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Waylon Jennings: Der Nashville Rebell

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Deutlich mehr als 3 Jahre ist es nun schon her, dass mich die Nachricht tief betrübte: Waylon Jennings war verstorben. Zeit mag ja manche Wunden heilen, ich will auch nicht behaupten, dass mich die Nachricht verwundet hätte aber ein Gefühl der Leere hat sie schon verursacht. Insbesondere im Wissen, dass wieder ein Stück dessen weggebrochen war, das mich einen Teil meines Lebens angenehm begleitet hat. Country Music gehört nun mal seit Jahrzehnten zu meinem Leben. Es hat sich so ergeben, dass Gelegenheit dazu war, tief in die Materie einzusteigen und viele der Menschen kennenlernen zu können, die diese Musik formen. Es liegt in der Natur der Sache, dass genau sie aber mit fortschreitender Zeit immer weniger werden. Viele – für mein Empfinden zu viele – sind inzwischen aus den unterschiedlichsten Gründen und zu früh von uns gegangen. Unwiderruflich. Das verursacht auf der einen Seite das Gefühl der Leere – gibt aber auch Gelegenheit, sich mit dem musikalischen Nachlass und den damit verbundenen Erinnerungen zu trösten.

Waylon Jennings – mit ihm verbinden sich bei mir Schlagworte wie Rebell, Eigenbrötler, schwieriger Zeitgenosse, einfühlsamer Songschreiber, Gitarrist und Sänger. Aber er hatte auch eine andere, weitaus weiniger bekannte Seite, eine vor allem menschliche. Kinder lagen ihm sehr am Herzen, ihnen erfüllte er so manchen Wunsch. Auch behinderte Menschen genossen seine besondere Zuneigung, für sie hatte er immer ein tröstendes Wort und oft auch Zeit. Jennings gehörte zu den Ikonen, die sich nicht verbiegen ließen, es mit Kompromissen versuchten und am Ende doch mit ihrer Philosophie zum Erfolg fanden. Mitläufer war der Texaner nie, er war stets bemüht, das Konzept des Handelns in eigenen Händen zu halten – was freilich nicht immer gelingt und richtig ist und auch zu Problemen führen muss. Seine Biographie ist oft genug publiziert werden, so dass ich an dieser Stelle nur einige wichtige Punkte ansprechen möchte. 1937 im texanischen Panhandle im Großraum von Lubbock geboren, wurde der junge Mann von der eigenständigen Musikszene der Gegend geprägt, die eine Reihe von Musiklegenden hervorgebracht hat. Wie Buddy Holly, der so etwas wie erster Mentor des Waylon Jennings wurde. In Holly’s Band zupfte Jennings den Bass, Holly ermöglichte ihm seine ersten Plattenaufnahmen, Holly’s Unfalltod 1959 warf zeitlebens Schatten auf Jennings‘ Leben. Nur einem Zufall zufolge war er nicht im abgestürzten Flugzeug – daher rührte Jennings lebenslange Aversion gegen das Fliegen. Wenn es möglich war, wählte er eine andere Art, geographische Entfernungen zu überbrücken. Hier schleichen sich angenehme Erinnerungen ein. Auch Waylon Jennings gehörte in den 70er Jahren zu den Stars, die bei den im Dunstkreis der legendären Wembley Festivals auch in anderen Ländern Europas durchgeführten Festivals auftraten. Natürlich bestieg er innerhalb Europas kein Flugzeug sondern reiste z.B. mit der Bahn. Auch nach Zürich. In Kenntnis der Umstände ergab sich so für mich und einige wenige Eingeweihte Gelegenheit zu einem intensiven Gespräch abseits des ansonsten mit einer Großveranstaltung verbundenen Trubels.

