Die Welt hört Ella Langley – nur das deutsche Radio offenbar nicht
Dabei hören die Deutschen gerne Countrymusik, nicht wahr?
Ella Langley und ihr Hit "Choosin' Texas". Country in Deutschland: Das Publikum war immer da. Collage (Country.de) // Photo Credit: © Caylee Robillard
„Choosin’ Texas“ ist einer der größten Hits des Jahres. In den USA schreibt Ella Langley Chartgeschichte, jetzt steht sie auch in Großbritannien auf Platz 1. Nur im deutschen Mainstreamradio findet die Sängerin kaum statt. Zu viel Steel Guitar? Zu traditionell? Country passe nicht zum Hörverhalten? Ein Blick auf mehr als 50 Jahre Musikgeschichte lässt an dieser Argumentation erhebliche Zweifel aufkommen.
Ella Langley hat etwas geschafft, das selbst für internationale Popstars außergewöhnlich wäre. Ihr Song „Choosin’ Texas“ steht inzwischen seit 20 Wochen an der Spitze der amerikanischen Billboard Hot 100. Damit ist der Titel der am längsten auf Platz 1 stehende Song (Weihnachtssongs ausgeschlossen) in der Geschichte dieser Charts.
Ja, und es ist längst kein rein amerikanisches Phänomen mehr. Seit Anfang September steht „Choosin’ Texas“ auch auf Platz 1 der offiziellen britischen Singlecharts. In seiner mittlerweile 35. Chartwoche kletterte der Song von Platz 3 ganz nach oben.
Ein traditionell gefärbter Countrysong mit hörbarer Steel Guitar wird damit zu einem der größten internationalen Hits des Jahres 2026. Nur in einem der größten Musikmärkte Europas scheint davon bislang erstaunlich wenig anzukommen: Deutschland.
Zu viel Country für deutsche Ohren?
Wer sich seit vielen Jahren mit Countrymusik beschäftigt und mit Menschen aus der deutschen Radiolandschaft spricht, begegnet immer wieder ähnlichen Argumenten. Country passe nicht zum Hörverhalten der deutschen Hörer. Zu viel Steel Guitar. Zu traditionell. Das Intro zu lang. Der Sound zu amerikanisch.
Manchmal schwingt noch etwas anderes mit: Country werde in Deutschland mit einem bestimmten gesellschaftlichen Bild verbunden – mit dem ländlichen Amerika, mit konservativen Menschen und spätestens seit den vergangenen Jahren auch schnell mit Republikanern und Donald Trump.
Wir haben solche Argumente in unterschiedlichen Varianten immer wieder gehört. Aber sind sie richtig? Vor allem stellt sich eine viel grundsätzlichere Frage: Woher weiß ein deutscher Radiosender eigentlich, dass seine Hörer einen solchen Song nicht mögen, wenn er ihnen gar nicht erst vorgespielt wird?
Seit wann ist eine Steel Guitar konservativ?
Vielleicht liegt ein Teil des Problems weniger in der Musik als in dem Etikett, das auf ihr klebt, denn eine Steel Guitar besitzt keine politische Einstellung. Eine Fiddle wählt auch keine Partei. Ein Countrysong wird nicht dadurch konservativ, dass er in Nashville aufgenommen wurde.
Natürlich gehört Countrymusik zur amerikanischen Kultur und selbstverständlich gibt es innerhalb des Genres Künstler und Fans mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten – genau wie im Rock, Pop, Hip-Hop oder Schlager. Trotzdem scheint das Wort „Country“ in Deutschland inzwischen manchmal Vorstellungen auszulösen, die mit der Musik selbst nur noch wenig zu tun haben.
Das ist umso bemerkenswerter, wenn man zurückblickt, denn Deutschland hat jede Menge Country gehört.
Deutschland hörte Country – und zwar reichlich
In den 1970er und 1980er Jahren gehörten Country, Country-Pop und amerikanisch geprägte Rootsmusik ganz selbstverständlich zur deutschen Radio- und Fernsehlandschaft. Stars wie Johnny Cash, Dolly Parton, Kenny Rogers, Glen Campbell, Willie Nelson, Kris Kristofferson, Emmylou Harris, Lynn Anderson, Charlie Rich, Bobby Bare, die Bellamy Brothers und viele andere, waren auch deutschen Musikfans ein Begriff. Einige feierten hierzulande bemerkenswerte Charterfolge.
