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Dick Curless

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Truck Stop 2019

Er hatte eine sonore, leicht erkennbare Stimme und war einer der integersten Künstler, den die Country Music je hatte. Vor allem aber gelang ihm ein Hit, der auf immer mit seinem Namen verbunden sein wird, der zeitlos geblieben ist obwohl er nur Platz 5 der Country Charts erreichte: „A Tombstone Every Mile“.
Der Name des Sängers, der am 25. Mai 1995 im Alter von nur 63 Jahren starb: Dick Curless.

Der Mann, der den Beinamen „The Baron of Country Music“ erhalten würde, meldete sich am 17. März 1932 als neuer Erdenbürger und erhielt den Namen Richard William Curless. Seine Heimat: Fort Fairfield im Bundesstaat Maine. Noch während er die Grundschule besuchte, zog die Familie um nach Massachusetts. Dort begann seine musikalische Karriere.

Dick CurlessBeeinflusst von der Musik der Acadiens, die die Gegend an der kanadischen Grenze besiedelt hatten (ein Teil von ihnen siedelte sich im Süden Louisiana’s an, wo man sie Cajuns nennt) sowie von Country & Folk Music und unterstützt von seinen die Musik liebenden Eltern machte Curless selbst Musik. Als Teenager gehörte er den Trail Riders an, mit denen er in der näheren Umgebung tourte. Er machte seine Sache so gut, dass er Gelegenheit bekam, mit populären Sängern wie Hal Lone Pine und Yodeling Slim Clark aufzutreten. Auch als Curless 1950 nach Bangor, Maine umzog, blieb er bei den Trail Riders und legte sich den Bühnennamen „Tumbleweed Kid“ zu. In Ware, Massachusetts bekam er eine eigene kleine Radio Show und es entstanden erste Platten für Standard Records.

Als er mit Pauline seine große Liebe fand, die er 1951 heiratete, schien die Welt in Ordnung und die Zukunft rosig. Doch das änderte sich bereits ein Jahr später. Curless litt unter einer Augenerkrankung, wegen der er die schwarze Augenklappe trug, die so etwas wie sein Markenzeichen wurde und er hatte ernsthafte Probleme mit dem Herzen. Dennoch wurde er 1952 zum Wehrdienst einberufen und für zwei Jahre nach Korea geschickt. Dort war er die meiste Zeit als LKW-Fahrer eingesetzt und bekam die Chance, sich mit Musik verdient zu machen. Beim AFN wurde er Gastgeber der Sendung „The Rice Paddy Ranger“. Unter diesem Namen machte er u.a. die Aufnahme „China Nights“.

Jetzt hatte er Blut geleckt. Nach Ende des Wehrdienstes kehrte er in die Heimat zurück und begann eine Musiker-Karriere. Curless tingelte durch lokale Clubs und war ständig im Radio und Fernsehen vertreten. Erneut machte die Gesundheit einen Strich durch seine Pläne. Ein Jahr zog er sich total zurück in die Einsamkeit der Wälder seiner Heimat, für die Öffentlichkeit gab es den Sänger Dick Curless nicht mehr. Eine Einladung in die populäre „Arthur Godfrey Talent TV Show“ holte ihn 1956 zurück auf die Bühne und damit zurück ins Show Business. Kaum hatte er wieder Fahrt aufgenommen, zwang ihn sein Körper erneut zu einer Auszeit. Die endete 1959. Jetzt gastierte Curless in Las Vegas und an der Westküste, doch das Schicksal beutelte ihn einmal mehr. Diesmal auf ganz andere Weise. Während seiner Abwesenheit hatte ein Hurrikan sein Haus komplett zerstört.

Dafür lief es beruflich recht gut. Mit „Dick Curless Sings Songs Of The Open Country“ wurde seine erste LP veröffentlicht mit Material, das er in den Jahren davor aufgenommen hatte. Erst 1965 machte er neue Aufnahmen. Er hatte sich mit dem Radio-Mann und Hobby-Songschreiber Dan Fulkerson angefreundet. Beide gründeten das Label Allagash, benannt nach dem gleichnamigen Fluss, Städtchen und State Park im heimatlichen County Aroostook. Fulkerson schrieb für ihn den Song „A Tombstone Every Mile“. In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren hatte der LKW-Verkehr erheblich zugenommen. Die Trucks wurden moderner, größer, PS-stärker und schneller. Mit der rasanten technischen Entwicklung hielt der Ausbau der Highways nicht mit, dennoch wurden mehr Güter auf der Straße über immer größere Entfernungen transportiert. Für die Trucker wuchsen die Gefahren, die einsamen Stunden am Steuer wurden länger und ermüdender. Das Radio blieb einer der wenigen, ungefährlichen „Wachmacher“.

