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Dick Curless: Hard Hard Traveling Man

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Kann man zu einem Sänger eine ganz besondere, eine persönliche Beziehung aufbauen, ohne ihn getroffen zu haben? Nur aufgrund seiner Musik, seiner Stimme? Mir jedenfalls ist es mit Dick Curless so ergangen. Mich faszinierte seine tiefe und dabei so angenehm warme Stimme seit ich sie zum ersten Mal hörte. Noch dazu sang die Stimme Country-Songs so richtig nach meinem Feeling. Lieder über das Leben auf der Strasse, über das „Unterwegssein“. Bald kam ich dahinter, dass er beinahe noch besser war, wenn er über ganz andere Dinge singen dirfte als jene, mit denen er bekannt wurde. Wenn er in anderen Stilrichtungen wie Blues Anleihen nehmen konnte. Da dämmerte es, welches Talent in dem langen, schlaksigen Mann aus Amerikas Nordosten schlummerte.

Ich bin überzeugt davon, dass Dick Curless einer der am meisten unterschätzten Sänger Amerikas war. Wären ein paar Weichen anders gestellt worden, hätte aus ihm ein Stilist, ein Weltstar werden können. Der Vergleich mag hinken aber ich möchte ihn trotzdem machen: bei Shania Twain war es ähnlich. Ihr Label Mercury war von ihrem Potenzial überzeugt, wußte dennoch aber nicht recht etwas mit ihr anzufangen. Es bedurfte eines Aussenseiters (was Country Music betrifft) wie John „Mutt“ Lange, um sie so zu produzieren, dass sie ihr Talent voll umsetzen konnte. Bei Dick Curless setzte sein langjähriges Label Capitol lieber auf Nummer Sicher, begnügte sich mit mittelprächtigen Hits anstatt auch mal andere Seiten des Sängers zu betonen und voll zu unterstützen.

Dick CurlessDick Curless weckte meine Neugier auf Anhieb. Viele Jahre hoffte ich, ihn irgendwann einmal live erleben zu können. Bei einem Festival im holländischen Leiden war es dann soweit. Zwar blieb mir das Festival aufgrund grausiger anderer Musikbeiträge in unangenehmer Erinnerung aber immerhin waren einige der „Truck-Sänger“ mit von der Partie. So lernte ich Dick Curless kennen und hatte in der Folgezeit eine lockere Verbindung zu ihm. Es sollte lange Zeit dauern, ehe ich ihn erneut traf. Anfang der 1990er Jahre war das, in Branson, Missouri. Dort trat er im Cristy Lane Theater auf. Schlecht sah er aus, damals. Gesundheitlich sehr angegriffen schien er mir. Als Sänger aber immer noch so vital wie in den 1970ern. Es sollte meine letzte Begegnung mit einem Sänger sein, der mir mit seinen tollen Aufnahmen soviel Freude gemacht hatte und auch weiter machen wird. Am 25. Mai 1995 erlag Dick Curless einem Magenkrebsleiden.

Ein guter Bekannter war nicht mehr unter uns, mit dem ich kurz zuvor noch zu tun hatte. Eine seiner letzten Studioaufnahmen war ein Remake von „Tombstone Every Mile“ – diesmal im Duett mit Tom Astor, der seinen Part in deutsch sang. Damit feierte ein Lied Wiederauferstehung, das viele Jahre zuvor das Sprungbrett zum Erfolg für einen Mann gewesen war, dessen Erkennungsmerkmale seine lang aufgeschossene, hagere Statur, eine schwarze Augenklappe und eine sehr tiefe Stimme waren. Eine Stimme, die soviel Wärme aber auch Dynamik und Willenskraft ausstrahlte. Sein grosser Hit bedeutete aber gleichzeitig wohl auch sein grosses Pech, denn damit wurde er auf eine bestimmte Sparte von Songs festgelegt und bekam nie mehr eine echte Chance unter Beweis zu stellen, dass er sehr viel mehr konnte als Trucker und Traveling Songs zu singen.

