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Mach’s gut Lucius

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Die Country Music-Welt hat es bestürzt zur Kenntnis nehmen müssen. Lucius Reichling, Gründungsmitglied der Gruppe Truck Stop, ist am 14. August verstorben. Man hatte von einer Erkrankung der Lunge erfahren, doch dass es so schlimm um ihn stand, haben wohl die Wenigsten geahnt.

In nahezu allen Boulevard-Magazinen im deutschen Fernsehen wurde darüber berichtet. Das mag den Stellenwert unterstreichen, den Truck Stop sich im Laufe von fast 40 Jahren erarbeitet hat, Trost in dieser traurigen Situation kann das nicht sein. Wie viele Fans der Gruppe musste auch ich diese Hiobsbotschaft erst einmal verdauen. Ich brauchte einige Tage, ehe ich in der Lage war, diese Zeilen zu schreiben.

Lucius Reichling, gut ein Jahr jünger als ich, war aus meiner Sicht ein Fels in der Brandung, wenn es um die von ihm mitgegründete Gruppe ging. Unzählige Male haben sich unsere Wege bei verschiedensten Gelegenheiten gekreuzt. Jede Menge Gespräche hat es gegeben, durchaus auch konträre Diskussionen. Immer auf Augenhöhe, immer sachlich, oft humorvoll und witzig. Egal ob in Fort Worth (Texas), in Utrecht oder irgendwo in Deutschland. Im Laufe der vielen Jahre entstand eine besondere Beziehung zu Truck Stop und damit auch zu Lucius Reichling.

Einige Begebenheiten haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Immer wieder war Truck Stop fester Bestandteil der Award Galas in Meinerzhagen, Chemnitz, Dresden und Erfurt. Allein dabei ergaben sich reichlich Gelegenheiten, bei einem oder mehr Gläsern Bier so richtig zu fachsimpeln, in Erinnerungen zu schwelgen, Schabernack zu treiben. Ich denke an eine Veranstaltung in der Halle Münsterland Ende Februar 1976. Es war das Karnevals-Wochenende, das man in Münster u.a. mit Country Music feierte (mit im Programm auch die Rentnerband). Bis dahin war Truck Stop noch eine Band von vielen, im damals populären Trucker Milieu angesiedelt, man sang in Englisch, meist Cover-Versionen, der Erfolg, auf den die Jungs hofften und hinarbeiteten, er blieb aus. Darüber unterhielten wir uns intensiv, die Band dachte sogar daran, sich aufzulösen, verwarf den Gedanken aber rasch.

Lucius Reichling war es, der mir eröffnete, man wolle es mit Country Music in deutscher Sprache versuchen. In der Erkenntnis, dass man sich immer am amerikanischen Original messen lassen muss aber in der Unterhaltungsmusik nur ganz wenige deutsche Interpreten mit englischen Songs wirklich erfolgreich waren. Diesen Plänen stand ich äußerst skeptisch gegenüber, denn bis dahin hatte es keine wirklich erfolgreiche und stilechte Country Music in deutscher Sprache gegeben. Wenn Country-Songs eingedeutscht wurden, bekamen sie in der Regel textlich andere Inhalte als das Original und verkamen vom Sound her zu banalen Schlagern. Lucius Reichling war überzeugt davon, dass es auch anders gehen konnte. Seine damaligen Band-Kollegen stießen mehr oder weniger überzeugt ins gleiche Horn. Etwa ein Jahr später belehrte mich Truck Stop eines Besseren. Den Sinneswandel bei mir bewirkte „Die Frau mit dem Gurt“. Das war die sehr nah am Original gehaltene Übersetzung des Del Reeves-Hits „Girl On The Billboard“. Für mich der Prototyp des stilechten deutschen Country-Songs, denn es war weiß Gott nicht leicht aber Erich Doll und Holger Grabowski war es textlich gelungen, Truck Stop setzte es meisterhaft um. Noch heute sehe ich das verschmitzte Lachen von Lucius Reichling als wir uns dann wieder trafen und er schmunzelte: „Ich hab dir doch gesagt, es geht!“ Dem konnte ich nur zustimmen.

