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Chip Taylor

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1975 war er erstmals in Holland aufgetreten, damals ein Hitsänger und vor allem ein Hitschreiber. Ein eigenwilliger Künstler war er immer, weitgehend unterschätzt und übergangen. Daran hat sich bis heute leider nichts geändert. Im Februar 1998 dann lernte ich ihn anlässlich eines Konzertes im holländischen Alphen an de Rijn kennen.

Fast zwei Jahrzehnte war er völlig raus gewesen aus der Musik, ehe er sich Mitte der 1990er Jahre dorthin zurück orientierte, wo er einmal erfolgreich gewesen war, wo er sich einfach zu Hause fühlt. Es war kein Zufall, dass er in Europa über Holland wieder Fuß zu fassen versuchte, dort kann er sich bis in die Gegenwart einer bemerkenswerten Fangemeinde sicher sein. Bei unseren Nachbarn fand er schon immer zumindest in Ansätzen die Anerkennung, die ihm ansonsten als Sänger versagt blieb.

Chip TaylorGründe dafür vermag Niemand zu erkennen, am wenigsten er selbst. Wie sehr dieser Mann Realist geblieben ist, zeigte eine tiefgründige Bemerkung mitten im letzten Song seines damaligen Konzertes in Alphen: „Soll ich euch sagen, was jetzt passiert? Ihr geht nach Hause und wenn die Nachbarn fragen, was ihr heute gemacht habt, dann sagt ihr alle, wir haben den Typ gesehen, der „Wild Thing“ geschrieben hat.“

Schade, jammerschade, dass dieser Chip Taylor kein Superstar geworden ist. Dabei liegen diese Gene doch in der Familie. Immerhin ist sein Bruder Jon Voight ein bekannter Schauspieler und seine Nichte ist keine Geringere als Film-Diva Angelina Jolie.

Selten habe ich einen Künstler getroffen, der so gute, eigenwillige und abwechslungsreiche Musik macht wie dieser am 21. März 1940 im New Yorker Stadtteil Yonkers als James Wesley Voight geborene Chip Taylor. Auch heute noch erkennt man seine prägnante Stimme sofort, mit der er ebenso eindringlich wie humorvoll sein Publikum unterhält.

Nicht unbedingt die großen Hallen und entsprechende Bühnen sind seine Welt sondern eher kleinere, intimere Auftrittsorte. Da hängen die Hörer an seinen Lippen, sie hören so andächtig zu, dass man die berühmte Stecknadel fallen hören kann. Seine Lieder umrahmt er gerne mit Anekdoten, wobei er immer wieder mal direkt in den nächsten Song rüber gleitet, ohne dass der Hörer dies sofort bemerkt. So wird sein Auftritt ungemein ansprechend, sehr persönlich, ja intim und verblüffend kurzweilig. Taylor versteht es, die ohnehin nicht große Distanz zwischen der Bühne und dem Publikum einfach abzubauen. Da steht keine Marionette auf der Bühne sondern ein Künstler, der sein Publikum unterhalten will. Rasch wird deutlich, was er vorher schon verraten hatte – er hat kein festes Programm sondern singt die Lieder je nach Gefühlslage, wobei er auch auf ihm zugerufene Wünsche aus dem Publikum eingeht. Wie gut er das beherrscht, machen verschiedene Live Alben deutlich, die im Laufe der Jahre veröffentlicht worden sind.

Was war das für ein Unterfangen für einen jungen Burschen aus Yonkers, sein Glück ausgerechnet mit Country Music zu versuchen? Seine einfache Antwort: „Irgendwann in der Kindheit entscheidet sich, welche Musik du bevorzugst. Bei mir war es eben Country Music. In jungen Jahren träumte ich davon, in Nashville mit den Jordanaires zu singen. Und ich hätte sonstwas dafür gegeben, bei Sun Records gewesen zu sein.“ Sein Traum sollte sich später erfüllen, denn da nahm er mit den Jordanaires auf.

Auch wenn es für Jemanden aus Yonkers ungewöhnlich ist, Chip Taylor orientierte sich an authentischer Country Music. „Mit 8 oder 9 Jahren hörte ich regelmäßig die Übertragungen vom WWVA Jamboree in Wheeling, West Virginia. Jahre später so mit 16 oder 17 hatte ich meine erste kleine Countryband und war total begeistert von Merle Haggard.“ Das hört man Taylor’s ersten Plattenaufnahmen auch an. Aber nicht als Sänger machte er erste entscheidende Fortschritte sondern als Songschreiber. Chip Taylor bestätigt mit Nachdruck: „Ich hatte meinen Start im Business als Country-Schreiber nicht als Pop-Schreiber!“ Das lässt sich leicht nachvollziehen. Irgendwie waren seine Songs bei Chet Atkins gelandet. Der fand genug Gefallen daran, einige davon von damaligen Stars wie den Browns, Floyd Cramer, Eddy Arnold und Bobby Bare aufnehmen zu lassen. Bare hatte mit „A Little Bit Later On Down The Line“ einen Hit, auch Waylon Jennings fuhr mit „Sweet Dream Woman“ nicht schlecht.

