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Johnny Cash: Songwriter

Vergessene Demos neu bearbeitet!

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Johnny Cash – Songwriter Johnny Cash – Songwriter. Bildrechte: Mercury Nashville (Universal Music)

Am 28. Juni erscheint also ein neues Album von Johnny Cash. Vor einiger Zeit angekündigt, konnte ich es nun vorab anhören. Zeit also, meine Gedanken dazu aufzuschreiben und mit Ihnen, den Lesern von Country.de, zu teilen.

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1993 ging der Man In Black ins Studio, um Demos von Songs aufzunehmen, die er geschrieben hatte. Er befand sich gerade in der Phase zwischen seinem Vertrag bei Mercury Nashville und seinem neuen Vertrag bei American Recordings (von dem er aber im Januar noch nichts wusste). Das LSI Studio gehörte damals offenbar Rosey Carter, der ebenfalls 2003 verstorbenen jüngeren Tochter von June Carter Cash, und ihrem damaligen Mann.

Die Diskografie von John L. Smith gibt für diese Sessions den 15. Januar 1993 an. Smith fügt hinzu, dass die Informationen zu diesen Aufnahmen den Zusatz „demonstration recordings only“ enthalten, und es sind auch nur zehn Songs gelistet. Von den auf dem Album enthaltenen Songs fehlt „Sing It Pretty Sue“, ein Song, der bereits erstmals 1962 auf dem Album „The Sound Of Johnny Cash“ veröffentlicht wurde. Wann dieses neue Demo entstand, lässt sich aus meinen (durchaus umfangreichen) Unterlagen nicht ermitteln. Die in der Session gelisteten Musiker sind vermutlich alle (bis auf Dave Roe) auf dem erscheinenden Album nicht (mehr) zu hören, und es war aus Johnny Cashs Band lediglich genau dieser Bassist Dave Roe (hier unter seinem richtigen Nachnamen „Rorick“ gelistet) anwesend. Zu Dave Roe sagt ein Infotext, dass er (mittlerweile leider verstorben) wohl die Gelegenheit bekommen hat, seine ursprünglichen Bassspuren noch einmal zu überarbeiten.

Hier treffen wir bereits auf ein Problem der digitalen Bemusterung. Es gibt die nackten Tracks, aber leider keine weiteren Informationen. Irgendwie schade. Mich hat immer interessiert, welche Musiker auf den jeweiligen Aufnahmen spielen, vor allem bei Künstlern wie Johnny Cash, die diese Musiker meistens selbst festlegen durften. In der Vorankündigung für das Album werden immerhin Marty Stuart an der Gitarre (vermutlich hat er auch Mandoline gespielt und vielleicht auch gesungen), eben erwähnter Dave Roe am Bass und Pete Abbott am Schlagzeug genannt. Diese und noch weitere Musiker fanden sich dann unter Leitung der ausführenden Produzenten John Carter Cash und David Ferguson im Cash Cabin Studio in Hendersonville, Tennessee ein, um aus den Demos das vorliegende Album musikalisch zu gestalten. Die ursprüngliche Demosession von 1993 gibt als Produzenten übrigens Johnny Cash selbst an. Die Aufnahmen mit Rick Rubin für American Recordings begannen später im gleichen Jahr, nämlich vom 17. bis zum 20. Mai 1993. Erwähnenswert genau deshalb, weil zwei Songs, die auf dem neuen Album „Songwriter“ zu hören sind, auch Bestandteil der ersten Sessions mit Rick Rubin in dessen Wohnzimmer in Los Angeles waren und auf dem Album „American Recordings“, erschienen im April 1994, enthalten sind. Es handelt sich dabei um „Drive On“ und „Like A Soldier“.