„Tombstone Every Mile“ wurde von Dan Fulkerson geschrieben, einem Freund und Landsmann von Curless. Per Anhalter war Fulkerson von seinem Wohnbort Blaine zu seinem Arbeitsplatz in Bangor (Maine) unterwegs. Nur Trucker erbarmten sich seiner und nahmen ihn mit. Dabei erzählten sie vom gut 41 Meilen langen Teilstück durch die Wälder von Hainesville, wo sie im Winter in der Strassenmitte fahren mussten, der völlig vereisten Randstreifen wegen. Darüber schrieb Fulkerson seinen ersten Song überhaupt. In einem TV Sender in Bagor nahm Curless den Song auf und veröffentlichte ihn auf seinem eigenen Label Allagash Records (benannt nach einem lokalen Indianerstamm). Begeisterte Trucker brachten die Scheibe zu Radiostationen, die das Lied oft spielten. Als mehrere Trucker dort tödlich verunglückten, übernahmen Zeitungen den Songtitel als Schlagzeile. Die gestiegene Nachfrage fiel Capitol Records auf – damit hatte Curless seinen ersten Plattenvertrag. Auch nachdem Curless zum Star wurde hielt er seiner Heimat aus verschiedenen Gründen immer die Treue. Als er 1965 seinen grössten Hit hatte, war er 33 Jahre alt, hatte manches bereits erlebt und so einiges noch vor sich.

Richard „Dick“ Curless kommt aus dem Land der hohen Fichten und der schmackhaften Kartoffeln. Am St. Patrick’s Day, dem 17. März 1932 wurde er in Fort Fairfield, Maine geboren. Praktisch mitten in den Kartoffeläckern. Wo andere davon erzählen, als Kinder in den Baumwollfeldern gearbeitet zu haben, war es bei Curless die Kartoffelernte, bei der er zehn Stunden und mehr täglich schuftete. Am Wochenende packte er die Gitarre aus und sang im Familienkreis. Keiner ahnte damals, dass dies die ersten Schritte in Richtung einer Karriere im Show Business waren. Auch nicht, dass seine letzten, inzwischen von Bear Family Records veröffentlichten Aufnahmen daheim bei seiner Familie entstehen würden. Sein Talent hat Dick Curless selbst früh erkannt und im Inneren mit dem Entertainment als Beruf geliebäugelt. Schon während der Grundschulzeit war er zusammen mit dem bruder oft bei Minstrel Shows dabei. In der Highschool nutzte er jede Möglichkeit, sich einem Publikum musikalisch zu präsentieren.

Eine andere Leidenschaft gesellte sich ebenfalls früh dazu: die Faszination der Strasse und vor allem der Eisenbahn. „Als Kind hatte ich den Landstreichern Essen gebracht. Die erzählten mir Geschichten, wo sie gewesen waren, was sie erlebt hatten. Das war 1939 und 1940. Die Eisenbahn verlief direkt hinter unserem Haus. Für ein Kind ist das sehr aufregend gewesen!“ Und Curless fährt fort: „Seither habe ich den Unterschied zwischen Hobos und Bums gelernt. Es waren harte Jahre damals, die meisten von ihnen suchten Arbeit. Mensch – allein ihnen zuzuhören, die Eisenbahnpfeife zu hören …, das war’s!“ Jahre später sollte sich Curless genau solch einen Zug von damals auf sein Grundstück holen.