Die Bellamy Brothers erreichten mit „Let Your Love Flow“ Platz 1 in Deutschland. Kenny Rogers schaffte es mit „Lucille“ bis auf Platz 10 und blieb 27 Wochen in den deutschen Charts. Der deutlich nach Country klingende Song „Mississippi“ der niederländischen Gruppe Pussycat wurde sogar eine Nummer 1. Dann ist da noch Thom Pace! Sein „Maybe“, bekannt aus der Fernsehserie „Der Mann in den Bergen“, stand 1979 neun Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Charts. Anfang 1980 trat Pace mit dem Song außerdem in der ZDF-Sendung „Disco“ auf. Offenbar hatten deutsche Ohren damals weniger Probleme mit amerikanisch klingender Musik.
Country, das nicht Country heißen musste
Vielleicht liegt genau darin ein weiterer interessanter Punkt. Wie viel Country haben deutsche Radiohörer eigentlich gehört, ohne darüber nachzudenken, dass es Country war?
Songs der Eagles, Creedence Clearwater Revival oder Southern Rock von Lynyrd Skynyrd gehörten über Jahrzehnte zum Radioprogramm. Auch Künstler wie John Denver bewegten sich selbstverständlich zwischen Country, Folk und Pop.
Peter Maffay nahm gemeinsam mit Johnny Tame Country-Rock-Alben auf. Volker Lechtenbrink arbeitete mit Country-Elementen. Truck Stop, Tom Astor, Gunter Gabriel, Jonny Hill, Linda Feller, Larry Schuba & Western Union oder Gudrun Lange & Kactus erreichten ein deutsches Publikum mit Musik, deren amerikanische Wurzeln niemand ernsthaft bestreiten konnte.
Und dann wären da natürlich The BossHoss. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verbinden die Berliner Country, Rock, Americana und Pop und haben damit längst den deutschen Mainstream erreicht. „Dos Bros“ und „Black Is Beautiful“ standen beide auf Platz 1 der deutschen Albumcharts, hinzu kommen erfolgreiche Tourneen und eine enorme Präsenz im deutschen Fernsehen. Alec Völkel und Sascha Vollmer saßen unter anderem als Coaches bei „The Voice of Germany“ vor einem Millionenpublikum. Auch ihre Karriere wirft deshalb eine interessante Frage auf: Wenn Country-geprägter Sound aus Berlin funktioniert, warum soll er aus Nashville plötzlich nicht zum deutschen Hörverhalten passen?
Auch heute verschwinden Country & Americana keineswegs aus deutscher Musik. Wenn deutsche Pop- oder Rockkünstler akustische Gitarren, Fiddle, Americana-Arrangements oder Country-Anklänge verwenden, scheint das häufig problemlos zu funktionieren.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage deshalb: Hat das deutsche Radio wirklich ein Problem mit dem Klang von Country – oder vor allem mit dem Etikett „Country“?
Country gehörte sogar ins deutsche Fernsehen
Auch die Vorstellung, Country sei in Deutschland schon immer eine musikalische Randerscheinung gewesen, hält einem Blick in die Fernsehgeschichte kaum stand. Countrykünstler traten in großen Unterhaltungssendungen auf. Es gab eigene Formate und Specials.
Die „Country Gala“ der German American Country Music Federation wurde über Jahre für den MDR produziert und auch über weitere Sender ausgestrahlt. 2006 lief die zweistündige Show am Samstagabend um 20:15 Uhr im MDR. Mit dabei waren unter anderem Lynn Anderson, Chely Wright, Billy Swan, Texas Lightning, Truck Stop, Tom Astor, Linda Feller und Gunter Gabriel.
Trotz prominenter Konkurrenz im Fernsehprogramm sahen rund 680.000 Menschen zu. In früheren Jahren bewegten sich die Zuschauerzahlen teilweise sogar in Richtung einer Million. Country zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen. Heute klingt das beinahe wie eine Geschichte aus einer anderen Medienwelt.
Garth Brooks, Billy Ray Cyrus und Shania Twain
Auch in den 1990er Jahren verschwand Country keineswegs aus Deutschland. Billy Ray Cyrus landete mit „Achy Breaky Heart“ einen internationalen Hit. Shania Twain wurde zu einem weltweiten Superstar und erreichte auch in Deutschland die Top 10.
Garth Brooks, damals einer der größten Musikstars überhaupt, tourte 1994 ausgiebig durch Deutschland. Frankfurt, München, Stuttgart, Dortmund, Hamburg und Berlin gehörten zu den Stationen. Allein beim ersten von zwei Hamburger Konzerten berichtete die „taz“ damals von rund 5.000 Zuschauern.