Ein Infotext von Universal Music listet übrigens noch folgende weitere Musiker für das Album: Ana Christina Cash (die Ehefrau von John Carter Cash), Background Vocals; Matt Combs, Acoustic Guitar, Mandolin, Strings; Mike Rojas, B3 Organ, Piano; Russ Pahl, Acoustic & Electric Guitar, Bass, Dobro, Steel; und Sam Bacco, Congas, Percussion. Ebenso ist „Handsome“ Harry Stinson aus Marty Stuarts Band „The Fabulous Superlatives“ gelistet als Background Sänger sowie Kerry Marx, der Gitarrist der Hausband der Grand Ole Opry, von 1989 bis 1992 Leadgitarrist bei Johnny Cash und als Musiker der ursprünglichen Session aufgeführt. Bei Kerry Marx ist mir gerade nicht ganz klar, ob seine ursprünglichen Gitarrenspuren erhalten wurden oder ob er neu eingespielt hat.

Zusätzlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass vier weitere Songs, nämlich „Hello Out There“, der Opener des Albums, „Like A Soldier“, „Poor Valley Girl“ und „Soldier Boy“ bereits auf dem Album „Return To The Promised Land“ aus dem Jahr 2000 enthalten sind. Es war dies quasi der Soundtrack zu der gleichnamigen (Gospel) DVD, und diese vier Songs sind als Bonustracks gelistet. Die Instrumentierung deutet darauf hin, dass es sich hierbei genau um die ursprünglichen Demos handelt. Und, sollte es keinen zweiten Demotrack zu „Hello Out There“ geben, wurde beim Track auf dem Album fleissig mit Copy/Paste gearbeitet.

Songwriter – die Songs

Kommen wir somit zum Album. Um es vorweg zu nehmen: Sollten meine folgenden Gedanken und Gefühlsregungen Kritik enthalten, so bezieht sich diese eben nicht auf Johnny Cash, denn er hat erstens seinerzeit Demos aufgenommen, die vielleicht nie zur Veröffentlichung gedacht waren, und zweitens belegen die vier Bonustracks auf „Return To The Promised Land“, wie die Aufnahmen ursprünglich geklungen haben, nämlich nach Johnny Cash, so wie man ihn kannte.

Ob im Kanon der auf dem Album enthaltenen Songs in den vorliegenden Bearbeitungen „Hello Out There“ der passende Opener ist, darüber mag sich jeder seine eigene Meinung bilden. Es ist, wie es ist. Jedenfalls passt der Titel. Der Song ist ein flehender Hilferuf, abgeschickt ins Universum, weil der Niedergang der Erde begonnen hat, und natürlich verknüpft Johnny Cash diesen Hilferuf mit der Hoffnung auf das Kommen des Königs (also Jesus Christus), der seine Regentschaft auf der Erde wieder installiert. Ein großartiger Song, gerade in unserer Zeit. Und mir gefällt die Urversion besser.

„Spotlight“, als zweiter Song bereits vorab veröffentlicht, ist die Bitte eines Sängers an die hellen Scheinwerfer, die heute Abend im Konzert auf ihn gerichtet sein werden, dass die Konzertbesucher nicht seine Tränen sehen mögen, die er darüber vergießt, dass er seine Liebe verloren hat. Ein toller Song, der, mit Unterstützung von Dan Auerbach, bekannt als Sänger und Gitarrist der Black Keys, Johnny Cash in völlig ungewohnter Instrumentierung zeigt.

„Drive On“, eines der Highlights des großartigen Albums „American Recordings“ und einer der stärksten späten Songs von Johnny Cash, beginnt hier mit dem suggerierten Surren der Rotorblätter eines Hubschraubers. Im Song geht es um die Erlebnisse eines US-Soldaten im Vietnamkrieg, daher der Hubschrauber. Der Song liegt hier im ursprünglichen Text vor. Ich frage mich schon länger, was Johnny Cash dazu bewogen haben mag, die Urtextzeile „… my children love me and they understand…“, hier auf dem Album zu hören, genau ins Gegenteil zu verkehren. „My children love me, but they don’t understand“ heisst es auf American Recordings und auch in einer großartigen akustischen Live Version von 1993 auf TNN, bei der Johnny Cash von Bob Wootton und David Jones (Sohn von Helen Carter) an Akustikgitarren, Dave Roe am Kontrabass und W.S. „Fluke“ Holland an der Snaredrum, also seiner damaligen Band (es fehlte nur Earl Poole Ball am Klavier), begleitet wird.

