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Ungleiche Brüder: Die Dylan-Cash-Sessions von 1969

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Zwei große Solitäre der amerikanischen Populärmusik: Johnny Cash und Bob Dylan. Die Country-Legende aus dem tiefen Süden und die Singer-Songwriter-Ikone aus dem hohen Norden. Bis zu Cashs Tod verband den Baptisten aus Arkansas und den Sohn einer jüdischen Familie aus Minnesota eine künstlerische und persönliche Freundschaft. Denn beide wussten um die gemeinsamen Wurzeln ihrer Musik.

Vor 45 Jahren, im Februar 1969 gingen sie zwei Tage in ein Studio und nahmen mehr als ein Dutzend Duette auf. Trotz musikhistorischer Bedeutung wurde aus den Aufnahmen des angeblichen Sängers der schweigenden Mehrheit und dem Troubadour der Gegenkultur, bis heute nur ein Song offiziell veröffentlicht.

Dylan & Cash treffen sich im Folk

„Ich beschäftigte mich sehr intensiv mit der Folkmusik in den frühen 1960ern“, schrieb Johnny Cash in seiner Autobiographie. „Sowohl mit den authentischen Songs aus unterschiedlichen Zeiten und Regionen Amerikas, als auch mit den Songs des damaligen neuen Folkrevivals. So wurde ich auf Bob Dylan aufmerksam, sobald 1962 das Album „Bob Dylan“ erschien und ich hörte ständig 1963 „The Freewheelin‘ Bob Dylan“.

Instinktiv spürte er wohl, was in dem Jungen steckte. Und setzte sich bei Columbia Records für ihn ein, als dessen erste Platte floppte und darüber nachgedacht wurde, ihn wieder fallen zu lassen.
„Natürlich kannte ich Ihn bevor er überhaupt etwas von mir gehört hatte“, schrieb Bob Dylan nach Cashs Tod im Jahr 2003. „1955 oder ’56 spielten sie um Radio ‚I Walk The Line‘ den ganzen Sommer lang, und es war unterschiedlich zu allem Anderen, das ich je gehört hatte. Die Aufnahme klang wie eine Stimme aus dem Inneren der Erde. Es war so kraftvoll und bewegend.“

Die Bewunderung war also ganz beiderseits. Und doch war es der bereits erfolgreiche Cash, der dem jungen Dylan einen Fanbrief schrieb und damit eine umfangreiche Korrespondenz eröffnete. 1964 schließlich trafen sie sich beim Newport Folk Festival und Cash schenkte dem Jüngeren seine Gitarre als Zeichen von Respekt und Zuneigung. Und er setzte sich für ihn nochmals ein, als Dylans Schwenk, weg von tagespolitischen Themen in seinen Songs, hin zu mehr Innerlichkeit, von der Folk-Szene heftig gegeißelt wurde. Mit der klaren Aufforderung „Haltet den Mund und lasst ihn singen!“, schloss Cash einen offenen Brief an das Folk-Magazin „Broadside“.

Johnny Cash

Über die Jahre hatten sie immer wieder Kontakt und Cash ist auch in dem Film „Eat The Document“ über Dylans England-Tour 1966 zu sehen. So war denn auch Cash Dylans erster Ansprechpartner, als der sich 1969 der Countrymusik zuwenden wollte.

Giganten-Treffen in Nashville

Produzenten-Legende Bob Johnston war es, der dafür sorgte, dass beide in den Columbia-Studios in Nashville nebeneinander an ihren neuen Platten arbeiteten. Was lag da für die beiden Freunde näher, als gemeinsam Songs aufzunehmen. Am 17. und 18. Februar 1969 entstanden so mehr als ein Dutzend Duette. Aber nur ein Song, eine Version von Dylans „Girl From The North Country“ kam auf Bobs neues Album „Nashville Skyline“. Die anderen sind bis heute nicht offiziell veröffentlicht worden.

