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Jerry Jeff Walker: Viva Terlingua!

Vor einem halben Jahrhundert erschien das Kultalbum aus Texas.

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Jerry Jeff Walker – Viva Terlingua Jerry Jeff Walker – Viva Terlingua. Bildrechte: Geffen Records (Universal Music)

Auch wenn der Titel des Albums es anders vermuten lässt, hat Viva Terlingua keine direkte Verbindung zu Terlingua, der Ghosttown im texanischen Big Bend, das Album ist vielmehr verbunden mit einem anderen Geisterkaff aus Zeiten der Landnahme, das heute jeder Countryfan kennt: Luckenbach, Texas.

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Anfang der 1970er war Jerry Jeff Walker bei MCA unter Vertrag und musste jedes Jahr ein neues Album abliefern. Als Walker unzufrieden mit der Studioarbeit gerade im fernen New York weilte, stolperte er über ein mobiles Aufnahmestudio, mit dem man einfach da aufnehmen konnte, wo man wollte. Für Walker ein verlockender Gedanke, kurzerhand fragte er die Betreiber: „Würdet Ihr auch nach Texas kommen?“

Man verabredete sich in Luckenbach, einem Miniort aus gerade mal einer Poststelle, einem kleinen Laden und einer Dancehall. Hier baute man mitten im heißen August 1973 das Equipment auf und beschloss nach den eigentlichen Plattenaufnahmen noch im Anschluss an gleicher Stelle ein Konzert zu geben und auch dieses mitzuschneiden. Dafür verteilte man Handzettel. Man rechnete mit 50 Leuten, 900 kamen.

Was Walker und seine Lost Gonzo Band in jenem Sommer auf Tape bannten, ist für viele heute das Progressive Country Album schlechthin und insbesondere die zwei live aufgenommenen Songs, die es bis auf die endgültige Platte fanden, haben es in sich.

Neben schönen eigenen Kompositionen wie z.B. Sangria Wine finden sich auf Viva Terlingua gleich drei hervorragende Cover sowie der Kultsong von Walkers Bandkollegen Gary P. Nunn. Dessen live eingespieltes London Homesick Blues traf den Nerv und wurde so für Jahre sogar zur Schlussmusik der berühmten TV-Konzertreihe Austin City Limits.

Hier findet sich aber auch die erste und zudem äußerst gelungene Aufnahme von Guy Clarks Desperados Waiting For A Train, das später auch David Allen Coe und Mitte der 1980er ebenso Kris Kristofferson, Waylon Jennings, Willie Nelson und Johnny Cash als die Highwaymen gemeinsam prominent vertonten. Und über die Jahre kristallisierte sich noch ein weiterer herausragender Kulthit von Viva Terlingua heraus: Up Against The Wall, Red Neck Mother.

Der Song, auch vor Publikum eingespielt, wurde einer der beliebtesten Songs Walkers, obwohl er diesen nicht selbst geschrieben hat. Walker hatte den Song lediglich bei Ray Wylie Hubbard aufgeschnappt und sich angeeignet.

In den frühen Siebzigern – in der Zeit des Vietnamkrieges, verbrachte Hubbard seine Sommer regelmäßig in Red River, New Mexico. Dort hing er mit seinen texanischen Kumpels ab. Eines Abends war er mal wieder mit dem Bierholen dran. In dem Kuhkaff gab es genau zwei Läden, in denen man Bier kaufen konnte: einen Hippie-Laden und eine Redneck-Bar. Spontan entschloss er sich, in die Redneck-Bar zugehen. Er bereute es sofort. Drinnen waren 30 bis 40 Bier trinkende Männer und eine alte Frau. Die Jukebox blieb stehen, alle drehten sich um und sahen ihn an. Nervös bat er den Barkeeper um das Bier. Dabei wurde er von der Frau und Ihrem Sohn eindringlich gemustert. „Wie kannst Du Dich mit solchen Haaren Amerikaner nennen?“ fragte sie und ihr Sohn fügte hinzu: „Soll ich ihn verprügeln, Ma?“ Hubbard nahm schnell das Bier und rannte hinaus. Bei seinem übereilten Abgang fiel ihm draußen noch ein Pickup-Truck samt Redneck-Aufkleber und Waffenständer besonders ins Auge. Als er endlich wieder in Sicherheit bei seinen Freunden war, griff er sogleich die Gitarre und schrieb das Lied, das sein Erlebnis satirisch verarbeitet.

Es hat eine gewisse Ironie, dass man Jerry Jeff Walker gerade auch mit einem Lied verbindet, das er nicht selbst geschrieben hat. Noch ironischer, dass Walkers erfolgreichste Komposition ebenso von anderen weltbekannt gemacht wurde. Als Walker 1968 ein bereits drei Jahre früher geschriebenes Stück veröffentlichte, sicherte dies ihm schon wenig später dauerhaft sein Auskommen. Der einfühlsame Walzer über einen obdachlosen Tänzer wurde von der Nitty Gritty Dirt Band 1971 erstmals zum Hit gemacht und danach von unzähligen anderen immer wieder aufgenommen. Jerry Jeff Walker hatte eher zufällig einen großen amerikanischen Standard geschaffen: Mr. Bojangles.

In den Siebzigern war Walker stets mitten im Zentrum der in Austin beheimateten Texas-Szene, die im Armadillo World Headquarters eine Musik erfand, die man mal Cosmic Country, mal Progressive Country oder Gonzo Country und irgendwann dann schließlich Outlaw Country nannte. Walker blieb in Texas und führte bisweilen ein wildes Leben, so dass er wegen seines exzessiven Kokainkonsums schon mal Mr. Blowjangels genannt wurde.

Als Texas 2020 extrem viele herausragende Talente verlor, endete auch der Lebensweg von Jerry Jeff Walker. Im Alter von 78 Jahren erlag er am 23. Oktober 2020 einem Krebsleiden.

Jerry Jeff Walker – Viva Terlingua: Die 1973er Album

Jerry Jeff Walker – Viva Terlingua

Künstler: Jerry Jeff Walker
Album: Viva Terlingua
Veröffentlichung: 1. November 1973
Label: Geffen Records (Universal Music)
Formate: Vinyl & Digital
Tracks: 9
Genre: Outlaw Country

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Trackliste: (Viva Terlingua)

01. Gettin‘ By
02. Desperados Waiting For The Train
03. Sangria Wine
04. Little Bird
05. Get It Out
06. Up Against The Wall, Red Neck
07. Backslider’s Wine
08. Wheel
09. London Homesick Blues

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Über Oliver Kanehl (53 Artikel)
Redakteur. Fachgebiet: Traditionelle Countrymusik von vorgestern und heute (Indie Country, Hillbilly, Honky Tonk u.a.) Rezensionen, Specials.
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