Das war die Zeit, in der Trucker-Songs immer beliebter wurden und eine Blütezeit erlebten. Gleiches galt für Truck-Sendungen im Radio, die sich enormer Beliebtheit erfreuten. Und diese Situation verschaffte Sängern wie Dave Dudley, Red Simpson, Red Sovine und auch Dick Curless unverhoffte Popularität, weil sie Themen aus der Welt der Trucker aufgriffen. Einer der authentischsten Songs für dieses Genre wurde „A Tombstone Every Mile“. Besungen wird darin ein besonders gefährlicher Highway in Maine, der durch die Haynesville Woods führt. Dieses Teilstück hat so vielen Truckern bereits das Leben gekostet, dass jede Meile ein Grabstein stehen müsste, hätte man sie alle dort beerdigt. Im Text heißt es u.a. „Du hast wirklich das große Los gezogen, wenn du Ware überall hin transportieren musst nur nicht durch die Wälder von Haynesville.“ Und an anderer Stelle: „Wenn du Kartoffeln geladen hast, die nach Süden müssen, dann führt die Straße nach Boston durch diese Wälder. Wenn es Winter ist in Maine, überprüfe es besser doppelt, denn die Haynesville Road ist ein Band aus purem Eis.“ Wenn man sich mit einem Trucker unterhält, der diesen berüchtigten Highway fährt, dann „wird er dir sagen, es sei halb so schlimm zu sterben und begraben zu werden als auf dieser Straße aus Eis und Schnee zu fahren.“

Der Vollständigkeit halber soll der Refrain in der deutschen Übersetzung zitiert werden:

„Es ist ein Streckenabschnitt im Norden, in Maine,
der noch nie ein Lachen gesehen hat.
Würde man alle Trucker beerdigen, die ihr Leben in den Wäldern verloren haben,
würde jede Meile ein Grabstein stehen,
zähl‘ sie nach, da wäre jede Meile ein Grabstein.“

Autor, Sänger und Song bilden eine ideale Einheit. Fulkerson schrieb seinem Freund das Lied nach Maß. Curless wusste genau, wovon hier die Rede war. Er stammte aus Fort Fairfield, Maine – einem Ort mit weniger als 2000 Einwohnern, gelegen im nordöstlichsten Zipfel der USA hart an der Grenze zur kanadischen Provinz New Brunswick. Es geht nicht um fiktives Geschehen sondern um harte Realität. Curless kannte die Strecke genau, die Fulkerson hier beschrieb. Dieser Teil des State Highway 2, der von Houlton in südlicher Richtung nach Hayneswille führt, war von Autofahrern besonders in kalten und schneereichen Wintern gefürchtet wie die Pest. Er wurde durch eine große, unbewohnte und waldreiche Gegend gebaut, wehe wenn man dort eine Panne hatte und stecken blieb. Abhilfe schaffte später der Interstate 95. Curless wusste genau um die Gefahren und den schlechten Ruf dieser „Haynesville road“ und konnte deshalb so überzeugend darüber singen. Zu viele Menschen waren hier zu Tode gekommen.

Wie oft in solchen Situationen bilden sich Legenden und Geschichten um solche Orte und Begebenheiten. Viele Jahre und teils sogar bis heute erzählen Menschen, die dort wohnen von einer ganz in Weiß gekleideten Frau, die Autofahrern nachts auf dieser Straße erscheint. Danach hält sie überraschte Trucker an und bittet diese, sie mitzunehmen. Dann erzählt sie ihnen, sie und ihr Ehemann hätten einen schweren Verkehrsunfall gehabt und brauchten Hilfe. Trucker, denen diese Frau erschienen sein soll, berichteten, sie hätten einen kalten Schauer gespürt als die Frau eingestiegen sei und sobald sie das Ende der Wälder erreicht hätten, sei die Frau spurlos verschwunden. Zugrunde liegt dieser Geschichte offenbar eine wahre Begebenheit. Ein frisch vermähltes Ehepaar war eines nachts durch die Haynesville Wälder gefahren. Der betrunkene Ehemann hatte das Auto gegen einen Telegrafenmast gesetzt und war dabei ums Leben gekommen. Die Ehefrau sei in der Nacht im Schnee erfroren, weil niemand zu Hilfe gekommen war. Daraus entstand die Sage, die junge Frau sei immer noch dort unterwegs auf der Suche nach Hilfe.