Bob Johnston schilderte es so: „Ich war mit Cash im Columbia-Studio in der Music Row und dachte mir, es wäre doch ganz nett, Dylan auch dort zu haben, sagte aber beiden nichts davon. So war Cash im Studio und Dylan kam rein. ‚Was machst denn Du hier?‘ ‚Ich mache Aufnahmen.‘ ‚Schön, ich nehme auch gerade auf.‘ Also luden mich die beiden zum Dinner ein, aber ich sagte ’nein, danke.‘ Und als sie zurückkamen hatte ich das Studio in ein Cafe verwandelt mit Mikrophonen und ihren Gitarren und sie kamen rein, schauten auf die Lichter und grinsten sich an. June (Carter Cash) war auch da. Wir nahmen 18 Titel auf.“

Einen guten Eindruck der Atmosphäre bei den Aufnahmen vermittelt die Cash-Dokumentation „Johnny Cash: The Man, His World, His Music.“ Wir können beobachten wie die beiden Dylans „One Too Many Mornings“ als Duett einspielen. Die beiden stehen sich mit ihren Gitarren und Mikrophonen gegenüber, das Stück ist als Countrysong arrangiert und die beiden harmonieren hier sehr gut als Gesangspartner. Cash gibt den Rhythmus vor, die beiden singen abwechselnd die Strophen und Dylan kann sich gerade noch so das Lachen verkneifen. Später sieht man sie beim Anhören der Aufnahme und die beiden haben sichtlich großen Spaß. Es herrschte wohl tatsächlich eine sehr entspannte Atmosphäre bei der gemeinsamen Studioarbeit.

Wie gesagt, von den wahrscheinlich 18 Aufnahmen, kam nur „Girl From The North Country“ auf Dylans Album „Nashville Skyline“, aber Cash schrieb die sehr poetischen Liner Notes für die Rückseite des Covers.

Nur ein gemeinsam geschriebener Song: Wanted Man

Die Duette der beiden umfasste Cashs „Big River“ ebenso wie Dylans „One Too Many Mornings“ und viele Klassiker wie Jimmie Davis‘ You Are My Sunshine“ oder Jimmie Rodgers‘ „T for Texas“. Bis heute kursieren die Aufnahmen nur inoffiziell. Es wäre sicherlich für viele Freunde der beiden Ausnahmekünstler eine große Freude, würden sie endlich offiziell herausgebracht. Es wäre spannend zu hören, wie präsentabel die Tracks letztlich sind, sollten sie neu bearbeitet und abgemischt auf ein Album gebannt werden.

Bob Dylan

Während der gemeinsamen Tage in Nashville entstand dann auch der einzige Song, den Dylan und Cash je gemeinsam geschrieben haben: „Wanted Man“. Später erzählte Cash: „Wir haben den Song zusammen beim Lunch geschrieben. Bob hatte die Idee, wollte aber, dass ich den Song schreibe. Schließlich überredete ich ihn, wenigstens Teile der Verse beizusteuern.“ Johnny spielte den Song erstmals live eine Woche später bei seinem legendären Gefängniskonzert in St. Quentin.

Nachklang: Dylan in der Cash-TV-Show

Den Nachklang und Abschluss dieser sehr intensiven Zusammenarbeit bildete dann Bob Dylans Auftritt mit drei Songs seines Nashville-Skyline-Albums in der ersten Folge von Johnny Cash neuer Fernsehshow. Aufgezeichnet im Ryman Auditorium in Nashville am 1. Mai 1969 und gesendet am 7. Juni 1969. Der Sänger der Gegenkultur in der „Kirche“ der Countrymusik war ein klares Statement von Cash. Inmitten einer Phase, in dem die USA politisch auseinander zu fallen drohten, ging es ihm darum, Brücken zu bauen. Brücken zwischen den politischen Lagern und den Generationen. Dylan folgten als Gäste u.a. Neil Young, Joni Mitchell und Pete Seeger.

Dylan und Cash verloren auch in der Folgezeit nie den Kontakt zueinander, trafen immer wieder aufeinander, aber so eng zusammen gearbeitet, wie in diesen ersten Monaten des Jahres 1969, haben sie bis zu Cashs Tod 2003 nie wieder.

Bislang bekannte Tracks, die bei den Dylan-Cash-Sessions entstanden sind:

  • One Too Many Mornings (B. Dylan)
  • Good Ol‘ Mountain Dew (Lunsford / Wiseman)
  • I Still Miss Someone (J. Cash / Roy Cash)
  • Careless Love (Trad.)
  • Matchbox (Carl Perkins)
  • That’s Alright Mama (A. Crudup)
  • Big River (J. Cash)
  • Girl From The North Country (B. Dylan)
  • I Walk The Line (J. Cash)
  • You Are My Sunshine (Davis / Mitchell)
  • Ring Of Fire (Carter / Kilgore)
  • Guess Things Happen That Way (Jack Clement)
  • Just A Closer Walk With Thee (Trad.)
  • Blue Yodel #1 (T For Texas) (J. Rodgers)
  • Blue Yodel #2 (J. Rodgers)
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Über Thomas Waldherr (514 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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