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Dennis Linde

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Er gehörte zu den eher stillen, zurückgezogen lebenden Hit-Autoren in Nashville, er wurde nur 63 Jahre alt: Dennis Linde. Dass sein Name höchst selten in den Schlagzeilen der internationalen Gazetten erschien, dass man um ihn wenig Aufhebens machte, es störte ihn nicht, es war ihm sogar letztendlich ganz lieb.

Dass man dafür aber viele seiner Songs beziehungsweise Kompositionen in der Unterhaltungsmusik kannte und zudem sehr gern hörte, erfüllte ihn schon mit gewissem Stolz. Der wohl bekannteste, von ihm geschriebene Song heißt „Burning Love“ – kein Geringerer als der King of Rock, Elvis Presley, machte einen weltweiten Superhit daraus.

Dennis LindeDer am 18. März 1943 im texanischen Abilene geborene Dennis Linde galt als Eigenbrötler, was auch an seiner Arbeitsweise lag. Während viele seiner Kollegen durchaus auch im Team oder generell mit Anderen Songs schrieben, kam das bei Linde nur in Ausnahmefällen vor. Er hatte halt seine eigene Arbeitsweise, was sich auch in den Ergebnissen seiner Arbeit niederschlug. Obwohl die meisten seiner Kunden der Country Music zuzuordnen sind, blieben Linde’s Songs nicht auf dieses Genre begrenzt. Er verarbeitete Ideen zu Songs, die von den meisten Songschreibern nie in Erwägung gezogen worden wären. Aufgrund seiner Erfahrungen war er in der Lage, Songs speziell für eine bestimmte Musikrichtung zu verfassen, egal ob Blues, Pop, Rock, Rock’n’Roll oder eben Country.

Aufgewachsen war Linde zunächst in San Angelo, ehe er über Miami in St. Louis, Missouri landete. Ständiger Begleiter dabei blieb seit seinem 14. Lebensjahr als er von der Oma eine Gitarre geschenkt bekam, die Musik. Die nahm rasch einen immer breiteren Raum in seinem Leben ein. In St. Louis schloss er sich einer Band an, die vorwiegend Cover Songs spielte. Das wiederum animierte Linde, selbst Songs zu schreiben – was andere zustande brachten, traute er sich selbst allemal zu. Mitte der 1960er Jahre gehörte er kurzzeitig Bob Kuban & The In-Men“ an, die mit „The Cheater“ einen Pop-Hit feierten. Den Rest der 60er Jahre verbrachte Dennis Linde tagsüber als Kraftfahrer und abends in der Band The Starlighters. Ironie des Schicksals, er begann ernsthaft damit Lieder zu schreiben als man ihm den Führerschein wegnahm. Das erklärte er einmal so: „Ich arbeitete tagsüber für eine Reinigungsfirma als Fahrer, abends spielte ich mit der Band. Ich war dauernd unter Druck und hatte keine Zeit. Das brachte mir in kurzer Zeit so viele Knöllchen wegen Geschwindigkeitsübertretungen ein, dass ich den Führerschein für ein halbes Jahr abgeben musste. Wie sollte ich die Zeit sinnvoll nutzen, wenn ich nicht fahren konnte? Also schrieb ich Lieder.“ So gute Lieder, dass er bald den Unterhalt damit würden verdienen können.

1969 ging er nach Nashville, wo ihn Bob Beckham für Combine Music unter Vertrag nahm. Beckham wurde später übrigens sein Schwiegervater als Linde dessen Tochter Pam heiratete. Bei Combine waren die damals auch noch wenig oder gar nicht bekannten Mickey Newbury, Roger Miller und Kris Kristofferson sowie Brenda Lee als Autoren unter Vertrag.

Dennis Linde kam nun zugute, dass er sich von einer breiten Palette hatte beeinflussen lassen, zu der George Gershwin, Cole Porter und Little Richard ebenso gehörten wie Mark Twain und John Steinbeck. Was dazu führen würde, dass viele von Linde’s Texten schriftstellerischen Ansprüchen genügen.

Zu den ersten Künstlern, die mit Linde-Songs gut fuhren, gehörten Roger Miller („Tom Green County Fair“, „Where Have All The Average People Gone“), Roy Drusky („Long Long Texas Road“) und Roy Orbison („Belinda“, „I Don’t Really Want You“, „Under Suspicion“). Rasch sprach sich herum, dass man von ihm Lieder erwarten konnte, die anders waren. Vielleicht, weil er seine Tätigkeit nicht als Job verstand, sie zwar ernst nahm, dabei aber nicht den Humor und den Spaß vergaß. Dennis Linde vertrat die Ansicht, man könne im Grunde genommen über alles ein Lied schreiben. Um das zu beweisen, versprach er, für jeden Buchstaben des Alphabets einen Song zu schreiben, der mit dem jeweiligen Buchstaben beginnt. Dieses Versprechen hielt er ein. Allein bei BMI sind mehr als 250 Songs von Linde verlegt worden.