Die schlechte Wirtschaft machte auch vor Curless´ nicht Halt. Daddy verkaufte alles und zog mit den Seinen nach Massachussetts, wo er Arbeit als Bulldozer-Fahrer fand. Für Dick Curless bedeutete der Umzug eine längere Fahrt mit der Boston & Maine Railroad. Ein nachhaltiges Erlebnis. Brav besuchte Curless die Schule und machte seinen Abschluss. Die dafür erhaltene Belohnung setzte er nicht in einen Klassenausflug nach new York City ein sondern kaufte sich Stetson, Boots und Cowboy-Klamotten. New York, da war er sich sicher, konnte er sich immer noch anschauen. Geradewegs in die Musik stieg er ein. 1950 debütierte der Berufsmusiker Dick Curless vor 6000 Besuchern in Bangor! Mit den Trail Riders ging Curless auf den langen, harten Weg der One Nighters. Ein Stahlbad, eine harte Lehre aber enorm wichtig. Dann rief „Uncle Sam“. Ab 1952 leistete er Wehrdienst. Seine „Bühne“ hiess dabei Korea. Für ihn keine Sackgasse, denn er hatte bald seine eigene Radio Show und war bei den G.I.´s als „Rice Paddy Ranger“ ein Begriff. Dabei begegnete er einem Freund, der später zweimal eine wichtige Rolle spielen sollte.

1954, zurück in Bangor, nahm er die Tätigkeit als Sänger wieder auf. Ein Jahr war Curless die Attrraktion im Silver Dollar Ranch House – dann musste er einen ernsten Rückschlag wegstecken: heftige Magengeschwüre zwangen ihn ins Krankenhaus. Nach langer Rekonvaleszenz kam Curless ab 1956 nur langsam wieder auf die Beine. Mit der Roy Aldrick Wagonmaster Band war er viel unterwegs, doch klinkte er sich 1957 bereits wieder aus dem Tournee-Stress aus und ging zurück in die Silver Dollar Ranch. Und dort ergab sich bald die Chance , die zum Wendepunkt werden sollte. Mit seinem damals noch unbekannten Freund Lennie Breau lud man ihn zur Arthur Godfrey TV Show nach New York City ein.Curless gewann den Wettbewerb und war deshalb eine ganze Woche im Programm (Breau entwickelte sich zu einem der renommiertesten Gitarristen der USA).

Die Godfrey Show, so Curless, brachte seinen Fuß in die Tür. Er gastierte in Las Vegas und Hollywood. Doch schon forderte sein Körper wieder Tribut. Er hatte mit seinen Kräften zu wenig Haus gehalten und musste sich zeitweise erneut aus dem Businenss zurückziehen. Zur Regeneration bot ihm die Heimat beste Gelegenheit. Klare Luft im waldreichen Maine war wie Medizin – aber Curless rastete nicht. Er kratzte sein Erspartes zusammen, kaufte einen Holz-Truck und fuhr Baumstämme in die Sägewerke bei Casco. Mit Ehefrau Pauline – gleichzeitig Manager und Förderer ihres Mannes – und den beiden Kindern Ricky + Terri Leigh, siedelte er sich dort an. Die harte Arbeit stärkte seinen Körper, mental aber hatte er einen absoluten Tiefpunkt. Mehrfach war seine Karriere gestoppt worden, nie hatte man ihn so mutlos gesehen. Deshalb konzentrierte er sich ganz darauf, das Holzgeschäft von der Pike auf zu lernen. Viel zu verdienen war damit nicht – kaum wieder bei Kräften nahm Curless einen erneuten Anlauf in der Musik. Jobs bekam er problemlos.

Dick Curless war Headliner im Showroom des Belmot Hotels in Bangor als ihn ein Freund aus gemeinsamen Korea-Tagen anrief und für drei Wochen in den Saddle Club von Las Vegas holte. Bis 5 Uhr morgens trat Curless auf, entsprechend sah seine Ernährung aus. Prompt stellten sich wieder Magengeschwüre ein – für Curless hiess das, den Rückzug nach Maine antreten, wo er eine geregelte Arbeitszeit hatte. Sein Freund meldete sich erneut, diesmal holte er in nach Hollywood für den Film „The Texan“. Doch jetzt hatte Hurricane „Donna“ etwas gegen Curless. Er wütete über Bosten Richtung Maine und unterbrach alle Telefonverbindungen. Sofort kehrte Curless zurück an die Ostküste, fand seine Familie gottlob unversehrt. Nun gründete Curless ein Trio, blieb in der Heimat und strampelte sich mühsam in Night Clubs ab. Fortschritte waren nicht in Sicht. 1964 erreichte er einen erneuten Tiefpunkt und war von heftigen Selbstzweifeln geplagt. Da fiel ihm das Buch „Think and Grow Rich“ in die Hände („Denk nach und werde reich“), das er geradezu verschlang. Das Buch gab ihm neuen Mut und eröffnete Perspektiven. Dick Curless erinnerte sich: „Offenbar wollen die Leute dich erst einmal unten sehen. 1964 war es schlimm. Meine Karriere festgefahren, mein Talent schien unterdrückt. Ich hatte bereits eine gute Karriere bis dahin gehabt, nur wusste ich es nicht.“ Dann kam Dan Fulkerson und mit ihm „Tombstone Every Mile“. Mit seiner Band ging Curless auf Tournee, gastierte beim Midwestern Hayride und in Wheeling, West Virginia. Auch weitere kleinere Hits stellten sich ein.

