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Willi Carlisle: Peculiar, Missouri

Auf seinem zweiten Album nimmt uns der Tausendsassa mit in sein "Weird America" und taucht dabei tief ein in die Sounds aus Folk, Country Blues und Honky Tonk.

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Willi Carlisle: Peculiar, Missouri Willi Carlisle: Peculiar, Missouri. Bildrechte: Free Dirt Records

Willi Carlisle brennt. Er ist eine Naturgewalt. Nicht nur kann einen die Wucht seiner kraftvollen Songs umhauen, nein, Carlisle ist eine dieser „Larger than Life Charaktere“, die eigentlich nur auf einer Bühne, sei sie riesengroß oder nur die dunkle Ecke einer Kneipe, ganz sie selbst sind. Troubadoure, fahrende Sänger wie er sind seit Menschengedenken als Spielleute, Schamanen oder Zauberer, als verrückte Medien dazu da, uns die Welt und das Universum zu erklären, wahrzusagen, ja, uns letztlich zu zeigen, wo wir stehen und wer wir sind. Sie legen den Finger in die Wunde, geben den Stummen eine Stimme, mahnen uns hinzuhören und innezuhalten.

Als Sand im Getriebe des weltweiten Turbokapitalismus sind sie die Tramper, die am Wegesrand stehen und die, wenn man sie mitnimmt, so lange auf einen einreden, bis man um ihretwillen den Highway verlässt und in die Walachei fährt. Dort verliert sich die Erinnerung an die Schnellstraße des Lebens, bis sie womöglich ganz verblasst. Ja, Willi Carlisle ist dieser manisch wirkende Rumtreiber, ein merkwürdige Fremder, der einen als Zufallsbegegnung vergessen lässt, was man gerade noch für wichtig hielt, doch nun schon nicht mehr braucht.

Der Guardian nannte Carlisle mal „the greatest Americana artist you’ve never heard of“: Herausragend sein Storytelling, Geist, Herz und Mut, was stets in seinen gut durchdachten Texten aufblitzt. Ja, aus den Ozarks kommt mehr als eine Netflixserie.

Mit Gitarre, Banjo, Fiddle und Akkordeon bewaffnet kämpft Carlisle für die Kleinen gegen die große Dummheit der Welt und sagt, das Gute an Musik sei, dass sie die Menschen ermuntere, darüber nachzudenken, was sie vom Leben erwarten und was sie wirklich brauchen.

Carlisle steht in der Tradition von Folkgrößen wie Woody Guthrie und Utah Philips – seinem persönlichen Helden, und nennt sich selbst „poet and folk singer for the people“. Das soll bei seinen Liveshows niemanden ausschließen. Egal, wo man herkommt, egal was man getan hat. Carlisle klagt niemanden an. Er versucht mit seinen Geschichten, modernen Parabeln, erst die Köpfe und dann die Herzen zu erreichen und macht klar: Es ist ok, wenn Du ein bisschen verrückt bist. Er ist es auch.

Wenn man ihn fragt, wie er mit dem geteilten Amerika zurechtkomme, sträubt er sich: Wer sagt, dass es geteilt sei? Man habe die Menschen in den USA davon überzeugt, dass es politische und religiöse Dinge gäbe, die wie umkämpfte Stellungen seien, die man bis zum letzten Mann halten müsse, für deren Verteidigung man sterben müsse. Aber für sich selbst einzustehen und zu kämpfen, diese Fähigkeit wurde den meisten Amerikanern systematisch genommen. Absurderweise braucht ein Land, in dem die Idee der Freiheit so geliebt wird, einen Freigeist wie Willi Carlisle, um an Utah Philips‘ Ausspruch „freedom lives between your ears“ erinnert zu werden.

Auch auf der Bühne kennt Carlisle keine Grenzen. Er ist laute Rampensau und Possenreißer, wenn er mit ganzem Körpereinsatz alte Weisen, zarte Liebeslieder und wütende „Coming Of Age“-Hymnen zum Besten gibt. Würde es auf Countryfolk-Shows Stagediving geben, Willi würde jetzt schon Anlauf nehmen und in die Menge hechten, so sehr braucht er auch den physischen Kontakt zum Publikum. Für Adrenalinjunkies wie ihn war die Shutdownzeit ohne Liveshows wie Cold Turkey. Nun tourt er wieder exzessiver und meint es, wenn er die Menschen auffordert: „Please, don’t be a stranger!“

Ende 2020 veröffentlichte Willi Carlisle über den Youtube-Kanal von Western AF mit einem skurillen Video erstmals seinen Song Vanlife. Es ist kein gewöhnlicher Trucking Song. In „Vanlife“ kontrastiert Carlisle witzig, ironisch die Welt der privilegierten Camping-Influencer auf Instagram mit dem bitteren Leben des hart schuftenden Heers der modernen Wanderarbeiter, die gezwungen sind, in ihren Autos zu leben, da sie sich kein eigenes Zuhause mehr leisten können. Mit spitzen Worten macht Carlisle auf die unerbittliche soziale Wirklichkeit an den Rändern der reichsten Volkswirtschaft der Welt aufmerksam, denn der amerikanische Kapitalismus sorgt sogar für verschiedene Klassen von Obdachlosigkeit.