Um Ihnen den schweigsamen Mann, der Parties und Business Festivitäten mied und nur besuchte, wenn es sich nicht vermeiden ließ, ein wenig näher zu bringen, hier eine kleine Liste seiner Songs. Mancher Titel verrät dabei schon, die etwas andere Herangehensweise an ein Lied, wobei Linde stets viel Wert auf den Text legte:

The Big Revival (Montgomery Gentry, John Anderson)
Bubba Shot The Jukebox (Mark Chesnutt)
Call Me John Doe – Down In A Ditch – John Deere Green (alle Joe Diffie)
Callin‘ Baton Rouge” (u.a. Nitty Gritty Dirt Band und Garth Brooks)
Cool Me In the River Of Love (Michael Johnson)
Deep In Louisiana (Oak Ridge Boys)
Dr. Rock’n Roll (Sawyer Brown)
Down And Dirty (Johnny Lee)
Five Gallon Tear (Aaron Tippin
Goodbye Marie (u.a. Kenny Rogers, Mel McDaniel, Bobby Goldsboro)
Had A Dream – My Baby’s Gone (The Judds)
Hello I’m Your Heart – Southbound Train (Nitty Gritty Dirt Band)
Hook Line And Sinker (Blackhawk)
I Got A Feeling In My Body (Elvis Presley)
I’m Gonna Get You (Eddy Raven)
Jamie Baker’s Love Slave – Under The Kudzu (Shenandoah)
Lola’s Love (Rucky van Shelton)
Love Is Everywhere (Mel McDaniel)
Lucky (Billy Swan, der viele Linde Songs aufgenommen hat)
Mary Ann Is A Pistol (Brother Phelps)
Mornin‘ Mornin‘ (Bobby Goldsboro)
Queen Of my Double Wide Trailer (Sammy Kershaw)
Ridin‘ High – Three-Armed Poker Playin‘ River Rat (Everly Brothers)
Singing‘ To A Scarecrow (Sherrie Austin)
Still Life In Blue (Sawyer Brown)
The Talkin‘ Song Repair Blues (Alan Jackson)
The Time Machine (T. Graham Brown)
Then It’s Love – Walkin‘ A Broken Heart (Don Williams)
Train Long Gone (Randy Travis)
What’ll You Do About Me (u.a. Steve Earle, Doug Supernaw, Randy Travis)
When I Saw Forever (Chris LeDoux)
Wild Flowers In A Mason Jar (John Denver)

Ein Dennis Linde-Song sorgte für besonders viel Gesprächsstoff: „Goodbye Earl”, gesungen von den Dixie Chicks. Darin greift Linde das heikle Thema der häuslichen Gewalt und Gewalt in der Ehe unverblümt auf. Die Freundinnen Mary Anne und Wanda gehen nach der Schulausbildung getrennte Wege. Während es Mary Anne hinaus in die Welt zieht, bleibt Wanda daheim im Dorf und heiratet Earl. Der erweist sich sehr bald als gewalttätiger Fiesling und misshandelt seine Frau auf’s Schlimmste. Da kommt Mary Anne ihrer Freundin zu Hilfe. Gemeinsam schmieden sie einen Plan und setzen ihn um. Earl wird vergiftet, seine Leiche in einem See versenkt. Earl gilt als vermisst. An einer Stelle im Text heißt es sarkastisch: Die Wochen vergingen, auf den Frühling folgte der Sommer und der Sommer ging in den Herbst über. Es stellt sich heraus, dass er als vermisste Person gilt, die Niemand wirklich vermisst.“

Und weiter: „Die Girls kauften ein Stück Land und einen Verkaufsstand am Straßenrand. Dort verkaufen sie Tennessee-Schinken und Erdbeermarmelade am Highway 109. Und sie haben keine schlaflosen Nächte, denn Earl musste sterben. Mach’s gut Earl.“ Starker Tobak. Dem Publikum jedenfalls gefiel der Song, er wurde zu einem unverzichtbaren Teil der Konzerte von Dixie Chick. Linde selbst zeigte sich überrascht von dem Erfolg. Er habe damit keine Botschaft verkünden wollen sondern eine Art schwarzen Humors britischer Art in Anlehnung an die Bühnenstücke und Filme „Immer Ärger mit Harry“ und „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Dennis Linde hat sich übrigens auch selbst als Sänger versucht. Insgesamt fünf Alben wurden in den 70er Jahren aufgenommen aber nur vier davon veröffentlicht. Ein Hit als Sänger blieb ihm verwehrt. Damit war dieses Kapitel für ihn abgeschlossen.

Am 22. Dezember 2006, wenige Tage vor Weihnachten, starb Dennis Linde in Nashville an einer schweren Lungenerkrankung. Er hinterließ neben seiner Ehefrau Pam zwei Töchter und einen Sohn. Fast ein wenig prophetisch hatte er Jahre zuvor für die Everly Brothers den Song „Christmas Eve Can Kill You“ geschrieben …

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