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Allison de Groot & Tatiana Hargreaves: Hurricane Clarice

Die beiden Bluegrass-Virtuosinnen schöpfen aus der weiblichen Tradition des Genres und setzen sich gekonnt mit unserer heutigen Welt und deren Problemen auseinander.

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Allison de Groot & Tatiana Hargreaves - Hurricane Clarice Allison de Groot & Tatiana Hargreaves - Hurricane Clarice. Bildrechte: Free Dirt Records

„Wenn solche beiden außergewöhnlichen Musikerinnen sich zusammentun, dann ist es kein Wunder das so etwa tolles zustande kommt wie ihr Debütalbum“ war hier an dieser Stelle im Juni 2019 über Allison de Groot & Tatiana Hargreaves ersten Longplayer zu lesen. Nun ist der zweite Streich gefolgt, Hurricane Clarice heißt ihr aktuelles Album, das im März erschienen ist. Haben sie damals sich quasi als Bluegrass-Duo in die weibliche Traditionslinie des Genres eingereiht und viele Songsaufgenommen, die von Frauen geschrieben oder aus der Sicht von Frauen erzählen, geht es diesmal vor allem um die drohende Umweltkatastrophe und familiäre Wurzeln. Das Album entstand während einer apokalyptischen Hitzewelle in Portland und nimmt auch die gesellschaftliche Beziehung zum Klima in unserer Welt in den Fokus.

Der Bluegrass ist auch weiblich

Wird über die Geschichte des Bluegrass gesprochen, dann fallen in der Regel Namen wie Bill Monroe, die Stanley Brothers oder Flatt & Scruggs als Erfinder und größte Köpfe des Genres. Doch natürlich wäre auch der Bluegrass und sein „High Lonesome“ Sound ohne die Beiträge von afroamerikanischen und weiblichen Künstlern nicht denkbar. Neben Bill Monroe, den Stanley Brothers oder Flatt & Scruggs sind eben auch Frauen wie Hazel Dickens, Alice Gerrard, Bessie Lee Mauldin und Sally Ann Forrester für das Entstehen und den Aufstieg des Bluegrass mitverantwortlich. Das dies weiterhin gerne vergessen wird, liegt an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Die Nachfolge dieser Pionierinnen haben Künstlerinnen wie Laurie Lewis, Alison Brown, Rhonda Vincent und natürlich Alison Krauss übernommen. Allison und Tatiana stehen für eine weitere, neue, moderne Generation des Bluegrass.

Hitzewelle in der Hipster-Hochburg als Ausgangslage des Albums

„Produziert vom Indie Folk Visionär Phil Cook, präsentiert das neueste Album des Duos energiegeladene Tracks, episch anmutende Medleys und ausgezeichnete Eigenkompositionen“, sagt die Plattenfirma und übertreibt keineswegs. Das großartige Album „Hurricane Clarice“ entstand während einer apokalyptischen Hitzewelle in Portland, größte Stadt, kulturelles Zentrum und progressive Hochburg des moderaten „Swing State“ Oregon.

Die beiden haben sich durch die Rekordtemperaturen dazu inspirieren lassen, die Bedrohung unseres Planeten in Beziehung zur Geschichte und zu ihren eigenen Vorfahren zu stellen. So beginnen sie mit „The Banks of the Miramichi“, einem alten Song von Patrick Hurley (1842 – 1912) über einen Fluss in Kanada. Allison hörte den Song erstmals in einer Fassung von Marie Hare aus dem Jahr 1962. Wenige Jahre vorher, 1954, brach aufgrund von DDT-Einsatz das komplette Ökosystems des Flusses zusammen. Das darauffolgende erste Instrumentalstück trägt den Titel „Wellington“. Allison hat es geschrieben und erinnert sie an ihre Großmutter.