Doch waren diese Erfolge vergleichsweise harmlos gegenüber dem, was Chip Taylor an anderer Stelle entfachte: richtige Knaller in der Pop Music. The Troggs verbuchten mit „Wild Thing“ und „Any Way That You Want Me“ gleich zwei Hits aus dem Hause Chip Taylor. Doch waren es nicht die Troggs, die „Wild Thing“ zuerst aufnahmen, die Ehre kommt ein Jahr vorher (1965) Jordan Christopher & The Wild Ones zu. Taylor’s weltweit erfolgreichster Song dürfte „Angel Of The Morning“ sein, der sich in sehr vielen Versionen (auch instrumental) rund 15 Millionen mal verkaufte. 1968 war es zunächst Merrilee Rush, die damit die Charts stürmte, 1981 gelang auch Juice Newton ein Millionseller damit.

Die Liste lässt sich fortsetzen: The Hollies sangen sich mit „I Can’t Let Go“ an die Spitze, Janis Joplin übernahm „Try (Just A Little Bit Harder)“, „Storybook Children“ erfreut sich bis heute in vielen Versionen der Beliebtheit. Auch „Lonely Is As Lonely Does“ (The Fleetwoods), „Worry“ (Johnny Tillotson), „He Sits At Your Table“ (Willie Nelson), „I Can Make It With You“ (Jackie DeShannon), „Son Of A Rotten Gambler“ (Anne Murray, Emmylou Harris, the Hollies), „Something About Losing It All“ (Randy Travis) stammen von Chip Taylor, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kurze Zeit war er Teil der Gruppe „Taylor, Gorgoni, Martin“, dann gab es einige Solo-Alben von Chip Taylor. In der Pop Music fühlte er sich nicht sonderlich wohl, er kehrte zu Country zurück. Tatsächlich gelangen ihm dann auch als Sänger einige kleinere Hits wie „Same Ole Story“, „I Wasn’t Born In Tennessee“, „Early Sunday Morning“, „The Real Thing“ und vor allem „Hello Atlanta“. Seine angenehme, sonore Stimme hätte mehr Beachtung verdient gehabt aber seine Platten waren nicht so erfolgreich, die Richtung selbst bestimmen zu können. Kritiker lobten seine Alben zwar einhellig aber sie verkauften sich nicht wie erhofft. Er selbst reflektierte: „In Nashville hatte ich keine Chance. Man produzierte mich so, wie man mich gern haben wollte, nicht so wie ich war und bin. Die Alben waren überproduziert, ich wollte einen offeneren Sound wie den von Roger Miller etwa. Als ich einsah, dass man mich so nicht singen lassen würde, zog ich die Konsequenzen und mich ganz aus der Musik zurück.“

Die folgenden Jahre waren für die Persönlichkeitsfindung des Chip Taylor enorm wichtig. Zeitweise „arbeitete“ er als Glücksspieler (Blackjack und Pferderennen), bis sich seine musikalische Ader wieder meldete wurden andere Dinge wichtiger. Er ist immer ein Mann mit festen Wertvorstellungen gewesen. Seine Eltern (insbesondere die Mutter), seine Familie, seine Heimat und Herkunft sowie die Musik – das sind die Eckpfeiler seines Lebens. Ein „Gambler“ (ein Song vom Album „Somebody Shoot Out The Jukebox“ und nicht zu verwechseln mit dem Kenny Rogers-Hit) ist er, im Sinne eines das Risiko liebenden Menschen, der gern seine Möglichkeiten ausreizt. Auch als Songschreiber denn viele seiner Lieder sind sehr persönlich. Wie „Son Of A Rotten Gambler“, das er für seinen Sohn schrieb oder „The Real Thing“ über seine Entdeckung des Rock’n’Roll und Rockabilly.

Es ist überaus interessant, sich mit Taylor über seine Karriere und seine Songs zu unterhalten. Richtig kurios gewesen ist sein Debüt in Holland 1975. Mit einem breiten Schmunzeln erinnert er sich: „Warner Brothers aus Holland fragte mich, ob ich rüber kommen und den Markt testen wollte. Ich wollte, auch weil einer meiner Songs dort gerade #2 in den Charts war. Man hatte eine Band als Begleitung für mich engagiert, doch die verkrachte sich mit dem Veranstalter und war weg. Man wollte mir dann einen Auftritt nicht mehr zumuten, doch der Laden war voll und ich extra aus New York gekommen. Also fragte ich die Band, die das Vorprogramm bestritt, ob sie einige Standards spielen könnten. Es stellte sich heraus, dass „Wildwood Flower“ (so hieß die Band), fast alle meine Songs kannte. Nach kurzer Probe haben wir zwei Stunden prima gespielt. Mein damaliger Hit war übrigens „Same Ole Story“, ein Lied über meinen Vater.“ Er erzählte weiter, dass er „Just A Little Bit Later On Down The Line“ für 25 Dollar verkauft hatte. Lieder auf Bestellung hat er nur selten geschrieben, Ausnahme z.B. für Jackie DeShannon. Auf ihre Bitte hin schrieb er ihr „I Can Make It On My Own“.