Waylon JenningsDie Karriere des Mr. Jennings verdeutlicht, wie schwierig es auch für ihn war, „seine“ Musik so zu verfeinern, dass sie beim großen Publikum endlich ankam. Welcher Country Star wagte sich in jenen Tagen an Beatles Titel wie „Yesterday“ heran? Jennings tat dies, er machte so unterschiedliche Songs wie „Norwegian Woods“ und „Yestrday“ ebenso zu „seinen“ Songs wie das in der Country Music völlig ungewöhnliche „MacArthur Park“ oder die starke Ballade „Atlanta’s Burning Down“. Jennings sang natürlich Buddy Holly Titel wie Roy Orbison’s „Crying“ oder „Kentucky Woman“ von Neil Diamond. Derlei Beispiele lassen sich reihenweise aufzählen. Natürlich machte er mit ganz anderen, oft von ihm selbst geschriebenen Songs Country Music Geschichte aber diese vorgenannten Interpretationen zeigen, welches Potenzial Jennings besaß, wie faszinierend er als Sänger gewesen ist. Sowohl er selbst als auch seine jeweiligen Plattenfirmen suchten nach dem geeigneten Konzept. Bei Herp Alpert’s A&M Records erhielt Jennings so etwas wie eine Eintrittskarte. Noch roh und ungeschliffen waren die dort veröffentlichten Versuche, das war nicht der Waylon Jennings, der zum Kultstar werden sollte. Mitte der 60er Jahre bei RCA Victor presste man ihn in aktuelle Trends. Folk-Country war angesagt, dann der Nashville Sound. In beiden Varianten sammelte Jennings zwar Pluspunkte und machte durchaus hörenswerte, sogar vergleichsweise erfolgreiche Platten. Mehr als ein Mittel zum Zweck, ein fauler Kompromiss konnte das für einen Mann mit dem Potenzial und den Ambitionen eines Waylon Jennings nicht sein. Als er dann in Willie Nelson, Tompall Glaser und Anderen Künstler in ähnlichen Situationen fand, war die Stunde gekommen. Rasch hatte auch Jennings das Etiketts eines Protestlers, eines Rebellen, eines Outlaws weg. Zwar war er durchaus kein Kind von Traurigkeit aber dieses „Outlaw-Image“ bezog sich auf die Musik. „Ol’Waylon“ hatte es satt, sich vorschreiben zu lassen, was er machen sollte. Vielleicht war er so etwas wie der Leitwolf in der maßgeblich von ihm mit initiierten Bewegung. Die Country Music im Nashville der späetr 60er und frühen 70er Jahre ging ihm gehörig gegen den Strich. Zu glatt, zu angepasst, zu gleichförmig war sie ihm. Seine Welt war eine Mischung aus Honky Tonk und Rock’n Roll, gerade heraus, urwüchsig, vom Feeling bestimmt, druckvoll und einfühlsam. Man konnte glauben, Viele hatten nur darauf gewartet, Jemanden zu finden, der gegen den Strom schwamm und sein Ding durchzog. Rasch scharten sich Kollegen hinter Jennings & Co. Die „Outlaw Music“ mischte Nashville gehörig auf und zwang zum Umdenken. So etwas wie eine Traumrolle für Mr. Jennings?

Man schrieb das Jahr 1966 als er zum ersten Mal in die Rolle des Rebellen schlüpfte, hochoffiziell sogar. Denn da entstand der Film gleichen Titels mit Waylon Jennings in der Hauptrolle. Sein erster Ausflug in die darstellende Kunst auf Zelluloid. Es sind auch nicht seine schauspielerischen Darbietungen, die beeindrucken sondern eher die Musik (wenngleich sie noch meilenweit von der entfernt war, mit der er den Durchbruch schaffte) und die Botschaft, die er instinktiv rüber brachte. Denn das Anliegen des Films in seinem Kern sprach ihm wohl aus der Seele. Kurz zum Inhalt: Arlin Grove (so der Charakter, den Jennings darstellte) wird aus der Armee entlassen und treibt orientierungslos durchs Leben bis er, beseelt vom Traum, Musiker zu werden, in Nashville strandet. Er findet privates Glück in den Armen einer Frau und landet auf Umwegen im Music Business. Die an sich nicht sonderlich aufregende Story wird angereichert durch die üblichen Tricksereien und Betrügereien. Alkohol, Drogen, das Zerbrechen der Ehe, Liebschaften – alles Zutaten, die dramaturgische Würze geben sollen. Tex Ritter schließlich ist es vorbehalten, Arlin Grove auf den rechten Weg und damit zum Durchbruch als Sänger zu verhelfen, der sich seinen Traum erfüllen kann, auf der Bühne der Grand Ole Opry zu singen. Das private Happy End als Grove zu seiner Frau zurück findet, rundet einen nicht unbedingt oskarreifen Film ab, der eher zur Dutzendware zählt.