„Each Season Changes You“ ist ein alter Bluegrass-Standard, den viele schon gesungen haben, von Rose Maddox bis Rhonda Vincent. Für Tatiana ist es „mein liebster Countrysong über „Saisonale Depression“. Bei den beiden klingt es nicht ganz so gefällig wie bei Rhonda, sondern etwas archaischer und ursprünglicher. Auch der Titeltrack ist ein Instrumentalstück. Geschrieben von Tatiana Hargreaves, wird es mit einem Sample von Allisons Großtante Tillie eröffnet, die auf Ukrainisch über ihre Schwester spricht. Tatiana ließ sich zum Titeltrack von der Lektüre von The Chandelier von Clarice Lispector inspirieren, deren jüdisch-ukrainische Familie 1922 ungefähr zur gleichen Zeit nach Brasilien floh, wie Ihre Urgroßmutter Taube aus Osteuropa.

Endzeitlich wird die Stimmung dann bei „I Would Not Live Always“, dessen Melodie von ML Swan stammt und dessen Text auf einem Gedicht von Wilhelm Augustus Muhlenberg fußt. Allison und Tatiana haben sich dabei von dem Fiddler Clarence Ferell inspirieren lassen.

Auch das von Tatiana geschriebene „Ostrich And Pearls“ wird durch Töne von Verwandten umrahmt. Diesmal sind es Aufnahmen ihrer beiden Großmütter Sylvia und Jean und de Groots Großmutter Shirley. Den Abschluss bildet dann ein Song von Kilby Snow, der das Tourleben humorvoll aufs Korn nimmt.

Engagiert in der LGBTQ+ Szene

Die beiden Musikerinnen bekennen sich dazu, der LGBTQ+-Szene anzugehören und sind beispielsweise 2020 beim „Porch Pride“, einem queeren Bluegrass-Festival aufgetreten. Mit dabei waren damals u.a. auch Molly Tuttle und Amythyst Kiah. Tatiana hat vor einigen Jahren schon einen Text auf der Seite Website „Bluegrass Pride“ einen Text veröffentlicht zu ihrem Selbstverständnis als queere Bluegrassmusikerin: „Wenn wir Queers im Bluegrass unterstützen, müssen wir diese Unterstützung auch in unserem täglichen Leben zeigen. Bluegrass Pride sollte anerkennen, dass wir uns gegen Ungerechtigkeiten innerhalb UND außerhalb der Bluegrass-Community ausrichten. Die Diskriminierung innerhalb der Bluegrass-Community spiegelt auch die Probleme in unseren lokalen Gemeinschaften wider.“

Und auch auf ihrem Debütalbum haben die beiden klare Worte gefunden und ihr Album denjenigen gewidmet, „die nie die Anerkennung erhalten haben, die sie verdient haben: die indigenen, schwarzen, queeren und weiblichen Musiker, die nicht immer sichtbar waren, aber blieben und die Musik immer noch vorantreiben.“

Traditionelle Musik für die Zukunft

Mit ihrer Fusion von traditioneller amerikanischer Musik und dem Einsatz für die Rechte von queeren Menschen sind die beiden eines der spannendsten Duos in der Bluegrass-Szene. Musikalisch unumstrittene Virtuosen sind sie ohnehin.

Hurrican Clarice: Das 2022er Album

Hurricane Clarice

Titel: Hurricane Clarice
Künstler: Allison de Groot & Tatiana Hargreaves
Veröffentlichungstermin: 25. März 2022
Label: Free Dirt Records (Galileo)
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 9
Genre: Bluegrass, Folk

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Trackliste: (Hurrican Clarice)

01. The Banks of the Miramichi
02. Wellington
03. Nancy Blevins
04. Each Season Changes You
05. Hurricane Clarice / Brushy Fork of John’s Creek
06. I Would Not Live Always
07. Dead and Gone (Hen Cackle)
08. Ostrich with Pearls
09. The Road That’s Walked by Fools

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Über Thomas Waldherr (694 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Bob Dylan, Country & Folk, Americana. Rezensionen, Specials.
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