Feelin‘ Haggard – Merle Haggard und seine Musik
Teil 2 - Okie From Muskogee.
Merle Haggard - Bildrechte: Künstler, Promo
Vor zehn Jahren starb an seinem eigenen Geburtstag einer der größten Songschreiber der populären Musik. Country.de-Autor Oliver Kanehl erzählt Merle Haggards Geschichte anhand ausgewählter Songs in drei Teilen.
In politischer Hinsicht war Merle Haggard ein äußerst ambivalenter Charakter. Zunächst wurde Haggard in der Gegenkultur der 60er Jahre z.B. im amerikanischen Rolling Stone als Wiedergänger Woody Guthries gefeiert, der einem sozialen Gewissen gleich, gesellschaftliche Probleme in seinen Songs adressierte. Das änderte sich abrupt, als „Okie from Muskogee“ erschien. Denn dieser Song wurde von der breiten Öffentlichkeit als reaktionäres Statement seines Schöpfers verstanden. Wer genau dies als Intention seines Autors verstand, war aber vielleicht doch auf dem Holzweg, da der Song beim näheren Hören, viele Hinweise darauf gibt, dass er eigentlich satirisch gemeint ist.
Nun ist Ironie nicht gerade die Kernkompetenz des konservativen Amerika und so verwundert es eigentlich nicht, dass genau das Gegenteil bei vielen der Hörer ankam. Gerade diese Problematik dröselt Tyler Mahan Coe schön in einer Episode seines Podcasts „Cocaine and Rhinestones „auf. Aufgrund der verbreiten Rezeption des Songs als konservatives Kampflied kam es auch immer wieder zu schönen Verballhornungen des Stücks. Herausragend ist z.B. die schrille Parodie auf Merle Haggards wohl bekanntesten Song durch Kinky Friedman And The Texas Jewboys, das von Chinga Chavin geschriebene „Asshole From El Paso“.
Vom Erfolg des Songs überwältigt, klärte Haggard seine Hörer aber nicht über ein mögliches Missverständnis auf, denn sicherlich teilte er zur damaligen Zeit auch zu einem Teil die Ansichten seiner neuen Fans, denn 2003 gab er zu: „I was dumb as a rock when I wrote Okie From Muskogee. That’s being honest with you at the moment, and a lot of things that I said [then] I sing with a different intention now.“
Haggard verstand sich als eine Art Freigeist, der auch immer wieder bereit war, das, was er gestern gesagt hatte, zu überdenken und zu revidieren. Das zeigt sich über seine ganze Karriere. Viele seiner Irrungen und Wirrungen waren auch in mangelndem Wissen begründet, wie Haggard später unumwunden zugab, um damit gerade Medien und Politiker zu kritisieren, dass diese die Leute dumm hielten.
Wenn Haggard einen Song schrieb, war das eine Momentaufnahme wie eine aufrichtige unverstellte Tagebuchnotiz. Haggard war gewiss nicht dumm, aber er schrieb aus dem Bauch und mit dem Herzen, nicht ideologisch. Nur so ist zu erklären, dass es immer wieder irritierende Ausrutscher in seinem Werk gibt und sich scheinbar komplett wiedersprechende Songs und Interviewpassagen finden lassen. Ich meine, Haggard drückte wie ein Medium die unterschiedlichen Stimmungen und Ängste seines Landes aus. Dabei war er jedoch als Songschreiber weniger am Politischen, sondern mehr am Persönlichen interessiert. So blieb er schließlich auch trotz seines großen Erfolges im Lager der Konservativen bei progressiven Musikern wie z.B. Gram Parsons und den Byrds immer anerkannt und beliebt.
Wenn Haggard eines hasste, war es, von einer politischen Seite vereinnahmt zu werden und so plante der nach seinem Erfolg von „Okie from Muskogee“ auch etwas von Bauchschmerzen geplagte Haggard, als Folgesingle seinen Song „Irma Jackson“ zu veröffentlichen. Das wiederum versetzte seine Plattenfirma in Panik, denn Haggard hätte den gerade aufgebauten kommerziellen Erfolg aufs Spiel gesetzt, da „Irma Jackson“ die unglückliche Liebesgeschichte zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau beschrieb. Den Song brachte Haggard dann erst 1972 auf dem Album „Let Me Tell You About A Song“ heraus, auf dem er ihn selbst kurz mit einer Hintergrunderzählung einführt.
In Irma Jackson gelingt Merle Haggard das Kunststück, ein zutiefst politisches Lied zu schreiben, ohne plakativ und laut oder mit Parolen zu agieren. Harmlos kommt der Song daher, schmeichelt sich ein und macht nur durch den Ausdruck „colorblind“ deutlich, was hinter der unglücklichen Liebesgeschichte eigentlich steckt. Der Song gelingt deshalb so gut, weil er eben persönlich und nicht vordergründig politisch ist.
Das ewig an Haggard klebende Etikett des Reaktionären war aus so vielen Gründen falsch. Haggard war mindestens gute 40 Jahre lang Kiffer und scheinbar die beständige Unberechenbarkeit. Schwer zu greifen, manchmal schon fast konservativ, liberal und progressiv zugleich. Wonach sich Haggard immer sehnte, waren Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Deshalb kritisierte er genauso laut den lügenden Nixon wie später die Bush-Regierung. Ideologiefern schrieb Haggard ein Stück für Hillary Clinton, als diese ihn in ihrem ersten Präsidentschaftswahlkampf beeindruckte. Gerade in den späteren Jahren war er unermüdlicher Kritiker seines Landes und der republikanischen Partei im Besonderen. So sagte er z.B. 2012: „I think we spent 50 years getting ourselves in trouble, and it may take a long time to get ourselves out of it. It is going to take more years than I got left.„



