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Ein Bluegrass-Pionier hat sich verabschiedet: Earl Scruggs ist tot

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Als Bill Monroe am 16. und 17.09.1946 die Castle Studios in Nashville belegte, um 12 neue Titel auf Platte einzuspielen, da hat wohl kaum jemand geahnt, dass an diesen Tagen die Grundlagen für einen neuen Musikstil der weissen amerikanischen Folklore gelegt wurden.

Das Wesentliche an der neuen Besetzung von Bill Monroe’s Blue Grass Boys war, dass der Maestro den Banjospieler Dave Akeman, der sein Instrument noch im traditionellen Clawhammer-Stil spielte, gegen einen gewissen Earl Scruggs auswechselte, der sein Banjo im neuen 3-Finger-Picking-Stil spielte, der es erlaubte, mit schnellen Läufen eine synkopierte Intensität einzubringen, die diesem neuen Stil einen unverkennbaren Stempel aufdrücken sollte.

Earl ScruggsEarl Scruggs war also zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen, um mit seiner neuen Technik viel Aufsehen zu erregen, sie zur Perfektion zu entwickeln und als einer der Pioniere in die Geschichte der Bluegrass Music, wie man diesen Stil wenig später nennen sollte, einzugehen.

Die Aufnahmesession vom September 1946 stand damit am Ende von Bill Monroe’s mehrjähriger Sturm- und Drangzeit, in der er ganz offensichtlich nach etwas Neuem gesucht hatte. Zwischen Oktober 1940 und Februar 1946 hatte Bill Monroe sich mit seiner Stringband an allen möglichen stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten versucht. Er hatte den Blues und den Swing ausprobiert und hatte seine Musiker jazzmässig improvisieren lassen. Ja, er hatte sogar mal ein Akkordeon besetzt. Dann hatte Monroe, nicht zuletzt mit Hilfe des Banjospielers Earl Scruggs, einen Sound entdeckt, der seiner Experimentierfreude ein Ende bereiten sollte. Der Bluegrass Stil war geboren, Bill Monroe war zufrieden.

Wie Earl Scruggs allerdings zum 3-Finger-Picking-Stil gekommen war, wurde in der Literatur nie zu 100 Prozent belegt. Dennoch, man weiss, dass Earl Scruggs eine lange Freundschaft zu einem gewissen Snuffy Jenkins gepflegt hatte. Dieser Snuffy Jenkins, ziemlich genau 16 Jahre älter als Scruggs, hatte schon relativ früh einen 3-Finger-Picking- Stil auf dem Banjo praktiziert, den er wiederum von den zwei 3-Finger-Technikern Rex Brooks und Smith Hammett gelernt hatte. Auch Jenkins hatte demnach schon seine Vorbilder. Von Snuffy Jenkins scheint Scruggs dann auch diese Technik übernommen zu haben, und diese neue Spielweise in relativ kurzer Zeit zur Perfektion geführt, einer Perfektion, deren Eleganz nicht mehr zu überbieten war.

Daneben scheinen aber auch noch andere Banjospieler mit der 3-Finger-Technik experimentiert zu haben, denn in den Original-Aufnahmen des Banjo-Virtuosen Wade Mainer zwischen 1937 und 1941 fällt häufig eine 3-Finger-Picking-Technik auf. Wenn man dann aber erfährt, dass Snuffy Jenkins 1937 zu „Mainer’s Mountaineers“ gestossen war, dann schliesst sich der Kreis wieder. Man kann daraus schliessen, dass spätestens ab Ende der 1930er Jahre, ein reger Austausch unter den Banjospielern stattgefunden hatte.

Dennoch gebührt Earl Scruggs die Ehre, nicht nur bei der Geburtsstunde der Bluegrass Music dabei gewesen zu sein, sondern auch mitgeholfen zu haben, diesen Stil weltweit bekannt und populär zu machen. Man denke nur an den Film „Bonnie and Clyde“, in dem Lester Flatt & Earl Scruggs mit dem „Foggy Mountain Breakdown“ den rasanten musikalischen Background lieferten. Der Sänger und Gitarrist Lester Flatt hatte ja zusammen mit Earl Scruggs 1948 die Bill Monroe Band verlassen und eine eigene Formation gegründet: „Lester Flatt & Earl Scruggs and The Foggy Mountain Boys“, mit denen sie nicht nur in der Carnegie Hall auftraten, sondern auch bei den legendären Newport Folk Festivals. Damit konfrontierten sie die urbanen Folk-Freaks zum ersten Male mit der authentischen weissen ländlichen Musik der USA.

Nach einer 21-jährigen glanzvollen Karriere trennten sich Lester Flatt und Earl Scruggs 1969. Flatt machte mit einer eigenen Bluegrass Band, der „Nashville Grass“ weiter, während Earl Scruggs sich auf die Seite der Avantgarde schlug. Zusammen mit seinen Söhnen Randy, Steve und Gary Scruggs gründete er die experimentelle Country-Rock-Gruppe „The Earl Scruggs Revue“ und landete damit sogar einige Male in den Charts. Als die „Earl Scruggs Revue“ dann Anfang der 1980er Jahre aus der Mode kam, tauchte Earl Scruggs immer wieder in den Aufnahmestudios auf, wenn ein Five-String-Banjo gebraucht wurde. 1982 kam er zusammen mit Tom T. Hall noch zwei Mal in die Hitparade.

Earl Scruggs, der Bluegrass-Pionier wurde in die International Bluegrass Hall Of Fame aufgenommen, ebenso in America’s Old Time Country Music Hall Of Fame und 2008 erhielt er bei den Grammy Awards den „Lifetime Achievement Award“ für sein musikalisches Lebenswerk.

Geboren wurde Earl Scruggs am 6. Januar 1924 in Flint Hill, North Carolina. Am 28. März 2012 ist er in Nashville, Tennessee im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Bluegrass-Szene verlor mit ihm einen der Letzten der ersten Bluegrass-Generation.

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Über Walter Fuchs (33 Artikel)
Walter Fuchs, der Experte für das Genre Bluegrass und Initiator des Bluegrass Festival in Bühl.
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