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The Bristol Sessions 1927 – 1928 (The Big Bang Of Country Music)

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„Es war der wichtigste Moment in der Geschichte der Country Music“. Dies hat Johnny Cash einst über die längst legendären Aufnahmesessions von Bristol aus dem Jahre 1927 gesagt. Dabei waren die „Field-Recordings“ von Bristol keineswegs die ersten Aufnahmen in deren Mittelpunkt die ländliche Volksmusik des amerikanischen Südens stand. Was war also das Besondere an jenen Sessions vom 25. Juli bis 5. August 1927 in der Kleinstadt Bristol, durch deren Mitte sich die Staatsgrenze von Virginia und Tennessee zieht? Zur Erklärung sei ein kleiner Rückblick erlaubt.

Sieht man einmal von den ersten Aufnahmen des Vaughan Quartet, einem Gospel Quartett, aus dem Jahre 1921 ab, so kam die erste offizielle Aufnahmesitzung mit ländlicher Südstaatenmusik im Juni 1922 nur deshalb zustande, weil die beiden Old-Time-Fiddler Eck Robertson und Henry Gilliland nach New York City gereist waren. In den Büros der Victor Talking Machine Company waren sie mit der dringenden Bitte vorstellig geworden, Schallplatten einzuspielen zu dürfen. Um die beiden schnell wieder loszuwerden, wurden vier Stücke aufgenommen, zwei davon wurden veröffentlicht, darunter „Arkansas Traveler“.

Nach diesem zögerlichen Anfang und nachdem die amerikanische Schallplattenindustrie bereits Jahre früher mit dem Jazz und dem Blues beste Erfahrungen gemacht hatte, galt plötzlich die Volksmusik der Weissen nicht mehr als absolut unverkäuflich. Als dann auch der Textilarbeiter und Sänger Henry Whitter 1923 in New York City bei Okeh ein paar Songs eingespielt hatte, schien das Eis gebrochen zu sein. Ländliche Musiker reisten in die Studios nach Norden, vor allem nach New York City.

Doch die Plattenfirmen wollten endlich wissen, was wirklich tief im Süden bei den Weissen auf dem Land musikalisch los war und schickten sogenannte „Talent Scouts“ mit ihren transportablen Studioeinrichtungen aufs Land. Mit Hilfe von Zeitungsannoncen lud man interessierte Musiker und ganze Bands zu den Sessions ein, die oft in Hotels oder Schulhäusern abgehalten wurden. Die Musik an der man interessiert war, hiess damals noch „Old Familiar Tunes“, „Old Time Songs“ oder „Songs From Dixie“.

Unter den Aufnahmepionieren, die vor Ort die Musik des Südens festhielten, um sie zu vermarkten, hatte sich bereits ab 1923 ein gewisser Ralph S. Peer hervorgetan, der damals noch für Okeh arbeitete und in Atlanta (Georgia) die ersten Aufnahmen von Fiddlin‘ John Carson leitete. Peer hatte ein ganz besonderes Gespür für Authentizität und die Chancen der Vermarktung, schliesslich wollten die Plattenfirmen ihre Produkte auch möglichst gut verkaufen. So wechselte Ralph Peer 1926 von Okeh zu Victor als freier Produzent und Talent Scout für neue Künstler und neues Songmaterial. Schon im Februar und März 1927 initiierte er Recordingsessions in Atlanta, Memphis und New Orleans. Doch besonders angetan hatte es ihm eine Gegend, die ihm besonders reich an authentischer Southern Music schien, es war die Kleinstadt Bristol im Mittelpunkt diverser Kulturzentren der Appalachen.

Zwei Wochen, vom 25. Juli bis zum 5. August 1927 hatte Peer für die Sessions eingeplant. Reserviert waren dafür zwei Stockwerke im Haus 408 State Street auf der Tennessee Seite benutzt von der Taylor-Christian Hat Company. 10 Gruppen hatte Peer bereits vor der Session persönlich eingeladen, Gruppen, die schon Platten produziert hatten wie z.B. Ernest Stoneman mit seinen diversen Familienmitgliedern oder Bands, die ihm von einem lokalen Schallplattenhändler empfohlen wurden, etwa die Carter Family aus der Nähe von Maces Spring (Virginia). Dann kam noch die Empfehlung eines Zeitungsjournalisten, der Peer überzeugen konnte, doch in der Lokalpresse eine Einladung an Musiker zu platzieren, um sich für die Sessions zu bewerben. Der Erfolg war riesig, die Bewerbungen konnten kaum alle bearbeitet werden. Unter diesen Bewerbern war auch ein Quartett, die „Jimmie Rodgers Entertainers“ mit ihrem Leadsänger Jimmie Rodgers.