Dass auch Experten keine Propheten sind, habe sich am Beispiel eines Superhits („Wild Thing“) gezeigt. Taylor: „Ich hatte die Knüller in England mit den Troggs. Der Labelmanager in USA, war ein Freund von mir und ein erfahrener, erfolgreicher Mann. Er meinte, dieser Song könne nirgendwo sonst ein Hit werden. Deshalb packte man ihn als B-Seite auf eine Single. Doch sehr schnell stand dieses Ding auch bei uns ganz vorne und wurde ein Millionseller.“

Einen noch größeren Hit verkannte Taylor selbst. Er hatte ein Demo davon gemacht und sagte dem Techniker, er solle es wegwerfen, weil ihm der Titel überhaupt nicht gefalle. Doch „Später am gleichen Tag war Barry Mann im Studio. Als der noch Material brauchte, sagte der Techniker, er habe da noch was von Chip Taylor, das er wegwerfen soll. Barry Mann hörte sich das Demo an, griff zum Telefon und sagte mir auf den Kopf zu, das sei ein garantierter Hit. Wieder waren des zunächst die Troggs, die „Anyway That You Want Me“ aufnahmen. Auch Evie Sands und Juice Newton waren damit erfolgreich.“

Seine bodenständigen, beinahe banalen Prinzipien, seine Gefühle und sein Naturell waren es schließlich, die ihn zurück in die Musik lenkten und seinen Weg immer wieder auch nach Europa. Die Person, die ihm vermutlich am nächsten stand, war seine Mutter, sie muss ein bemerkenswerter, gänzlich ungewöhnlicher Mensch gewesen sein. Das 1997 veröffentlichte Album „The Living Room Tapes“ gibt ein hautnahes Zeugnis dafür ab, denn die Songs schrieb Taylor überwiegend für sie. Songs, in die er all seine Zuneigung einfließen ließ aber auch Spott und hintergründigen Humor. Songs, die vom Leben und Alltag des Chip Taylor erzählen, die sich so wenig von denen vieler seiner Mitmenschen unterscheiden. Einziger Song, den er nach dem Tod der Mutter schrieb, ist „Grandma’s White LeBaron“, ein Lied wie ich noch keines gehört habe. Ein in ungewöhnlicher Wortwahl gezeichnetes Portrait, das in 4 ½ Minuten einen Menschen so charakterisiert, dass er vor dem geistigen Auge lebendig wird und man versteht, warum er so viel für Chip Taylor bedeutet hat.

Der steht derweil dort am Mikrofon und scheint sich in seiner Welt, seinen Gefühlen und Erinnerungen zu verlieren bei Liedern wie „Why Milwaukee (Why Not?)“, „Only One Joan“ oder „Florence Is The River“.
Ach ja, Florence! Einige Tage war die Französin eine Zufallsbekanntschaft, Mittelpunkt seiner Gefühlswelt. Ebenso wie er über seine beiden ehemaligen Frauen schreibt – ohne Bitterkeit sondern in Freundschaft und Dankbarkeit – ist auch Florence Anlass und damit Thema des einen oder anderen Songs. Als Taylor den Titelsong des 199er Albums „Seven Days In May“ (länger dauerte die Beziehung nicht) vorstellt, macht sich Ergriffenheit beim Publikum breit. Auch wegen der fragenden Erkenntnis, warum ein solch einzigartig talentierter Mensch vom breiten Publikum nicht recht wahrgenommen wird oder werden kann.

Tom Russell sagte über das Album „The Living Room Tapes“: „Es ist ein stilles, unauffälliges, zu Herzen gehendes Meisterstück. Die feste Hand eines Kunsthandwerkers, der zu uns zurückkehrt.“

Chip Taylor seinerseits lässt sich nicht entmutigen, er macht genau mit dem witer, was er fühlt und was ihm am Herzen liegt. Allein im neuen Jahrtausend sind bereits 11 weitere Alben erschienen. Dafür hat er vor einigen Jahren mit Train Wreck Records eigens ein eigenes Label gestartet. Keines seiner Alben ist wie das andere, immer wieder überrascht er mit der Themenwahl oder dem Sound. Seit 2002 arbeitet er zeitweise mit der sehr talentierten, eher der Folk Music zugetanen Kollegin Carrie Rodriguez zusammen. Nicht nur bei Konzerten sondern auch im Studio. Egal ob solo oder im Duett, es entstehen immer stimmungsvolle Alben wie etwa der Live-Mitschnitt von den Ruhr-Festspielen 2007.

Hoffentlich bringt Chip Taylor auch künftig noch genug Energie auf, um in unseren Breitengraden auf die Bühne zu gehen, um auf ein Publikum zu treffen, das zuhören und sich in den Bann dieses Künstlers ziehen lassen will. Der intelligente, ambitionierte, von der Situation stimulierte Songschreiber und Sänger wird für ein unvergessliches Erlebnis sorgen.

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