Natürlich war vieles davon Crossover, aber genau das ist der Punkt. Country durfte stattfinden. Deutsche Hörer bekamen die Musik überhaupt erst angeboten – und konnten anschließend selbst entscheiden, ob sie ihnen gefiel.
Deutschland wählte Country sogar zum ESC
2006 passierte dann etwas, das aus heutiger Sicht beinahe noch bemerkenswerter wirkt. Deutschland schickte eine Countryband zum Eurovision Song Contest. Texas Lightning gewann mit „No No Never“ nicht nur den deutschen Vorentscheid. Der Song erreichte anschließend Platz 1 der deutschen Singlecharts.
Acht Jahre später sorgten The Common Linnets für das nächste Beispiel. Ilse DeLange und Waylon erreichten mit „Calm After The Storm“ für die Niederlande den zweiten Platz beim Eurovision Song Contest 2014. Danach stieg die Indie-Country-Ballade auf Platz 3 der deutschen Singlecharts.
Noch interessanter für unsere heutige Frage: Der Titel entwickelte sich in Deutschland zu einem der großen Radiohits des Jahres. Country im deutschen Radio im Jahr 2014, so lange ist das nicht her.

So erfolgreich war (ist) Countrymusik in Deutschland! Collage © Country.de
11.000 Fans für Luke Combs – aber Country will angeblich niemand hören?
Wer jetzt einwendet, all diese Erfolge seien Geschichten aus vergangenen Jahrzehnten, muss nur einen Blick auf deutsche Konzertbühnen werfen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel lieferte Luke Combs. Als der amerikanische Superstar im Oktober 2023 nach Hamburg kam, spielte er nicht in irgendeinem kleinen Countryclub. Mehr als 11.000 Menschen kamen in die ausverkaufte Barclays Arena. Man höre und staune: 11.000 Menschen für einen Countrysänger in Deutschland.
Der Veranstalter Semmel Concerts stellte anschließend sogar ausdrücklich fest, dass sich das einzige Deutschlandkonzert so schnell gefüllt hatte, dass weitere Werbemaßnahmen gar nicht mehr zum Einsatz kamen. Luke Combs habe eine Arena ausverkauft, obwohl er in Deutschland nicht zum Mainstream zähle – getragen von der Kraft seiner Fans.
Eigentlich könnte man unsere gesamte Diskussion an dieser Stelle beenden, doch Luke Combs ist keineswegs ein Einzelfall. Auch Brad Paisley liefert ein bemerkenswertes Gegenargument. Einer der bekanntesten Countrystars der vergangenen Jahrzehnte kam mehrfach nach Deutschland. Zuletzt begeisterte er im Juni 2026 beim Tollwood Sommerfestival in München rund 6.000 Besucher.
Keith Urban war Headliner beim ersten C2C – Country to Country in Berlin. Kacey Musgraves spielte hier, ebenso Scotty McCreery, Randall King, Morgan Wade, Midland, Kip Moore, Old Dominion, Brett Young, Jackson Dean, The Dead South und viele weitere. Nicht zu vergessen: Jahr für Jahr bringt das C2C Tausende Fans und zahlreiche internationale Countrykünstler nach Berlin.
Country.de berichtet seit mehr als zwei Jahrzehnten über solche Veranstaltungen. Unser Archiv umfasst Dutzende internationale und deutsche Künstler, die in Clubs, Theatern, Konzerthallen, auf Festivals und in Arenen vor deutschem Publikum gespielt haben. Wir haben Festivals, ausverkaufte Clubs und volle Hallen erlebt. Internationale Superstars und junge Newcomer.
Dieses Publikum ist keine theoretische Zielgruppe aus einer Marktanalyse. Wir haben es gesehen, wir standen daneben. Deshalb drängt sich eine ziemlich einfache Frage auf: Im Konzertsaal existiert der deutsche Countryfan. Warum offenbar nicht im Radio?
Menschen bezahlen für eine Eintrittskarte. Sie fahren teilweise Hunderte Kilometer zu einem Konzert, buchen Hotels und besuchen Festivals. Für Luke Combs kommen mehr als 11.000 Menschen in eine ausverkaufte Arena. Für Brad Paisley zog es Tausende nach München. Für das C2C reisen Jahr für Jahr Tausende Countryfans nach Berlin. Und gleichzeitig soll ein aktueller Countrysong nicht zum „Hörverhalten“ deutscher Menschen passen? Das passt nicht zusammen.