„I Love You Tonite“, der vierte Song des Albums, ist ein Song, bei dem ich stark bezweifeln möchte, dass er unter normalen Umständen veröffentlicht worden wäre. Es ist ein Liebeslied, geschrieben für und über June Carter, aber man muss halt bedenken, dass es sich schlussendlich um Demos handelt, die i.d.R. eben nicht zur Veröffentlichung gedacht sind. Immerhin sagt ein Infotext, dass Waylon Jennings hier die Backings singt.

„Have You Ever Been To Little Rock“ bringt Johnny Cash zurück in seinen Geburtsstaat Arkansas, und der Song ist getragen von den positiven Erinnerungen an seine Heimat, in der er geboren wurde und aufgewachsen ist. In dem Buch über Johnny Cash, das ich gerade lese, wird an mehreren Stellen auf seine Verbindung zu seinem Heimatstaat hingewiesen. In diese Betrachtungen gehört auch dieser Song.

„Well Alright“, als erster Song dieses Albums veröffentlicht, erzählt die humorvolle Geschichte einer Begegnung mit einer netten Frau in einem Waschsalon. Anders als der Infotext und auch der deutsche „Rolling Stone“ finde ich allerdings nicht, dass dieser Song an frühe Aufnahmen von Johnny Cash aus den 1950er Jahren erinnert, am Allerwenigsten an „Get Rhythm“ und „Big River“, auch wenn dieser Song durchaus im bekannten Cash-Rhythmus daherkommt. Und während Wolfgang Niedecken im BAP Song „Waschsalon“ zugibt, dass die Frau Ahnung von der Technik hat, von der er nichts versteht, kennt sich der Protagonist in Johns Song wohl mit den Geräten aus, beeindruckt damit die Frau und führt sie nach Hause.

„She Sang Sweet Baby James“ ist ein ruhiger Dreivierteltakt Song; ein trauriger Song einer jungen, allein erziehenden Mutter, deren einzige Lichtblicke im Leben ihr Baby und die Musik von James Taylor sind. „Der einzige Unterschied zwischen meinem Leben und der Hölle sind die Flammen“, also singt sie „Sweet Baby James“, weil es ihr damit besser geht und sich die einsamen Nächte halbwegs aushalten lassen, wenn ihr Kind schläft und sie allein ist.

Somit landen wir bei den meiner Meinung nach Highlights des Albums. „Poor Valley Girl“ ist erwartungsgemäß eine Liebeserklärung an June Carter Cash, die Liebe seines Lebens. Sehr schön, wie während Johnny Cashs Erklärung der Familie von June, hier besonders ihre Mutter „Mother“ Maybelle Carter, im Hintergrund eine Variation des Gitarrensolos von „Wildwood Flower“ Johns Worte begleitet. Den Schellenkranz hätte man für mich weglassen dürfen, bremst er doch den flüssigen Rhythmus im Chorus. Vince Gill ist laut Info hier mit den Background Vocals zu hören.

„Soldier Boy“ ist dann der patriotische Song, der von dem Jungen erzählt, der stellvertretend für alle amerikanischen Soldaten steht, die als junge Männer für die Freiheit kämpfen und als erwachsenere Männer hoffentlich zurückkehren, während die guten Frauen daheim das Feuer am Brennen halten und auch Ihnen der Frieden zu verdanken ist. Für unser deutsches Ohr vielleicht etwas kitschig, Johnny Cash jedoch würdigt hier den Soldaten, der in den Dienst für sein Land zieht, nicht aber den Grund für diesen Dienst. Und die Aufzählung „Soldier boy, walking boy, sailor boy and flying boy“ würdigt gleichbedeutend Armee, Marine und Luftwaffe.

