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Gekommen, um zu bleiben – Jesse Daniel und sein drittes Album „Beyond These Walls“

Ähnlich wie Charley Crockett und Tyler Childers ist Jesse Daniel ein Countrymusiker, der es geschafft hat, seinen Weg allein ohne große Plattenfirma zu gehen. Er ist ein Indiemusiker mit einem Mainstream Sound – allerdings einem Mainstreamsound aus früheren Zeiten.

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Jesse Daniel - Beyond These Walls Jesse Daniel - Beyond These Walls. Bildrechte: Die True Records

Merle Haggard, David Allan Coe und Johnny Paycheck waren länger dort, während – entgegen häufiger Annahme, Johnny Cash nur als Künstler ab und an dort gewesen ist. Die Rede ist vom Gefängnis, dem Ort, der auch in der Biografie von Jesse Daniel eine Spur hinterlassen hat. Insbesondere mit Merle Haggard hat Jesse Daniel noch zwei weitere Dinge gemeinsam: Er kommt aus Kalifornien und Countrymusik hat geholfen, seinem Leben die entscheidende Wende zum Guten zu geben.

Wie ein roter Faden zieht sich Jesses eigene Geschichte durch die Stücke seines ersten Albums von 2018. Der Musiker – aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen in einem kleinen kalifornischen Bergdorf – war als Teenager Punkrockdrummer und kam über zu viele Drogen auf die schiefe Bahn. Wieder in Freiheit kaufte er sich eine Gitarre und fasste Fuß in der lebendigen Countryszene von Santa Cruz.

Wenn das eigene Leben genug Material für einen Gangsterfilm liefert, ist es nur konsequent, davon begleitet von einem harten, rockigen und bisweilen funky 70s Honky Tonk Sound mit sehr viel Telecaster Twang zu berichten. Kein Wunder also, dass das auch in der Ameripolitan-Gemeinde verfing und Jesse Daniel schon 2019 bei den Ameripolitan Awards den Preis als Best Honky Tonk Male mit nach Hause nahm.

Der frühe Erfolg erstaunt nicht, wenn man sieht, wie ambitioniert und zielstrebig, und dabei immer zutiefst sympathisch Jesse Daniel von Anbeginn seinen Weg verfolgt. Akribisch kümmerte er sich schon früh um Kontakte, PR und Tourplanung. Viele Indie-Countrymusiker machen alles selbst, aber bei ihm merkte man, hier brennt jemand, weil er seine Chance sieht und keine andere hat. Es macht halt einen Unterschied, ob man schon einmal alles verloren glaubte, eine neue Chance bekommt und nun alles auf eine Karte setzten muss.

Mit dem zweitem von Tommy Detamore produzierten Longplayer „Rollin‘ On“ hat sich Jesse Daniels zuvor beschrittener Weg 2020 konkretisiert. Das Titelstück ist noch einer der Songs, der klar an den Sound von Daniels erster Platte anknüpft: harter Twang, Rockabilly Vibe und ein Hauch Bakersfield Sound, aber immer catchy und eingängig. Ansonsten ist auf dem zweiten Album Daniels Sound eindeutig breiter gefächert. Insbesondere Detamores Steelgitarrenkünste haben viel Raum und lassen aufhorchen und auch alle anderen Zutaten eines klassischen Countryalbums sind vertreten. Sogar die Fiddle fehlt nicht.

Wie schon beim Vorgänger fällt auf, dass Jesses kompakter Sound auch im Rockradio Anklang finden würde. Dennoch behält sich Daniel ein Live-Feeling bei, indem die Musiker oftmals den Freiraum bekommen, auch als Solisten zu glänzen. Wo der klassische Countrysong meist nach zweieinhalb Minuten beendet ist, kann eine Jesse Daniel Nummer durchaus mal fast doppelt so lang sein.

Dass das Album genau zu Pandemiebeginn rauskam, hätte auch ein Karriere-Killer sein können. Und am Anfang hat es ihn auch hart getroffen, dass mehrere Package-Tourneen und Festivals mit größeren Namen, die ihm ein größeres Publikum erschlossen hätten, ausfielen. Aber Daniel hat genau wie Kollege Crockett die Hände nicht in den Schoß gelegt, sondern weitergemacht und sich an die Situation angepasst. Denn die Platte kam trotz ausgefallener Auftritte gut an und öffnete neue Türen. Jesse Daniel und seine private wie berufliche Partnerin Jodi Lyford haben jedoch nur kurz überlegt, zu einem Major-Label zu wechseln, dann aber beschlossen, sich selbst und ihrem Kurs treu zu bleiben und sind nach Texas in die Nähe von Produzent Detamore übergesiedelt.

Seit Anfang 2019 ist Jodi Lyford auch immer mehr vom Bühnenrand ins Rampenlicht getreten. War sie schon auf dem ersten Album als Backgroundsängerin und Mitautorin zweier Songs vertreten, hat sie nun ihr Business als Tattoo-Artist erst einmal an den Nagel gehängt, sich fest zur Band gesellt und außerdem einen Teil der Managementaufgaben übernommen. Beide haben die allermeisten Songs auf „Rollin‘ On“ gemeinsam geschrieben.