Immerhin aber deutet „Nashville Rebel“ den Weg an, den Jennings dann tatsächlich gehen sollte, was seine Musik anbetrifft. Insbesondere für Country Music Nostalgiker ist der Streifen eine wunderbare Erinnerung. Denn neben dem noch jungen, auch äußerlich noch nicht an den späteren Outlaw erinnernden Jennings spielen auch andere Größen der Country Music mit, wie der schon erwähnte Tex Ritter. Loretta Lynn (auch noch am Anfang stehender späterer Superstar), Porter Wagoner, Sonny James, Faron Young, die Wilburn Brothers oder die Komiker Archie Campbell und Cousin Jody sind mit von der Partie. Es gibt viele Impressionen aus dem Nashville der 60er Jahre zu sehen und natürlich reichlich Musik. Der Soundtrack ist übrigens original auf dem Album „Nashville Rebel“ bei RCA unter der Nummer LSP 3736 erschienen. Noch besser: den Film gibt es unterdessen auch auf DVD bei Bear Family Records (BVD 20103 AT) und ist sicher mehr als nur ein Sammlerstück für Nostalgiker. Zur DVD gehört auch ein 28seitiges Büchlein, das die Filmstory enthält sowie sehr interessante Fotos. Waylon Jennings machte übrigens noch den einen oder anderen Abstecher vor Filmkameras, z.B. bei „McIntosh & T.J’s“ und „Urban Cowboy“.

Wie gesagt, es dauerte ein Jahrzehnt, ehe aus dem Film „Nashville Rebel“ der Rebell Waylon Jennings wurde, der einen Umbruch in Nashville einleitete. Und manches, was der Film fiktiv darstellte, trat in Jennings‘ Leben tatsächlich ein. Er wurde auch äußerlich inclusive mancher Unsitten zu einem Outlaw. Was ihn nicht davor bewahrte, das Schicksal nahezu aller Kollegen zu teilen. Nachdem die „Outlaw-Welle“ ihre Schuldigkeit getan hatte und abebbte, schwand auch das Interesse der Musikindustrie an Jennings. Zwar blieb er ein beim Publikum geliebter Künstler, der die Menschen in Scharen zu seinen Gigs lockte, doch in den Country Charts war kein Platz mehr für ihn und seine nach wie vor gehaltvolle Country Music. Erst nach seinem Tode flackerte es – wie leider oft in solchen Situationen – wieder auf. Das prasselten Komplimente und Lobeshymnen auf ihn herab, wurde sein Stellenwert bekräftigt, um schon wenige Wochen danach wieder dem altbekannten Schema zu folgen. Darin war für Waylon Jennings kein Platz mehr, er war zu einem Stück Country Music History geworden. Machen wir eine großen Sprung ans Ende einer von Erfolgen wie Krisen durchzogenen Karriere, die er, privat, an der Seite seiner Kollegin Jessi Colter verbrachte (die ihre eigene Gesangskarriere deshalb hinten anstellte). Zwar wurde Waylon Jennings von Krankheiten heimgesucht, die sicher teilweise auch auf seinen Lebenswandel zurück zu führen waren, doch hatte ernsthaft Niemand damit gerechnet, dass er im Alter von nur 64 Jahren plötzlich aus dem Leben gerissen würde. Man mag zu Tributes stehen wie man will, produziert werden sie nur zu Ehren von Persönlichkeiten, die sich in der Gesellschaft einen Namen und Ansehen erarbeitet haben. Die Kritiker sprechen von einer nicht abreißenden Flut an „Tributes“, mit denen nur die, wenn auch traurige, Sensation ausgenutzt werden soll. Befürworter sehen darin eine geeignete Variante, einer Persönlichkeit ein musikalisches Denkmal zu setzen, das den Stellenwert für Gegenwart und Nachwelt dokumentiert.