„Sing It Pretty Sue“ ist einer der dreizehn Songs, durch die ich 1973 zum Cash-Fan wurde. Wie bereits erwähnt, ist es mir derzeit unklar, wann dieses Demo aufgenommen wurde. Vielleicht wurde es in der Auflistung einfach vergessen oder kurzfristig mit aufgenommen und taucht daher in der Dokumentation nicht auf. Es ist auch der einzige zum ursprünglichen Aufnahmezeitpunkt bereits bekannte und veröffentlichte Song. Alle anderen Songs waren seinerzeit neue Kompositionen. Den Vergleich zur Urversion möchte ich nicht herstellen, liegt mir diese doch so sehr im Ohr und im Herzen nach über 50 Jahren, dass ich nicht objektiv wäre.

„Like A Soldier“ ist für mich eine der großartigsten neuen Eigenkompositionen der gesamten American Recordings Zeit. Dies hier ist die vermutlich früheste erhaltene Version, bei der Gitarrenintro und -solo sehr stark an „I Still Miss Someone“ angelehnt sind. Wie auch immer, hier passt fast alles, und der Song ist nicht nur ein Highlight zum Abschluss dieses Albums, sondern es ist auch klar, warum er ein Jahr nach Aufnahme dieses Demos, textlich nochmal verändert, sofort auf Johnny Cashs erstem Album mit Rick Rubin landete. Laut Infotext ist auch hier Waylon Jennings im Background zu hören. Seine Vocals stammen noch aus der ursprünglichen Version. Die Studio-Info zum 15. Januar 1993 listet ihn nicht als Teilnehmer.

Fazit: Ein ungewöhnliches Album, wenn diese Sammlung an Demos denn seinerzeit jemals als Album geplant war. Dem interessierten Johnny Cash Fan bietet sich hier eine Zahl von mindestens acht neuen Songs aus der Feder des Man In Black, wenn man denn das Album „American Recordings“ und mindestens auf einer Zusammenstellung der frühen Columbia Songs „Sing It Pretty Sue“ in seinem Platten- und/oder CD-Regal hat. Es gab schon Besseres, es gab aber auch schon Schlechteres vom Man In Black. So ist das wohl bei allen Künstlern, vor allem dann, wenn lange Jahre nach deren Tod bisher unentdeckte Aufnahmen auftauchen. Mit „Drive On“ und „Like A Soldier“ wird klar, mit welch exzellenten Neukompositionen Johnny Cash sich bei Rick Rubin im Wohnzimmer vor dessen Mikrofon setzte.

Ich bin gespannt, ob sich, bei all der Werbung für „Songwriter“, der Name Johnny Cash mal wieder in irgendwelchen Album Charts wiederfindet. Das Album ist in diversen, teils limitierten, unterschiedlich farbigen und/oder exklusiven Vinylversionen sowie als CD und in einer Version als Doppel-CD erhältlich, der bei die zweite CD allerdings nur wahllos zusammengestellte Johnny Cash Aufnahmen für Mercury enthält. Einer der limitierten Vinyl-Versionen liegt eine Lithografie des Coverfotos bei, sicherlich interessant für die Sammler.

Johnny Cash – Songwriter: Das 2024er Album

Johnny Cash – Songwriter

Künstler: Johnny Cash
Album: Songwriter
Veröffentlichung: 28. Juni 2024
Label: Mercury Nashville (Universal Music)
Formate: CD, Vinyl, Stream & Download
Tracks: 11
Genre: Country

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Trackliste: (Songwriter)

01. Hello Out There
02. Spotlight
03. Drive On
04. I Love You Tonite
05. Have You Ever Been To Little Rock?
06. Well Alright
07. She Sang Sweet Baby James
08. Poor Valley Girl
09. Soldier Boy
10. Sing It Pretty Sue
11. Like A Soldier

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Über Bernd Wolf (147 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Johnny Cash, Singer & Songwriter. Rezensionen und Biografien.