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Westernhagen: Das Pfefferminz-Experiment (Woodstock-Recordings Vol. 1)

Westernhagens Experiment, sein 1978er Album im Americana-Sound in die Gegenwart zu transportieren, ist ihm mehr als gelungen.

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Das Pfefferminz-Experiment (Woodstock-Recordings Vol. 1). Bildrechte: Polydor, Universal Music

Die Musik von Marius Müller-Westernhagen wird man nicht unbedingt in eine, wie auch immer spezifizierte, Country-Schublade verstauen wollen. Der Sänger machte sich seit seinen Anfängen Mitte der 1970er Jahre einen guten Namen als Rockmusiker. Doch wie es schon die US-Amerikaner vormachten, entdecken auch immer mehr deutsche Pop- und Rockkünstler im Laufe der Zeit eine neue, andere Sicht auf ihre Lieder, reduzieren und verändern Arrangements, verwenden mehr akustische oder auch „untypische“ Instrumente, wie Fiddle oder Akkordeon. Mit der richtigen Betrachtungsweise wird dann aus einer geradlinigen Rocknummer ein entspannter Americana-Song.

Westernhagen ist jetzt 70. Zeit auch mal Bilanz zu ziehen. Dazu nahm sich der Sänger die Lieder seines Erfolgsalbums „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ vor, das immerhin bereits vor 40 Jahren entstand. Die zehn Songs wurden entkernt und neu aufgenommen. Und damit es auch wirklich Das Pfefferminz-Experiment wird, wie der Albumtitel verheißt, ließ Westernhagen für die Aufnahmen alles „deutsche“ hinter sich und tauchte im legendären Dreamland Studio Woodstock, New York, mit neuen, amerikanischen Musikern wieder auf, um das „Experiment“ seines (bisherigen) Lebens zu wagen. Nämlich die bekannten Stücke in ein vollkommen neues musikalisches Gewand zu kleiden, sie zu entschleunigen, unter dem Einfluß von Country, Folk und Americana.

„Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, erstveröffentlicht 1978, wird heute als Kultalbum bezeichnet. Tatsächlich sind Stücke des Albums auch heute noch populär. Beim Vergleich beider Aufnahmen, der früheren wie der heutigen, wird klar: Damals wie heute versprühen die Lieder einen Zeitgeist, der viel vom anhaltenden Erfolg ausmacht. Schon der Opener „Mit 18“ ist mit seiner lässigen Akustikgitarre und den Streichern eines der Highlights, macht heute aus dem Rocksong eine eindrucksvolle Americana-Nummer. „Willi Wucher“ wird zu einem relaxten Blues und „Grüß mir die Genossen“ reißt mit durch seinen stampfenden, eindringlichen Rhythmus. Mit der Country-Pop-Ballade „Zieh dir bloß die Schuhe aus“ zeigt Westernhagen, dass er auch einfach nur schön singen kann. Für mich ebenfalls eines der Höhepunkte auf dem Album, weil es in der Neuaufnahme fast schon ein anderer Song ist, als auf dem 78er Album.

Erstaunlicherweise ist der Titelsong „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ für mich persönlich eine schwächere Nummer auf dem Album. Mit seinem folkigen Blues paßt er sich zwar nahtlos in das Gefüge, doch irgendwie klingt die musikalische Umsetzung sehr beliebig. Dagegen folgt „Dicke“ einer unwiderstehlichen Dramaturgie, ist fein arrangiert und setzt in der Interpretation neue Akzente. Ein passender Schlußpunkt ist die (sehr populäre) Säufer-Ballade „Johnny W.“, eine Steel sowie zurückhaltende akustische Gitarre dominieren den ruhigen, „politisch unkorrekten“ Song. Dazu ein zurückhaltender, nachdenklicher, erinnerungsschwangerer Gesang, sehr schön zu hören, vor allem weil Westernhagen hier auf sein röhrendes, krächzendes und manchmal auch überschwenglich leidenschaftliches Singen – das seine Rocksongs auszeichnet, verzichtet und einfach „nur“ seine Geschichte erzählt.

Auf „Das Pfefferminz-Experiment“ dominieren Akustikgitarre und Streicher, das Tempo wird heruntergefahren, der Gesang ausgeglichener und relaxter. Das Album hat musikalisch mit dem Original von 1978 überhaupt nichts mehr gemein. Die zehn Titel widerspiegeln die Reife eines Musikers in, man kann es durchaus mal sagen, seinem achten Lebensjahrzehnt. Es mußte wohl diese lange Zeit dauern, bis sich Westernhagen dazu entschließen konnte, seine frühen Lieder auf diese Weise neu zu interpretieren. Mit Sicherheit ist ihm diese Idee (zumindest) bis zur Umsetzung sehr suspekt erschienen, schließlich konnte er genauso gut verlieren. Das dies nicht geschah, ist der Konsequenz zuzurechnen, mit der er dieses Projekt umsetzte, indem er alles Vertraute hinter sich ließ und sich den Liedern ganz neue näherte. Bausteine wie Akkorde und Texte wurden nbeu zusammengefügt und geformt, mit hochkarätigen Musikern, in einem geschichtsträchtigen Aufnahmestudio und dem legendären Produzenten und Grammy-Preisträger Larry Campbell, der viele Jahre mit Bob Dylan arbeitete und somit eine gewaltige Portion Erfahrung auf dem Gebiet mitbrachte und der einen homogenen Sound weit weg vom üblichen Rocker-Klischee kreierte.

Fazit: „Das Pfefferminz-Experiment“ ist ein Album, das Westernhagen sicher viel Mut abforderte und das man so nicht wirklich von ihm erwartete. Doch seine Reise in Gefilde des Country, Folk und Americana ist spannend und unterhaltsam. Unbedingt reinhören! Klare Empfehlung!

Westernhagen – Das Pfefferminz-Experiment: Das Album

Westernhagen - Das Pfefferminz-Experiment

Titel: Das Pfefferminz-Experiment (Woodstock-Recordings Vol. 1)
Künstler: Westernhagen
Veröffentlichungstermin: 8. November 2019
Label: Polydor
Vertrieb: Universal Music
Formate: CD, Vinyl & Digital
Laufzeit: 46:25 Min.
Tracks: 10
Genre: Country, Folk, Americana

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Trackliste: (Das Pfefferminz-Experiment)

01. Mit 18
02. Zieh dir bloß die Schuhe aus
03. Willi Wucher
04. Oh, Margarethe
05. Alles in den Wind
06. Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz
07. Dicke
08. Giselher
09. Grüß mir die Genossen
10. Johnny W.

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Über Andreas Weihs (52 Artikel)
Fotograf und Journalist. Fachgebiet: Country & Folk. Rezensionen und Konzertberichte.