Für die Carter Family mit A.P., Sara und Maybelle Carter lief am 1. und 2. August, als sie ihre insgesamt sechs Aufnahmen für Peer einspielten, alles glatt und unkompliziert. Im Vergleich zu ihren Mitbewerbern klang die Musik der Carters einerseits absolut authentisch, andererseits aber auch schon mit einer gewissen Eleganz behaftet. Der Sound war weniger holzschnittartig und ließ durch eine besondere Spielweise aufhorchen. Es waren wahrscheinlich die später so genannten „Carter Licks“, die Ralph Peer mit Sicherheit sofort registriert hatte, denn Maybelle Carter spielte ihre Gitarre sehr unkonventionell, Rhythmus auf den hohen Saiten, die Melodie auf den tiefen.

Schlimm dagegen erging es Jimmie Rodgers, der zusammen mit seiner Band, den „Jimmie Rodgers Entertainers“, sich bei Ralph Peer bewerben wollte. Bei der Frage, was für ein Name auf den Schallplatten stehen sollte, soll Rodgers mit seinen Kollegen, den Brüdern Claude und Jack Grant sowie dem Fiddler Jack Pierce so in Streit geraten sein, dass sich die drei Musiker ohne Rodgers bei Peer unter dem Namen „Tenneva Ramblers“ bewarben. Wer von den beiden Parteien jedoch als erster „solo“ bei Ralph Peer vorgesprochen hat, bleibt umstritten. Der Zeitplan spricht für Rodgers, denn er nahm seine beiden Songs „Sleep, Baby, Sleep“ und „Soldier’s Sweetheart“ am 4. August zwischen 14:00 und 16:20 Uhr auf und begleitete seinen Gesang nur auf seiner Gitarre. Die Tenneva Ramblers dagegen, die Rodgers kurzfristig durch den Banjospieler Claude Slagle ersetzt hatten, spielten ihre drei Stücke am selben Tag erst am Abend zwischen 20:00 und 23:00 Uhr ein.

Carrie Rodgers, die Witwe von Jimmie, schildert die Affaire in ihren Memoiren dagegen etwas anders. Jimmie sei furchtbar enttäuscht ins Hotel zurückgekommen und habe ihr berichtet, die Jungs von der Band hätten sich ohne ihn bei Peer zur Audition angemeldet. Sie, Carrie Rodgers, habe dann ihren Mann bestärkt, sich einfach als Solosänger mit Gitarre anzumelden und ja nicht seine ureigenste Kreation, den „Blue Yodel“, zu vergessen. Rodgers meldete sich daraufhin an und wurde akzeptiert für zwei Stücke. Doch er ging offensichtlich auf Sicherheit. Er sang statt des außergewöhnlichen „Blue Yodel“ zwei sentimentale Nummern, ein Wiegenlied und eine Soldatenballade, also nichts besonderes. Diese beiden Titel haben sich dann auch später sehr schlecht verkauft. Doch Ralph Peer oder „Mister Victor“, wie er oft genannt wurde, hatte das Potential von Jimmie Rodgers rasch erkannt und ihn nach der Session auf der Stelle für November 1927 ins Victor Studio nach Camden/New Jersey eingeladen, um vier weitere Titel aufzunehmen, darunter den „Blue Yodel“ (T For Texas), der zu einem der frühen Millionseller der Hillbilly Musik werden sollte. Mit dem 1928 aufgenommenen „Brakeman’s Blues“ folgte für Rodgers sogar der zweite Millionenverkauf. Jimmie Rodgers hatte es also trotz aller Widrigkeiten zum Superstar geschafft mit über 100 Plattenaufnahmen bis zu seinem tragischen Tod im Mai 1933.

