin’“. Paisley schrieb den Song gemeinsam mit seinen langjährigen Weggefährten Chris DuBois und Frank Rogers. Die Idee stammt aus den 1990er-Jahren und wurde Jahrzehnte später wieder hervorgeholt und fertiggestellt. Paisley selbst bezeichnete den Sound treffend als „love in the ’90s“. Genau so klingt der Song auch.

„Fallin’“ ist keine große dramatische Liebeserklärung. Der Song lebt von den kleinen Momenten: ein Blick durch einen Raum, Gespräche, bei denen man den Faden verliert, und das langsame Begreifen, dass man sich längst verliebt hat. Musikalisch hätte der Titel tatsächlich vor 25 oder 30 Jahren erscheinen können. Die Produktion ist warm und unaufgeregt, die Gitarren bekommen Raum, und Paisley singt die Melodie, ohne sie mit unnötigen Effekten zu überladen. „Fallin’“ war deshalb der perfekte Einstieg in das Projekt. Nicht spektakulär – aber genau richtig.

Bereits im Mai berichteten wir über Brad Paisleys Startschuss für die Tacklebox und die Single „Fallin’“.

„This Town Ain’t Small Enough“ – Brad Paisley mit einem Grinsen

Mit „This Town Ain’t Small Enough“ kam anschließend jene Seite zurück, die viele Fans lange vermisst haben dürften, denn Brad Paisley war immer dann besonders gut, wenn er Beobachtungen aus dem Alltag mit Humor verbinden konnte. In diesem Song nimmt er das gewachsene, hektische Stadtleben aufs Korn und träumt von einem Ort, an dem Parkplätze nichts kosten, nicht überall Hochhäuser stehen und die Vögel nicht ausschließlich Tauben sind.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn hinter den Pointen steckt eine durchaus ernst gemeinte Sehnsucht nach Übersichtlichkeit. Nach einem Leben, das nicht immer größer, schneller und teurer werden muss. Musikalisch treibt ein klassischer Country-Rhythmus den Song voran, während Paisleys Gitarre praktisch schon vor dem ersten gesungenen Wort verrät, wer hier spielt. Brad Paisley konnte schon immer ernsthafte Dinge erzählen, ohne dabei ernst dreinzuschauen. „This Town Ain’t Small Enough“ erinnert daran.

„Without You“ – wenn das Wortspiel plötzlich ernst wird

Brad Paisley und Chris DuBois haben im Laufe der Jahre viele Songs gemeinsam geschrieben. „Without You“ gehört zu den ruhigeren Momenten der bisherigen Sammlung. Der Titel klingt zunächst nach einer klassischen Trennungsballade. Paisley wäre aber nicht Paisley, wenn er einen bekannten Gedanken nicht aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten würde.

Der Song lebt weniger von großen dramatischen Gesten als von dem Gefühl der Leere, die ein Mensch hinterlässt. Musikalisch nimmt sich Paisley zurück. Die Melodie darf wirken, die Instrumentierung bleibt traditionell, und die Gitarre begleitet die Geschichte, statt sie zu überrennen.

Innerhalb der „Tacklebox“ ist „Without You“ wichtig, weil der Song zeigt, dass das Projekt nicht nur aus nostalgischen Spielereien und cleveren Pointen besteht.

„Hi Ho Silverado“ – zwei alte Freunde und ein Chevrolet

Wenn Brad Paisley gemeinsam mit David Lee Murphy einen Song namens „Hi Ho Silverado“ aufnimmt, darf man ungefähr ahnen, wohin die Reise geht. Der Titel ist ein Wortspiel mit dem Ruf „Hi-Yo, Silver!“ des Lone Ranger und dem Chevrolet Silverado. Paisley schrieb den Song gemeinsam mit Murphy und Clint Lagerberg.

