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Rodney Crowell: The Houston Kid ist längst ein Nashvillestar

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Welch seltsame Wege geht mitunter doch der Erfolg! Da gab es einen jungen Mann, dem man über Jahre hinweg das Können und Talent bescheinigte, es zu einem der ganz Großen zu bringen. Doch der Knoten wollte nicht platzen, er drohte, das ewige Talent zu bleiben.

Der junge Mann nahm die Lobeshymnen gern zur Kenntnis, heimste auch Erfolge auf anderen, nicht so publikumswirksamen Gebieten ein und arbeitete unverdrossen weiter an seiner Gesangskarriere. Immer von der Hoffnung getragen, seine Zeit werde schon noch kommen. Er wurde ein Beispiel dafür, dass man an sich glauben und arbeiten muss, denn seine Zeit kam tatsächlich. Mit Urgewalt sogar. Das Jahr 1989 trug zweifellos den Stempel des Rodney Crowell!

Rodney CrowellGleich zwei neue Bestmarken fügte er der Country Music Historie zu. Mit dem Album „Diamonds & Dirt“, einem Super-Album gelang ihm der große Wurf. Der erste Rekord gründet sich auf gleich vier Namen: „It’s Such A Small World“ – „I Couldn’t Leave You If I Tried“ – „She’s Crazy For Leaving“ – „After All This Time“ – vier Single-Auskoppelungen aus besagten Album erreichten alle die Nr. 1. Das hatte es zwar zuvor schon gegeben, nicht aber, dass alle vier Songs auch vom Sänger geschrieben und produziert wurden.

Rekord Nummer 2: Auch die 5. Auskoppelung „Above And Beyond“ kletterte an die Spitze doch hieß der Autor diesmal nicht Rodney Crowell sondern Harlan Howard. Aber 5 Nummer-Eins-Singles aus einem einzigen Album, das war etwas Neues.

Wer nun geglaubt hätte, Rodney Crowell werde zu einem Superstar werden wie Garth Brooks oder George Strait und Alan Jackson, der lag damit falsch. Den richtigen Durchbruch zu einem Gesangsstar und Entertainer hat Rodney Crowell bis heute nicht geschafft. Aber er war sei mehr als drei Jahrzehnten immer irgendwo da im Country Music Business. Wenn schon nicht als Sänger dann aber als Produzent, Musiker und insbesondere Songschreiber. Der Mann hat soviel Talent in unterschiedlichen Bereichen, dass man ihn gar nicht übersehen kann. Aber der geborene Entertainer ist er ganz offenbar nicht. Vielleicht wollte er das auch gar nicht sein. Aufschluss darüber mag sein Vita geben.

Der 7. August 1950 steht als Geburtstag im Pass des Rodney Crowell. In der texanischen Metropole Houston wurde er in eine musikalische Familie geboren. Sein Vater James Walter Crowell und auch schon der Großvater waren Freizeit-Musiker. Crowell dazu: „Direkt in der Innenstadt von Houston haben wir gelebt, meine Eltern kamen allerdings aus Tennessee. Wie so viele Landsleute zogen sie von der kleinen Farm in die große Stadt Houston, wo es reichlich Jobs gab. Praktisch von der Wiege an wurde ich zur Musik gezogen. Für die armen Leute aus dem Süden gehörte sie zum täglichen Leben. Hank Williams und seine Songs waren allgegenwärtig. Seine traurige, klagende Stimme ist das Erste, an das ich mich erinnern kann. Hank aber auch Lefty Frizzell und Webb Pierce mit ihren einfachen Country Songs haben mich durch meine Kindheit begleitet und sicher auch irgendwie geprägt.“

Erstaunlich, dass er dennoch nicht so sehr zur Musik gezogen wurde, dass er sie früh als Beruf ins Auge gefasst hätte. Sport lag da schon näher, insbesondere Basketball. Erst im fortgeschrittenen Teenager-Alter änderte sich das. Crowell: „Ich gehörte keiner Schulband an, auch Songs habe ich damals noch nicht geschrieben. Zwar habe ich schon mit 11 Jahren bei Daddy in der Band mal die Drums gespielt aber erst etliche Jahre später mischte ich bei Rock oder Garage Bands in Houston mit. Wir spielten die Musik der englischen Bands nach.“