Anfang 1965 lud Buck Owens ihn zu einer Wohltätigkeits-Show nach Wheeling ein und verpflichtete ihn dort vom Fleck weg für seine Road Show. Zwei Jahre lang gehörte Curless dazu, ausser auf Hawaii trat der Sänger in allen Bundesstaaten auf. Zur Erinnerung: Owens war damals der „heisseste“ Act der Szene. So konnte Curless sich oft dem TV Publikum präsentieren – und den Leuten in den Großstädten. Unzufrieden hingegen blieb er mit den Plattenproduktionen. An der Westküste brachten sie nicht den Sound hin, den er sich vorstellte. Dick Curless stieg bei Buck Owens aus, um in Nashville aufnehmen zu können. Jetzt stand er nicht nur auf eigenen Beinen sondern auch im Zenith, vor einem riesigen Terminplan, der ihn kreuz und quer über den Kontinent hetzte. Aber auch nahe an den Ruin seiner Gesundheit. Curless brach zusammen. Noch einmal kehrte er zurück nach Maine, sobald er transportfähig war und musste sich absolute Ruhe auferlegen. Erneut setzte die heilende Wirkung der grossartigen Natur ein, in der er sich so gern aufhielt. In der Rückschau sagte Curless einmal: „Ich habe das Leben von drei Männern gelebt, ich war in der Hölle und zurück. Natürlich bedauere ich manches, habe Fehler gemacht – aber auch eine Menge gelernt. Ich habe Menschen gern, ich liebe die Musik. Das brauche ich – wenn etwas davon fehlt, habe ich nichts mehr. Es gab schmerzhafte Erfahrungen. Ich habe gesoffen. Warum? Du erreichst einen Punkt, wo du sehr populär bist. Da musst du bei Dingen mitmachen, um ein Superstar zu werden, die du eigentlich nicht willst oder kannst. Kompromislos ja – oder du sagst nein und bist unzufrieden mit dem, was du erreicht hast. Vielleicht hätte ich den grossen Wurf geschafft, habe dann aber nein gesagt. Ich habe mein Scherflein beigesteuert, habe gesoffen, Pillen geschluckt, den wilden Mann gespielt. Aber dann meine Lehren gezogen, Erfahrungen gesammelt. Mein Vater hätte es mir vorhergesagt, auch ich könnte es meinem Sohn prophezeien – aber so ist das Leben. Man muss die Erfahrungen selbst machen und die eigenen Grenzen ertasten!“

Dick Curless hatte sich also gegen den möglichen Superstar entschieden und steuerte nun in eine Karriere mit ständigem Auf und Ab. Bei Tower und Capitol erschienen gute Alben. Curless hatte „sein“ Publikum – aber eben auch nicht mehr. Und immer wieder ging es um Trucker und Traveling. Er stand auf einer Stufe mit Dave Dudley, Red Simpson, Red Sovine und Del Reeves als Spezialist für derartige Songs. Doch besser waren seine Balladen, die er mit soviel Einfühlungsvermögen und Herz sang, dass sie einen aufmerksamen Zuhörer nicht unberührt lassen können. In solchen Liedern offenbart Curless seine Seele. Ich denke besonders an Lieder wie „Golden Girl“ und „Please Buy My Flowers“ Vom Inhalt her durchaus eine Gratwanderung zwischen Schnulze und Kunst – in seiner Interpretation wird es aber zu einer realistischen Darstellung bestimmter Situationen oder Schicksale. Wie tief er seine Stimme in den Keller sinken lassen konnte – man höre sich seine Version von „Room Full Of Roses“ an.