Auch im Falle Waylon Jennings erschienen nach seinem Tod Tribute Alben, wobei man davon ausgehen darf, dass hier Künstler vertreten waren (nicht nur aus dem Country Bereich), die entweder mit Jennings befreundet waren oder die ihn als Künstler und Menschen respektierten. Kolleginnen und Kollegen, denen Mr. Jennings in irgendeiner Weise etwas bedeutet hat.

Alles Songs, die Jennings irgendwann einmal aufgenommen hat. Durchaus lohnend der Vergleich einiger Interpretationen von Songs, die auf beiden Alben mit anderen Sängern vertreten sind. Seit dem 13. Februar 2002 muss die Country Music ohne Waylon Jennings auskommen, die er mehr als viele Andere eine Weile mit geprägt hat. Je unaufregender und eintöniger – musikalisch gesehen – die Country Music der Gegenwart dahin plätschert, je stärker wird einem bewusst, was wir an so einem Querdenker und Innovator wie Jennings hatten. Sein Lebenswerk könnte eine gewisse Fortsetzung erfahren, denn sein Sohn Shooter Jennings versucht, in der Musik eine Duftmarke zu setzen mit seinem ersten Album „Put The O Back In Country“. Noch ist es zu früh, hier eine Prognose abzugebe. Das Erbe seines Vaters ist so groß, dass es wie ein Granitblock in die Annalen der Country Music eingehen wird.

Waylon Jennings sprengte Grenzen in der Musik und führte verschiedene Welten zueinander. Würde man ihn dazu fragen können, er würde wohl sagen: „Ich habe einfach mein Ding gemacht. Ich habe versucht, meinem Instinkt zu folgen und etwas zu schaffen, was den Menschen gefällt und wofür sie mich lieben.“ Er war in Sachen Musik ein Visionär, seiner Zeit weit voraus. Ohne ihn wäre die Country Music um einiges ärmer … zwei dieser Tribute-Alben seien hier mit ihren Titeln und Interpreten in Erinnerung gerufen:

Hier bestellen!Album-CD: „Lonesome On’ry & Mean“, Erschienen: 2004, Label: Dualtoe

Trackliste: 01. Guy Clark: Good Hearted Woman, 02. Nanciy Griffith: You Asked Me To, 03. Dave Alvin: Amanda, 04. Norah Jones: Wurlitzer Prize, 05. Jack Clement & Pam Tillis: Let’s All Help The Cowboys (Sing The Blues), 06. John Doe: The Only Daddy That’ll Walk The Line, 07. Junior Brown: Nashville Rebel, 08. Robert Earl Kean: Are You Sure Hank Done It That Way, 09. Carlene Carter: I’ve Always Been Crazy, 10. Radney Foster & Roger Creager: Luckenbach, Texas, 11. Allison Moorer: Storms Never Last, 12. Kris Kristofferson: I Do Believe, 13. Alejandro Escovedo: Lock Stock And Teardrops, 14. The Crickets: Waymore’s Blues, 15. Henry Rollins: Lonesome On’ry & Mean

Hier bestellen!Album-CD: „I’ve Always Been Crazy“, Erschienen: 2003, Label: RCA Nashville

Trackliste: 01. John Mellencamp: Are You Sure Hank Done It That Way, 02. Travis Tritt: Lonesome On’ry & Mean, 03. Kenny Chesney & Kid Rock: Luckenbach Texas, 04. Dwight Yoakam: Stop The World (And Let Me Off), 05. Jessi Colter: Storms Never Last, 06. Hank Williams Jr.: The Only Daddy That’ll Walk The Line, 07. Pinmonkey: Are You Ready For The Country, 08. Deana Carter & Sara Evans: Mamas Don’t Let Your Babies Grow Up To Be Cowboys, 09. Ben Harper: Waymore’s Blues, 10. Alison Krauss: You Asked Me To, 11. Andy Griggs: This Time, 12. Stargunn: I’ve Always Been Crazy, 13. Brooks & Dunn: I Ain’t Living Long Like This, 14. James Hatfield: Don’t You Think This Outlaw Bits Done Got Out Of Hand, 15. Waylon Jennings: The Dream

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Über Manfred Vogel (620 Artikel)
Manfred Vogel gehört zur Stammbesetzung von Country.de und ist seit über 40 Jahren als Fach-Journalist und Kenner in Sachen Country Music gefragt.
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