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Merle Haggard: Working In Tennessee

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„Unkraut vergeht nicht“, „Totgesagte leben länger“ usw. – auf kaum einen treffen diese abgenudelten Volksweisheiten derart zu wie auf Merle Haggard. Im Jahr 2008 wurde der Musiker wegen seiner Lungenkrebs-Erkrankung operiert, sprang dem Teufel nochmal von der Schippe und ist seitdem produktiver wie nie zuvor.

Nach „I Am What I Am“ seinem rauschenden Comeback-Album aus dem letzten Jahr und der fantastischen Hank Williams-Einspielung „Sermon On The Mount“ für die „Lost Notebooks“ in diesem Jahr, legt er mit Working In Tennessee ein weiteres Alterswerk vor. Und weiterhin gilt, der Mann macht gute Musik und er hat einen klaren Blick aufs Leben.

Im Gegensatz zu „I Am What I Am“ fehlt dem Werk etwas die Dichte und Stringenz, es ist eher „ein bisschen was von dem und ein bisschen was von diesem“ – was aber den positiven Gesamteindruck von „Working In Tennessee“ keinesfalls trübt. Es ist ein feines, weises, kleines Alterswerk geworden, auf dem die Bandbreite der Merle-Themen mal wieder von der Familie bis zum Schicksal des Landes reicht. Und das mit einem an den Menschen und nicht an irgendwelchen Politwahrheiten interessiertem Blick. Der frühere Republikaner Haggard ist einer der letzten aufgeklärten amerikanischen Konservativen. So aufgeklärt, dass er mittlerweile gemeinsame Konzertreisen mit eher der Linken zugerechneten Künstlern wie Kris Kristofferson oder Bob Dylan unternimmt.

Musikalisch hat Haggard sich für dieses Album wieder fantastische Unterstützer zusammen geholt. Allen voran Session-Musiker-Legende Reggie Young, Country-Keyboard-Zauberer Doug Colosio, Tim Howard an der Gitarre sowie Bob Dylans-Tour-Drummer George Receli. Ferner sind mit dabei sein Sohn Ben Haggard an der Gitarre sowie seine Frau Theresa als Gesangspartnerin.

Los geht’s auf dem Album mit dem Titelsong, einem flotten Western-Swing. Wie in diesem Lied, so versetzt er sich auch später auf der Platte immer wieder mal in die amerikanische Arbeiterklasse hinein. Ironischerweise arbeitet hier einer für einen Hungerlohn im Opryland. Ein feiner Seitenhieb auf das Millionen-Musikbusiness der Music City Nashville. Der nächste Song heißt „Down On The Houseboat“ und Mr. Haggard lässt uns hier an familiären Urlaubserinnerungen teilhaben und schämt sich nicht, richtig sentimental zu werden. Mit dem „Cocaine Blues“ folgt der erste von zwei Tracks, die durch Johnny Cash zum Klassiker geworden sind. Dieses Stück würde so heute in Nashville kein Hit mehr werden. Ein derart ironisch-prosaischer und eben nicht moralisierender und frömmlerischer Umgang mit Themen wie Mord und Drogen wird heute unter dem starken Einfluss der Kirchen nicht mehr geduldet und damit gleichzeitig dem ganzen Genre die Authentizität genommen. Mit „What I Hate“ nimmt Haggard dann recht unverblümt Stellung zu den aktuellen Problemen seines Landes. Doppelzüngige Politiker, Menschen, die sich nur um sich selbst sorgen oder verrückt genug sind, um zu morden, und der Krieg, der immer noch im Süden tobt, all das hasst er. Was er sich wünscht ist, dass sich zumindest in der eigenen Nachbarschaft etwas ändern lässt. Mit dieser so menschlich-nachdenklichen Variante ist er weit entfernt von so mancher dumpf-patriotischen Country-Hymne aktueller Mainstream-Stars.

Nach einem Einblick in Gefühle zwischen Einsamkeit und Tagträumen („Sometimes I Dream“) geht es weiter mit „Under The Bridge“, einem Song der Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit aus einer etwas überraschenden Sichtweise befasst. „My Bridge Is My Castle“, so die Aussage. Ob es hier um Romantisierung geht, oder letztendlich doch auch um Kritik an der uramerikanischen Mentalität geht, sich mit auch noch jeder Extremsituation zu arrangieren, bleibt hier offen. „Too Much Boogie Woogie“ ist dann wieder unverschlüsselte Kritik an Nashville. Zu wenig sei man da an den Wurzeln interessiert: zu wenig Hank Williams, zu wenig Ernest Tubbs. Und er dankt drei Protagonisten der unverfälschten Countrymusik: Marty Stuart, Willie Nelson und Emmylou Harris. Mit „Truck Driver’s Blues“ folgt der nächste Working Class Song, der allerdings nicht über die bekannte Truckerromantik hinausgeht.

„Laugh it Off“ dagegen ist der lebensweise Ratschlag, sich von den kleinen Ärgernissen des Alltags nicht zu sehr nerven zu lassen, sondern sie wegzulachen. Aktueller denn je ist der „Workin‘ Man’s Blues“, den Haggard für dieses Album zusammen mit seinem Sohn Ben und Freund Willie Nelson neu eingespielt hat. Ein klares Statement zur Problematik der sozialen Verelendung Amerikas und dem Kampf der Menschen, trotzdem auf den eigenen Beinen stehen zu können. Den Abschluss bildet eine nostalgische Hommage an Johnny und June. Deren Parade-Duett „Jackson“ wird von Merle und seiner Frau Theresa notengetreu eingespielt. Merle hat sie überlebt. Bleibt zu wünschen, dass er noch recht lange seine Schaffenskraft behält. Einen wie ihn gibt es nicht mehr.

Fazit: „Working In Tennessee“ ist ein kurzweiliges, abwechslungsreiches Classic-Country-Album, das Merle Haggard in Bestform zeigt. Noch einer von dem sich sagen lässt „He is younger than that now“.

   
Merle Haggard - Working In Tennessee
CD: “Working In Tennessee”
Veröffentlicht: 2011
Label: Century Media (EMI)

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Trackliste:

01. Working In Tennessee
02. Down On The Houseboat
03. Cocaine Blues
04. What I Hate
05. Sometimes I Dream
06. Under The Bridge
07. Too Much Boogie Woogie
08. Truck Driver’s Blues
09. Laugh It Off
10. Working Man Blues – mit Willie Nelson und Ben Haggard
11. Jackson – mit Theresa Haggard

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Über Thomas Waldherr (527 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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