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Die Americana Top-10-Alben des Jahres 2018

Thomas Waldherr präsentiert seine persönliche Top 10, der für ihn besten Americana-Alben des Jahres 2018.

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War 2017 geprägt durch die Alben jüngerer Americana-Hoffnungen wie Alynda Lee-Segarra (Hurray For The Riff Raff), Rhiannon Giddens und Jason Isbell, so machen in diesem Jahr die älteren Semester die vorderen Plätze unter sich aus. Und wieder sind eine ganze Reihe von Longplayern dabei, die sich wach und kritisch mit den gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den USA auseinandersetzen. Hier meine, wie immer subjektive Auswahl, der Top 10 Americana-Alben.

01. Ry Cooder: The Prodigal Son

Weil der weltbeste Slide-Gitarrist ein ebenso persönliches wie universelles wie brillantes Album über den Zustand der Welt veröffentlicht hat. Und das vor allem traditionelle Songs von den Pilgrim Travellers, den Stanley Brothers, Blind Willie Johnson enthält. Den alten Songs wie „Harbor Of Love“ (Carter Stanley), Nobody’s Fault But Mine“ (Blind Willie Johnson) oder You Must Unload (Alfred Reed) stellt er eigene Stücke wie „Shrinking Man“, „Gentrification“ oder „Jesus an Woody“ gegenüber, die stärker aktuell und programmatisch angelegt sind. Ein großartiges Werk!

02. Bob Dylan: More Blood, More Tracks

Weil die Aufnahmen rund um Bob Dylan’s „Trennungsalbum“ Blood On The Tracks auch nach mehr als vierzig Jahren unter die Haut gehen und mit zum besten gehörten, das die Songwriter-Ikone je veröffentlicht hat. „Ich dreh‘ noch durch von diesem Schmerz, der endet und wieder beginnt, wie ein Korkenzieher in meinem Herzen“, singt Dylan in „You’re A Big Girl Now“. Wieder einmal ist es Dylans Leuten gelungen, eine editorisch perfekte 6-CD- Box auf die Beine zu stellen. Aber bereits der Sampler, der auf einer CD veröffentlicht worden ist, ermöglicht einen anschaulichen Eindruck vom Verlauf der Sessions.

03. Rosanne Cash: She Remembers Everything

Weil ihr Album aufs Neue ihre große Kunstfertigkeit als Singer & Songwriter belegt. Nachdem ihre letzten drei Platen allesamt eine Reisen zu ihren Wurzeln waren, kehrt sie nun zurück zu einem Songwriting, das sich persönlichen Beobachtungen und Reflexionen über den Lauf der Welt speist. Es ist ein teilweise dunkler, sehr nachdenklicher und sehr engagierter Liederreigen, der die Protagonistin inmitten von Reflexionen über eine aus den Fugen geratenen Welt aus einer entschieden weiblichen Perspektive zeigt. Ein faszinierendes Album!

04. Willie Nile: Children Of The Paradise

Weil keiner so unerschütterlich wie der „New York Troubadour immer noch als Rock’n’Roll-Romantiker unterwegs ist. Diesmal sind seine wie immer im Ohr bleibenden, zum Mitsingen und tanzen einladenden, Songs ein einziger ein trotziger, unbeirrter Aufschrei gegen das was derzeit in den USA und in der Welt passiert. Es ist Willie Niles politisch engagiertestes Album und eines seiner besten überhaupt. Und es ist ein Album, dass Hoffnung macht, dass es doch noch nicht zu spät ist, den Wahnsinn und die Dunkelheit abzuwenden. Und dass der Rock’n’Roll dabei helfen kann.

05. Dom Flemons: Black Cowboys

Weil Dom auf die vergessene (Musik-)Geschichte der Black Cowboys in den USA aufmerksam macht. Gut 25 Prozent der Cowboys waren Ende des 19. Jahrhunderts Afro-Amerikaner und die schwarzen Cowboys haben auch das Genre der Cowboysongs erheblich beeinflusst, das ist der Kern des Albums. Flemons tut das in einer musikalisch spannenden und vielseitigen Art und Weise. Zwei Jahre hatte er an dem Album gearbeitet. Er forschte in alten Cowboy-Liederbüchern, hörte sich von Leadbelly aufgenommene Cowboysongs an und trat beim großen beim „National Cowboy Poetry Gathering“ des Western Folklife Center in Elko, Nevada, auf. Mit den 18 Tracks des Albums „Black Cowboys“ – es sind Songs, Instrumentalstücke und Gedichte – gelingt ihm aufgrund seines großen musikalischen Könnens und seinem Kenntnisreichtum ein ebenso starkes wie wichtiges Album.