Eine andere Legende erzählt vom Geist eines kleinen Mädchens, das Autofahrern dort erscheint und diese ebenfalls um Hilfe bittet. Es wird berichtet, das Kind säße plötzlich auf dem Beifahrer- oder Rücksitz und würde ebenso schnell verschwinden wie es aufgetaucht war. Andere Leute behaupten ernsthaft, sie hätten in den Haynesville Wäldern ein rotes Signallicht gesehen, das sich unaufhaltsam näherte, um das Auto in eine weiße Wolke zu hüllen und dann verschwunden zu sein. Kein Wunder, dass so etwas zum Schreiben eines Songs anregt. Man kennt ähnliche Geschichten aus Songs wie „Giddy-up Go“, „Phantom 309“ oder „Teddy Bear“. Fakt ist, dass am 22. August 1967 – also nachdem Fulkerson seinen Song geschrieben hatte – zwei zehnjährige Mädchen in Haynesville gestorben sind also am gleichen Tag. Deshalb glauben manche Leute dort immer noch, es könnten die Geister dieser beiden Mädchen sein, die Autofahrern nachts begegnen.

„A Tombstone Every Mile“ setzte Dick Curless nun auf die Landkarte, es sollte sein größter Erfolg bleiben. Zunächst auf dem Allagash Label veröffentlicht, verhalf der Song Curless zu einem Vertrag mit dem Capitol Sub –Label Tower, das die Single übernahm. Bis 1973 blieb Curless in den Charts vertreten, ab 1970 direkt bei Capitol Records. Ihm gelangen solche Hits wie „Six Times A Day“, „All Of Me Belongs To You“, „Big Wheel Cannonball“, „Hard Hard Traveling Man“, „Drag ‚Em Off Interstate Sock It To ‚Em J.P.Blues“, „Juke Box Man“, „Loser’s Cocktail“, „January April & Me“ und „Chick Inspector“. Seine letzten Chart-Notierungen erreichte er mit der Neuaufnahme von „China Nights“ (Nr. 80) und „The Last Blues Song“ (Nr. 65).

Von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre gehörte Dick Curless zu den populärsten Country Stars der USA, seine oft im Trucker Milieu angesiedelten sowie seine „Traveling Songs“ fanden viel Gegenliebe bei den Fans. 1966 verpflichtete Buck Owens ihn für seine legendäre „All American Show“, weshalb er eine Zeit in Bakersfield lebte. Seine Platten nahm er teils ebenfalls in Bakersfield auf, teils in Nashville. Die negative Seite der Popularität war der physische und psychische Druck, dem Curless sich ausgesetzt sah. Um damit klar zu kommen, nahm er zunehmend Zuflucht im Alkohol, was nicht ohne Auswirkungen blieb. Sowohl auf seine Gesundheit als auch auf seinen Job . Es kam zur Trennung von Buck Owens, die Alkoholprobleme nahmen zu und schließlich zog sich Curless wieder zurück nach Maine. Er hat Jahre später sehr offen über den Alkoholismus gesprochen und vor allem jüngere Menschen davor gewarnt. Für mich bleibt es eines der beeindruckendsten Gespräche, das ich mit einem Künstler hatte – wie plastisch und schonungslos Curless die Dinge ansprach und mit sich selber ins Gericht ging.

Zu den Höhepunkten seines Schaffens gehört zweifellos die LP „Live At The Wheeling Truck Drivers Jamboree“ aus 1973. Mitte der 1970er Jahre hatte er seine Alkoholprobleme mit eiserner Willenskraft überwunden – er wurde nie wieder rückfällig. In den 1980er Jahren traf ich ihn in Branson, Missouri, das sich zu einem Mekka für Live Country Music entwickelt hatte. Auch Dick Curless war dorthin gezogen, was ihm längere Reisen zu Veranstaltungen weitgehend ersparte. Ganz sicher tat dies seiner ohnehin schwer angeschlagenen Gesundheit gut. Man hatte ihm einen großen Teil des Magens entfernen müssen. Trotz dieser Einschränkungen kam Dick Curless immer wieder einmal nach Europa, wo er viele Fans hatte. Nicht zufällig entstanden zwei der letzten Alben in Norwegen. Das letzte Duett, das Dick Curless aufgenommen hat, sollte ein Remake seines größten Hits werden. Mit Deutschlands erfolgreichsten Countrysänger Tom Astor spielte er in Nashville „A Tombstone Every Mile“ noch einmal ein. 1995 war Curless einmal mehr für ein Comeback bereit. Dazu war das Album „Traveling Through“ von Rounder Records veröffentlicht worden. Das Schicksal durchkreuzte alle Pläne ein letztes und endgültiges Mal. Am 25. Mai 1995 starb Dick Curless, der „Baron of Country Music“ , im Alter von nur 63 Jahren, an den Folgen von Magenkrebs.

Truck Stop 2019