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Auf dem Highway sind die Hippies los

Vor 50 Jahren erschien "Lost In The Ozone", das Debütalbum von Commander Cody And His Lost Planet Airmen.

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Commander Cody And His Lost Planet Airmen - Lost In The Ozone Commander Cody And His Lost Planet Airmen - Lost In The Ozone. Bildrechte: Paramount Records

Der runde Geburtstag eines Albums ist natürlich immer eine Geschichte wert. Allerdings wurde nicht nur Lost In The Ozone – das immer noch erstaunlich frisch klingende Debüt von Commander Cody And His Lost Planet Airmen – vor einem halben Jahrhundert im November 1971 veröffentlicht. Ende September 2021 verstarb leider auch Boogie Woogie Pianist George Frayne, der als Commander Cody für mehr als 50 Jahre die unterhaltsame Band aus Kalifornien anführte, an den Folgen einer langjährigen Krebserkrankung. Ein Grund mehr also, sich einmal der kalifornischen Countryband näher zu widmen.

Commander Cody And His Lost Planet Airmen, deren Name an zwei 50er Jahre Science Fiction B-Movies angelehnt ist, gründeten sich 1967 an der University of Michigan. Gründungsmitglieder waren neben Frayne u.a. Hauptsänger und Hauptsongschreiber Billy C. Farlow, Leadgitarrist Bill Kirchen und Rhythmusgitarrist John Tichy. In der Ur-Besetzung, die bis Mitte der 70er Bestand hatte, teilten sich alle bisweilen den Gesang. Sie begannen als Bar- und Party-Band in Michigan und zogen dann im Sommer 69 mehr oder weniger gemeinsam nach San Francisco und Berkeley in die Bay Area. Dort spielten sie noch im gleichen Jahr erstmals als Opener für die Grateful Dead.

Wie die Byrds, Poco oder die Flying Burrito Brothers, hatten Commander Cody And His Lost Planet Airmen, einen unverstellten und spielerischen Zugang zur Countrymusik. Dass sie diese Musik aufgriffen und spielten, war weiß Gott nicht selbstverständlich, galt Countrymusik damals doch durchweg als reaktionäre Musik. Aber es gab immer wieder junge Leute, die unabhängig aller Zuschreibungen den Melodie- und Geschichtenreichtum – ja, den Popappeal und Humor des Countrygenres erkannten und lieben lernten. So verbanden Commander Cody und seine Mannen das Genre mit anderen Einflüssen zu einem eigenen Stil, den man seinerzeit zunächst Country-Rock oder mit Gram Parsons als Cosmic American Music oder Cosmic Country bezeichnete.

Frayne hatte es – neben Rock’n’Roll und Boogie Woogie, besonders die Musik von Bob Wills angetan. Gemeinsam kreierte die achtköpfige Truppe aus Western Swing, Jump Blues und frühem Rockabilly einen ganz eigenen Honky Tonk Sound und unterstrich dabei ihre Originalität in eigenen Songs und beschwingten Covern von Hits der 40er und 50er Jahre. Alles verbunden mit viel Spaß und einem gehörigen Schuss Ironie. Man kann aber nicht sagen, dass die Band das Country-Genre durchgängig parodierte. Dafür liebten alle Beteiligten Countrymusik viel zu sehr. Vielmehr kann man bei der Band ein tiefes Verständnis für das Genre erkennen.

Auf dem bei Paramount Records erschienenen „Lost In The Ozone“ befindet sich bereits der größte Hit der Band: ihr Cover von „Hot Rod Lincoln“, einer schmissigen Nummer von 1955, die auch Johnny Bond 1960 aufnahm. „Hot Rod Lincoln“ ist zwar lediglich der Answersong auf „Hot Rod Race“ von 1949, war aber witzigerweise der größere Hit. George Frayne war sicherlich kein großer Sänger, aber als Schnellsprecher konnte er hier glänzen.

Motorisierung in allen ihren Facetten blieb ein wichtiges Thema der Band und so entwickelten der Commander und seine außerirdischen Begleiter echte Leidenschaft für Trucking-Songs und Artverwandtes. Auf ihrem zweiten Album von 1972 passenderweise „Hot Licks, Cold Steel & Trucker Favorites“ betitelt, befinden sich so z.B. das wunderbare „Mama Hated Diesels“ und außerdem das von Farlow und Kirchen verfasste Semi-Truck, bei dem Bill Kirchen schon erahnen lässt, warum man ihn heute einen Weltklasse-Gitarristen, ja einen Titanen der Telecaster nennt.