Wohl aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit seiner ersten Band hat er auch nie mehr eine eigene Band gegründet. Wenn er sich nicht gerade selbst auf der Gitarre begleitete, heuerte seine Plattenfirma einfach eine x-beliebige Dixieland- , Jug- oder Hawaiianband für die Session an. Einmal wurde sogar Louis Armstrong und dessen Ehefrau Lil engagiert, die gerade in L.A. in einem Studio nebenan Platten einspielten. Gleichgültig wer nun gerade Jimmie Rodgers begleitete, es blieb immer Rodgers ureigenste Musik. Peer hatte in Bristol mit Rodgers auf das richtige Pferd gesetzt, während dessen erste Band, die „Jimmie Rodgers Entertainers“ bezw. die „Tenneva Ramblers“ rasch in Vergessenheit gerieten.

Aber auch die Carter Family sollte sehr bald riesige Erfolge verbuchen. Ralph Peer hatte die Gruppe im Mai 1928 ins Victor Studio nach Camden eingeladen, um weitere Titel einzuspielen, darunter auch den späteren Superhit „Wildwood Flower“, der zum Millionseller werden sollte.

Die kommerziellen Erfolge die Jimmie Rodgers und die Carter Family nach den denkwürdigen Bristol Sessions feierten, bewiesen der amerikanischen Schallplattenindustrie endgültig, dass mit der Hillbilly Musik viel Geld zu verdienen war. Schon zu Lebzeiten von Rodgers ließen sich weitere Sänger des Genres von seinen Blue Yodels inspirieren, zum Beispiel Gene Autry, Cliff Carlisle, Jimmie Davis oder Hank Snow. Ja, es gab in den 30er und 40er Jahren einen regelrechten Blue Yodel Kult. Die Blue Yodels mit ihren 12 Bluestakten und den darauf folgenden vier Jodel-Takten ergaben interessanterweise wieder die klassische europäische Liedform mit insgesamt 16 Takten. Jimmie Rodgers wurde beispielhaft für die gesamte künftige Country Music Szene, und sogar Bob Dylan ließ sich später noch von Jimmie Rodgers beeinflussen, den man rasch als „America’s Blue Yodeler“, „The Singing Brakeman“ oder „The Father Of Country Music“ apostrophierte. 1961 wurde Jimmie Rodgers als erster in die Country Music Hall Of Fame aufgenommen und die amerikanische Postverwaltung widmete ihm Jahrzehnte später eine 13 Cent Briefmarke.

Ähnliches lässt sich über die Carter Family berichten. Es gibt kaum eine andere Gruppe der 20er, 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, die so viel klassisches, ländliches Tongut gesammelt, neues komponiert und dies schließlich mit so viel Erfolg auch verkauft hat. Kein geringerer als Woody Guthrie ließ sich von den Kompositionen der Carter Family und von Maybelle’s Gitarrenstil inspirieren. Andere und ähnliche Familienformationen wie etwa die Phipps Family kamen nie an die Popularität der Carter Family heran. 1970 wurden die Carters, A.P., Sara und Maybelle Carter, dann verdientermaßen ebenfalls in die Country Music Hall Of Fame aufgenommen.

Zweifellos war der kommerzielle Erfolg und die Popularität von Jimmie Rodgers und der Carter Family ein wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung der Hillbilly Musik bezw. der Country Music, wie man sie später auch nannte. Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, der von diesen beiden extrem gegensätzlichen Acts wie Jimmie Rodgers und Carter Family so signifikant repräsentiert wurde. Rodgers war der Prototyp jenes Künstlers, der unabhängig von einer eigenen Band seinen Weg gehen konnte. Er verkörperte jenen Star, der mit jeder beliebigen Gruppe oder auch mit irgendwelchen Studiomusikern erfolgreich sein konnte. Er war ein Typ für die Hitparaden. Jimmie Rodgers war im Gegensatz zur Carter Family offen für populäre Töne und Themen seiner Zeit und sang auch genau so wie seine afro-amerikanischen Blues-Kollegen über sexuelle Zweideutigkeiten. Jimmie Rodgers drückte dem späteren Mainstream der Country Music seinen Stempel auf.

