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Aus altem Holz geschnitzt: JP Harris‘ Countrymusik ist zeitlos und immer handgemacht

Kurz nach seinem 40. Geburtstag kommt der Musiker aus Nashville zu einem Abstecher nach Deutschland.

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JP Harris JP Harris. Bildrechte: Promo, JP Harris

Ein Fan schrieb einmal in einem Kommentar im Internet: „JP is the Iggy Pop of country music, always shirtless and always good!!“ Hier könnte ein Text über JP Harris eigentlich schon beendet sein, aber vielleicht sollte ich doch etwas mehr ausholen.

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Mancher wird denken, dass Indie-Country-Ikone Joshua Pless Harris, den immer die Aura eines archaischen Charakters aus biblischen Zeiten umgibt, mindestens seine 200 Lenze zählt. JP Harris ist aber kein Untoter und wird nach eigener Auskunft heute am 13. Februar 2023 tatsächlich erst jugendliche 40 Jahre alt. Apropos Jugend: Kein Wunder, dass der in Montgomery, Alabama, geborene Musiker etwas reifer rüberkommt, schließlich verließ er bereits mit 14 sein Elternhaus und hat zweifellos Einiges, was Amerikaner hard livin‘ nennen hinter sich. Ja, JPs Leben bietet zweifellos Stoff für so manchen Countrysong: So hatte JP bereits Mitte Zwanzig mehr ungewöhnliche Dinge erlebt und getan als die Meisten in ihrem ganzen Leben: Er reiste auf Güterzügen und per Anhalter kreuz und quer durch die USA, lebte lange Zeit auf sehr karge Weise in den Appalachen, arbeite auf dem Schrottplatz, war Landarbeiter, Holzfäller und Obstbauer, hütete Schafe für Navajos in Arizona, baute Geigen und Banjos, fuhr Planierraupen und ist heute in Nashville neben seiner Musikkarriere hauptsächlich als Schreiner, Zimmermann und Restaurateur tätig. Aufgrund des eigenen turbulenten Lebens wurde Countrymusik immer mehr zu JPs musikalischer Heimat und inzwischen ist Harris eine feste Größe in der East Nashville Music Community, in der er seit 2011 zu Hause ist.

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Ursprünglich musikalisch sozialisiert durch die Bay Area Punk Szene der 1980er/90er Jahre, ist Harris wohl immer noch der Honky Tonker mit der meisten Tinte auf seinem Körper. Aus den späten 90ern stammen dann auch JPs erste primitive Tattoos, die er heute noch mit Stolz trägt. Man lasse sich aber nicht von Äußerlichkeiten ablenken, denn der Mann mit dem Rauschebart ist nicht nur ein versierter Songschreiber und Geschichtenerzähler, er ist auch ein Herz von einem Menschen. Und so sind es gerade seine Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit, die Harris‘ Musik so intensiv und berührend machen. Drei seit 2011 erschienene tolle Honky Tonk Alben legen davon eindrücklich Zeugnis ab.

Schön auch die etwas weniger bekannten zwei EPs Why Don’t We Duet in the Road (2016) und Why Don’t We Duet in the Road (Again) (2019), auf denen er bekannte und weniger bekannte Duette der Country-Musikgeschichte mit verschiedenen Sängerinnen neu aufgenommen hat. Eine hübsche Idee, die auch musikalisch höchst erfrischend ist und zudem als Klappcover-Doppel-Singles mit farbigem Vinyl optisch ebenfalls etwas hermachen. Hierauf zu finden ist z.B. eine höchst unterhaltsame Coverversion der witzig-skurrilen Loretta Lynn / Conway Twitty Nummer You’re The Reason Our Kids Are Ugly Harris‘, die Harris im Duett mit Nikki Lane darbietet.

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Während der Corona-Zeit machte JP Harris zunächst mit einer Single von sich reden: Anfang 2021 veröffentlichte er das ziemlich spontan entstandene Take off Your Tin Foil Hat – zu Deutsch: „Nimm Deinen Aluhut ab!“ Entstanden ist das Stück als satirische Reflektion auf die Absurdität der ausufernden Desinformation im Internetzeitalter. Es geht weniger um einzelne Verschwörungstheorien, als vielmehr darum, wie selbst das Undenkbarste für manche Leute heute auf einmal denkbar wird, wenn Fakten von Autoritäten wie dem damaligen Präsidenten Trump als Fake News bezeichnet werden.