Genauso ist es nun auf dem neuesten Ende Juli 2021 erschienenen dritten Album Beyond These Walls weitergegangen. Ja, und mit „I’ll Be Back Around“ ist diesmal sogar eine Bluegrassnummer dabei. Songs über Rodeo Cowboys, Texanische Nächte, das rockige „Think I’ll Stay“ und sogar ein Tejano Song in spanischer Sprache, gemeinsam gesungen mit Mavericks Mastermind Raul Malo runden das Album ab. Mit „Living in the Great Divide“ ist außerdem ein Song vertreten, der eindeutig eine Neuerung in Daniels Songwriting markiert:

Jesse Daniel beackert eindeutig ein Feld der Countrymusik, das auch viele Einwohner von Trump-Land mögen. Dennoch positionierte er sich eindeutig während der Proteste im Sommer 2020, die sich an George Floyds Tötung entzündeten. Ein Schritt, der Anerkennung verdient, da Künstler wie Daniel damit unter Umständen riskieren, ihre gerade aufgebaute junge Karriere wiedereinzureißen.

Die meisten Countrysänger im Mainstream sagen sich: shut up and sing – bloß keine politischen Aussagen. Tief sitzt noch der Schock über den Shitstorm, der 2003 über die Band, die sich einst Dixie Chicks nannte, hereinbrach, als diese sich kritisch über die Politik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush äußerte.

Aber Jesse Daniel schwieg nicht Ende Mai 2020, als die Proteste in den Innenstädten immer lauter wurden. Er postete in den sozialen Netzwerken eine Strophe aus Johnny Cashs „Man in Black“:

I wear the black for the poor and beaten-down
Livin‘ on the hopeless, hungry side of town
I wear it for the prisoner who has long paid for his crime
But is there because he’s a victim of the times
.“

Jesse gab an, für 48 Stunden 100 Prozent der Einnahmen seines Online Shops der NAACP zu spenden und schloss mit dem Hashtag #JusticeForGeorgeFloyd. Die NAACP ist eine der größten und ältesten schwarzen Bürgerrechtsorganisationen der USA und auch im Kampf für LGBT Rechte aktiv. Zwei Tage später legte er nach und schrieb: „Als Geschichtenerzähler haben wir die Möglichkeit (und die Verantwortung), für das Richtige einzustehen und unsere Stimmen für die Ungehörten zu erheben. Vielen Dank an alle, die an dieser Sache mitwirken. #blacklivesmatter“

Diese Positionierung war keine Eintagsfliege. Zur gleichen Zeit schrieb Daniel den Song, den man getrost sein erstes politisches Lied nennen kann. In sorgsam gesetzten Worten beschreibt Daniel das Dilemma seines Landes, das zu totaler Spaltung geführt hat, benennt genauso die knallharte Wirklichkeit im amerikanischen Kapitalismus wie die durch Online-Blasen und Fake News gewachsene Fehlinformation, die es dem Einzelnen schwierig macht, das große Ganze zu sehen.

Und genau wie in Zephaniah Ohoras „All American Singer“ ist auch in diesem Stück ein kleiner Funken Hoffnung enthalten, ansonsten wäre es wohl auch kein wirklich amerikanisches Stück. Denn ist die Situation auch noch so aussichtslos, der Optimismus kommt den meisten Amerikanern nie abhanden.

Besonders bemerkenswert sind Produktion und Sound des Stücks, ist es doch mit Abstand der poppigste und somit radiotauglichste Song von „Beyond These Walls“. Jesses Anliegen scheint in der Tat so groß, dass er wirklich möchte, dass viele Menschen dieses Lied hören. Das heißt, er möchte, dass „Living In The Great Divide“ auf jeden Fall auch im Mainstream-Radio gespielt wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Amerikas Countrysendern das genauso sehen, und die Hörer wenigstens dabei erkennen, was für einen tollen und engagierten Countrymusiker sie in Jesse Daniel haben.

Jesse Daniel – Beyond These Walls: Das Album

Jesse Daniel - Beyond These Walls

Titel: Beyond These Walls
Künstler: Jesse Daniel
Veröffentlichungstermin: 30. Juli 2021
Label: Die True Records (Membran)
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 12
Genre: Traditional Country, Honky Tonk

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Trackliste: (Beyond These Walls)

01. Clayton Was A Cowboy
02. Lookin‘ Back
03. Simple Things
04. Texas Summer Night
05. Think I’ll Stay
06. Drop A Line (Out Here On The Water)
07. Angel On The Ground
08. El Trabajador
09. Living In The Great Divide
10. Gray
11. Soñando Contigo
12. I’ll Be Back Around

Über Oliver Kanehl (3 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials. Podcast: HONKY TONK BLUES https://www.mixcloud.com/HonkyTonkMan/