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Charley Crockett: The Man From Waco

Und wieder ist ein halbes Jahr um. Fast könnte man die Uhr nach ihm stellen. It’s Crockett Time Again: Zeit für ein neues Album des umtriebigen Texaners.

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Charley Crockett Charley Crockett. Bildrechte: Bobby Cochran

Als Charley Crockett während seiner Teilnahme an der Luck Reunion 2022 für den Willie Nelson Podcast „One by Willie“ einen Song der Countrymusik-Ikone aussuchen sollte, über den er sprechen wollte, fiel seine Wahl auf „Face Of A Fighter“, ein Stück, das Nelson nie regulär veröffentlichte. Der Song, ein ziemlich unbekanntes Stück, ist Teil der Demoaufnahmen, die Nelson 1961 mit Nashvilles A-Team machte und die später unter dem Namen Pamper Demos bekannt wurden. Crockett sagt über „Face Of A Fighter“, dass mancher Künstler so einen Song als das Beste veröffentlichen würde, was er jemals machen würde. Bezeichnend also, dass gerade Nelson diesen Song nie regulär herausbrachte. Er schrieb so viel Hochkarätiges, das er ihn gar nicht brauchte. Auch heute mit inzwischen 89 Jahren bringt Nelson noch jedes Jahr mindestens ein neues Album heraus.

So sind Nelsons Arbeitsethos und die hochfrequente Veröffentlichungspolitik der 1960er für Charley Crockett Inspiration und Ansporn zugleich. Denn wäre Countymusik wie Tennis, wäre Charley Crockett vermutlich bereits auf Nummer 1 der Weltrangliste – einfach schon deshalb, weil niemand mehr arbeitet: Charley spielt nicht nur zahlreiche große Festivals und tourt quasi permanent, nein, er legt mit jeweils zwei Alben pro Jahr überhaupt mächtig vor.

Am 9. September 2022 erscheint mit The Man From Waco bereits Crocketts 12. Album. Grundsätzlich bleibt Crockett seinem von ihm selbst als Gulf & Western bezeichneten Sound treu und tut wie bisher das, wonach ihm gerade der Sinn steht. Und vielleicht ist das der Grund, warum dieses Album sich dem Zuhörer etwas anders als die letzten drei präsentiert. Der Texaner hat ein paar Dinge anders gemacht. Nicht weil das mal sein musste – sondern, weil es sich einfach so ergeben hat. Und auch darin bleibt Crockett sich treu und lässt sich auf Wendungen ein, folgt seinem Instinkt und hört auf sein Bauchgefühl.

Auf den ersten Blick würde man meinen, Crockett huldigt nun dem Genre des Konzeptalbums wie es auch Sturgill Simpson zuletzt mit „The Ballad of Dood & Juanita“ getan hat. Auch wenn Crockett wie Simpson Willie Nelsons Red Headed Stranger als eine Inspiration anführt, ist „The Man From Waco“ jedoch eine etwas andere Art von Konzeptalbum, wird uns hier doch nicht straight eine Geschichte erzählt. Mir scheint es, dass Crockett zwar rein formal diesen Weg einschlägt, jedoch eher eine neue Form suchte, die ihn kreativ herausfordert und mit der er spielen kann. Diese Herangehensweise wird unterstrichen von dem Instrumental-Thema, das an Anfang und Ende den Rahmen setzt und sich an den Titelsong anlehnt, der sich als mittleres Stück an siebter Stelle der Liedfolge befindet. Alle anderen Stücke wirken jedoch eher beliebig angeordnet und könnten auch eine gänzlich andere Reihenfolge haben, sind sie doch inhaltlich nicht wirklich verbunden.

Auch wenn der als Italowestern inszenierte Albumtrailer es anders vermuten ließ, ist „The Man From Waco“ weniger Country-Oper als Songsammlung. Aber manche der Stücke, wie die Instrumentalthemen, erinnern mit ihren Sounds durchaus an die südeuropäische Spielart des amerikanischsten aller Filmgenres.

Crockett sagt er, dass er den Song „The Man From Waco“ als Hommage an James Hand verstanden wissen möchte. Songstruktur und Melodie waren aus einer Improvisation beim Herumalbern im Tourbus entstanden, als die Band in der Gegend von Waco unterwegs war, dem Flecken, in dessen Nähe James Hand sein Leben lang lebte. Zur texanischen Einöde passend, könnte der Song leicht der Titelsong eines Westerns sein, was Gitarren und Mariachi-Bläser unterstreichen. Konsequent, den Song zum Titelsong zu machen, handelt es sich doch um eine der stärksten Nummern der Platte. Ja, „The Man From Waco“ hätte auch einst Marty Robbins in seiner Westernphase gut zu Gesicht gestanden.

Stichwort Country & Western: Es mag der Produktionsgeschichte des Albums geschuldet sein, dass Crocketts ausgeprägter Stilwille der letzten Alben, klassische Honky Tonk Sounds modern klingen zu lassen, nun eher Pause macht und man sich im Großen und Ganzen jetzt wieder mehr an Crocketts erste Gehversuche als Albumkünstler im Stilmix aus Country, Soul und Blues erinnert fühlt. Ist der Hauptunterschied zu seinen letzten Veröffentlichungen doch darin zu sehen, dass Charley nun das ganze Album wie früher mit seiner fantastischen Liveband, den Blue Drifters, eingespielt hat.