06. Amy Helm: This Too Shall Light

Weil Amy sich endlich aus dem Schatten ihres Vaters Levon Helm, dem legendären Drummer von „The Band“ befreit hat und beweist, dass sie einer der schönsten und profundesten weißen Gospel, Soul- und Countrystimmen Amerikas besitzt. Ein Album mit vortrefflicher Schönheizt und überirdischen Momenten. Ein Album, das wirklich von vielen Perspektiven her leuchtet. Es ist der Lichtschein am Ende des Tunnels, es ist das Licht das auf das zu Unrecht Verborgene. Präsentiert von einer Frau, die von innen leuchtet!

07. Kinky Friedman: Circus of Life

Weil unser liebster Texas Jewboy sich bärenstark zurückmeldet. 40 Jahre hat er uns auf neue Songs warten lassen. Umso mehr erfreut es uns, dass er nichts von seinem schrägen Humor, seiner Aufschneiderei und seiner tiefen Humanität verloren hat. Seine neuen Lieder sind unaufgeregte Songpretiosen, die sanft sind, warmherzig, fast zärtlich manchmal, sehr oft auch selbstironisch. Der Kinkster scheint altersweise geworden zu sein. Manche haben ihn ob der Platte schon den „Leonard Cohen von Texas“ genannt.

08. Joan Baez: Whistle Down The Wind

Weil Joanie hier noch gar nicht so sehr nach Abschied klingt. Unerschütterlich zeigt sie sich auf diesem Album, das zu ihrer Abschiedstournee veröffentlicht worden ist. Zwar ist die Stimme dunkler geworden, kostet sie das Singen mehr Kraft und einige Lieder des Albums haben etwas von Bilanz und Rückblick. Aber einige sind unvermindert kämpferisch und engagiert. Auch wenn Joan Baez keine Platte mehr aufnehmen und keine Tour mehr machen wird – wir können uns nicht vorstellen, dass sie gänzlich verstummt. Dazu ist sie immer noch zu sehr im Hier und Jetzt mit einem klaren Blick für die Unzulänglichkeiten und Fehlentwicklungen ausgestattet.

09. Mary Gauthier: Rifles & Rosary Beads

Weil Mary Gauthier den Schmerzen traumatisierter Seelen von US-Kriegsveteranen Worte und Stimme gegeben hat. Ihr Album enthält elf verstörende und bedrückende Songs, in dunkles Country und Folk gehüllt. Die Stücke mit Titeln wie „Bullet Holes In The Sky“, „Rifles And Rosary Beads“, „The War After The War“ oder „Morphine“ erzählen von Todesangst im Kriegseinsatz, von Verletzungen und Schmerzen und dem Kampf mit dem Leben nach dem Kriegseinsatz. Und „Iraq“ setzt sich mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs von Soldatinnen durch männliche Kameraden auseinander. Ein dunkles Meisterwerk von Mary Gauthier das sich in den Kanon der wichtigsten Country- und Folk-Konzeptalben einfügt.

10. Alejandro Escovedo: The Crossing

Weil der Americana-Altmeister in diesem Jahr für ein weiteres starkes Konzept-Album gesorgt hat. Es erzählt die Geschichte zweier Einwanderer. Die beiden Protagonisten Salvo (Italien) und Diego (Mexiko), treffen sich in Texas, um ihr „gelobtes Land“ zu finden. Und sie haben den großen Traum vom Rock’n’Roll. Doch Trumps Amerika ist überhaupt nicht das, wofür dieses Land eigentlich mal stand, als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für alle. Escovedo weiß ohnehin als Kind einer Einwandererfamilie einiges zu erzählen über latenten Rassismus gegen die Mexicanos und Latinos in den USA. So wird Escovedo zum beredten musikalischen Ankläger der US-Grenz- , Migrations- und Rassenpolitik.

Und ebenfalls zu erwähnen wären da noch die neuen Alben von Larkin Poe, von Will Hoge und auch vom Altmeister John Mellencamp oder das Live-Album von Jason Isbell, die es allesamt ganz knapp nicht in diese Top 10 geschafft haben. Und dazu noch einige mehr, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann. Die Americana-Szene ist spannend und vielfältig wie selten.

Also: Wer noch Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen will, macht bei dieser Auswahl nichts falsch!

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Über Thomas Waldherr (521 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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