Eine Geschichte, die immer wieder erzählt werden muss
Elizabeth Thomsons Joan Baez-Biografie ist nun auch auf Deutsch erschienen.
Joan Baez. Mut und Anmut. Collage (Country.de) // Photo Credit: © (Delius Klasing Verlag)
2021 zum 80. Geburtstag von Joan Baez erschien Elizabeth Thomsons Biografie über Joan Baez mit dem Titel „The Last Leaf“. Mit einem Vorwort der Autorin vom Juni 2020. Das ist schon ein paar Jahre her. Dass nun im Jahr des 85. Geburtstages der Verlag Delius Klasing das Buch nun erstmals unter dem Titel „Joan Baez. Mut und Anmut“ auf Deutsch publiziert, ist wichtig und verdienstvoll. Denn Liz Thomsons Buch ist die definitive Joan Baez-Biographie. Und das nicht nur wegen der Fülle der Informationen. Sie kam der Künstlerin und Aktivistin Joan Baez so nahe wie sonst keiner vor ihr. Mehrmals hat die Musikjournalistin über die Jahre Joan Baez getroffen und gesprochen. Sie hat also nicht nur die Archive bemüht, sondern schreibt über eine Person, die sie im realen Leben kennt.
Ein Blick auf eine außergewöhnliche Künstlerkarriere
Somit ist ein Buch entstanden, das von der Kinder- und Jugendzeit – Joanie wurde oft wegen ihres dunklen Teints rassistisch gemobbt- über ihren Durchbruch im Folk Revival Ende der 1950er Jahre und ihre legendären Jahre an der Seite von Bob Dylan bis hin zu späten musikalischen Erfolgen und ungebrochenem humanistisch-politischem Engagement führt. Wir erfahren viel über ihren familiären Quäker-Hintergrund, der ihre lebenslange Überzeugung von Frieden und Gewaltlosigkeit maßgeblich beeinflusst hat, stehen mit ihr auf den Bühnen in Cambridge, Massachusetts und Greenwich Village, New York City und erleben ihren Durchbruch in Newport mit. Und sind dabei, als sie 1963 Bob Dylan dort einführt.
Aber wir müssen auch betreten mit ansehen, wie sie sich 1965 auf Dylans England-Tour schon so auseinandergelebt haben, dass er sie gar nicht mit ihm auf die Bühne lässt. Sie reist ab und die beiden sehen sich erst 10 Jahre später wieder. Derweil tritt sie bei den Ostermärschen in Deutschland auf, tritt für die Vietnam-Wehrdienstverweigerer ein, spielt auf dem Woodstock Festival 1969, wird schwanger und heiratet. Wird wieder geschieden, singt während des Krieges in Saigon, setzt sich danach für die Boat People aus Vietnam ein, singt in Sarajevo, trifft Vaclav Havel und Lech Walesa und ist mittendrin in den demokratischen Umbrüchen in Osteuropa. Zwischendurch stagniert ihre Musikkarriere, doch sie hat ein treues Publikum, dass ihr über die Jahre zu ihren Konzerten folgt. Und mit neuen jungen Musikern und Produzenten an ihrer Seit gelingt ihr in den 1990er Jahren auch ein Comeback als Plattenkünstlerin.
Die Geschichte einer mutigen Frau
Es ist eine Geschichte von einer mutigen Frau, Künstlerin, Aktivistin, die stets mehr wollte, als mit ihren Liedern zu unterhalten. Sie wollte die Welt verändern. Eine Geschichte, die immer wieder erzählt werden muss. Nicht mehr ins Buch haben es die letzten Jahre nach ihrem Rückzug vom Tourleben im Jahr 2019 geschafft. Und das ist schade. Das Buch, das nun von Melanie Köpp ausgezeichnet ins Deutsche übersetzt wurde, ist nun sechs Jahre alt. In diesen sechs Jahren hat sich Joanie immer mal wieder eingemischt und war Stammgast auf den „No Kings“-Demonstrationen gegen die Trump-Regierung. Und hat mit Jesse Welles sozusagen den jungen Bob Dylan unserer Tage durch gemeinsame Auftritte geadelt.
Und was natürlich diese unbearbeitete Veröffentlichung dann schon wirklich kritikwürdig macht, ist die Nichtberücksichtigung der Erkenntnisse aus der 2023er Filmbiographie „Joan Baez – I Am A Noise“. Im Film werden auch Missbrauchsvorwürfe von Joan und ihrer Schwester Mimi gegen ihren Vater Albert beleuchtet. Vor diesem Hintergrund wirken gerade die Passagen über Al Baez merkwürdig.
Am Ende bleibt eine Leerstelle
So muss der Verlag gefragt werden, warum er nicht wenigstens ein neues Vorwort der Autorin oder ein Nachwort eines anderen Baez-Kenners eingefordert hat. Dieses wirklich gute Buch ist schon jetzt ein Zeitdokument, es schließt ab, als Joan sich vom Tourleben zurückzieht. Aber neue Aktivitäten und bislang nicht veröffentlichte Sachverhalte hätte schon angesprochen werden dürfen. So bleibt bei aller spannenden Lektüre am Ende eine befremdliche Leerstelle.
Titel: Joan Baez. Mut und Anmut
Autorin: Elizabeth Thomson (Übersetzung Melanie Köpp)
Veröffentlichungstermin: 9. April 2026
Verlag: Delius Klasing
Format: Buch
Seiten: 240 Seiten
Sprache: Deutsch





