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Vincent Neil Emerson und sein neues Album

Vom Werden eines großen Songwriters.

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Vincent Neil Emerson Vincent Neil Emerson. Bildrechte: La Honda Records (Membran)

Vincent Neil Emerson, diesen jungen Mann, hat mir Charley Crockett bei seinem letzten Hamburger Gastspiel wärmstens empfohlen. Das war nicht einfach nur ein Gefallen für seinen Kollegen – nein, Charley Crockett ist davon überzeugt, dass Emerson direkt in die großen Fußstapfen eines Townes Van Zandt, Guy Clark oder Blaze Foley getreten ist und dabei ist, einer der wichtigsten texanischen Songschreiber und Interpreten seiner Generation zu werden. Crockett hat dann auch folgerichtig gleich mal einen Song Emersons aufgenommen und „7 Come 11“ zu einer der stärksten Nummern seines 2019er Albums „The Valley“ gemacht.

Ebenso wurde Colter Wall auf Vincent Neil Emerson aufmerksam und ging mit ihm im Januar 2019 auf Tour. Dabei sorgte für Aufsehen, dass Hollywoodstar Jason Momoa – ein fanatischer Colter Wall Fan – beide bei ihrem Gastspiel in Vancouver besuchte und ausführlich darüber in seinem Videoblog berichtete – inklusive mehrerer Backstage Videos. Auf dieser Tour schrieb Emerson dann auch seine spätere Single „Road Runner“, die er gemeinsam mit Colter Wall aufnahm.

Im folgenden Sommer erschien Vincent Neil Emersons Debütalbum „Fried Chicken And Evil Women“ bei La Honda Records, wo inzwischen auch Colter Wall seine Platten herausbringt. Zuvor hatte Emerson 2016 nur ein selbstproduziertes Album namens „East Texas Blues“ aufgenommen. „Fried Chicken And Evil Women“ paart Style mit perfektem Songwriting, viel Humor und tollem Sound. Vincent war erst Anfang/Mitte 20, als er diese Songs schrieb und aufnahm. Musikalisch und textlich zeigt das Album aber so manche Raffinesse und drückt auch schon vom Songwriting her echte Reife aus und es hat mit dem lustigen, viel Western Swing atmenden „Willie Nelson’s Wall“, einen echten Hit. Ähnlich skurril ist das schöne „Letters on the Marquee“, das davon erzählt, dass die Leute im ländlichen Texas zuweilen einen Vornamen wie Vincent so exotisch finden, dass sie es nicht schaffen, ihn fehlerlos auf die Ankündigungstafel eines Clubs zu schreiben.

Aufgewachsen in East Texas im Van Zandt County als Sohn einer alleinerziehenden Mutter mit Native American Hintergrund, verließ Vincent Neil Emerson bereits mit 16 sein Zuhause, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und zog umher, bis er schließlich mit 19 ernsthaft zur Gitarre griff. Das war zu einem Zeitpunkt, wo er in seinem Auto schlief und sonst nichts hatte. Ein Freund spornte seinen Ehrgeiz an, Songs zu lernen und mehr eigene zu schreiben, brachte ihm die ersten Gigs und bald hatte er, da er regelmäßig in den Bars von Fort Worth spielte, Arbeit und auch eine Wohnung.

Ende Juni 2021, nun bereits seit 10 Jahren professioneller Musiker, hat Vincent sein selbstbetiteltes zweites Album veröffentlicht, produziert von keinem geringeren als Rodney Crowell. Es wurde Mitte 2020 in Nashville mit Crowells Band, alles Top-Session-Player, die auch immer wieder in der Opry spielen, aufgenommen.

Vincent Neil Emersons zweites Album unterscheidet sich vor allem durch seine Entstehungsgeschichte. Lagen dem ersten noch Jahre des Song-Schreibens und -sammelns zugrunde, sind die neuen Songs alle im gleichen Zeitraum entstanden, und wesentlich aktueller. Auch kann man dieses Album im direkten Vergleich mit dem Debüt mehr als Songwriter-Album bezeichnen, denn Vincent traute sich nun, wesentlich persönlichere und intimere Songs zu schreiben. Das war für ihn auch die eigentliche Herausforderung: sich Themen zu widmen, die er vorher eher umschifft hatte.