Dann aber begann der junge Bursche doch damit, eigene Songs zu schreiben. „Mir wurde klar, dass ich die ganze Zeit Lieder von anderen Leuten sang. Damals war ich mit Walter Cowart zusammen. Eigentlich war der Trucker aber wir hockten dann zusammen, spielten Gitarre, sangen und schrieben Songs. Irgendwann fassten wir den Entschluss, mehr daraus zu machen. Zumindest es zu versuchen. Wir gingen nach Nashville und dort traf ich Guy Clark. Der gab mir den Rat: Junge, lass dich nicht blenden vom trügerischen Schein des Ruhms. Du musst dich auf die Hinterbeine setzen und hart arbeiten. Sonst wirst du nicht weit kommen. Guy war auch aus Houston, er hat mir damals sehr geholfen. Als Cowart Nashville wieder verließ, nahmen mich Guy und seine Frau Susanna unter ihre Fittiche. Ich lernte Leute aus dem Business kennen und Guy legte mich denen wärmstens ans Herz.“

Mehr noch, die Songs, die Crowell schrieb, wurden besser, was ihm einen Vertrag beim Verlag Victor Music einbrachte. Aber es brachte keine direkte Resonanz, Crowell musste anderweitig ein paar Dollar verdienen. Das tat er u.a. in kleinen Clubs und Lounges in und um Nashville. Bei einer solchen Gelegenheit war Jerry Reed im Publikum. Dem gefielen die Songs, der dann gleich drei Crowell Originale aufnahm: u.a. „Home Sweet Home Revisited“ – „You Can’t Keep Me Here In Tennessee“. Ein Hit war zwar nicht dabei aber es bedeutete immerhin einen Anfang.. Erst als Crowell mit Emmylou Harris zusammen traf, ging es richtig bergauf. Crowell beschreibt das so: „Über einen Freund lernte ich den kanadischen Produzenten Brian Ahern kennen, der wiederum begann gerade seine Zusammenarbeit mit Emmylou. Er brachte uns zusammen, Emmylou lud mich zu sich ein. Damals lebte sie noch in Washington, D.C.. Rasch erkannten wir, dass wir auf der gleichen Welle funkten, sie bot mir an, in ihrer neuen Band die Rhythmus-Gitarre zu spielen. Ich überlegte nicht lange, 1975 ging ich nach Los Angeles und wurde Mitglied ihrer Hot Band.“

Damit war der Grundstein gelegt, jetzt konnten sich die Talente des jungen Künstlers richtig entfalten. Denn Emmylou Harris würde sich auch in Zukunft als eine Künstlerin erweisen, die Talente nicht nur erkannte sondern sie auch zu fördern verstand. Für Rodney Crowell war sie ein Glücksfall, wie er gern bestätigt: „Zunächst hatte ich Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein. Was ich damals natürlich nicht wusste. Ich war selbstbewusst und nutzte die sich bietende Chance. Emmylou möchte, dass Jeder seine Stärken ausspielen kann, sie gibt einem die Chance dazu. Zudem hatte sie mit der Hot Band ein so gutes Team geformt, das waren alles absolute Könner, wir konnten alle voneinander profitieren.“

Am auffälligsten förderte Emmylou Harris den Songschreiber Rodney Crowell, denn sie nahm eine ganze Reihe seiner Songs auf mit richtig knackigen Hits darunter. Es begann mit „Till I Gain Control Again“ und setzte sich u.a. mit „Ain’t Living Long Like This“ – „Amarillo“ – „You’re Supposed To Be Feelin‘ Good“ – „Tulsa Queen“ – „Leaving Louisiana In The Brought Daylight“ und „Bluebird Wine“ fort. Seither gehört Crowell zu den gefragten Songschreibern im Business, die Liste der Künstler, die beim ihm anklopften, ist lang.

Nach einem Konzert in Maine am 2. September 1977 stieg Crowell bei der Hot Band aus, um eine Solo-Karriere zu versuchen. Zunächst startete er mit „The Cherry Bombs“ seine eigene Band, zu der u.a. Vince Gill und Tony Brown gehörten. Dann bekam er bei Warner Brothers einen Plattenvertrag und veröffentlichte 1978 sein erstes Album „Ain’t Living Long Like This“. Obwohl die Voraussetzungen fast ideal waren, blieb der durchaus erwartete kommerzielle Erfolg aus. Auch die beiden folgenden Alben änderten daran nichts. Zwar floppten die Schreiben nicht aber sie blieben doch deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das lag sicher daran, dass Crowell eine relativ dünne Stimme hat, er auch noch keinen prägnanten Gesangsstil gefunden hatte und erkennen musste, dass die Kraft guter Songs allein nicht ausreicht, um Hits damit zu verbuchen.