Natürlich waren Commander Cody And His Lost Planet Airmen damals junge Leute, die mit ihren langen Haaren für Außenstehende als Hippies galten und in der Gegenkultur der späten 60er Jahre verwurzelt waren. Das ging so lange gut, wie die Band nicht im Süden spielte, denn in Nashville und Texas verstand man damals in punkto Countrymusik leider keinen Spaß: Mit ihrem Hit-Cover „Smoke, Smoke, Smoke (that Cigarette)“ von ihrem dritten Album „Country Casanova“ von 1973 wurde die Band ein Jahr später in die Hauptstadt der Countrymusik geladen, um auf der CMA Convention zu spielen. Dort buhte man sie von der Bühne und rief ihnen entgegen „get a haircut“ oder „find a rock concert“. Jahre später sprach Frayne über die Demütigung, die das damals für die Band bedeutete: Wenn diese Leute die Band so behandelten, würden sie ihre Musik auch nicht mehr spielen. Und als die Leute in Texas zudem herausfanden, dass Frayne und Co. nicht von dort stammten, wurde ihnen sogar vorgeworfen, die texanische Musik zu stehlen. Diese Leute hatten nichts verstanden.

Dennoch veröffentlichten Frayne und seine Band 1974 noch ein weiteres Album bei Paramount. Es wurde live in Austin, Texas im legendären Armadillo World Headquarters, aufgenommen. „Live from Deep in the Heart of Texas“ ist für Kritiker wie Fans bis heute ein Meilenstein, und der amerikanische Rolling Stone führt es in seiner Liste der 100 besten Alben aller Zeiten.

Bekannt für ihre Marathonkonzerte hatte die Band früh angefangen, in einem eigenen umgebauten Greyhoundbus ausgiebig zu touren. Auch für spätere Besetzungen – alle um Frayne und zum Teil unter leicht variiertem Namen, stand das Live-Spielen stets im Vordergrund. 2012 sagte Frayne dazu, dass das Geheimnis sei, dass sie seit 40 Jahren das gleiche Set spielten. Das aufzuführen sei wie die Rocky Horror Picture Show, nur ohne Fummel und Getanze. Bis Mitte der 70er waren Commander Cody And His Lost Planet Airmen eine präsente und unschlagbare Live-Band. Sie waren so bedeutsam, dass sogar Asleep at the Wheel – eine Band, die man ironischerweise heute stets mit Texas assoziiert, Anfang der 70er Jahre von West Virginia nach San Francisco zog. Erst 1974 siedelte die Band dann nach Austin, Texas über.

Auf „Lost In The Ozone“ befindet sich neben dem Titelsong ein weiterer Klassiker, das großartig lakonische „Seeds And Stems (Again)“, eine Lost-Love-Ballade, die auf gekonnte Weise den damaligen Zeitgeist widerspiegelt, ertränkt der Erzähler doch nicht seinen Frust im Alkohol, sondern kifft hier was das Zeug hält. Dazu passt, dass sich Frayne mal an seine Studentenzeit zurückdenkend als den „main pot dealer“ der University of Michigan bezeichnet hat. Und apropos Uni: Gitarrist John Tichy kehrte nach seiner Musikerkarriere Mitte der 70er Jahre an die Universität zurück, wurde Professor und Leiter eines Instituts für Luft- und Raumfahrttechnik, kein Wunder bei dem Bandnamen.

Und Frayne? Der hatte schon, bevor es mit der Band richtig losging, sein Kunststudium mit dem Master abgeschlossen und machte auch später erfolgreich Kunst. George Frayne wurde 77 Jahre alt. Ruhe sanft Commander.

Commander Cody And His Lost Planet Airmen – Lost In The Ozone: Das 1971er Album

Commander Cody And His Lost Planet Airmen - Lost In The Ozone

Titel: Lost In The Ozone
Künstler: Commander Cody And His Lost Planet Airmen
Veröffentlichungstermin: 1. November 1971
Label: Paramount Records
Formate: Digital
Tracks: 12
Genre: Country, Honky Tonk, Rock

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Trackliste: (Lost In The Ozone)

01. Back To Tennessee
02. Wine Do Yer Stuff
03. Seeds And Stems (Again)
04. Daddy’s Gonna Treat You Right
05. Family Bible
06. My Home In My Hand
07. Lost In The Ozone
08. Midnight Shift
09. Hot Rod Lincoln
10. What’s The Matter Now? (Live In Berkeley, 1971)
11. 20 Flight Rock (Live In Berkeley, 1971)
12. Beat Me Daddy, Eight To The Bar

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Über Oliver Kanehl (9 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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