Waren die Blue Drifters ursprünglich nur mit Charley im Studio von Next Waltz Mastermind und Crockett Manager Bruce Robison gewesen, um neue Demos aufzunehmen, zeigte sich schnell, dass die Aufnahmen weniger Demos als bereits gelungene Master waren. Also arbeitete man gleich vor Ort mit Robison weiter. Neu ist, dass Crockett einige Stücke mit seinem Pianisten und Multiinstrumentalisten Kullen Fox geschrieben hat. Auch zeichnet er selbst wieder vermehrt für einige Songs allein verantwortlich.

Wie schon bei den letzten Alben wählte Crockett als erste Single einen Song mit Soulcharakter: „Just A Clown“ ist ein grooviger Soulsong mit early 70s Vibe, inklusive Bläsern und Streichern. Charley Crockett Gitarrist Alexis Sanchez gibt hier einmal mehr den versierten Solisten mit swingenden B.B. King Licks. Von ihrem Sound und Groove her erinnert Tom Turkey auch an King-Aufnahmen der 70er, doch der Ursprung dieser Nummer weist in eine gänzlich andere Richtung, denn Charley teilt sich den Writer’s Credit mit niemand geringerem als Bob Dylan. Der Nobelpreisträger und Charley haben aber nicht wirklich gemeinsam komponiert, vielmehr hat Charley beim Warm Up im Studio mit der Band auf Dylans Billy 4 vom Pat Garrett & Billy The Kid Soundtrack gejammt. So beginnt Crockett mit Dylans Strophe sieben und acht auf einer sehr ähnlicher Melodie. Crockett war von der Spontanität und dem Schwung dieser Zufallsproduktion so angetan, dass er das Stück auf dem Album haben wollte. Und so hat Charley Crockett auf einmal etwas mit Old Crow Medicine Show gemeinsam, wenn auch Tom Turkey niemals ein „Wagon Wheel“ werden wird.

Überraschender Weise findet sich mit „Trinity River“ erstmals ein Crockett-Song als Re-recording auf einem neuen Album. „Trinity River“ ist zuallererst auf Charley’s Debüt A Stolen Juwel 2015 erschienen. Dass Crockett dazu neigt, korrigierend einzugreifen, wenn ihm etwas überholt erscheint, zeigte sich ja auch schon darin, dass zwei seiner früheren Alben seit gut zwei Jahren mit neuen Covern erscheinen. Im direkten Vergleich mag es für die Musiker Sinn machen, einen Song, der sich immer noch im Live-Repertoire befindet, erneut aufzunehmen, wenn die Erstaufnahme inzwischen dermaßen unschuldig und ein wenig dilettantisch wirkt. Ich jedoch finde, gerade das Unperfekte der alten Version hat durchaus seinen Charme.

Fazit: „The Man From Waco“ ist alles andere als ein schlechtes Album, aber etwas Verknappung hätte ihm sicher gutgetan. Zwei, drei Stücke weniger hätten das Album mehr verdichtet, denn es enthält einige Stücke, die von ihrem Charakter und Sound recht ähnlich sind. Mit insgesamt 14 Tracks plus einem Bonussong verliert das Album etwas an Kontur. Crockett hatte die Latte selbst sehr hochgehängt und mit brillantem Songwriting und pfiffigen Arrangements stets äußerst unterhaltsame, ausgewogene und abwechslungsreiche Platten vorgelegt. Vielleicht wollte Charley mit diesem Album einfach etwas zu viel. Anyway, der Blue Drifter wird uns wohl spätestens Anfang 2023 seinen nächsten Streich präsentieren. Und eines bleibt gewiss, Charley Crockett wird uns wieder überraschen.

Übrigens: Anfang November 2022 spielt Charley Crockett zwei Shows in Deutschland. Köln und Berlin haben das Vergnügen.

Charley Crockett – The Man From Waco: Das 2022er Album

Charley Crockett - The Man From Waco

Titel: The Man From Waco
Künstler: Charley Crockett
Veröffentlichungstermin: 9. September 2022
Label: Son of Davy (Thirty Tigers)
Formate: CD, Vinyl & Digital
Tracks: 14
Genre: Traditional Country

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Trackliste & Songschreiber: (The Man From Waco)

01. The Man From Waco – Theme (Charley Crockett, Kullen Fox)
02. Cowboy Candy (Charley Crockett)
03. Time Of The Cottonwood Trees (Charley Crockett)
04. Just Like Honey (Charley Crockett, Kullen Fox)
05. I’m Just A Clown (Charley Crockett)
06. Black Sedan (Charley Crockett, Kullen Fox)
07. The Man From Waco (Charley Crockett, Bruce Robison, Kullen Fox und Taylor Grace)
08. Trinity River (Charley Crockett)
09. Tom Turkey (Charley Crockett, Bob Dylan)
10. Odessa (Charley Crockett, Nathan Fleming)
11. All The Way From Atlanta (Charley Crockett)
12. Horse Thief Mesa (Charley Crockett)
13. July Jackson (Charley Crockett, Taylor Grace)
14. The Man From Waco – Theme (Charley Crockett, Kullen Fox)

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Über Oliver Kanehl (44 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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