Inhaltlich geht es um einen Mann, der nach einem langen Arbeitstag nur noch eines möchte: hinein in seinen Truck und weg. Mehr braucht dieser Song nicht. „Hi Ho Silverado“ ist Countrymusik für die Straße. Locker, eingängig und mit zwei Stimmen, die wunderbar zusammenpassen. David Lee Murphy, dessen eigene Karriere untrennbar mit dem Country-Sound der 1990er-Jahre verbunden ist, ist hier nicht einfach ein prominenter Gast, er gehört genau in diesen Song.

„Overnight Low“ – wenn die Nacht nicht helfen kann

Gemeinsam mit David Ball schrieb Paisley „Overnight Low“, schon diese Kombination lässt aufhorchen. Der Song gehört zu den traditionellsten Momenten der bisherigen Sammlung. Eine lange Nacht, Einsamkeit und die Hoffnung, dass der nächste Morgen vielleicht etwas verändert – das sind Zutaten, aus denen Countrymusik seit Jahrzehnten ihre besten Geschichten macht.

Paisley lässt sich Zeit. Mit fast fünf Minuten ist „Overnight Low“ für heutige Streaming-Verhältnisse ungewöhnlich lang. Aber gerade darin liegt seine Stärke. Der Song muss nirgendwo schnell hin. Er darf erzählen.

Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Dinge an der „Tacklebox“: Brad Paisley scheint bei diesem Projekt niemandem beweisen zu müssen, dass ein Song nach zweieinhalb Minuten beim nächsten Titel angekommen sein muss.

„Helen Back“ – ein Titel, wie ihn nur Countrymusik erfinden kann

„Helen Back“ trägt das Wortspiel bereits im Titel. Schnell ausgesprochen wird aus Helen Back: „hell and back“. Der Song wurde von Paisley gemeinsam mit Chris DuBois und Clint Lagerberg geschrieben und ist ein schönes Beispiel für eine besondere Nashville-Tradition: Eine Redewendung oder ein Wortspiel wird zum Ausgangspunkt für eine ganze Geschichte.

Bemerkenswert ist dabei auch der Blick ins Archiv. Paisley selbst verwies bei der Veröffentlichung auf ein Archivband vom 3. Juni 1995. Damit wird greifbar, worum es bei „Tacklebox“ tatsächlich geht: Ideen, die Jahrzehnte überlebt haben und nun eine zweite Chance bekommen.

„Someone Else’s Arms“ mit Miranda Lambert – der bisherige Höhepunkt

Dann kam Miranda Lambert. „Someone Else’s Arms“ ist der siebte Song, der im Rahmen des Projekts veröffentlicht wurde, und vielleicht der bisher stärkste. Paisley schrieb den Titel gemeinsam mit Chris DuBois. Die Kombination mit Miranda Lambert funktioniert hervorragend, weil beide Stimmen eine Geschichte erzählen können, ohne sie übermäßig dramatisieren zu müssen.

Der Song lebt von klassischem Country-Herzschmerz: Zwei Menschen, eine Beziehung, die nicht gehalten hat, und die bittere Vorstellung, dass der andere irgendwann in den Armen eines neuen Partners liegt. Paisley und Lambert machen daraus keinen modernen Pop-Country-Dialog. Der Song klingt bewusst nach einer anderen Zeit – ohne deshalb alt zu wirken.

Gerade hier zeigt sich, was „Tacklebox“ im besten Fall sein kann: keine nostalgische Kopie der 1990er Jahre, sondern eine Erinnerung daran, warum diese Art von Countrymusik bis heute funktioniert.

„Treading Whiskey“ – ein starkes Bild für den Absturz

Mit „Treading Whiskey“ wird es dunkler. Schon der Titel ist ein starkes Bild. Statt Wasser zu treten, versucht der Erzähler, sich im Whiskey über Wasser zu halten. Natürlich kann das nicht funktionieren.

Der Song erzählt von den Folgen einer zerbrochenen Beziehung, von Dingen, die gesagt wurden, und von dem Versuch, den Schmerz im Alkohol zu ertränken. Paisley hat solche Themen in seiner Karriere immer wieder behandelt. Seine besten traurigen Songs waren dabei nie deshalb gut, weil sie möglichst laut litten, sondern weil sie Bilder fanden, die hängen blieben. „Treading Whiskey“ setzt genau diese Tradition fort.

