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Bobby Dove – große Songs voller Gefühl

Der Tradition verbunden singt Bobby Dove Countrymusik von Morgen.

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Bobby Dove Bobby Dove. Bildrechte: Künstler, Promo

Countrymusik ist oft ungewöhnlich aufrichtige Musik. Ja, und diese Musik wird auch oft von genauso ungewöhnlichen Menschen gemacht. Mutigen Menschen, die bereit sind, sich in ihrer Kunst besonders verletzlich zu zeigen. Ich spreche von Singer-Songwritern wie Vincent Neil Emerson oder Ags Connolly und ich spreche von Bobby Dove.

Auf Dovetales, Bobby Doves erster EP von 2013, befindet sich als letzter Track ein intimer Song, instrumentiert nur mit Gitarre und einer wundervoll gespielten Lapsteel. Wenn man Loving You Is Wrecking Me hört, könnte man meinen, Dove hätte schon als Kind nichts anderes als Hank Williams gehört, aber Bobby Dove kam erst über ein paar glückliche Fügungen zur Countrymusik. Aufgewachsen in Montreal im gleichen jüdischen Viertel wie Leonard Cohen fühlte Bobby sich früh von Dylan und seinem kanadischen Pendant aus der elterlichen Plattensammlung angesprochen. Als Teen hörte Bobby dann in den 90ern populäre Songwriterinnen wie Fiona Apple, aber auch Klassiker wie Odetta. Countrymusik hörte Bobby jedoch erstmals bewusst an der Uni im Freundeskreis und entdeckte danach im Internet den musikalischen Kosmos von Hank, Johnny, Townes und Woody. So richtig traten Honky Tonk und Hillbilly aber erst in der Person von Bobby Hill in Bobby Doves Leben.

Bobby Hill war einer der ersten Country-Radio-DJs Kanadas, ein Songwriter und Bandleader, der in den 50er und 60er Jahren eine erfolgreiche Radioshow hatte, immer wieder durchs Land tourte und 1955 auch einen großen landesweiten Hit hatte. Beide Bobbys trafen sich das erste Mal beim allwöchentlichen Hillbilly Monday Open Mic in Montreals Wheel Club. Hill – damals bereits Anfang Achtzig – spielte dort in der Hausband regelmäßig Lapsteel. Hill und seine Vergangenheit machten großen Eindruck auf Bobby, woraufhin Bobby begann, Mandoline zu lernen, um neben dem Steelplayer auf der Bühne spielen zu können. Ja, und manchmal, wenn es gerade keinen Bassisten gab, übernahm Bobby auch den Kontrabass.

Als Bobby eines Tages den Woody Guthrie Song „Jesus Christ“ sang, fragte Hill, ob Bobby eigentlich wisse, dass dieser Song auf dem Traditional Folksong Jesse James basiere. Von solchen Dingen hatte Bobby natürlich (noch) keine Ahnung. Schon beim nächsten Treffen präsentierte Hill Bobby einen Ausdruck der Original-Lyrics und eine Woche später gleich mehrere weitere Textblätter und Mixkassetten mit Songs, die zu Bobbys Stimme passen könnten. Und so wurde Hill – ein echter Veteran des Golden Age of Country – zu Bobby Doves Mentor und zu einem wahren väterlichen Freund.

Hill und Bobby trafen sich zum frühen Frühstück im Diner in der Nachbarschaft oder sie telefonierten. Hill war stets mit Rat und Tat zur Stelle. Durch Hill und den Hillbilly Monday lernte Bobby nach und nach die zahlreichen bedeutenden Figuren der Country-Geschichte kennen und lieben: Webb Pierce, Buck Owens, Hank Locklin, Loretta Lynn, Tammy Wynette, Ray Price und all die anderen. Und so landete Bobby Hill schließlich wunderschön Lapsteel spielend auf Doves erster EP.

Nach Hills Tod 2015, bekam Bobby Dove von dessen Witwe seine Songbooks, eine seiner Gitarren und später auch seine Lapsteel. Was aber ganz besonders war, war dass Hill selbst noch kurz vor seinem Tod Bobby einen in den 1970ern geschriebenen Song gab, den er niemals zuvor aufgenommen hatte. Welcome To The Real World Again war Hill selbst immer zu intim und persönlich gewesen. Hill hatte wieder den richtigen Riecher gehabt. Der Song passt Bobby Dove wie ein Maßanzug und ist auf „Thunderchild“, Bobby Doves Debütalbum von 2016, enthalten.

Ganz im Sinne von „Will The Circle Be Unbroken“ hatte Bobby Hill den Stab an Bobby Dove weitergereicht, und vielleicht ist das eines der Geheimnisse, wenn manche meinen, Bobby Dove kanalisiere wie ein Medium die Phantoms of the Opry – die Geister der schon lange gegangenen Countrylegenden und überführe deren Erbe in die heutige Zeit. Denn Doves Musik klingt nie gestrig, bringt aber beim Hörer die gleichen Saiten zum Klingen wie die Klassiker der Altvorderen.