Crowell wäre nicht Crowell, hätte er sich lange damit aufgehalten. Er verabschiedete sich vorerst von der Plattenkarriere und wandte sich dem Produzieren zu. Damit hatte er sich ohnehin schon befasst. Rosanne Cash startete damals ihre Karriere. Nicht nur ließ sie sich bei ihrem Album „Right Or Wrong“ von Crowell beraten und produzieren, wenige Monate später heirateten die Beiden auch. Mit „Seven Year Ache“ schaffte Rosanne Cash ihren Durchbruch – Crowell hatte maßgeblichen Anteil daran.

Unterdessen lief es für den Songschreiber Crowell wie geschmiert. Die Oak Ridge Boys machten aus „Leaving Louisiana In The Brought Daylight“ einen Riesenhit, Crystal Gayle kletterte mit ihrer Version von „Till I Gain Control Again“ ebenfalls auf Platz 1, Bob Seger schaffte mit „Shame On the Moon“ eine Top-Platzierung, die Nitty Gritte Dirt Band eroberte die Nr. 1 mit „Long Hard Road“, die Gruppe Highway 101 mit „Somewhere Tonght“ ebenfalls. Dies alles in den 1980er Jahren, es sind nur die Eckpfeiler seiner Erfolge als Autor.

Die Beziehung zu Rosanne Cash sollte sich für beider Karrieren als förderlich erweisen. Crowell verfeinerte ihr Talent für das Songschreiben und ihr musikalisches Verständnis. Sie wiederum brachte reichlich Erfahrung als Sängerin und Entertainer mit. Crowell dazu: „Rosanne hat mich als Live Künstler stark beeinflusst. Sie war jahrelang mit ihrem Vater aufgetreten, diese Erfahrung kam mir nun zugute. Rosanne zeigte mir, dass es nicht reicht, auf der Bühne am Mikrofon zu stehen und zu singen. Da muss mehr passieren, da musst du das Publikum einbeziehen und das ist jedes Mal ein anderes. Zudem habe ich an meiner Stimme gearbeitet, sie hat mir gezeigt, dass man auch mit einer dünnen Stimme im Studio und auf der Bühne etwas bewirken kann.“

Rodney Crowell erwies sich als gelehriger Schüler. 1981 tauchte er mit „Stars On the Water“ erstmals in den Top 30 auf. Doch es blieb nicht viel mehr als eine Seifenblase. Die Geduld des Labels Warner Brothers war nach drei Alben erschöpft, ein geplantes 4. Album kam nicht mehr zustande. Crowell wandte sich erneut dem Songschreiben und Produzieren zu. In dieser Phase entstand Rosanne Cash’s vielleicht bis heute bestes Album „King’s Record Shop“. Sie soll es auch gewesen sein, die Crowell davon überzeugte, es selbst als Sänger weiter zu versuchen. Columbia Records gab ihm die Gelegenheit dazu. 1986 veröffentlichte man das Album „Street Language“ – von der Kritik mit Bestnoten bedacht, vom Publikum erneut nicht so angenommen wie erhofft. Doch man gab nicht auf. 1988 dann der Urknall, das schon erwähnte Album „Diamonds & Dirt“ sprengte einige Rekorde. Wie wir inzwischen wissen, war diese Herrlichkeit jedoch nicht von langer Dauer. „Many A Long And Lonesome Highway“ und „If Looks Could Kill“ brachten noch einmal Top Ten Hits, 1992 kletterte „What Kind Of Love“ noch einmal auf die Position 11.

Gleichwohl ist Rodney Crowell bis heute als Sänger aktiv und bringt immer mal wieder ein neues Album heraus. Mit qualitativ hochwertigen Songs und ohne den Druck, Chartplatzierungen und Verkaufszahlen erzielen zu müssen. Wie viele seiner sogar weitaus erfolgreicheren Kollegen werden seine Produktionen auch von kleinen, unabhängigen Labels veröffentlicht. Diesen Weg beschritt Crowell erstmals im Jahre 2001 mit dem bei Sugar Hill veröffentlichten Album „The Houston Kid“. Es war insofern bemerkenswert als es das bis dahin autobiographischste Werk Crowell’s bedeutete. Auch wenn die Ehe mit Rosanne nur bis 1992 hielt, für „The Houston Kid“ holte Crowell deren Vater Johnny Cash ins Studio, um eine beachtenswerte Version von „I Walk The Line“ einzuspielen. 2003 mit „Fate’s Right Hand“ – ebenfalls wieder stark autobiographisch – sowie 2005 mit „The Outsider“, kehrte Crowell noch einmal zu Columbia zurück. Zwischendurch gab es mit „The Notorious Cherry Bombs“ noch einmal ein Album mit seiner früheren Kult-Band. Wieder dabei auch Vince Gill und Tony Brown. Insbesondere zu Brown hat er eine besondere Verbindung: „Ich habe Tony 1978 erstmals in San Francisco getroffen. Er gehörte der Band von Emmylou Harris an, ich bestritt das Vorprogramm. Nach der Show hatten wir Gelegenheit, uns näher kennen zu lernen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die bis heute hält. Tony hat dann auf all meinen frühen Platten und auch auf denen von Rosanne das Piano gespielt. Ein wahnsinnig liebenswerter Typ.“ Tony Brown wurde später Präsident von MCA Nashville, er holte ihn zeitweise zu MCA und war immer zur Stelle, wenn Crowell ihn brauchte. Umgekehrt übrigens auch – und zu Vince Gill hat Crowell eine ebenso unzerbrechliche Freundschaft. Das versteht sich praktisch von selbst.