Dennoch blieb Curless auch mit Capitol nicht glücklich. Zu sehr war er in Firmenpolitik gezwängt, die einer freien Entwicklung seines Talentes im Wege stand. Ausserdem kamen Trucker Songs aus der Mode – irgendwann hatte Curless den Anschluss verpasst. Wesentlich dafür verantwortlich war erneut seine Gesundheit. „Ich kag ganz schön auf der Schnauze“, resümierte er knallhart. Es war 1975 – eine schwere Operation stand an, bei der ein teil des Magens, die Gallenblase, der Blinddarm und ein Tumor entfernt wurden. Seine linke Lunge kollabierte, es entstand eine Embolie. Viele dachten, das sei nun das Aus. Nach einer langen Erholungsphase war er schliesslich wieder soweit, an eine Fortsetzung der Karriere denken zu können. Aber es war ein anderer Dick Curless geworden. Der gläubige Katholik hatte die Besinnungszeit genutzt und kritisch Bilanz gezogen. Was war das Ergebnis? Er schien beinahe tot, die Stimme war weg, die Karriere im Eimer und sein Sohn weit weg in St. Paul, Minnesota – quasi vorm Vater geflohen! „Gott prügelt dich bisweilen, um deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Am 3. August 1976 war ich soweit. Ich bat ihn in mein Leben, bat ihn um Verzeihung und darum, mich meinem Sohn wieder näher zu bringen!“ Sehr genau erinnerte sich Curless, ganz ruhig stellte er das fest – er, der so besonnen wirkte und dem man solche Dinge nicht zugetraut hätte. Auf mich wirkte er seinerzeit wie ein Mensch, der seinen Seelenfrieden endlich gefunden hatte und mit sich ins Reine gekommen war.

Insbesondere das zerrüttete Verhältnis zu seinem Sohn hatte ihn schwer mitgenommen, seit der sich entsetzt von ihm wandte. Er wertete es als einen seiner grössten Erfolge als sich dieses Verhältnis normalisierte. Der „neue“ Dick Curless kümmerte sich auch um Probleme seiner Mitmenschen, speziell um Alkoholiker und Drogenabhängige. „Ein Priester oder Sozialarbeiter kann manchmal nicht mit denen reden. Ich kann es, weil ich dort war und weiss, wie es ist. Ich habe ein neues Leben. Ich habe Arbeit als Sänger, auch wenn der Neubeginn verdammt schwar war. Meine Ambitionen sind andere geworden. Ich nehme nur noch so viele Jobs an, wie ich verkraften kann. Alkohol ist kein Thema mehr. Seit 1976 rauche ich auch nicht mehr. Ich war in der Lage, die Notbremse zu ziehen. Ehrlich, dieser Dick Curless gefällt mir viel besser als der frühere.“ So habe ich einen glücklichen, positiv denkenden Dick Curless in Erinnerung. Seinen Humor hatte er trotz aller Nackenschläge nie verloren.