Erst spielte JP nur mit dem Thema herum. Als er dann aber in Nashville am Weihnachtsmorgen 2020 durch die ungeheure Detonation der größten jemals in den USA gezündeten Autobombe aus dem Schlaf gerissen wurde, machte er sich daran, das Lied fertig zu schreiben. Am Neujahrsmorgen stellte er dann ein im Wohnzimmer aufgenommenes Video ins Netz, in dem er das Stück mit der Akustikgitarre spielte. Als sogar die Popsängerin Pink das Stück später teilte, ging der Song viral. Da der Song so gut ankam und den Leuten aus der Seele zu sprechen schien, ließ sich JP nicht länger von Fans und Freunden bitten, ging ins Studio und veröffentlichte wenig später die erste Country-Hymne gegen querdenkende, antisemitische, ufogläubige Verschwörungsnazis.

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Jüngstes Highlight in JP Harris‘ Oeuvre ist nun sein Oldtime-Country-Kleinod Don’t You Marry No Railroad Man von 2021, auf dem Harris, sich dem Banjo widmend, wieder zu seinen countrymusikalischen Anfängen zurückkehrt. Eingefleischte JP-Fans wissen, dass der Honky Tonker seit jeher eine tiefe Beziehung zur Old Time Music pflegt, ihn mit Ex-Old Crow Medicine Show Mitglied Chance McCoy eine lange Freundschaft verbindet und er sogar selber Banjos baut. Don’t You Marry No Railroad Man ist JPs erstes von traditioneller Appalachian Mountain Music inspiriertes Album. Um es von seinen Honky Tonk Alben abzugrenzen, hat er es unter dem Projekt-Namen J.P. Harris’ Dreadful Wind & Rain veröffentlicht. Aufgenommen wurde das Album in Chance McCoys Studio im ländlichen Virginia im Sommer 2020. Und McCoy zeichnete neben seinem Fiddle-Spiel und zweiter Stimme auch als Produzent verantwortlich.

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Tele-Twang und Steelguitar machen mal Pause und JP Harris singt, sich archaisch auf dem Fretless-Banjo begleitend, voller Inbrunst ungeschliffene Weisen des 18. und 19. Jahrhunderts, die von Tod und Teufel handeln. Die Original Country Music wie JP sie nennt, geht unter die Haut und ist durchaus spannend. Er erzählt, dass er ursprünglich diese Musik vor vielen Jahren in Stringbands spielte, ihm aber irgendwann gewahr wurde, dass er mit diesem Sound nicht in Bars spielen konnte. So fing er an, seine eigenen Country-Songs zu schreiben und Honky Tonk zu spielen. Auch wenn es wie ein Klischee klingt, kehrt JP so mit dem aktuellen Album zu seinen Roots zurück. Damals noch keine zwanzig, begann er für mehr als zehn Jahre abseits der Zivilisation in einer abgelegenen Ecke der USA ohne Strom und fließend Wasser zu leben. Im Winter waren die Straßen nicht zu befahren und in dieser Abgeschiedenheit tauchte er tief in die Old Time Music ein. Die alten Balladen begannen zu ihm zu sprechen, und er begann mit dem Fretless-Banjo zu antworten. Er lernte die Instrumente zu bauen und bereiste für acht Jahre jeden Sommer die USA, um die Instrumente auf Fiddle Conventions zu verkaufen.

Dieses Album zu machen war ein lang gehegter Wunsch, der durch die Corona-Krise zu neuem Leben erwachte, da 2020 natürlich alle seine Touren ins Wasser fielen. Wer im Februar 2017 JP Harris und Chance McCoy auf ihrer gemeinsamen Europa-Tour als Duo erleben durfte, dem kommt dieser Sound vertraut vor. Kurz zuvor hatten beide damals auch ein Album aufgenommen – nicht nur mit Old Time Music, aber ganz klar puristisch und akustisch. Die Platte konnte dann jedoch aus rechtlichen Gründen nicht regulär erscheinen. Kurzum verkauften die Beiden nach den Shows ihre selbstgebrannten CDs. Wenn das nicht Appalachen Style ist, dann weiß ich auch nicht: Manche brennen Moonshine, andere Musik.

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Seinen runden Geburtstag versüßt uns der Jubilar nun mit einem ganz besonderen Schmankerl: Gemeinsam mit Songschmied John R. Miller und Fiddlerin Chloe Edmonstone bereist JP das erste Mal seit 2018 wieder unseren Kontinent und kommt zu seinem einzigen Deutschland-Gastspiel am 22. März in Hamburgs Nochtwache.

Happy Birthday JP Harris!

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Über Oliver Kanehl (55 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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