Im Privaten hatte Rodney Crowell nicht immer die Sonnenseite gepachtet. Drei Ehen stehen da zu Buche, wovon die mit Rosanne Cash sicher von der Öffentlichkeit am meisten beachtet worden ist. Auch wenn sie seit 1992 geschiedene Leute sind blieben sie Freunde. Worüber sich vor allem die drei Töchter Caitlin, Chelsea und Carrie sehr gefreut haben dürften. Beruflich blieben sie sogar verbunden, arbeiteten gemeinsam an Songs und Produktionen und treten hin und wieder sogar gemeinsam auf. Seine Gemütslage bezeichnete Crowell einmal so: „Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch. Dennoch habe ich in meinem Leben reichlich Sorgen und emotionale Tiefen erleben müssen. Die reichen für den Rest des Lebens. Den versuche ich nun so ruhig wie möglich zu verbringen. Musikalisch möchte ich als Sänger nur noch die Projekte verwirklichen, die mir am Herzen liegen. Die Gewissheit, Niemandem mehr etwas beweisen zu müssen (außer vielleicht mir selbst), kann Kraft geben und ist keine schlechte Position.“

Was kennzeichnet den Menschen Rodney Crowell? Man bekommt Mosaiksteinchen in Gesprächen mit ihm geliefert. Wenn er etwa sagt: „Ich liebe die Extreme. In Kalifornien waren viele Tage gleich. Wenn du 300 Tage im Jahr fast das gleiche Wetter hast, dann langweilt mich das. In Tennessee wachst du manchmal morgens auf und es ist knüppelhart gefroren, da gibt es im Sommer heftige Gewitterstürme und schwül-heiße Nachmittage. Ich kann mich vor die Haustür setzen und stundenlang die Gegend beobachten. In Tennessee triffst du viel mehr Leute, die auf irgendetwas richtigen Hass haben. In Kalifornien sind sie viel toleranter. Von Leuten, die richtige Vorurteile haben, von denen lerne ich manches. Das ist schwer zu erklären. In Tennessee mag dich vielleicht einer nicht, weil du einen Ring im Ohr hast. In Kalifornien kümmert das Niemanden. Damit beschäftige ich mich, das regt mich an, da finde ich manche Idee für einen Song.“ (Zitat aus 1988)

Eine wichtige Erkenntnis seines Lebens drückte er so aus: „Sorge dich nicht um Dinge, lass sie geschehen. Ich arbeitete nicht mit Glück oder Trauer im Sinn, ich akzeptiere sie einfach. Das bringt Erfahrung, man lernt daraus, sie reichern dein Leben an. Wir haben ein Bewusstsein und ein Unterbewusstsein. Letzteres habe ich lange Zeit zu aktivieren versuch. Bis mir Jemand sagte, bring das Bewusstsein einfach ins Unterbewusstsein. Das hat gewirkt. Je mehr ich lebe, je einfacher fällt mir das und je aufrichtiger werde ich selbst und damit auch meine Songs!“ Ebenso aufrichtig wie intelligent, dieser Rodney Crowell.

Ihm zuzuhören ist ein Erlebnis. Crowell ist es gelungen, eine kreative Tradition wieder zu beleben, indem er signifikante, persönliche Komponenten in seine Arbeit einbaut und sich in einem Rahmen bewegt, der die Wurzeln der Country Music einbezieht und gleichzeitig auchmoderne, aktuelle Einflüsse. Seine Musik ist nie ausrechenbar, mit Überraschungen muß man immer rechnen – auch heute noch.
Für einen Knaben aus Houston, der nach Nashville kam und erst einmal als Tellerwäscher bei T.G.I. Fridays arbeiten und im Auto pennen musste, hat es Rodney Crowell weit gebracht. Denn in Nashville und im Country Music Business generell ist er längst anerkannt, eine feste Größe und ein Star in verschiedensten Bereichen.

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