https://youtu.be/FO9YThOUFFQ

„Vanlife“ befindet sich nun in einer wunderbaren Bandversion auf Peculiar, Missouri, Carlisles im Juli 2022 erschienenem zweiten regulären Album, produziert von Grammy Preisträger Joel Savoy im ländlichen Louisiana. Der Titel der Platte und eines der Songs ist nicht nur einem tatsächlichen Vorort von Kansas City entlehnt, nein dies Peculiar ist mehr als ein Wortspiel. Peculiar, das man als eigenartig, seltsam oder besonders übersetzen kann, dient als Klammer des Albums für Carlisles „Weird America“ und seine ganz persönlichen Geschichten. Und natürlich benutzt er es auch als Synonym für den Queer-Begriff.

Carlisles Themen sind tief verwurzelt im ländlichen Kleinstadtleben des Mittleren Westens, in Kansas und Illinois, wo er aufwuchs. Geboren in Wichita, Kansas, war er auf der Highschool gleichermaßen Captain des Footballteams wie auch Sänger mittelalterlicher Lieder in einer Schüler-AG. Noch nicht offen queer und mit starkem Interesse an Poesie und Gesang war er mit 1,93 Meter und stattlichen 135 Kilogramm ein sanfter Riese, der sich stets als Außenseiter fühlte.

Für seine musikalische Entwicklung spielte sein Vater eine entscheidende Rolle. In dessen Plattensammlung fanden sich alle denkbaren Genres. Da Willi den Plattenspieler nie anfassen durfte, zog dieser ihn geradezu magisch an. Folkmusik und alles, was eine Geschichte erzählte, interessierten ihn, also hörte er, wenn er allein zuhause war, schräge Cowboy-Sänger, Old Time Bands und seine besonderen Lieblinge R. Crumb and His Cheap Suit Serenaders. Etwa mit 18 entdeckte er dann Harry Smiths Anthology Of American Folk Music. Von da an wollte er alles über Folkmusik lernen. Später durch einen Lehrauftrag für Literatur in die Ozarks gekommen, fand er hier seine Heimat und den Boden, auf dem sein Talent gedeihen konnte.

Auf „Peculiar, Missouri“ singt Carlisle unter anderem über Panikattacken im Walmart, über traurige verhinderte Zauberer und wendet sich dem Queerness-Thema zu. Das besondere an Carlisles Songs ist, wie tiefgründig und unverblümt er über Wirklichkeit und Wahrheit singt. Ja, und manchmal ist es wahr, dass das Leben eine Lüge ist. In der Country-Ballade „Life On The Fence“ schildert er hochemotional Leiden, Scham und Zerrissenheit eines verheirateten Mannes, der eine gleichgeschlechtliche Affäre hat. Selbst aufgewachsen in einer großenteils hypermaskulinen und homophoben Umgebung wollte Carlisle lange über die Tragik schreiben, unter der bisexuelle Männer leiden können. Herausgekommen ist ein mutiger und herzzerreißend offener Protestsong.

Sei es in Geschlechterfragen oder allen anderen Kontexten von Unterdrückung und Gewalt, Carlisle nimmt kein Blatt vor den Mund. Er macht keinen Detox-Folk für hippe Besserverdiener, er entreißt den mächtigen, neoliberalen Politdarstellern den Freiheitsbegriff. Er gibt uns zurück, was uns gehört. Sein countryesker, von Menschlichkeit und Liebe befeuerter Freedom-Folk macht das Herz weit und befreit den Kopf von all den hohlen Phrasen eines auf Gewinnmaximierung und stetigen Wachstum verpflichteten Ökonomiesystems, das jegliche Humanität negiert.

Vielleicht ist Willi Carlisle ja der Sänger der Revolution, der Bob Dylan niemals sein wollte. Wenn sie auf uns schießen, wirft er sich in den Weg und fängt die Kugeln auf und verwandelt sie in Poesie. So einen wie ihn haben wir gebraucht.

Willi Carlisle: Peculiar, Missouri: Das 2022er Album

Willi Carlisle: Peculiar, Missouri

Titel: Peculiar, Missouri
Künstler: Willi Carlisle
Veröffentlichungstermin: 15. Juli 2022
Label: Free Dirt Records
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 12
Genre: Country & Folk

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Trackliste: (Peculiar, Missouri)

01. Your Heart’s A Big Tent
02. Life On The Fence
03. Tulsa’s Last Magician
04. Vanlife
05. Este Mundo
06. I Won’t Be Afraid
07. Buffalo Bill
08. The Down And Back
09. Peculiar, Missouri
10. The Grand Design
11. Goodnight Loving Trail
12. Rainbow Mid Life’s Willo

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Über Oliver Kanehl (37 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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