„Out Of The Picture“ – eine Trennung in einem einzigen Bild

Auch „Out Of The Picture“ beginnt mit einer einfachen Idee. Jemand war einmal Teil eines gemeinsamen Bildes, jetzt ist er es nicht mehr. Paisley nutzt diese Fotografie-Metapher für eine klassische Trennungsgeschichte. Der Erzähler gehörte einmal zum Leben einer Frau, nun steht er außerhalb des Bildausschnitts.

Das ist typisch für die besten Songs aus Paisleys Umfeld: Die Idee lässt sich in einem Satz erklären, aber aus diesem einen Satz entsteht eine komplette Geschichte. Kein kompliziertes Konzept. Kein Versuch, besonders modern zu wirken. Nur ein guter Hook. Und damit passt „Out Of The Picture“ vielleicht besser als fast jeder andere Titel zur Grundidee der „Tacklebox“.

„Home Sweet Hotel“ – Zimmer 303 statt Eigenheim

Der bislang jüngste Griff in die Kiste heißt „Home Sweet Hotel“. Paisley schrieb den Song gemeinsam mit Lee Thomas Miller. Erzählt wird von einem Mann, dessen Ehe gescheitert ist und der nun in einem Hotel lebt. Eigentlich fehlt ihm dort nichts. Jemand macht das Bett. Jemand nimmt Anrufe entgegen. Es gibt Essen, eine Minibar, Fernsehen und eine Eismaschine auf dem Flur. Und trotzdem ist dieses vermeintliche Zuhause die Hölle.

Besonders stark wird der Song, als der Erzähler zu seinem früheren Haus fährt und feststellen muss, dass sein Schlüssel nicht mehr funktioniert. Die eigene Haustür ist plötzlich die Tür zu einem Leben, zu dem er keinen Zugang mehr hat. Am Ende bleibt Zimmer 303.

„Home Sweet Hotel“ ist Countrymusik in ihrer vielleicht klassischsten Form: Eine traurige Geschichte, ein guter Titel und gerade genug schwarzer Humor, um den Schmerz noch deutlicher zu machen.

Vielleicht ist gerade das Unfertige die beste Idee

Normalerweise würde man an dieser Stelle ein Fazit über ein Album schreiben, das funktioniert bei „Tacklebox“ aber so gar nicht. Denn möglicherweise erscheint schon bald der nächste Song. Vielleicht liegen in Paisleys Archiv noch Dutzende Titel, die er neu aufnehmen möchte. Vielleicht entstehen währenddessen neue Songs, die ebenfalls in diese musikalische Welt passen.

Paisley hat die Tacklebox geöffnet, was darin noch alles liegt, weiß vermutlich nur er selbst. Gerade darin liegt aber das Reizvolle des Projekts. In einer Zeit, in der Veröffentlichungen häufig über Monate geplant, angekündigt, angeteasert und anschließend in möglichst vielen Versionen vermarktet werden, macht Brad Paisley etwas erstaunlich Einfaches: Er findet einen Song, nimmt ihn auf und veröffentlicht ihn. Dabei blickt er zurück, ohne zum eigenen Nostalgie-Act zu werden. Die bisherigen Titel erinnern an den Country-Sound der 1990er und frühen 2000er Jahre, aber sie klingen nicht wie Museumsstücke. Sie klingen nach Brad Paisley.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus der „Tacklebox“: Manchmal muss ein Künstler gar keinen neuen Sound erfinden. Manchmal reicht es, sich daran zu erinnern, warum die Menschen einem überhaupt einmal zugehört haben.

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Über Dirk Neuhaus (1905 Artikel)
Seit 26 Jahren Redakteur bei Country.de - Fachgebiet: Traditional Country, Bluegrass. Rezensionen, News, Specials.