Diese Diskussion führten wir schon 2011
Beim Blick in unser eigenes Archiv haben wir noch etwas gefunden, das uns nachdenklich gemacht hat. Am 22. Februar 2011 berichtete Country.de über den deutschen Charterfolg von Lady Antebellum, heute Lady A. Nach dem großen Grammy-Triumph stieg das Album „Need You Now“ auf Platz 24 der deutschen Charts ein, die gleichnamige Single auf Platz 32.
Interessant ist heute vor allem unser damaliges Fazit. Schon 2011 stellten wir die Frage, ob Countrymusik bei entsprechender medialer Unterstützung in Deutschland nicht eine wesentlich größere Fanbasis erreichen könnte, als es die Mainstream-Medien vermuten ließen.
Das ist mehr als 15 Jahre her. Die Musik hat sich weiterentwickelt, Streaming hat die Branche verändert und soziale Netzwerke haben neue Stars hervorgebracht. Eine ganze Generation entdeckt Musik heute über TikTok, YouTube, Spotify und andere Plattformen. Nur die Diskussion kommt uns erstaunlich bekannt vor.
Die ältere Generation kennt Country längst
Ein weiterer Punkt wird bei Diskussionen über vermeintliches „Hörverhalten“ häufig unterschätzt. Ein großer Teil der heutigen Radiozielgruppe ist mit Countrymusik aufgewachsen. Menschen, die heute 50, 60 oder 70 Jahre alt sind, haben Kenny Rogers, Dolly Parton, Glen Campbell, Johnny Cash, Bellamy Brothers oder den Ohrwurm „Mississippi“ nicht erst in musikhistorischen Seminaren kennengelernt. Nein, sie haben diese Musik im Radio gehört und im Fernsehen gesehen. Sind in die Plattenläden und haben Schallplatten gekauft.
Später kamen Shania Twain, Garth Brooks, Texas Lightning, Lady Antebellum und The Common Linnets hinzu. Country ist für Millionen Menschen in Deutschland also keineswegs ein völlig fremder Klang. Vielleicht wurde nur irgendwann aufgehört, ihnen neue Countrymusik vorzuspielen.
Die Jungen brauchen keine Erlaubnis mehr
Gleichzeitig hat sich für jüngere Hörer etwas Grundsätzliches verändert. Sie warten nicht mehr darauf, dass ein deutscher Radiosender ihnen erklärt, welche Musik relevant ist. Sie entdecken Songs auf Streamingplattformen und in sozialen Netzwerken. Internationale Grenzen spielen dabei immer weniger eine Rolle.
Dass moderne Countrymusik auch heute deutsche Hörer erreichen können, zeigen zwei besonders interessante Beispiele. Shaboozey schaffte es mit „A Bar Song (Tipsy)“ bis auf Platz 14 der deutschen Singlecharts und hielt sich dort beeindruckende 66 Wochen. Mehr noch: Der Song erreichte sogar die Top 10 der deutschen Airplay-Charts. Dasha kam mit „Austin“ bis auf Platz 12 und blieb 67 Wochen in den deutschen Charts. Zwei aktuelle, international erfolgreiche Songs mit unverkennbaren Country-Wurzeln – und zwei Erfolge, die nur schwer zu der Behauptung passen wollen, deutsche Hörer könnten mit solchen Klängen grundsätzlich nichts anfangen.
Bemerkenswert ist dabei ausgerechnet Shaboozey: Ein Country-Song mit starken Hip-Hop & Pop schafft es in die deutschen Airplay-Top-10. Ein traditioneller klingender Welthit wie „Choosin’ Texas“ dagegen kaum. Ist also Country das Problem – oder vor allem Country, der zu deutlich nach Country klingt?
Auch Chris Stapleton ist hierzulande längst kein völlig unbekannter Name. Sein Album „Higher“ erreichte Platz 25 der deutschen Albumcharts; gemeinsam mit Justin Timberlake schaffte er es mit „Say Something“ sogar bis auf Platz 9 der deutschen Singlecharts. Stapletons eigene, deutlich traditioneller geprägte Country-Songs fanden dagegen bislang kaum den Weg in die deutschen Singlecharts – was angesichts seiner internationalen Bedeutung die Frage nach der medialen Sichtbarkeit von Country in Deutschland eher noch interessanter macht. Das könnte ein Teil der Erklärung dafür sein, warum Country weltweit derzeit neue Zielgruppen erreicht.