Die Carter Family dagegen war ein musikalisches Kollektiv, eine Familienband, bei der die einzelnen Musiker nicht so einfach ausgetauscht werden konnten, ohne den Gesamtsound nicht empfindlich zu stören. Es gab keinen ausgeprägten Leadsänger, mal sang der ein Solo, dann wieder der andere oder man sang zusammen mehrstimmig. Dies war damals in den 1920er und 1930er Jahren das Schema vieler Bands, die sich der Folklore der Appalachen, den alten überlieferten Songs und Themen, verschrieben hatten. Bei den Carters kam obendrein noch dazu, dass sie stark religiös geprägt waren und sich nur der moralisch sauberen Musik verpflichtet fühlten nach dem Motto: „Our program is morally good“.

Wer das Gemeinsame wie auch das extrem Gegensätzlich von Jimmie Rodgers und der Carter Family verinnerlicht hat, der wird verstehen, dass sich später ein Elvis Presley leicht auf einen Hank Williams oder Jimmie Rodgers berufen konnte, während die Bluegrassmusiker ihre Wurzeln mehrheitlich in der Musik der Carter Family finden, angefangen vom kollektiven Musizieren, den traditionellen Themen bis hin zur jazzmäßigen Improvisation. Noch heute muß der Leadsänger einer Bluegrass Band nicht unbedingt auch der Chef der Gruppe sein, der Chef ist meist auch der „Primus inter pares“. Jimmie Rodgers wie auch die Carter Family waren somit stil- und formprägend.

Soviel zum Verständnis der geschichtlichen Bedeutsamkeit der Bristol Sessions, in deren erstem Teil 1927 zwei Acts entdeckt wurden, die nationalen und internationalen Ruhm erlangten „Jimmie Rodgers“ und die „Carter Family“, während man beim zweiten Teil 1928 keine Trendsetter und keine Musiker mit Star-Potential mehr entdecken konnte.

Daß nun ausgerechnet nach fast 84 Jahren die gesamten Bristol Sessions, auch jene, die 1928 noch nachgeschoben wurden, zum ersten Male in ihrer Gesamtheit mit allen noch vorhandenen Takes und Daten auf 5 CDs in einer Box mit einem traumhaft gestalteten Buch veröffentlicht werden, verdanken wir Richard Weize und Bear Family Records. Das 120-seitige gebundene Begleitbuch-Buch in LP-Format präsentiert die Geschichte der Bristol Sessions mit historischen Fotos der Stadt sowie den damaligen Akteuren, angefangen bei Jimmie Rodgers und der Carter Family bis hin zu so obskuren Gruppen wie den Carolina Twins, dem Alcoa Quartet, der Shelor Family oder den West Virginia Coon Hunters. Es gibt ausführliche Infos zu allen Künstlern und Bands, alle Songtexte werden präsentiert und natürlich werden die Diskografien mitgeliefert zusammen mit den Label-Fotos der alten Original-Schellack-Platten und den Reproduktionen der Original-Aufnahme-Dateikarten.

Musikalisch wird auf den fünf CDs alles geboten, was in jener Zeit so auf den Verandas der Privathäuser, den Kneipen, den Kirchen und den Schulen der Region passierte. Es ist unverfälschte Rootsmusik im wahrsten Sinne des Wortes, dargeboten von Balladensängern, Stringbands, Gospelquartetts und Mundharmonikavirtuosen, die repräsentativ waren für die weiße volksmusikalische Szene des Südostens der USA. Denkt man an das Alter der Aufnahmen und die damalige relativ einfache Aufnahmetechnik, dann ist Bear Family wieder einmal mehr eine Glanzleistung bei der Bearbeitung dieser alten Musik gelungen.

Wer nicht nur am schnelllebigen Hitparadengeschehen interessiert ist, sondern auch wissen will, wie die weiße Volksmusik der Südstaaten einst geklungen hat, der muß diese CD-Box, diese Ikone der Musikgeschichte, besitzen.

The Bristol Sessions (1927 - 1928)
Titel: The Bristol Sessions (1927 – 1928)
Künstler: Various Artists
Veröffentlichungstermin: 1. März 2011
Label: Bear Family Records
Format: 5 CD-Box

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Info: Die legendären Aufnahmesessions von Bristol!

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Über Walter Fuchs (33 Artikel)
Walter Fuchs, der Experte für das Genre Bluegrass und Initiator des Bluegrass Festival in Bühl.
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