Old Crow Medicine Show: Union Made
Die preisgekrönten Neo-Folk-Bluegrass-Boys lassen sich die Liebe zu ihrem Land nicht nehmen und leisten damit ihren Beitrag zum 250-jährigen Bestehen der USA.
Old Crow Medicine Show – Union Made. Collage (Country.de) // Cover © (Hartland Records)
Zetern, klagen und verzweifelt sein – das ist mit den Jungs der Old Crow Medicine Show nicht zu machen. Und sind die Umstände und die Welt in der wir leben auch noch so negativ und polarisierend: Die Old Crows lassen sich weder ihren Optimismus noch ihre Liebe zu Amerika nehmen. Und so ist ihr neues Album „Union Made“ zum 250-jährigen Bestehen der USA denn auch eine einzige, musikalisch großartige Liebeserklärung an Amerika. Und gerade deswegen auch mit kritischen Ansagen gegen die gesellschaftlichen Spaltung und die MAGA-Herrschaft des orangenen Möchtegern-Diktators.
Love Songs für Amerika
Dabei sind die Jungs alles andere als naiv. Sie legen schon den Finger in die Wunden und Lebenslügen der Vereinigten Staaten. Aber sie tun das immer mit dem Gefühl, dass Amerika, „The Land of the Free“ weiterhin eine gute Idee ist. Und so startet das von Langzeit-Bandmitglied Morgan Jahnig produzierte Album auch direkt mit so einer Liebeserklärung. „Howdy do America“ trägt die Vorstellung eines vereinten Amerikas aller Staaten, aller Menschen dieses tollen Landes mit seinen großartigen Landschaften. Und auch hier wird schon klar. Diese Old Crows wollen mit ihrer Musik möglichst viele erreichen: Und doch wissen sie schon, woher sie kommen. So ist in diesem Song das Bild vom am 4. Juli neugeborenen Kind eine direkte Anspielung auf Bob Dylans „Tears of Rage“ von den Basement Tapes: „We carried you in our arms on Independence Day” heißt es da zu Beginn.
Der Albumtitel „Union Made“ erinnert natürlich an Woody Guthries „Union Maid“, den die Old Crows sehr oft im Live-Gepäck haben. Und „Union Made“ heißt natürlich von der Union, also der Vereinigung, gemacht. Vereinigung aller US-Staaten, Vereinigung aller Amerikaner. Oder aber auch von der Gewerkschaft gemacht. Maximaler mehrfacher Wortsinn Und wer singt diesen Song zusammen mit Ketch Secor & Co.? Niemand anderes als der Protestsänger der Stunde, Jesse Welles. Der schärfste musikalische Kritiker Trumplands singt über seine Liebe zu den USA und zeigt damit, wer dieses Land und sein Potential wirklich versteht.
In der Tradition von Roosevelt, Guthrie und Seeger
Diese Old Crows sind also eher linksliberal, haben aber im Gegensatz zu den Demokraten in Washington nie die Menschen im Heartland oder im Süden vergessen. Um so glaubwürdiger können sie nun gegen die Spaltung ansingen. Sie machen das auf diesem Longplayer voller toller Bluegrass, Folk und Country beispielsweise in Stücken wie „Revolution Now“, in ausgedrückt wird, dass die Spaltung nur mit einer Art „Revolution“, also mit einer tiefgreifenden Veränderung der Gesellschaft beizukommen ist. Ein Beispiel findet der Song in der Geschichte. Wenn hier gesungen wird, dass der Coulee Dam einen Bürgerkrieg verhindert hätte, dann meint er die Politik von Franklin D. Rooselvelts „New Deal“ in den 1930er Jahren. Der Grand Coulee Dam, der große Staudamm am Columbia River im Nordwesten der USA war ein Vorzeigeprojekt dieser Politik. Durch öffentliche Investitionen entstanden Arbeitsplätze und Infrastruktur, hier Elekrifizierung des gesamten Nordwestens der USA. Damit wurden die Lebensqualität und der Zusammenhalt der Menschen gefördert. Etwas was die Demokraten zuletzt nicht mehr hinbekommen haben.
Ein ganz großer Song ist „Last American Waltz“. „‚Last American Waltz‘ ist eine Liebeserklärung an Amerika im Dreivierteltakt“, sagt Bandleader Secor. „Wir wollten, dass sich der Song zeitlos anfühlt – wie ein Stück, das um Mitternacht über das Parkett eines Tanzsaals schwebt oder in einem alten ‚American Legion‘-Saal nachhallt, wenn das Licht wieder angeht. Dass Molly Tuttle bei diesem Titel mitgewirkt hat, hat der Aufnahme noch mehr Herz und Seele verliehen.“
Doch er ist mehr als das. Alleine diese Strophe sagt alles über die Crows und ihre Haltung zum heutigen Amerika aus: „Oh, this hammer don’t ring, this cannon don’t roar. This train bound for glory don’t stop here no more. The scrap heaps are piling with heroes whose ship has sailed. Hush, pretty baby, rally the men. The patroller’s sweeping all over the land. And he’ll snuff out your songs. If you join in his desperate crusade.“
Der Hammer des Richters, und damit die Justiz und die Gerechtigkeit, ist außer Kraft gesetzt heißt es da, und spielt auf Pete Seegers „If I had a Hammer“ an. „This Train Bound for Glory“ ist natürlich der Gospel-Klassiker. Wenn dieser Zug der Hoffnung hier nicht mehr hält, dann ist es um die Welt wirklich schlecht bestellt. Aber so ist es zweifellos, weil der „Patrouillengänger“ (Trump und sein ICE) unterwegs ist. „Und er wird deine Lieder ersticken, wenn du dich seinem verzweifelten Kreuzzug anschließt“, singen die Old Crows und richten diese Mahnung nicht zuletzt an all die Country-Kollegen, die zum MAGA-Lager übergelaufen sind.