Lucius Reichling

Das Album „Zuhause“, vollgepackt mit deutschen Country Songs, enthielt auch den Klassiker „Ich möchte so gern Dave Dudley hör’n“. Ebenfalls ein Prototyp, denn damit zeigte Truck Stop, dass die Gruppe in der Lage war, selbst die entsprechenden Songs zu schreiben. Sicher eines ihrer Erfolgsrezepte, das bis heute beibehalten wurde. Bei meinem nächsten Trip nach Nashville hatte ich diese Single dabei und spielte sie in den Büros von Dave Dudley, Hank Snow und Charley Pride vor. Die erstaunten Gesichter werde ich nie vergessen. Man hatte den Text zwar nicht verstanden, wohl aber, dass es um Country Music und die namentlich genannten Sänger ging. Dave Dudley erkannte die Zeichen der Zeit. Man fragte sich hierzulande, wer denn dieser Dave Dudley sei, von dem Truck Stop so überzeugend schwärmte. Also kam Dave Dudley nach Germany und wurde einer der wenigen Stars der Country Music, die einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad erreichten.

Als das ZDF wenig später die erste große Country Music Show mit vorwiegend amerikanischen Stars und moderiert von Freddy Quinn produzierte, war klar, dass Truck Stop mit von der Partie sein würde. Mehr noch, die Show wurde sogar nach dem Hit der Gruppe benannt. Ein unvergessliches Erlebnis auch für Truck Stop, denn neben Dave Dudley gehörten auch u.a. die Drifting Cowboys (Original-Band von Hank Williams), Hank Thompson, John Conlee und Ken Curtis (Darsteller des legendären „Festus Haggen“ aus der TV-Serie „Rauchende Colts“ („Gunsmoke“) zur Besetzung. Dazu die erste Garde der Studiomusiker aus Nashville und alles live gesungen und gespielt.

Als man in den U.S.A. versuchte, ein Pendant zur Award Show der Country Music Association zu etablieren und im texanischen Fort Worth ein Riesen-Event für die beliebtesten Country Interpreten in anderen Ländern auf die Beine stellte, war Truck Stop natürlich für Deutschland dabei. An drei Tagen standen die Top Acts aus vielen Ländern wie Kanada, Australien, Neuseeland, England, Irland, Niederlande, Norwegen, Schweden auf der Bühne. Dazu eine Reihe von amerikanischen Künstlern sowie als Höhepunkt „The Tiger“ Tom Jones. Drei unvergessliche Tage in der „Cowtown“ Fort Worth, die auch ein heftiges Unwetter nicht trüben konnte. Leider fand diese Veranstaltung dann keine Fortsetzung.

Nachdem Truck Stop auf die deutsche Sprache setzte, war der Schlüssel zum Erfolg gefunden und der Weg frei für eine einzigartige Karriere, für die Lucius Reichling entscheidend mitverantwortlich war, deren Fortsetzung er nun leider nicht mehr miterleben kann. Eine besondere Stärke der Gruppe war es immer, die richtigen Songs für ein neues Album zu finden. Entweder arbeitete man mit den richtigen Autoren zusammen oder schrieb die Songs selbst. Auch der „Team-Arbeiter“ Lucius Reichling brachte sich dabei voll ein. Er war Co-Autor solcher Hits wie „Take It Easy“, „Angeln entspannt“, Easy Rider“ und „Louisiana Ladies“. Er konnte aber auch zum Schmunzeln anregen mit solch hintergründigen Liedern wie „Das Mädchen wird schöner mit jedem Glas Bier“, „Ich würd‘ so gern noch mal sündigen“, „Bin eifersüchtig“, „Kleine Cowboys werden groß“, „Spiegel lügen nicht“, „Lass mal gut sein“ oder „Darf mein Hund in den Himmel?“.

Ein weiterer Song des Co-Autoren Lucius Reichling heißt „Mitten aus dem Leben“ – aus diesem wurde er nun so unvorhersehbar und so endgültig gerissen. Welche Auswirkungen das für Truck Stop hat, wird man abwarten müssen. Wie man hört, will die Gruppe ganz in seinem Sinne weitermachen. Es kann für alle – für die vielen Fans aber vor allem auch für die Familienangehörigen und die Bandmitglieder die beste Lösung sein, Lucius Reichling in lebendiger Erinnerung zu halten.

Gemeinsam sind wir älter geworden, jetzt ist Lucius Reichling nicht mehr da. Gemeinsam sind wir ein Stück des Weges gegangen – er als Musiker, ich als Journalist. Nicht immer waren wir auf der gleichen Spur aber immer in der gleichen Richtung. Er wird mir fehlen – ganz bestimmt nicht nur mir.

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