Selten habe ich jemanden getroffen, der seiner Heimat so verbunden war und dem diese Heimat immer wieder zurück ins Leben halt. Mit seiner Hände Arbeit baute sich Dick Curless seine kleine Farm bei Bangor auf, mit seinen Stimmbändern baute er seine Karriere. Die Musik trieb und trug ihn immer wieder in andere Gefilde – wenn er eine Zuflucht brauchte, fand er sie in Maine. Seine Jahre in Branson garantierten zumindest eine deutliche Reduzierung der Reise-Strapazen. Für seine Fans hatte Curless immer Zeit. Man traf ihn mitten unterm Volk in angeregter Plauderei. Bei Freunden wie Willie Nelson oder Merle Haggard war er ein gern gesehener Special Guest. Dennoch konnte auch Branson nicht mehr werden als ein 2. Wohnsitz, denn Curless blieb ein „Maine Man“. Die private Welt des Künstlers blieb Bangor. Dort konnte er seine eigenwilligen Pläne in aller Ruhe verwirklichen Sich um seine Eisenbahn-Waggons kümmern oder eine Sägemühle restaurieren (komplett mit Dampfsäge). Am kleinen See auf der Farm entstand mit Hilfe der Penobscoot Indianer ein kleines Indianerdorf. „Als ich dem Alkohol abschwor wandte ich mich solchen Projekten zu. Es war eine Flucht, ich musste etwas mit meiner Zeit anfangen. So ging ich zurück in der Zeit, um zu sehen, wie man früher gelebt hatte“, erzählte er mir. Und dann waren da Hunde und Pferde, zu denen sich Curless besonders hingezogen fühlte. Da fand er völlig Harmonie, ohne Tiere war sein Leben unvorstellbar geworden.

Es ist schon einige Jährchen her, seit ich mit Dick Curless gesprochen habe, aber seine Meinung über seinen Beruf und die Musik dürfte heute vielleicht aktueller sein als damals. Schonungslos offen sagte er: „Im Music Business tun sich viele Dinge, mit denen ich nicht leben kann. Alles ist total auf Kommerz ausgreichtet, die Country Music ist zu einer Wegwerfware verkommen. Interpreten kommen schnell nach oben, werden verheizt, denn sie verschwinden meist ebenso schnell wieder. Der Mensch wird zur Ware und bleibt dabei auf der Strecke. Damuit musst du leben oder eben nicht. Was sich da tut ist nicht mehr meine Welt. Ich hatte eigentlich immer Probleme damit. Ich habe meinen Stil und meine Identität, die gebe ich nicht auf. Schon gar nicht wegen irgendeines Trends. Trends sind vorübergehend, du aber bleibst und musst weiter leben und arbeiten. Leute wie Dave Dudley etwa – wir haben unsere Möglichkeiten und unser Auskommen, können immer irgendwo auftreten für Leute, die unsere Musik noch mögen. Gut, es sind kleinere Säle aber lieber dort und zufrieden sein als in der Tretmühle des Big Business vor die Hunde gehen. Ich bin beinahe untergegangen. Meine Einstellung hat sicher meiner Karriere geschadet, mir als Mensch aber nicht. Ich werde mich nie dem allmächtigen Dollar opfern.“ Einige Augenblicke der Besinnung folgten, dann fuhr er fort: „Ich bin ein Fan von Jimmie Rodgers und Frizzell Songs. Von deren alten Plattenhabe ich Gitarre spielen gelernt. Wenn Jimmie von der Eisenbahn sang, faszinierte mich das. Im April 1966 sassen Merle Haggard, Bonnie Owens und ich in Anchorage im Motel. Es war Sauwetter und wir hatten eine Flasche Bourbon. Die beiden hatten kurz vorher geheiratet, den ganzen Abend sangen wir Rodgers- und Frizzell Songs. Was keiner wusste, Hag gab mir zwei seiner Songs, die ich später aufnahm: „All Of Me Belongs To You“ und „House Of Memories“. Hag hat auch so ein Faible für Trains wie ich.“

Bei den Erinnerungen an Vergangenes blitzt gelegentlich doch Bitterkeit auf. Man konnte es spären, dass etwas auf seiner Seele brannte. „Ich bin gelegentlich für neue Aufnahmen in Nashville. Mich hat die dort angeblich so grosse, nette Familie fast zerstört. Die Nashville-Szene ist schlimmer als Watergate. Du bist nicht wegen deines Talentes dort. Ich gehe mit einer Idee nach Nashville, will mein Bestes gaben aber sie lassen dich nicht. Da gibt es soundsoviele Cliquen, wenn du nicht einer davon angehörst, bist du draussen. Aus! Die Industrie wird von Wenigen kontorlliert, das Geld regiert. Hast du das, bist du wer. Ich habe genug Leute gekannt, die mit ihrem Talent die Welt hätten auf den Kopf stellen können. Aber sie hatten kein Geld. Die Konzerne bestimmen, was Sache ist. Du steckst in diesem Teufelskreis drin, ehe du dich umschaust.“