Ein Song muss heute nicht erst durch die Musikredaktion eines deutschen Radiosenders, um einen deutschen Hörer zu erreichen. Das Radio hat sein früheres Monopol als musikalischer Türsteher längst verloren. Vielleicht erklärt gerade das auch den Erfolg von Konzerten. Die Fans sind längst da. Sie finden die Künstler nur inzwischen auf anderen Wegen.
Misst das Radio den Geschmack – oder erzeugt es ihn?
Natürlich müssen Radiosender Entscheidungen treffen, denn Programme brauchen Profile. Musik wird getestet und Zielgruppen werden untersucht. Kein Sender kann jeden Song spielen. Aber daraus entsteht ein interessantes Problem.
Wenn ein Genre über Jahre kaum gespielt wird, können Hörer aktuelle Künstler dieses Genres schwer kennenlernen. Wenn die Hörer diese Künstler nicht kennen, schneiden sie bei Bekanntheitstests möglicherweise schlechter ab. Tja, und wenn sie schlechter abschneiden, lautet die Konsequenz: Unsere Hörer wollen diese Musik nicht.
Damit entsteht ein Kreislauf. Das führt zu einer Frage, die weit über Countrymusik hinausgeht: Misst das Radio tatsächlich den Geschmack seiner Hörer – oder erzeugt es einen Teil dieses Geschmacks selbst?
„Choosin’ Texas“ stellt diese Logik auf die Probe
Genau deshalb ist Ella Langley so interessant, denn wir sprechen hier nicht über irgendeinen unbekannten Newcomer aus Nashville, dessen Plattenfirma gerne einen deutschen Radiohit hätte. Wir sprechen über einen Song, der seit 20 Wochen die amerikanischen Billboard Hot 100 anführt und inzwischen auch die offiziellen britischen Singlecharts erobert hat.
Großbritannien hört ihn, Amerika hört ihn, Millionen Menschen streamen ihn. Musikalisch macht „Choosin’ Texas“ nicht einma den Versuch, seine Herkunft zu verstecken, da ist Country drin und Achtung, an hört es.
Genau deshalb ist der Erfolg so bemerkenswert. Denn damit fällt eines der bequemsten Argumente weg: Dass traditionell klingende Countrymusik für ein modernes Massenpublikum grundsätzlich nicht mehr funktionieren könne.
Offensichtlich kann sie das doch. Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur, warum Ella Langley in Deutschland bislang kaum im Mainstreamradio stattfindet, sondern die spannendere Frage lautet: Was müsste ein Countrysong eigentlich noch erreichen, damit ein deutsches Radio ihm eine Chance gibt?
Country muss Deutschland gar nicht erst erobern
Vielleicht ist auch die häufig verwendete Vorstellung falsch, Country müsse Deutschland erst noch erobern:
• Country war längst da
• In den Charts
• Im Radio
• Im Fernsehen
• In deutschen Wohnzimmern
• Auf Konzertbühnen
Ja, und Country ist noch immer da:
• In ausverkauften Clubs
• Auf Festivals
• In Arenen
• Beim C2C in Berlin
• Bei Brad Paisley in München
• Bei mehr als 11.000 Luke-Combs-Fans in Hamburg
Vielleicht ist deshalb nicht die Frage: Kann Country in Deutschland funktionieren? Die Musikgeschichte beantwortet diese Frage längst. Die bessere Frage lautet: Wer hat eigentlich entschieden, dass Deutschland keinen Country mehr hören möchte?
Spielt den Song!
Wir verlangen nicht, dass deutsche Radiosender plötzlich ihre Programme umstellen und den ganzen Tag Countrymusik spielen. Wir verlangen auch nicht, dass jeder „Choosin’ Texas“ mögen muss. Geschmack bleibt Geschmack. Aber ein Song, der international gerade Musikgeschichte schreibt, sollte zumindest die Chance bekommen, von deutschen Hörern beurteilt zu werden. Nicht von einem Format, nicht von einem Image, nicht von einem jahrzehntealten Country-Klischee. Sondern von den Menschen vor dem Radio.
Denn ein traditionell klingender Countrysong beweist gerade eindrucksvoll, dass er 2026 ein riesiges internationales Publikum erreichen kann. Darum, gebt den deutschen Hörern vier Minuten, dann können sie selbst entscheiden. Vielleicht schalten sie weg, vielleicht drehen sie lauter. Vielleicht hört jemand die Steel Guitar und denkt: Das ist überhaupt nichts für mich.
Aber vielleicht sitzt irgendwo jemand im Auto, hört Ella Langley zum ersten Mal und denkt: Verdammt, ist das gut.
Aber dafür müsste man den Song erst einmal spielen.