Geschrieben hat er alle Songs direkt nach Beginn des Lockdowns 2020. Über seinen Management-Partner Thirty Tigers – eine in Nashville ansässige Firma, die einigen Indie Country-Künstlern bei der Vermarktung ihrer Arbeit hilft – gelangten Songs an Rodney Crowell, der sich begeistert zeigte und Vincent anrief und ihn produzieren wollte.

Mit „Texas Moon“ hat die neue Platte gleich zu Beginn einen gelungenen Opener, der die persönliche Grundstimmung unterstreicht. In „The Ballad of the Choctaw-Apache“ thematisiert Emerson dann das brutale Schicksal des Stamms der Choctaw-Apachen, dem seine Großmutter angehörte. Ein Protestsong, der das Trauma und die Unrechtmäßigkeit der Vertreibung eines indigenen Volkes direkt benennt, vor dem die US-Mehrheitsgesellschaft größtenteils die Augen verschließt, denn wahrscheinlich ist das geschehene Unrecht, wie Emerson bitter singt, „Just the American Way“.

Warum Rodney Crowell den tollen Song über den White Horse Salloon in Austin, den legendären Laden, in dem Emerson vermutlich seine letzte Show vor dem Lockdown spielte, unnötig mit irischen Flöten verkitscht, erschließt sich nicht. Vielleicht mag er einfach irische Flöten.

Zentrales Stück der Platte ist die erste Single, das großartige „Learnin‘ to Drown“, in dem sich Vincent Neil Emerson dem wahrscheinlich für ihn persönlich schwierigsten Thema widmet, dem Suizid seines Vaters und seiner eigenen lebenslangen Erfahrung mit Depression. Ein sehr trauriges Thema, es gelingt Emerson jedoch, das Ganze so zu erzählen, dass der Song einen trotzigen und kathartischen Unterton hat, hatte Songwriting für Vincent doch von jeher auch immer therapeutische Wirkung. Wenn man um diesen biografischen Hintergrund weiß, versteht man eher, warum ein jetzt 29-Jähriger es vermag mit solcher Ersthaftigkeit und Autorität über tragische Ereignisse wie diese zu singen.

Am Veröffentlichungstag von „Learnin‘ to Drown“ schrieb Vincent auf Facebook: „Dies ist für alle, die mit Depressionen zu kämpfen haben. Für alle, die das Gefühl haben, nirgendwo hinzugehören. Diese Welt ist nicht immer freundlich zu einem, aber Du sollst wissen, dass Du nicht allein bist. Dies ist der autobiografischste und ehrlichste Song, den ich je geschrieben habe. Ich hoffe er gefällt euch allen, aber vor allem hoffe ich, dass er jemandem da draußen hilft.“

Im Frühjahr 2022 kommt Vincent Neil Emerson zum ersten Mal für eine Tour nach Europa. Sein einziges Konzert in Deutschland spielt er am 21. März in Hamburg.

Vincent Neil Emerson: Das 2021er Album

Vincent Neil Emerson

Titel: Vincent Neil Emerson
Künstler: Vincent Neil Emerson
Veröffentlichungstermin: Juni 2021
Label: La Honda Records (Membran)
Produzent: Rodney Crowell
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 10
Genre: Americana, Country

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Trackliste: (Vincent Neil Emerson)

01. Texas Moon
02. Debtor’s Blues
03. High On The Mountain
04. Learnin‘ To Drown
05. Ripplin‘ And Wild
06. Durango
07. The Ballad Of The Choctaw-Apache
08. White Horse Saloon
09. High On Gettin‘ By
10. Saddled Up And Tamed

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Über Oliver Kanehl (9 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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