Dick Curless hat seine Konsequenzen gezogen. Nashville inzwischen auch. Das Business – und ein solches ist Country Music längst geworden – ist sicher noch erbarmungsloser geworden, aber man hast sich in Nashville doch mehr geöffnet. Dick Curless nannte bereits damals einen Grund: „Nashville hat es übertrieben. Branson kam vielleicht rechtzeitig als Warnschuss. Branson konnte nur deshalb so schnell so gross werden, weil Nashville überheblich war, sich selbst über- und die Fans unterschätzte. Die Fans spielen immer nur bis zu einem gewissen Punkt mit!“

Mit seiner Karriere war Dick Curless offenbar zufrieden. Immerhin konnte er, soweit es die Gesundheit zuliess, bis zuletzt dort auftreten, wo er sich wohl fühlte. Den Beinamen „Baron of Country Music“ trug er mit Stolz – und mit Recht. Auf seine Weise war er einmalig, unverwechselbar, nicht austauschbar wie viele der neuen Interpreten. Die Country Music konnte froh sein über einen wie ihn. Mit Marionetten werden wir genug bombardiert, mit Interpreten, die sich nicht abheben, die zur Wegwerfware werden (wie Curless es formulierte). Man muss offenbar erst durch ein Fegefeuer oder gar die Hölle gehen, um zu solcher Erkenntnis zu kommen. Ohne Schnörkel und Schönfärberei sprach Curless aus, was er dachte: „Ich habe meinen Seelenfrieden gefunden, ich bin zufrieden wie nie. Mein Glaube und Jesus haben mir dabei geholfen. Ich freue mich an kleinen Dingen, die ich früher nicht einmal wahrgenommen habe als ich nur Arbeit im Kopf hatte, mit Saufen beschäftigt war oder einfach zu müde. Ich kann Leuten zuhören. Ich verstehe sie. Wir sitzen alle im selben Boot, wir sind alle Menschen. Manche mag ich nicht, andere liebe ich. Und dann erinnere ich mich, ich bin ja einer von ihnen.“ Und über die Musik: „Du fragst, war Country Music ist? Schau dich um. Sie ist laut, ein verqualmter Saal, schlechte Akustik, das P.A. System, die Rückkoppelungen, der komische Bau. Aber die Leute sind hier, aus allen sozialen Schichten – und ich bin hier. Sie mögen es so, sie lieben diese Musik – und ich liebe dieses Szenario auch!“

Die desolate Gesundheit zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben – sie nahm es ihm schliesslich im Mai 1995 auch. Viel zu früh. Mag sein, dass man ein wenig voreingenommen ist, wenn man zu einem Künstler ein solches Verhältnis hatte, wie es mir vergönnt gewesen ist – dennoch denke ich, dass es nicht übertrieben ist, einem solchen Mann eine ausführliche Würdigung angedeihen zu lassen.

   

Traveling Through
CD: „Traveling Through“
Erscheinungsdatum: 1995
Label: Rounder Records
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Trackliste:

01. King Of The Blues
02. Crazy Heart
03. Rattlesnakin‘ Daddy
04. No One Will Ever Know
05. Just One Time
06. Changing Times
07. I’ll Hold You In My Heart (Till I Can Hold You In My Arms)
08. I Am A Pilgrim
09. When God Comes And Gathers His Jewels
10. Freight Train Blues
11. I Never Go Around Mirrors
12. I Get The Blues When It Rains
13. I Don’t Have A Memory Without Her
14. Since I Met You Jesus

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