Inzwischen teilte Bobby die Bühne mit Größen wie Mary Gauthier, Richard Thompson, The Sadies oder J.D. McPherson und ist kreuz und quer durch Kanada getourt. 2021 erschien Bobby Doves zweites Album und Dove hat die alte Regel ad absurdum geführt, denn „Hopeless Romantic“ ist kein schwieriges Album. Mit einer Art kanadischer Hot Band wurden die Aufnahmen 2019 und 2020 gemacht. Und wie in Emmylou Harris‘ toller Begleitband spielten für Bobby Musiker, die auch über Kanada hinaus Rang und Namen haben. Thematisch – der Albumtitel gibt das Thema vor, gibt Bobby Dove good old-fashioned, cryin’ time country und macht es dem Zuhörer leicht zu folgen, denn unerwiderte Liebe kennt jeder. Dabei ist das Album musikalisch stets äußerst frisch und abwechslungsreich, und Bobby erzählt auch schon mal John Prine gleich vom Leben eines Musikers, der als Totengräber arbeitet oder wagt eine Up-Tempo-Nummer. Alles dabei.

Menschen haben die Welt gern einfach. Wir lieben klare Kategorien und Unterscheidungen, das gibt uns Sicherheit und Orientierung. Denn wir Menschen sind unsicher. Wir sehnen uns nach eindeutigen Gewissheiten, nach Klarheit. Kategorien vermitteln uns Struktur und Identität. Soziales Leben baut gerne darauf auf und bestimmt so, wer dazugehört und wer nicht. Menschen, die genauer hinschauen, auch hinfühlen, wissen jedoch, so einfach ist es oft nicht: Die Welt ist nicht einfach in schwarz und weiß zu teilen. Sie hat viele Nuancen und Schattierungen und ist – um im Bild zu bleiben – fast nie schwarz oder weiß, sondern besteht aus beidem und zeigt sich uns immer in Graustufen, denn Menschen und ihre Leben sind viel verschiedener und komplexer als unsere dominanten Normierungen.

Generell wird alles, was außerhalb der Norm erscheint, entweder gefeiert oder bekämpft. Gefeiert, weil jemand den Mut hat, sich gegen die Norm zu stellen. Bekämpft, weil das Infragestellen der Norm, wieder zur Verunsicherung der Rolle oder Identität der Anderen führt und diese hinterfragt. Vielleicht ist ja doch nicht alles so eindeutig wie gewünscht – und schon ist die Verunsicherung wieder da. In Geschlechterfragen ist das besonders offensichtlich und häufig der Fall.

Kurz vor Veröffentlichung von „Hopeless Romantic“ postete Bobby Dove auf Facebook und Instagram etwas sehr Persönliches und berichtete davon, seit etwa zehn Jahren den Künstlernamen Bobby Dove zu benutzen. Seitdem sei Bobbys Geschlechtsidentität immer wieder Thema. Zunächst habe sich Bobby immer gegen alle Fragen gewehrt, wenn es darum ging, sich geschlechtlich festzulegen. Lange hatte Bobby es vermieden, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen und wenn die Frage nach dem richtigen Pronomen aufkam, „sie“ angegeben, wo hinein Dove geboren wurde. Zu sich selbst sagte Bobby immer wieder: „You’re a musician, that’s your identity.“

In der Zwischenzeit erlebte Dove beständig die Wunder der Androgynität und wurde immer wieder bei jeder x-beliebigen Gelegenheit für einen Mann gehalten, was für beide Seiten verwirrend war und sich genauso wenig richtig anfühlte. Die Geschlechterkategorisierungen sind in unserem Alltag stets präsent, auch wenn sie vielen von uns nicht bewusst sind, gender-queere Menschen erfahren sie jeden Tag und können nicht umhin, sich damit zu beschäftigen. Auch sprachlich ist es sehr schwierig, sich jenseits der gängigen Unterscheidungen von er und sie zu positionieren. Um das nachzuempfinden kann es hilfreich sein, sich mal vorzustellen, ein anders Geschlechtspronomen benutzen zu müssen.

Da sich für Bobby weder das eine noch das andere richtig anfühlte – denn von Klein-auf war beides da, nutzt Bobby seitdem die Plural-Pronomen they/them/their, was zumindest im Englischen auch grammatikalisch gut funktioniert. Bobbys eigenes Bewusstsein ist gewachsen und hat einen Prozess in Gang gesetzt. „I’m growing into myself like a serious pair of boots.“ Bobby sagt, von sich selbst als sie zu sprechen war sehr verwirrend. Verwirrend nicht für andere, sondern für sich selbst. Jetzt they/them/their als Pronomen zu nutzen drücke vielmehr aus, wie Bobby sich fühle.

Bobby Dove ist queer und versteht sich als non-binäre Person. Wer ein Herz und klaren Verstand besitzt, kann sich nicht daran stören, denn für uns binäre Menschen ist das keine Bedrohung. Niemand will uns etwas wegnehmen. Andere wollen nur gesehen werden, genauso wie wir täglich gesehen werden. Ich finde, Bobby Dove macht hervorragende Countrymusik und hat uns Einiges zu erzählen. Hören wir hin.

Anfang Dezember 2022 spielt Bobby Dove zum allerersten Mal in Deutschland. Hamburg und Mannheim können sich glücklich schätzen.

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Über Oliver Kanehl (43 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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