Beschwingte Geschichtsstunden zur amerikanischen Einheit
Mit „Merrymack & Monitor“ erteilen die Old Crows dann die erste Geschichtsstunde. Sie erzählen von einer erfolgreichen Schlacht der Union im Bürgerkrieg. Dieser endete bekanntlich mit dem Sieg der Union und der Abschaffung der Sklaverei. Die zweite Geschichtsstunde trägt den Titel „Lewis and Clark“. Die Lewis-und-Clark-Expedition 1806 war die erste amerikanische Überlandexpedition der Vereinigten Staaten zur Pazifikküste und zurück. In ihrem Song erzählen die Crows musikalisch beschwingt, dass diese Expedition nicht erfolgreich gewesen wäre, hätten Lewis and Clark nicht die Hilfe verschiedener Stämme der Native Americans gehabt. Soviel zur Geschichte des „weißen“ Amerika.
Das Album zeichnet sich neben den starken Texten und der wunderbaren Musik auch durch die vielen Kooperationen aus. Von Jesse Welles und Molly Tuttle war schon die Rede. Wobei Molly nicht nur Mitmusikerin, sondern auch seit 2023 offiziell mit Ketch Secor liiert ist. Seit Dezember letzten Jahres sind die beiden verlobt. Neben Welles und Tuttle begegnen uns auf dem Longplayer auch der unverwüstliche Del McCoury (My Side Of The Mountain), Ray Benson von „Asleep At The Wheel“ (Lincoln Highway), Evan Felker (Revolution Now) Maggie Rose und Lee Oskar (Beautiful Land) sowie John Carter Cash und Ana Christina Cash (Y’all All Come).
Das mit Maggie und Lee eingespielte ist wieder eine große Hymne auf die Einheit Amerikas. „Preacher, politician, businessman. All the power’s in your hands, so let a stranger in. Have you set a place at the table for a neighbor. Who is not your kin. And doesn’t share the creed you believe in, no. God knows the same light shines from many lamps. But there’s a truth we share beyond any circumstance“, heisst es da. Den Fremden in seine Mitte aufnehmen. Was für ein wunderbares Land könnten die USA sein, wenn das endlich beherzigt würde. Und ist genau an die Trumps, Musks und deren evangelikalen Freunde gerichtet, denen Ausgrenzung über alles geht. Und „Y’all All Come“ propagiert die Stärke der Communities, der Nachbarschaften, deren Menschen sich gegenseitig unterstützen.
Im Geist von Merle Haggard und Buffalo Springfield
Und bemerkenswert ist auch die Auswahl der beiden Coversongs, die auf „Union Made“ enthalten sind. Von Merle Haggard singen sie „Rainbow Stew“. Sein Song von 1981 klingt so ganz anders wie „Okie From Muskogee“. Hier stehen Menschlichkeit und Wärme und Einheit im Mittelpunkt. Und Merle sinniert über eine perfekte Welt unter einer US-Präsidentin. Ein Traum, der ferner denn je zu sein scheint. Das zweite Cover beschließt das Album. Es ist „For What It’s Worth“ von Buffalo Springfield. Das von Stephen Stills geschriebene Lied entstand zur Zeit des Vietnam-Krieges und der Protestbewegungen, als die Nation ähnlich gespalten war.
Die Crows haben bewusst kein pathetisches Lied an das Ende gestellt, sondern ein nachdenkliches. Die unterstreicht die Botschaft dieses Album umso mehr: Amerika muss vereint sein, sonst geht es unter!
Fazit
Dass die Old Crow Medicine Show für musikalisch perfektes, mal rasantes, mal langsameres Bluegrass, Folk und Country steht, ist bekannt, und wird hier noch einmal dick unterstrichen. Doch die Jungs machen Unterhaltung mit Haltung. Ihr politischstes und reifstes Werk bislang. Und vielleicht auch ihr bestes.
Old Crow Medicine Show – Union Made: Das 2026er Album

Titel: Union Made
Künstler: Old Crow Medicine Show
Veröffentlichungstermin: 5. Juni 2026
Label: Hartland Records
Formate: CD, Vinyl, Stream & Download
Tracks: 11
Genre: Bluegrass, Folk, Country
Trackliste: (Union Made)
01. Howdy Do America (feat. Jesse Welles)
02. Lincoln Highway (feat. Ray Benson)
03. My Side of the Mountain (feat. Del McCoury, Ronnie McCoury, & Molly Tuttle)
04. Revolution Now (feat. Evan Felker)
05. Last American Waltz (feat. Molly Tuttle)
06. Merrymack & Molitor
07. Rainbow Stew (Song von Merle Haggard)
08. Rye Whiskey
09. Beautiful Land (feat. Maggie Rose)
10. Y’all All Come (feat. John Carter Cash & Ana Cristina Cash)
11. For What It’s Worth (Song von Buffalo Springfield)







